Titel Buerohund
Bild: Katrin Starke
Teambuilding

Kollege Hund

Die Zahl der Büros mit Hund wächst. Die Vierbeiner erweisen sich als wahre Stress-Senker. Sogar in Schulen und Altenheimen kommen sie zum Einsatz. Doch nicht jedem Kollegen und Kunden gefällt ein stark behaarter Mitarbeiter. Über Büros, die auf den Hund gekommen sind – und die Tücken des tierischen Einsatzes.

Mila liegt ausgestreckt auf dem Parkett, den Kopf zwischen den Vorderpfoten. Die braunen Augen wandern hin und her. Vom Herrchen zum Besucher. Als Oliver Kottwitz, Chef der Kommunikations-Agentur Zucker, dem Kunden die Hand reicht, pirscht sie sich heran. Mit der Schnauze stupst die Langhaar-Weimaraner-Hündin den Fremden an, schiebt ihren dicken Schädel zwischen dessen Beine. „Sorry, das ist ein Spleen von ihr“, entschuldigt sich der PR-Mann für seine Hündin. Der Gast schmunzelt.

Der Hund als Eisbrecher

„Oft wirkt Mila wie ein Eisbrecher“, erzählt Kottwitz, „gerade beim ersten Kontakt mit Kunden“. Auch sein 30-köpfiges Team habe die mittelbraune und elf Jahre alte Hündin ins Herz geschlossen. „Ich habe hier Leute, die morgens erst nach einem Fünf-Minuten-Streichelprogramm entspannt in den Tag starten“, berichtet der 47-Jährige. Dass Mila bei Beratungen gern einschläft und Mitarbeiter-Ideen mit leisem Schnarchen quittiert, nimmt ihr niemand krumm. Auch dass sie kurz bellt, wenn Fremde kommen. „Sie ist unsere lebendige Klingel“, sagt Kottwitz, der mit Hunden aufgewachsen ist. „Als Selbstständiger konnte ich mir den Traum vom eigenen Hund erfüllen.“

Oliver Kottwitz mit Mila
Oliver Kottwitz von der Kommunikations­agentur Zucker mit Mila. Bild: Katrin Starke

Die Agentur Zucker in Mitte gehört zur wachsenden Zahl der Firmen, die auf den Hund gekommen sind. Mittlerweile gibt es sogar den Bundesverband Bürohund. Dessen Vorsitzender Markus Beyer, sonst außerdem noch Hundetrainer, fährt mit dem Cursor über eine virtuelle Deutschlandkarte im Rechner: „Die blauen Kreise stehen für Unternehmen, die uns ihre Bürohunde gemeldet haben.“ Die Karte ist übersät mit Hunderten von Kreis-Symbolen. Eine Statistik gibt es nicht, aber für Beyer ist klar: Der Bürohund liegt im Trend. Am jährlichen Aktionstag „Kollege Hund“ (nächster Aktionstag: 29. Juni 2017) des Deutschen Tierschutzbundes beteiligen sich mittlerweile mehr als 1.000 Firmen. Hier können potenzielle vierbeinige „Mitarbeiter“ einen Arbeitstag lang Büroluft schnuppern. Beyer ist überzeugt: „Ein Hund im Büro kann Burnout verhindern, vielleicht sogar Schlaganfälle.“ Er verweist auf entsprechende Studien. „Die Tiere helfen, Stress abzubauen.“

Mila
Darf auch mal in Meetings schnarchen: Mila. Bild: Katrin Starke

Bei Stress schlage das menschliche Herz zu schnell, sei die Atmung zu flach. Das mache krank. Beim Streicheln von Hunden, ja schon durch bloßen Blickkontakt, werde das „Anti-Stress-Hormon“ Oxytocin ausgeschüttet. Das wirke angstlösend und beruhigend. „Auch mahnt uns das Tier, Pausen zu machen und uns zu bewegen.“ Der Hund sei eine „Erinnerungs-App mit Fell“. Beyers Ziel: „Dass Bürohunde als medizinisches Hilfsmittel anerkannt werden – wie Blindenhunde.“

Entspannung überträgt sich aufs ganze Team

„Ein entspannter Hund überträgt sich auf die ganze Stimmung im Team“, meint Rahel Heuser (32). „Hey Hauke, tanz mal Breakdance“, ruft die Übersetzerin und Fremdsprachensekretärin ihrem sechsjährigen Labrador-Border-Collie-Mix zu. Die Hündin wirft sich auf den Boden, dreht sich, rollt sich zur Seite. Eine Vorstellung, mit der Hauke die meisten Besucher der Agentur Zucker auf Anhieb für sich einnimmt.

