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Büroklammern_KatharinaLuetscher
Bild: Katharina Luetscher
Büroklammern

Selbsterkentniss-Spielzeug für Erwachsene

Der Psychotherapeut Mario Gmür hat das erste Buch über das Verbiegen von Büroklammern geschrieben. Seine These: Wie wir eine Büroklammer verformen, sagt mehr über unsere Persönlichkeit aus als wir ahnen. Über das Verborgene im Verbogenen, eine Wahrheitssuche auf Biegen und Brechen und die Schmetterlinge des Büros.

Berliner Akzente: Herr Gmür, Sie sind Psychiater und Psychotherapeut. In Ihren Sitzungen haben Sie bemerkt, dass Ihre Patienten die Büroklammern, die auf Ihrem Schreibtisch in einer Schale liegen, gelegentlich herausnehmen und verbiegen. Wann kam Ihnen die Idee, daraus einen Persönlichkeitstest zu machen?
Mario Gmür : Die Patienten haben das ab und zu, mehr oder weniger beiläufig und unbewusst gemacht. Ähnlich wie wir auf einen Notizblock am Telefon kritzeln. Nach der Sitzung haben sie meistens die Klammern liegen gelassen. Ich hab dann irgendwann angefangen, sie aufzubewahren, weil ich das faszinierend fand.

Buch Gmuer Bueroklammer

Was ist das Faszinierende an Büroklammern?
Die verbogenen Klammern sind für mich ein Kunstgegenstand. Jedes Stück ist ein Unikat, denn jedes Mal entstand eine andere Figur. Ich habe sie auf den Fenstersims gestellt und mit der Zeit sind es 61 Kunstwerke geworden. Zunächst habe ich überhaupt nicht an einen Persönlichkeitstest gedacht, sondern wollte diese Klammern eigentlich fotografieren lassen und eine Ausstellung machen.

Und wie wurde dann hieraus der Persönlichkeitstest?
Die Idee entstand zusammen mit dem Verlag. Zuerst war ich dagegen, habe dann aber bemerkt, dass ich hieraus durchaus Persönlichkeitsmerkmale ableiten konnte. Allerdings funktioniert dies nicht nach dem Prinzip: ‘Verbiege eine Büroklammer, und ich sage dir, wer du bist’. Stattdessen habe ich 60 Bilder von Figuren genommen, aus diesen wählt man 15 aus, die einem am sympathischsten sind. Dann muss man davon drei Favoriten benennen. Dadurch wird der Test differenzierter. Jeder kann ihn nun mit sich selbst oder mit Kollegen machen.

Werden wir mal konkret: Der „Nesthocker“ verknotet zwei Büroklammern ineinander, der „Sexsüchtige“ legt eine Büroklammer-Schlinge in die andere – das liest sich sehr naheliegend und profan…
Natürlich ist meine Deutung subjektiv und sind meine Phantasie und Menschenkenntnis hier hineingeflossen. Aber ich habe mich vor allem an der Formensprache orientiert und bin wie bei der Analyse der Handschrift nach formdynamischen Gesichtspunkten vorgegangen. Zum Beispiel, ob die Figur sehr kontrolliert oder sehr kreativ ist, ob sie auf einer Ebene bleibt oder auch in die Höhe geht.

Wie viel Ernst und wie viel Humor stecken in Ihrer Büroklammer-Typisierung?
Es ist kein klinischer Test, den ich bei meinen Patienten anwende. Jeder Leser kann ihn vielmehr für sich allein machen. Der Test ist aber ernst gemeint, ich gehe hier nach einer projektiven Methode vor, ähnlich wie beim Rorschach-Test.

Sie meinen den Test, bei dem man Patienten Bilder mit Tintenklecksen zeigt und diese dann fragt: Was könnte das sein?
Genau. Ich habe die Persönlichkeitsmerkmale aber niemals kränkend formuliert. Niemand soll erschüttert werden und mit der Deutung allein überlassen sein. Es ist im Grunde ein ‚ernster Scherzartikel’, den man in den Buchhandlungen in der Geschenke-Abteilung findet. Ich will den Menschen mit dem Buch ermöglichen, mehr über sich und ihre Persönlichkeit zu erfahren.

