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Titel Kosten Kind
Bild: Jens Bonnke
Ratgeber

Kinder, Kinder!

Familienplanung sollte nicht nur eine Frage des Geldes sein. Dennoch kann es helfen, die Kosten im Blick zu behalten – denn bis zum 18. Lebensjahr kommen im Durchschnitt rund 140.000 Euro zusammen.

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in Kinderwagen in der Preisklasse eines Kleinwagens, ein Abo, mit dem die Windeln nach Hause geliefert werden, fair hergestellte Wollhausschuhe oder die Sprachreise nach Frankreich. Noch nie haben Eltern so viel für ihren Nachwuchs ausgegeben wie heute. Knapp 140.000 Euro kostet ein Kind durchschnittlich von der Geburt bis zur Volljährigkeit laut Statistischem Bundesamt.

Dessen letzte genaue Berechnung von 2008 haben wir für das Familien-Spezial von „Berliner Akzente” auf aktuelle Preise hochgerechnet. Den handlichen, kostenlosen Ratgeber erhalten Sie in allen Filialen der Berliner Sparkasse. Eine Lehre aus der Statistik: Je älter der Nachwuchs, umso höher die Ausgaben.

6.800 Euro kostet ein Kind jährlich

Frau Mit Kinderwagen
Pures Glück: Für die meisten gehören Kinder zu einem erfüllten Leben. Die Kosten sind dann zunächst zweitrangig. Bild: Shutterstock

Bis zum Alter von sechs Jahren kostet ein Kind etwa 6.800 Euro jährlich. Zwischen sechs und zwölf sind es bereits knapp 8.000 Euro und in den letzten sechs Jahren bis zur Volljährigkeit rund 9.000 Euro im Jahr. Hinzu kommt noch der Verdienstausfall der Eltern, der bei einem Kind mit etwa 130.000, bei zwei Kindern bereits mit 175.000 Euro zu Buche schlägt.

Wer Tochter oder Sohn zudem während des Studiums und mit eigener Wohnung unterstützt, greift noch einmal tief in die Tasche. Je nach Studienort fallen laut der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zwischen 600 und 1.250 Euro monatlich an.

Natürlich lassen sich die Kosten nicht wegdiskutieren. Aber Familienplanung sollte nicht nur mit dem Taschenrechner passieren. Tina, Mutter von zwei Kindern

Weniger Kohle, aber mehr Lebenszufriedenheit

Angesichts solcher Zahlen wird schnell deutlich: Kinder lohnen sich – aller familienpolitischen Leistungen zum Trotz – finanziell nicht. Kompensiert wird diese Einbuße jedoch durch eine gesteigerte Lebenszufriedenheit. Davon ist zumindest Tina, Mutter von zwei Kindern, fest überzeugt: „Natürlich lassen sich die Kosten nicht wegdiskutieren. Aber Familienplanung sollte nicht nur mit dem Taschenrechner passieren.” Um den Überblick zu behalten, führt Tina trotzdem ein Haushaltsbuch – und kann die Kosten deshalb recht genau beziffern.

Für den dreijährigen Hendrik gibt sie etwa 25 Euro monatlich für Essen und 15 Euro für Windeln aus. Seine sechsjährige Schwester Matilda kostet schon etwas mehr: 25 Euro für Essen, 9 Euro Chor-Gebühren, ein Schwimmkurs mit zwölf Terminen für 150 Euro und noch einmal etwa 100 Euro jährlich für Vorschul-Projekte wie Zirkus, Töpfern oder Theaterbesuche. Kleidung pro Kind und Monat beziffert Tina auf etwa 50 Euro, wobei vor allem Funktionsklamotten wie Gummistiefel, Matschhose und Schneeanzug höhere Kosten verursachen. „Hier”, sagt sie, „ist ein gutes Netzwerk, in dem man Kleidung weitergibt, unbezahlbar.”

Sowohl bei Hendrik als auch bei Matilda kommen jeweils 23 Euro für die Verpflegung in der Kita und 50 Euro monatlich für Sparverträge hinzu. „Mein Mann und ich hatten keine finanzielle Unterstützung bei Ausbildung und im Studium. Diese Anstrengung möchten wir unseren Kindern ersparen”, sagt die 40-jährige Mutter. Sie arbeitet 35 Stunden als Weiterbildungsmanagerin in einem Medizintechnikunternehmen und ihr Mann Moritz ist selbstständiger Versicherungskaufmann. Gemeinsam kommen sie etwa auf ein Haushaltsnettoeinkommen von 4.500 Euro.

