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Besser arbeiten

Die Wertschätzungs-Wüste

Mehr als jeder Zweite klagt über zu wenig Anerkennung im Job. Das trübt nicht nur das Büroklima, sondern kostet Unternehmen bares Geld. Fünf Tipps, wie Sie mehr Wertschätzung ins Büro bringen – und davon am Ende alle profitieren.

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er Mensch lebt nicht von Brot allein – er braucht auch Anerkennung und Wertschätzung als „Futter für die Seele“. Das schreiben Hannelore und Markus Weidner in ihrem Buch „Anerkennung und Wertschätzung“. Vor allem im Beruf wünschen sich viele Menschen mehr positive Rückmeldungen vom Chef und von den Kollegen.

Nicht geschimpft ist genug gelobt

Allerdings ist das Motto „Nicht geschimpft ist genug gelobt“ scheinbar in Büro-Etagen der ganzen Republik verbreitet. Eine Umfrage des Jobportals Stepstone kam zu dem Ergebnis, dass in Deutschland besonders mit Anerkennung gegeizt wird. Hierzulande klagen 56 Prozent der Arbeitnehmer: „Ich denke nicht, dass meine Arbeit geschätzt wird.“

Chef Tadelt Mitarbeiter
Vor allem Chefs sollten mehr loben, um ihre Mitarbeiter zu (be-)halten. Bild: Shutterstock

Bei unseren niederländischen Nachbarn beispielsweise sind nur elf Prozent dieser Auffassung. Das Autoren-Ehepaar Weidner sieht als Erklärung den falschen Gedankengang vieler Chefs: „Möglicherweise werden meine Mitarbeiter übermütig, wenn ich zu sehr lobe? Und überhaupt: Mich lobt ja auch keiner.“

Mit barschen Ansagen mag eine Führungskraft eine Zeit lang die gewünschten Ergebnisse erzielen. Mittelfristig wird der Chef jedoch Mitarbeiter verlieren. Hannelore und Markus Weidner

Dabei trüben Defizite im zwischenmenschlichen Umgang nicht nur die Lebensfreude – sie kosten Unternehmen auch bares Geld. „Mit barschen Ansagen mag eine Führungskraft eine Zeit lang die gewünschten Ergebnisse erzielen“, schreiben die Weidners. Mittelfristig würde der Chef jedoch Mitarbeiter verlieren, die auch anderswo Chancen haben, und mit der Demotivation der Verbliebenen rechnen müssen.

Chef Lobt Mitarbeiter
Am Ende ist es für Chefs auch preiswerter zu loben als neues Personal zu suchen. Bild: Shutterstock

Wertschätzende Führung sollte bei den Führungskräften beginnen, bestätigt auch Iris Pettker. Sie arbeitet als Verhaltenstrainerin an der Deutschen Akademie für Management und hat langjährige Erfahrung im Bereich Personalentwicklung. „Ich bin der festen Überzeugung, dass wertschätzende Führung ein Erfolgsfaktor ist, der sich auszahlt – und auf jeden Fall ist er preiswerter als die Suche nach neuem Personal.“ Wichtig sei, dass der Chef die Potentiale des einzelnen Mitarbeiters kennt und diese auch nutzt. Mitarbeiter könne man zum Beispiel durch Mitarbeiterbefragungen mit ins Boot holen. Auch das Angebot von Weiterbildungen gebe den Teammitgliedern das Signal, gewertschätzt zu werden.

Besonders die weichen Faktoren binden Mitarbeiter

Untersuchungen belegen Pettkers These, dass es insbesondere die weichen Faktoren sind, die Mitarbeiter an ein Unternehmen binden. Die Psychologen Daniela Lohaus und Christian Haase haben Studien mit insgesamt 64.000 Befragten zu der Frage ausgewertet, was einen Arbeitgeber attraktiv macht. Der Topfaktor war „Arbeitsatmosphäre“. Das Gehalt hingegen rangiert erst auf Platz sieben.

Wir verbringen sehr viel Zeit im Job und definieren uns häufig stark über unsere Arbeit. Ziel eines jeden Unternehmens sollte es daher sein, dass seine Mitarbeiter sich dem Unternehmen verbunden fühlen. Trainerin Iris Pettker

Bei der Wertschätzung täten sich deutsche Firmen leider immer noch schwer, bedauert Pettker. „Das erfahre ich täglich in der Praxis von meinen Coaches, die ihre Stelle gekündigt haben oder auf der Suche nach einem neuen Job sind, also quasi innerlich gekündigt haben.“ Hauptgrund für die Unzufriedenheit im alten Job sei häufig die fehlende Anerkennung durch den Vorgesetzten, aber auch durch die Kollegen.