Das Büroklammern-Verbiegen funktioniert ähnlich wie die Kritzelbilder auf dem Notizblock am Telefon – man macht es intuitiv, unbewusst. Sollten wir unserem Unterbewusstsein in unserem Alltag mehr Aufmerksamkeit schenken?
Wir kauen unbewusst an Fingernägeln, drehen Locken herum, kritzeln auf Papier oder verbiegen Büroklammern: Das leitet alles eine gewisse Nervosität ab, die sich mitunter auch in kreativen Formen umsetzt. Hier ist unser Unterbewusstsein am Werk. Es ist der Bereich der Symbolik, der Triebe, der Träume. Kunst schöpft sich oft aus dem Unbewussten, ob wir daraus resultierend mehr auf unser Unterbewusstsein oder „Bauchgefühl“ hören sollten, kann ich nicht allgemein beantworten. Das ist auch nicht die Absicht meine Buches. Es ist vielmehr als diagnostischer Test konzipiert. Wenn Sie so wollen, als Selbsterkenntnis-Spielzeug für Erwachsene.

Welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihr Buch?
Ich merke eine unglaubliche Faszination an diesem Thema. Das Buch wird jetzt sogar ins Englische für Großbritannien und die USA übersetzt. Offenbar kommt meine verwegene Idee gut an. Es ist ja das weltweit erste Buch über Büroklammern inklusive Persönlichkeitstest. Ich glaube, die Faszination kommt auch daher, dass es bei der Büroklammer Ähnlichkeiten zum Schmetterling gibt.

Wie bitte?
Der bunte Schmetterling entsteht aus einer grauen Raupe. Auch die Büroklammer ist ein meist grauer und primär nützlicher Alltagsartikel. Plötzlich wird hieraus ein vielfältiges Kunstwerk. Aus einem Artikel der Nützlichkeit wird ein Stück der Form, Kunst und Psychologie.

Wie viele Leute finden sich denn in den 60 Persönlichkeiten wirklich wieder?
Neun von zehn sagen mir: Ja, das stimmt! Das erstaunt mich aber auch nicht. Wenn es eine Psychologie gibt, dann stimmen ja auch unsere Deutungen. Wir beurteilen unsere Mitmenschen immer nach deren Mimik, Sprache und Gestik. Das Innere wird hierdurch nach außen getragen. Ich will aber an dieser Stelle nicht zu viel über die Persönlichkeiten auf den 60 Bildern sagen. Das könnte ja das Testverhalten beeinflussen.

Können Sie dennoch sagen, was die häufigsten Verformungen sind, die Menschen auswählen?
Es gibt solche, die eine Vorliebe für nur einfache Formen haben, und solche für komplexe Formen. Dann gibt es welche, die mit der verbogenen Klammer in die Höhe gehen und andere, die am Boden bleiben. Das zeigt zum Beispiel, wie man mit seinen eigenen Trieben umgeht. Ob man zum Beispiel offen oder verschlossen ist, lässt sich hieraus ebenfalls herauslesen. Oder, ob man ehrgeizig ist, nach Höherem strebt, feige oder mutig ist. Das kommt da alles hervor.

Immer mehr Menschen archivieren Dokumente auf dem Computer oder in der Cloud. Droht die Büroklammer schon bald auszusterben?
Das wäre natürlich schade. Einen Kugelschreiber, Papier und eine Büroklammer hat man immer. Aber wenn die Festplatte durchbrennt, hat man ein Problem. Dennoch bin ich mir sicher, dass die ganze Elektronik in unseren Büros die Büroklammer nicht zum Verschwinden bringen wird. Papier gibt es bereits seit Jahrhunderten und auch geschriebene Dokumente oder wichtige E-Mails drucken wir nach wie vor aus. Insofern mache ich mir keine Sorgen, dass die Büroklammer aus unseren Büros verschwinden wird. Ähnlich wie die Bücher und Kinos wird sie uns noch lange erhalten bleiben.

Was ist das Faszinierende an Büroklammern?
Die verbogenen Klammern sind für mich ein Kunstgegenstand. Jedes Stück ist ein Unikat, denn jedes Mal entstand eine andere Figur. Ich habe sie auf den Fenstersims gestellt und mit der Zeit sind es 61 Kunstwerke geworden. Zunächst habe ich überhaupt nicht an einen Persönlichkeitstest gedacht, sondern wollte diese Klammern eigentlich fotografieren lassen und eine Ausstellung machen.

