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Titel Ausgestorbene Berufe
Ein Laternen-Anzünder auf der Karlsbrücke in Prag. Bild: iStock
Ausgestorbene Berufe

Die Top-Ten der verschwundenen Berufe

Von Drahtziehern, Planetenverkäufern und Rohrpostboten: Diese Berufe haben unsere Großeltern noch ausgeübt – heute sind sie verschwunden. Unsere Autorin Svenja Göbel stellt die zehn verrücktesten ausgestorbenen Berufe vor.

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ie Industrialisierung und der technische Fortschritt haben die Arbeitswelt verändert. Die Digitalisierung beschleunigt diesen Wandel zusätzlich. Traurig, aber wahr: Die Vielfalt unserer Ausbildungsberufe geht zurück. Gab es 1971 noch 606 anerkannte Berufe – sind es 2019 nur noch 326, zeigt eine Grafik von Statista. Der Arbeitsmarkt-Experte Professor Holger Bonin vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung kann dennoch beruhigen:

„Zwar wird die vierte industrielle Revolution die Arbeitswelt tatsächlich erheblich verändern. Doch die menschliche Arbeitskraft wird dabei nicht überflüssig.“ Professor Holger Bonin, Arbeitsmarkt-Experte

Das trifft indes nicht auf diese Top-Ten unserer aussterbenden Berufe vor, die wir mit Unterstützung der Buch-Autoren Rudi Palla und Michaela Vieser hier vorstellen:

Buecher Verschwundene Berufe

Platz 10: Der Drahtzieher

Heute eher abwertend benutzt für jemanden, der seine oftmals kriminelle Agenda im Hintergrund durchsetzt, ist der Beruf des Drahtziehers tatsächlich einmal ehrbar gewesen. Seine Aufgabe bestand darin, aus Metallen wie Kupfer, Stahl, Messing oder Eisen Drähte und Kabel durch Ziehen herzustellen.

Platz 9: Der Fischbeinreißer

Bei Fischbeinreißer denkt man eher an das Entgräten eines Fisches, doch diese Männer verarbeiteten knapp zwei Meter hohe Hornplatten von Bartenwalen. Der Beruf war vom 15. bis frühen 20. Jahrhundert weit verbreitet. Die Barten wurden vor allem zur Herstellung von Reifröcken, Schirmen, Angeln und Hüten eingesetzt.

Platz 8: Die Flößer

Floss
Früher Baumstämme heute Butterfahrten: der Flößer bei der Arbeit. Bild: gemeinfrei

Flöße kennen wir heute vor allem von feucht-fröhlichen Unterhaltungsfahrten auf der Spree, wo sich schunkelnde Menschen in den Arm liegen. Ursprünglich entstanden Flöße aber aus dem Grund, Holzstämme über Flüsse und Bäche an ihren Bestimmungsort zu transportieren. Das eigentliche Handwerk des Flößers bestand jedoch nicht nur im Lenken des Floßes, sondern auch im Verknüpfen der Stämme mithilfe von Weidenruten. Ein Floß konnte mitunter aus 600 Stämmen auf einer Länge von 32 Bäumen bestehen, das bis zu elf Flößer steuerten.

Platz 7: Der Laternenanzünder

Nach Einbruch der Dunkelheit sorgte der Laternenanzünder für Straßenbeleuchtung. Sein wichtigstes Arbeitswerkzeug: die Hakenstange. So regelte er ganz ohne Leiter die Gaszufuhr der Laterne. Durch die Einführung von Zeitautomaten 1912 entfiel das tägliche Anzünden und Löschen der Glühstrümpfe. Mitte der 1920er Jahre begann der Vormarsch der elektrischen Straßenbeleuchtung, sodass in den 1960er Jahren schließlich sämtliche Straßenlaternen elektrisch betrieben wurden. In Berlin gibt es noch Gaslaternen, die allerdings nun bald verschwinden sollen.

