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Andrang an der Sparkassenfiliale am Alexanderplatz 1. Juli 1990
Andrang an der Sparkassenfiliale am Alexanderplatz: Ab 1. Juli 1990 gab es auch auf DDR-Konten die D-Mark. Bild: Meyborg / laif
Wiedervereinigung

Nachtschichten voller Euphorie

Aus zwei mach eins: Im Herbst 1989 fanden sich die Mitarbeiter der Sparkassen in Ost- und West-Berlin mitten in der Weltgeschichte wieder – und bereiteten dann im Expresstempo die Währungsunion vor.

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ie friedlichen Proteste der DDR-Bevölkerung nach Freiheit und Demokratie drängen den Staatsrat im Herbst 1989 zur Maueröffnung. Auch die Sparkassen in beiden Teilen Berlins werden so unvermittelt zu wichtigen Akteuren der neuen Zeiten.

Herbst 1989: Auch im Ostteil bilden sich lange Schlangen vor den Sparkassen; zunächst, um die ersten 15 DM für 15 Ostmark zu erhalten. Obwohl oft mehr als zehn Stunden täglich und auch an den Wochenenden ausgezahlt wird, kommt es zu langen Wartezeiten.

9. November 1989: Noch in der Nacht, während Hunderttausende Ostberliner erstmals Richtung Ku´damm strömen, sucht der Westberliner Senat zusammen mit den Vorständen der Banken nach ganz praktischen Lösungen für den historischen Ausnahmezustand. Kurz vor Mitternacht wird beschlossen, dass DDR-Bürger schon ab dem nächsten morgen 100 DM Begrüßungsgeld erhalten. Einlösbar in allen Sparkassen und Banken in West-Berlin.

10. November 1989: Per Telefonrundruf gehen die Auszahlungsbedingungen an die 90 Zweigstellen der Westberliner Sparkasse raus, die etwa 80 Prozent aller Anträge in Berlin bearbeiten: Auszahlung gegen Quittung an alle DDR-Bürger mit Personalausweis. Um Mehrfachauszahlungen zu verhindern, kommt ein Sparkassen-Stempel in den Ausweis. Bis zum Jahreswechsel werden 120 Millionen DM ausgezahlt.

Ab Januar 1990: Vorbereitung der Währungsunion in gemeinsamen Arbeitsgruppen. So wachsen die beiden seit 1948 getrennten Geldhäuser wieder zusammen.

1. Juli 1990: Für die Währungsunion werden mehr als 1,5 Millionen Ostberliner Sparkassenkonten sowie die technische Infrastruktur umgestellt.

Oktober 1990: Zusammenschluss der Sparkassen Ost und West zur Berliner Sparkasse. Eine West- und eine Ost-Filiale bilden Know-how-Partnerschaften. Darüber hinaus hilft die Berliner Sparkasse Hunderten DDR-Bürgern beim Schritt in die Existenzgründung und Selbstständigkeit. Eine Partnerschaft auf Augenhöhe – und vielfach bis heute.

Unvergessliche Momente – hier erinnern sich vier Sparkassen-Angestellte von Ost und West:

„Cola-Dosen als Andenken"

„Es waren die aufregendsten Tage in meinem bis dahin jungen Berufsleben: Ich half in der Zweigstelle Wannsee aus, davor stand eine ewig lange Schlange an Menschen (aus Potsdam kommend) die Königstraße entlang.

Martin Koepke
Martin Köpke, damals Sparkasse der Stadt Berlin West. Bild: Christoph Schieder

Wir zahlten wegen des großen Andrangs im Akkord Begrüßungsgeld aus. Rund um die Uhr. Sieben Tage die Woche. Sogar am Wochenende. Ich erinnere mich noch an einen jungen Mann, der unbedingt meine leere Cola-Dose, die auf dem Schreibtisch stand, als Andenken haben wollte und überglücklich war, als wir ihm sogar mehrere volle Dosen mitgaben.”

„Wir mussten viele vertrösten”

„Ich habe den eigentlichen Mauerfall verschlafen und wurde dann morgens von den Nachrichten völlig überrascht.

Ines Kosubek
Ines Kosubek, damals Sparkasse der Stadt Berlin Ost. Bild: Christoph Schieder

So wie viele andere dachte ich zunächst an einen verspäteten Aprilscherz. Dann die nächste Überraschung: eine lange Schlange vor meiner Filiale in Pankow-Niederschönhausen. Hier wollten die Kunden die 15 DM umtauschen, die DDR-Bürger bekamen, wenn sie eine Besuchserlaubnis in den Westen hatten. Also quasi jeder. Unsere DM-Kasse hatte aber leider nur einen Bestand von 200 DM. Somit mussten wir bedauerlicherweise viele Menschen vertrösten.”

„100 Millionen Ostmark auf einem Haufen”

„In den ersten Monaten konnten DDR-Bürger bei Westberliner Banken Ostmark gegen DM eintauschen; zunächst 4 Ostmark für 1 DM, später dann 7 Ostmark für 1 DM.

Henrik Schoenholz
Henrik Schönholz, damals Sparkasse der Stadt Berlin Ost. Bild: Christoph Schieder

Die Geldautomaten im Ostteil der Stadt waren schnell geplündert und auch in den Kassen wurde uns das Bargeld knapp. Ich habe das damals als Abteilungsleiter im Zahlungsverkehr bei der Sparkasse am Alexanderplatz miterlebt. Die Staatsbank lieferte eilig 100 Millionen Ostmark an, stellte das Geld aber nur auf dem Hof der Zentrale am Alexanderplatz ab. Damit wir die Filialen schnellstmöglich mit neuem Bargeld versorgen konnten, haben wir das Geld dann auf ganz normale Autos wie Lada, Wartburg und Trabis verteilt und dann ausgeliefert.”

„Alle erschöpft – und fröhlich”

„Ich weiß noch genau, dass alle Menschen dieser Tage erschöpft waren – und sich trotzdem gegenseitig unterstützten, einander zugewandt und fröhlich waren.

Antje-marie Horn
Antje-Marie Horn, damals Sparkasse der Stadt Berlin West. Bild: Christoph Schieder

Ich habe in der Zentrale gearbeitet und mich freiwillig für die Ausgabe des Begrüßungsgeldes in der Filiale am Tauentzien gemeldet. Dass es dort einen Personaleingang gibt, hatte ich nicht gewusst – also stand ich um 8 Uhr plötzlich vor einer riesigen Menschentraube. Da musste ich durch! Was mache ich nun, schoss es durch meinen Kopf. Meine einzige Chance war es, mir Gehör zu verschaffen. Dabei habe ich eigentlich eine leise Stimme. Also bat ich mit meiner nicht sehr tragenden Stimme um Durchlass: „Wenn Sie mich nicht reinlassen, kann ich Ihnen auch kein Geld auszahlen!” Und dann geschah das Unglaubliche: Die Menge teilte sich, niemand drängte oder schubste. So konnte es dann losgehen.”

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