Und wie wurde dann hieraus der Persönlichkeitstest?
Die Idee entstand zusammen mit dem Verlag. Zuerst war ich dagegen, habe dann aber bemerkt, dass ich hieraus durchaus Persönlichkeitsmerkmale ableiten konnte. Allerdings funktioniert dies nicht nach dem Prinzip: ‘Verbiege eine Büroklammer, und ich sage dir, wer du bist’. Stattdessen habe ich 60 Bilder von Figuren genommen, aus diesen wählt man 15 aus, die einem am sympathischsten sind. Dann muss man davon drei Favoriten benennen. Dadurch wird der Test differenzierter. Jeder kann ihn nun mit sich selbst oder mit Kollegen machen.

Werden wir mal konkret: Der „Nesthocker“ verknotet zwei Büroklammern ineinander, der „Sexsüchtige“ legt eine Büroklammer-Schlinge in die andere – das liest sich sehr naheliegend und profan…
Natürlich ist meine Deutung subjektiv und sind meine Phantasie und Menschenkenntnis hier hineingeflossen. Aber ich habe mich vor allem an der Formensprache orientiert und bin wie bei der Analyse der Handschrift nach formdynamischen Gesichtspunkten vorgegangen. Zum Beispiel, ob die Figur sehr kontrolliert oder sehr kreativ ist, ob sie auf einer Ebene bleibt oder auch in die Höhe geht.

Wie viel Ernst und wie viel Humor stecken in Ihrer Büroklammer-Typisierung?
Es ist kein klinischer Test, den ich bei meinen Patienten anwende. Jeder Leser kann ihn vielmehr für sich allein machen. Der Test ist aber ernst gemeint, ich gehe hier nach einer projektiven Methode vor, ähnlich wie beim Rorschach-Test.

Sie meinen den Test, bei dem man Patienten Bilder mit Tintenklecksen zeigt und diese dann fragt: Was könnte das sein?
Genau. Ich habe die Persönlichkeitsmerkmale aber niemals kränkend formuliert. Niemand soll erschüttert werden und mit der Deutung allein überlassen sein. Es ist im Grunde ein ‚ernster Scherzartikel’, den man in den Buchhandlungen in der Geschenke-Abteilung findet. Ich will den Menschen mit dem Buch ermöglichen, mehr über sich und ihre Persönlichkeit zu erfahren.

Das Büroklammern-Verbiegen funktioniert ähnlich wie die Kritzelbilder auf dem Notizblock am Telefon – man macht es intuitiv, unbewusst. Sollten wir unserem Unterbewusstsein in unserem Alltag mehr Aufmerksamkeit schenken?
Wir kauen unbewusst an Fingernägeln, drehen Locken herum, kritzeln auf Papier oder verbiegen Büroklammern: Das leitet alles eine gewisse Nervosität ab, die sich mitunter auch in kreativen Formen umsetzt. Hier ist unser Unterbewusstsein am Werk. Es ist der Bereich der Symbolik, der Triebe, der Träume. Kunst schöpft sich oft aus dem Unbewussten, ob wir daraus resultierend mehr auf unser Unterbewusstsein oder „Bauchgefühl“ hören sollten, kann ich nicht allgemein beantworten. Das ist auch nicht die Absicht meine Buches. Es ist vielmehr als diagnostischer Test konzipiert. Wenn Sie so wollen, als Selbsterkenntnis-Spielzeug für Erwachsene.

Welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihr Buch?
Ich merke eine unglaubliche Faszination an diesem Thema. Das Buch wird jetzt sogar ins Englische für Großbritannien und die USA übersetzt. Offenbar kommt meine verwegene Idee gut an. Es ist ja das weltweit erste Buch über Büroklammern inklusive Persönlichkeitstest. Ich glaube, die Faszination kommt auch daher, dass es bei der Büroklammer Ähnlichkeiten zum Schmetterling gibt.

Wie bitte?
Der bunte Schmetterling entsteht aus einer grauen Raupe. Auch die Büroklammer ist ein meist grauer und primär nützlicher Alltagsartikel. Plötzlich wird hieraus ein vielfältiges Kunstwerk. Aus einem Artikel der Nützlichkeit wird ein Stück der Form, Kunst und Psychologie.

