Newsletter abonnieren
Titel 80 Prozent 692
Bild: shutterstock
Work-Life-Balance

Die 80-Prozente-Stelle

Was ist mehr wert – Lebenszeit oder Geld? Diese Frage stellen sich immer mehr Arbeitnehmer und tauschen Karriere, Überstunden und Präsenzpflicht gegen die „vollzeitähnliche Teilzeit“, kurz: die 80-Prozent-Stelle. Der Gewinn ist mehr Zeit für Sport, Freunde und Familie.

D

as Paradoxon des Arbeitslebens brachte der französische Philosoph Voltaire bereits im 18. Jahrhundert auf den Punkt: „In der ersten Hälfte unseres Lebens opfern wir unsere Gesundheit, um Geld zu erwerben – in der zweiten Hälfte opfern wir unser Geld, um die Gesundheit wieder zu erlangen.“

Nein zu Karriere-Körperschäden, Ja zu mehr Freizeit

Mehr als 200 Jahre später sagen nun immer mehr Menschen Nein zur bedingungslosen Karriere. Der eine sieht seine Eltern als Negativbeispiel vor sich, die sich ein Leben lang für die Rente abgerackert haben und nun mit künstlicher Hüfte, Hörschäden oder Bandscheibenvorfall auf dem Sofa sitzen. Die andere erlebt im Freundeskreis die Zunahme von Burn-out-Fällen. Da stellt sich die Frage: Kann Arbeit alles sein? Und welche Alternativen gibt es?

Die Alternative Teilzeit wählen nach wie vor fast ausschließlich Frauen. 2010 waren rund 85 Prozent aller Teilzeitkräfte weiblich. Doch mittlerweile reduzieren immer mehr junge Väter ihre Arbeitszeit. Auch Männer ohne Kind! Einer von ihnen: Michael Bohn.

Mehr Zeit für Sport und Freunde statt endlose Arbeitswochen

Michael Bohn
Michael Bohn Bild: Franziska Weigelt

Seit einem halben Jahr verbringt der Wahl-Berliner nur noch 30 statt über 40 Stunden am Arbeitsplatz. Nach reiflicher Überlegung habe er sich entschieden, seine Arbeitszeit bei der Techniker Krankenkasse individuell zu gestalten, erzählt der 42-Jährige. Ein groß gewachsener Mann mit 1,90 Meter, Brille und sportlichem Aussehen.

Sechs Jahre hat er als Referent im Vertragswesen gearbeitet. Zu seinem Beruf gehören Vertragsverhandlungen, die manchmal bis zu zehn Stunden dauern. „Manchmal erschienen die Wochen ohne Urlaub endlos lang und ich konnte nicht mehr abschalten.“ Daher habe er die für ihn einzig richtige Entscheidung getroffen: weniger Gehalt – und mehr Zeit für Freizeit, Freunde und Sport.

Freizeit hat hohen Wert

„Mir ist mehr Freizeit mehr wert als ein sechsstelliges Jahresgehalt“, sagt Bohn. Jeden Mittwoch bleibt er nun zu Hause. Die gewonnene Freizeit nutzt er keineswegs zum Faulenzen. Ganz im Gegenteil: „Zwei bis drei Stunden Laufen gehen – das mache ich an meinem freien Tag.“ Sein Ziel ist es, den Berlin-Marathon in weniger als vier Stunden zu laufen. Ist das geschafft, will er sich ehrenamtlich engagieren.

Mir ist mehr Freizeit mehr wert als ein sechsstelliges Jahresgehalt. MIchael Bohn

Trotz reduzierter Arbeitszeit haben wichtige Vertragsverhandlungen nach wie vor Priorität. Flexibilität und gutes Zeitmanagement seien hierfür notwendig, um am Ende der Woche auf 30 Stunden zu kommen

Vollzeitähnliche Teilzeit als Modell der Zukunft

Individuelle Arbeitszeitmodelle, wie die von Michael Bohn, nehmen zu. Das beobachtet Jutta Rump, Leiterin des Forschungsinstituts für Beschäftigung und Employability (IBE). Ein Grund sei die Erhöhung des Rentenalters und somit die Verlängerung der Lebensarbeitszeit: „Letztendlich agiert ein Arbeitnehmer sehr rational, wenn er sagt: ‚Ich will Balance halten’“, sagt die Forscherin.