„Wir verbringen sehr viel Zeit im Job und definieren uns häufig stark über unsere Arbeit. Ziel eines jeden Unternehmens sollte es daher sein, dass seine Mitarbeiter sich dem Unternehmen verbunden fühlen“, betont Pettker. Nichts aktiviere das Motivationssystem so sehr, wie von anderen anerkannt zu werden.

„Für den Menschen als Herdentier ist das eine enorm wichtige Erfahrung“, schreiben auch die Autoren Hannelore und Markus Weidner. Deshalb hat Berliner Akzente Tipps gesammelt, wie mehr Wertschätzung das Büroklima spürbar verbessert.

1. Nicht nur Außergewöhnliches anerkennen

Wenn in einem Unternehmen ein Mitarbeiter reibungslos funktioniert, bekommt dieser vom Chef oft wenig Aufmerksamkeit. Konzentriert sich der Chef eher auf Krisen, kann das dazu führen, dass verlässliche Mitarbeiter frustriert das Unternehmen verlassen. Verbreitet ist auch die Annahme, nur Spitzenleistungen verdienten Anerkennung. „Es ist ein Fehler, wenn die normale zuverlässige Ausführung von Arbeit nicht gewürdigt wird“, schreiben die Weidners. „Dasselbe gilt für Anstrengungen, die aufgrund äußerer Umstände nicht zum gewünschten Ergebnis geführt haben.“

Frau Handzeichen Gut Gemacht
Auch Kollegen können wertschätzender miteinander kommunizieren. Bild: Shutterstock

2. Wertschätzend Kommunizieren

Wie oft ist Kommunikation ein echter Austausch, in dem auch verarbeitet wird, was das Gegenüber einbringt? Wie oft hören wir nur mit halbem Ohr hin und warten darauf, endlich mit unserem Anliegen zu Wort zu kommen? Wertschätzende Kommunikation bedeutet, vom Senden von Infos auf echten Austausch umzuschalten. Schenken Sie dem anderen Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, wenn Sie im Gespräch sind. Blättern Sie nicht in Unterlagen, schielen Sie nicht auf das Smartphone. Alles andere signalisiert nur: „Du bist mir nicht wichtig genug, um mich dir voll zuzuwenden.“

3. Anerkennung im Dreischritt

Das Ehepaar Weidner empfiehlt folgenden Dreischritt, um gekonnt Anerkennung auszusprechen:
1) Stärke benennen: „Was ich an Ihnen schätze, Sie sind sehr …“
2) Beweis: „Das sage ich Ihnen, weil es mir bei folgender Gelegenheit aufgefallen ist …“
3) Frage: „Wie machen Sie das eigentlich?“
Anders als ein pauschales Lob („Super gemacht!“), ist Anerkennung, die auf diese Weise geäußert wird, persönlich. Außerdem bietet diese Art der Rückmeldung eine ideale Eröffnung für Gespräche und neue Erkenntnisse, wie zum Beispiel Prozesse im Unternehmen optimiert werden können.

4. Ehrlich sein

Wertschätzung muss von Herzen kommen. Aber oft läuft es wie folgt ab, legen die Weidners in einem Negativbeispiel dar: Am Geburtstag des neuen Mitarbeiters erscheint die Vorgesetzte mit Blumenstrauß. Die Mitarbeiterin ist erfreut: „Oh, vielen Dank!“ Darauf die Chefin in gleichgültigem Ton: „Keine Ursache. Das kriegt hier jeder!“ Wenn das wertschätzende Verhalten für die Vorgesetzte so offensichtlich eine Pflichtübung ist, wird die freundliche Geste ausgehebelt.

5. Komplimente annehmen

Wer durch die USA gereist ist, weiß, dass Amerikaner mit Komplimenten freigiebiger umgehen als wir Deutschen. Sie haben kein Problem dabei, einen Dienstleister nicht nur zu bezahlen, sondern auch zu loben: „Great job!“ Das wird fast sicher mit einem Lächeln erwidert. In Deutschland tun wir uns nicht nur schwer damit, Komplimente zu machen. Ebenso schwer fällt es uns, sie freudig anzunehmen. Ein schönes Kleid? „Das ist doch uralt“, lautet die typisch deutsche Reaktion. Ganz wichtig: Wenn Ihnen jemand etwas Anerkennendes sagt, freuen Sie sich und sagen dies auch. Vermeiden Sie reflexhafte Abwehr („Ach, nicht der Rede wert.“) Wenn Sie notorisch tiefstapeln, dürften Sie sich nicht wundern, wenn die Anerkennung irgendwann ausbleibt.

Lektüre-Tipp:

Hannelore und Markus F. Weidner
Anerkennung und Wertschätzung: Futter für die Seele und Treibstoff für Erfolg
(180 Seiten)
Gabal (2016)
19,99 Euro

Mehr Informationen über Iris Pettker:
https://www.akademie-management.de/ueber-die-akademie/personen/iris-pettker

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