Rahel Heuser mit Hauke
Erwarten Gäste vorne am Empfang: Rahel Heuser mit Hauke. Bild: Katrin Starke

„Kunden, die Angst vor ihr haben, sind die Ausnahme. Die hole ich am Eingang ab.“ Bei ihrer früheren Stelle in einer Kanzlei war der Hund hingegen tabu. Deswegen habe sie da nur Teilzeit gearbeitet. „Länger als vier Stunden lasse ich Hauke nie allein.“ Hat sie mal keine Zeit, sitten Freunde das gutmütige Tier, „ich bin gut vernetzt“. Aber es gibt auch Einschränkungen: „Auf Flugreisen muss ich verzichten.“

Ein Tiertrainer musste kommen

Virginia Illner (27) hat ihren dreieinhalbjährigen Boxer-Mischling Faraon rund um die Uhr bei sich. Das Büro der „Lieblingsdrucker“ in Prenzlauer Berg, wo Virginia seit zwei Jahren als Productionerin arbeitet, ist für Faraon ein zweites Wohnzimmer. „Aber das mussten wir uns erarbeiten.“ Denn anders als in ihrem früheren Job bei einem Verlag hat sie bei der Druck-Agentur ein offenes Büro und Laufkundschaft. „Deswegen habe ich eine Hundetrainerin kommen lassen.“ Anfangs begrüßte Faraon vor allem männliche Besucher kläffend, da diese ihn an harte Zeiten aus seiner Heimat Spanien erinnerten. Inzwischen ist nur noch ein kurzes „Wuff“ aus seiner Box zu vernehmen. „Das ist sein Revier, da ist er ungestört.“ Dazu haben auch die Kollegen beigetragen: „Als unser Büro umgestaltet wurde, haben alle gemeinsam eine ruhige Ecke für ihn ausgesucht.“ Gleich im Bewerbungsgespräch hatte Virginia offen angesprochen, dass sie ihren Hund mitbringen möchte. Faraon hatte daraufhin seinen eigenen Vorstellungstermin. Und wenn er den vermasselt hätte? Virginia zuckt die Schultern. „Es musste klappen, es hat geklappt.“

Virginia Illner mit Faraon
Virginia Illner mit Faraon. Der Hund hat einen extra Bereich. Bild: Katrin Starke

Einen Anspruch, seinen Hund mitbringen zu dürfen, hat ein Arbeitnehmer nicht. „Es geht nur, wenn Arbeitgeber und direkte Kollegen zustimmen“, sagt Markus Beyer. Das scheine besonders häufig in Kreativbranchen der Fall zu sein, wo flexible Arbeitszeitmodelle den „Nine-to-five“-Job abgelöst haben. Beyer empfiehlt eine „Dog Policy“. Darin sollte geregelt sein, dass der Hund geimpft ist, der Halter eine Hundehaftpflichtversicherung hat. Dass Allergiker geschützt werden und der Hund in bestimmten Bereichen angeleint ist, „damit Menschen, die Angst haben, entscheiden können, ob sich der Hund ihnen nähern darf.“

Sogar in Altenheimen und Schulen sind Hunde gern eingesetzte Mitarbeiter. So zum Beispiel die Berner-Sennen-Hündin Elli in der Rosa-Parks-Grundschule in Kreuzberg. Von der Schulleitung und vom Hausmeister hatte sich Lisa Kattelans das Okay geholt, bevor die 50 Kilo schwere Hündin das erste Mal in die Räume trottete. Das ist acht Jahre her, die 16-monatige Probezeit bestand Elli mit Bravour. „Wir setzen sie nicht therapeutisch ein“, erklärt die 56-jährige Kattelans, die den Freizeitbereich der Ganztagsschule leitet. „Aber ein Tier hat Möglichkeiten, die der Mensch nicht hat.“

Der Hund als Konfliktlöser in der Schule

Lisa Kattelans Und Der Siebenjaehrige Fritz Mit Elli
Lisa Kattelans und der siebenjährige Fritz mit Schulhund Elli. Bild: Katrin Starke

Bei Konfliktgesprächen trägt das schwarz-weiße Fellbündel dazu bei, dass der Streit nicht laut ausgetragen wird. „Sonst will sie einfach gehen.“ Ist ein Kind mal allzu wild, holt Lisa Kattelans den Störenfried aus der Klasse ab, schickt ihn zum Ballspielen mit Elli auf den Hof. „Dann kommen die Kinder ganz schnell wieder runter.“ Deswegen sei nur ein Hütehund in Frage gekommen. „Vom Charakter her ruhig, einfach zu trainieren.“

Fritz hat schon viel von Elli gelernt - er weiß dass sie gern Schokolade essen würde dass sie das aber nicht darf.
Fritz hat schon viel von Elli gelernt – er weiß dass sie gern Schokolade essen würde, dass sie das aber nicht darf. Bild: Katrin Starke

Regelmäßig geht Lisa Kattelans mit Elli in den Unterricht, damit die Kinder den Umgang mit Tieren üben. Nicht wenige Stadtkinder leben ohne Bezug zu Tieren. „Aber niemand muss mit Elli in Berührung kommen“, sagt die 56-Jährige. Dass die meisten Kinder Elli über alles lieben, zeigt der rege Zulauf der „Elli-AG“, in der beispielsweise „Elli-Fernsehen“ auf dem Programm steht. Da gucken die Kinder einfach zu, wie Elli herumliegt. So aufregend kann ein Hauptstadt-Hund sein.

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