Aber was haben Arbeitgeber von diesen Modellen? Warum unterstützt die Techniker Krankenkasse Arbeitszeitverkürzungen, wo doch die Zahl der Arbeitskräfte im Land schrumpft? „Das ist nicht ein Antrieb aus innerer Überzeugung“, erklärt Rump. Vielmehr sei es der Konkurrenzdruck: Arbeitgeber müssten sich attraktiv präsentieren, „um ihre Leute an Bord zu halten“. Die Flexibilisierung von Zeit, Ort und vollzeitähnliche Teilzeit seien die Zukunft. Das neue Arbeitszeitmodell, das eine wöchentliche Arbeitszeit ab 30 Stunden aufwärts bezeichnet, sei ein guter Kompromiss – für Arbeitgeber und -nehmer.

Der Arbeitgeber profitiert von motivierteren Mitarbeitern

Von diesem Kompromiss profitiert auch Stephanie Puls, Moderatorin beim Nachrichtensender N24 und ehemalige Moderatorin des V-Blogs von Berliner Akzente. Als sie nach zwei Jahren Vorgesetzte und Kollegen informierte, ihre Arbeitszeit auf 80 Prozent reduzieren zu wollen, hätten diese das gut aufgenommen. „Mittlerweile ist das sogar vom Sender gewünscht, weil diejenigen, die reduziert arbeiten, viel motivierter sind, weniger krank sind und mehr Einsatz bringen in der Zeit, wo sie da sind.“

Stephanie Puls
Stephanie Puls Bild: Franziska Weigelt

Mit 34 Jahren steht die Frau, die auch bei Regen nicht scheut, aufs Fahrrad zu steigen, in der Blütezeit ihrer Karriere. Aber anstatt auf der Karriere-Leiter durchzustarten, macht sie eine Yogalehrer-Ausbildung, nimmt sich Zeit für sich. „Vielleicht weil man bei den Eltern gesehen hat, dass es nicht das einzige Glück sein kann, möglichst viel Geld anzuhäufen und möglichst viel zu arbeiten“, erläutert die Wahl-Berlinerin den Grund für den Wertewandel ihrer Generation. Statt die Nächte am Schreibtisch zu verbringen, geht es ihr darum, ausgeglichen zu sein.

Luxus oder für jeden realisierbar?

Doch die 80-Prozent-Stelle birgt auch ihre Nachteile: Den Preis, den Stephanie Puls und Michael Bohn zahlen, ist 20 Prozent weniger Lohn und eine niedrigere Rente. Sie hätten aber nicht das Gefühl, dass ihnen deswegen etwas fehlt, sagen beide. Es besteht kein Zweifel, dass sie für ihren Job brennen. Ihre Entscheidung haben sie für ihre aktuelle Gesundheit und ihr jetziges Wohlbefinden getroffen.

Auch wenn ihr Kürzertreten nicht einen weiteren Job geschaffen hat, bringt es ihr Umfeld in Bewegung. Während bei Stephanie Puls immer mehr Kollegen ihrem Beispiel folgen, hat Michael Bohns Abteilung begonnen, Arbeitsprozesse schlanker zu gestalte

Es ist nicht das einzige Glück viel zu arbeiten. Stephanie Puls

Ob das Modell vollzeitähnliche Teilzeit gelingt, hängt letztlich auch von der Unternehmensphilosophie ab. „Wenn Sie eine Präsenzkultur im Unternehmen haben – das heißt, nur der scheint gut zu sein, der von früh bis spätabends da ist – beißt sich das“, sagt Wissenschaftlerin Rump. Zudem sollten sich Arbeitnehmer vorab kritisch die Frage stellen: Kann ich mir das leisten? „Wenn Sie zum Beispiel zwei Einkommen in einer Familie haben, kann das für jeden gelten.“

Frauen an die Macht

Manuel Dillinger
Manuel Dillinger Bild: Franziska Weigelt

Für jeden – also auch für Familienväter wie Manuel von Dillinger. Seine 35-Stunden-Woche ist möglich, weil seine Frau „Hauptbrotverdienerin“ ist. „Ich habe mich nie als neuen Männertyp gesehen, aber meine Freunde und meine Brüder haben mir alle einen Vogel gezeigt“, erzählt der 38-Jährige. Dem NABU-Mitarbeiter sind solche Reaktionen egal. Seit vier Jahren kümmert er sich am Vormittag um Unternehmenskooperationen – am Nachmittag ist er „Chief Fun Officer“ für seine beiden Söhne.

Zusätzlich füllt er mit 15 bis 25 Stunden Triathlon-Training seine Woche. Perfekt für einen, der gerne an Grenzen geht: „Frauen sollen die Welt verändern. Indem ich meiner Frau den Rücken stärke, kann ich ein Stück weit dazu beitragen. Das fühlt sich gut an und ist auch gut für die Gesellschaft.“

Diese Themen könnten Sie auch interessieren