Wie viele Leute finden sich denn in den 60 Persönlichkeiten wirklich wieder?
Neun von zehn sagen mir: Ja, das stimmt! Das erstaunt mich aber auch nicht. Wenn es eine Psychologie gibt, dann stimmen ja auch unsere Deutungen. Wir beurteilen unsere Mitmenschen immer nach deren Mimik, Sprache und Gestik. Das Innere wird hierdurch nach außen getragen. Ich will aber an dieser Stelle nicht zu viel über die Persönlichkeiten auf den 60 Bildern sagen. Das könnte ja das Testverhalten beeinflussen.

Können Sie dennoch sagen, was die häufigsten Verformungen sind, die Menschen auswählen?
Es gibt solche, die eine Vorliebe für nur einfache Formen haben, und solche für komplexe Formen. Dann gibt es welche, die mit der verbogenen Klammer in die Höhe gehen und andere, die am Boden bleiben. Das zeigt zum Beispiel, wie man mit seinen eigenen Trieben umgeht. Ob man zum Beispiel offen oder verschlossen ist, lässt sich hieraus ebenfalls herauslesen. Oder, ob man ehrgeizig ist, nach Höherem strebt, feige oder mutig ist. Das kommt da alles hervor.

Immer mehr Menschen archivieren Dokumente auf dem Computer oder in der Cloud. Droht die Büroklammer schon bald auszusterben?
Das wäre natürlich schade. Einen Kugelschreiber, Papier und eine Büroklammer hat man immer. Aber wenn die Festplatte durchbrennt, hat man ein Problem. Dennoch bin ich mir sicher, dass die ganze Elektronik in unseren Büros die Büroklammer nicht zum Verschwinden bringen wird. Papier gibt es bereits seit Jahrhunderten und auch geschriebene Dokumente oder wichtige E-Mails drucken wir nach wie vor aus. Insofern mache ich mir keine Sorgen, dass die Büroklammer aus unseren Büros verschwinden wird. Ähnlich wie die Bücher und Kinos wird sie uns noch lange erhalten bleiben.

Mario Gmür

Mario Gmür (Jahrgang 1945) ist Psychiater, Psychotherapeut und Psychoanalytiker . Der Schweizer hat zudem zahlreiche Sachbücher und Erzählbände geschrieben, darunter „ Die Unfähigkeit zu zweifeln – welche Überzeugungen wir haben“, „ Der öffentliche Mensch – Medienstars und Opfer“ sowie „Buchstäblich versaut – Philosophisch-vergammelte Schüttelreime“. Mario Gmür lebt und arbeitet in Zürich.

Übrigens : Auch der im Interview erwähnte Rorschach-Test (auch Tintenkleks-Test) wurde von einem Schweizer erfunden. Hermann Rorschach veröffentlichte ihn 1921. Die Deutung von Klecks-Faltbildern basiert auf der Arbeit von Sigmund Freud, der bekanntlich die Rolle des Unbewussten erforschte.

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Wussten Sie’s?

Fünf Fakten über die Büroklammer.

Wer sie erfunden hat, ist unklar. 1867 soll es ein erstes Patent in den USA gegeben haben, in Europa wurden 1890 die ersten Exemplare in England gefertigt. Die heutige Form mit dem spitzen Ende gibt es seit 1919 dank dem Österreicher Heinrich Sachs, der sie auch in Deutschland auf den Markt brachte.

Büroklammern haben mitunter ein Gedächtnis : Wenn man sie verformt und anschließend über eine Kerze hält, biegen sie sich in ihre ursprüngliche Form zurück . Eine spezielle Legierung (Memory-Metall) ist die Ursache. Doch nicht alle Büroklammern haben diese Legierung.

Die Büroklammer hat in den USA sogar einen eigenen Feiertag : Am 29. Mai heißt es jedes Jahr aufs Neue: „Happy Paperclip Day“.

In Norwegen war die Büroklammer sogar ein politisches Symbol . Während der Besetzung durch die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg diente sie als Zeichen des Widerstandes, das Kämpfer am Revers trugen. Sie sollte das Zusammenhalten der Norweger symbolisieren.

Gewöhnliche Büroklammern sind zwischen einem und drei Zentimeter lang. Die größte Büroklammer weist demgegenüber sieben Meter auf. Sie steht in der Nähe von Oslo in Norwegen – und ist ein Denkmal aufgrund ihrer besagten symbolischen Bedeutung in der NS-Zeit.

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