Platz 6: Lumpensammler

Die Lumpensammler sind gewissermaßen die Vorläufer unseres Recyclings: Sie sammelten Stoffreste, alte Kleidung, Putzlappen, Tücher aus der Krankenpflege zur Herstellung von Papier. Oft gingen Alte oder Gebrechliche dieser unehrenhaften Arbeit nach. Wer sich als Lumpensammler verdingte, wurde meist nicht alt, da über die verunreinigten Lumpen unzählige Infektionskrankheiten übertragen wurden wie Milzbrand, Krätze, Typhus und Cholera.

Platz 5: Posamentierer

Unter Posamentierern versteht man Borten-Macher, die Troddeln, Borten, Quasten und Schnüre aus Seide, Wolle, Baumwolle, Leinengarn und Zwirn in Handarbeit fertigten. Das Zentrum der Posamentenherstellung in Europa des 19. und 20. Jahrhunderts lag im Erzgebirge. Obwohl es sich um ein Handwerk handelte, kamen zur Blütezeit im 19. Jahrhundert auch Maschinen zum Einsatz.

Platz 4: Planetenverkäufer

Ein Beruf, der zum Beispiel in Wien fest zum Stadtbild gehörte: Sie verkauften kleine Glücksbriefchen, so genannte Planeten. Diese enthielten mehrere Lotterie-Nummern, die der Käufer im Lotto setzen konnte. Die Umschläge befanden sich in seinem Bauchladen. Wollte jemand einen Planeten kaufen, zog eine weiße Maus oder ein Papagei den Planeten für den Käufer. Bis in die 1970er Jahre gab es den Beruf noch.

Seile
Bild: iStock

Platz 3: Reepschläger

Einst war der Seiler fester Bestandteil jedes Hafens. In Hamburg nannte man Reepschläger den „zweitältesten Beruf der Welt“. Hier geht die Reeperbahn als Straßenname auf diesen Beruf zurück, wo heute der tatsächlich „älteste Beruf“ in den Seitenstraßen ausgeübt wird. Reepschläger stellten aus Hanf oder Flachs Ankertaue, Verholtrossen, Logg- und Lotleinen, Seile und Taue her.

Platz 2: Rohrpostbeamtin

Rohrpost Berlin
Wally Grunow von der Rohrpoststelle in der Französischen Straße am 13. März 1952. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-13910-0007 / Junge, Peter Heinz / CC-BY-SA 3.0

Unter den Straßen Berlins befindet sich ein umfangreiches Rohrpostsystem, das überwiegend Ende des 19. Jahrhunderts entstand. Bis ins 20. Jahrhundert wurde der Rohrpostverkehr überwiegend von Frauen überwacht, den Rohrpostbeamtinnen. Auch wenn die Rohrpost in den 1920ern allmählich an Relevanz verlor, wird sie zum Beispiel in der Berliner Charité bis heute für den Versand von Rezepten und Medikamenten benutzt.

Platz 1: Spielzeugmacher

Es waren meistens Handwerker aus verschiedenen Berufsfeldern wie Drechsler, Goldschmied oder Tischler, die hauptberuflich oder nebenbei Gegenstände zur Unterhaltung von Kindern herstellten. Am weitesten verbreitet war Holzspielzeug, allen voran das Steckenpferd, zum Teil sogar mit Echthaarmähne. Die erste Konkurrenz für Holzspielzeug waren Zinnfiguren und Blechspielzeug, wie Trommeln, Kreisel und Eisenbahnen. Im 19. Jahrhundert wurde optisches Spielzeug populär.

Autorin: Svenja Goebel

Infos zu den Büchern:

Rudi Palla
Die Welt der verschwundenen Berufe – Von Briefmalern, Planetenverkäufern und Lichtputzern (284 Seiten)
Insel Verlag (2019)
16 Euro

Michaela Vieser
Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern: Berufe aus vergangenen Zeiten (216 Seiten)
Random House (2010)
14,99 Euro

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