Wenig Geld bedeutet kaum soziale Teilhabe

„Für größere Urlaube sparen wir und Luxus ist es, ein Auto zu haben”, sagt Tina. „Vom Druck, uns beim Konsum mit anderen Eltern zu vergleichen, machen wir uns frei. Uns ist es wichtiger, unseren Kindern Wertschätzung für Dinge zu vermitteln. Deshalb gibt es zum Geburtstag auch nur ein oder zwei Geschenke.” Denn beide Eltern kennen auch andere Zeiten. Als Hendrik geboren wurde, hatte Tina keinen Job und die Auftragslage bei Moritz war mau. „Damals habe ich gemerkt: Satt bekomme ich die beiden immer. Aber was wegbricht, wenn das Geld knapp wird, ist die soziale Teilhabe. Keine Ausflüge, keine Hobbys.”

Genau das sei das größte Problem, wenn Eltern zu wenig verdienen würden, weiß Dr. Christian Alt, Wissenschaftler am Deutschen Jugendinstitut in München. „Plötzlich sind die Kinder krankgeschrieben, wenn Schulausflüge und Klassenfahrten anstehen, sie kommen nicht zu Geburtstagen oder können nicht mit ihren Freunden in den Sportverein.” Dadurch verkleinere sich ihre Peergroup und das sei das eigentliche Problem. „Denn Kinder lernen am meisten von anderen Kindern, wenn es um soziale Kompetenz, Selbstwertgefühl und Werte geht. Einen solchen Verlust können sie später kaum mehr ausgleichen”, sagt der Experte.

Um dazuzugehören, geht es spätestens im Teenager-Alter auch um Markenkleidung und Multimedia. Heute hat bereits jeder zweite Grundschüler ein Handy – was vor allem daran liegt, dass Mama und Papa ihren Nachwuchs erreichen möchten. Ab dem zehnten Lebensjahr wächst allerdings der Druck, ein Smartphone anzuschaffen. „Es ist ein wichtiges Kommunikationsmittel unter Jugendlichen. Wer nicht mehr mit seinen Freunden sprechen kann, dem droht der Ausschluss”, erläutert Christian Alt, selbst Vater von vier Töchtern.

Um gut über die Runden zu kommen, brauchen Familien heute mindestens eineinhalb Einkommen. Dr. Christian Alt, Deutsches Jugendinstitut

Am Nachwuchs sparen Eltern zuletzt

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Für viele Eltern stehen die Bedürfnisse der Kinder ganz oben auf der Prioritätenliste. Bild: Shutterstock

Grundsätzlich würden Eltern ihr letztes Hemd für den eigenen Nachwuchs geben. Das gelte sowohl in einkommensschwachen als auch in Hauhalten der oberen Mittelschicht. „Die Bedürfnisse der Kinder stehen immer ganz oben. Vor allem, wenn es um Bildung geht, versuchen Eltern alles aufzuwenden, denn sie wissen, dass eine gute Bildung über die berufliche Zukunft entscheidet”, sagt Christian Alt.

In verschiedenen Studien stellten er und seine Kollegen fest, dass es rund eineinhalb Jahre dauert, bis die Armut, von der eine Familie etwa durch den Wegfall eines Einkommens betroffen ist, bei den Kindern ankommt. Eltern verzichten erst auf alles andere, ehe sie beim Nachwuchs sparen.

„Um gut über die Runden zu kommen, brauchen Familien heute mindestens eineinhalb Einkommen. Dass einer der Eltern sich ausschließlich um die Familie kümmert, ist kaum möglich”, so Alt. „Im Umkehrschluss muss die Kinderbetreuung geregelt und finanziert werden.”

Was Kinder kosten:

  • Kinderkosten 0-6

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  • Kinderkosten 7-12

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  • Kinderkosten 13-18

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Gleichberechtigung statt hohes Einkommen

Für Kathrin und Lille ist die Betreuung der teuerste Posten, wenn es um Ausgaben für ihren dreijährigen Sohn Jonas und ihre einjährige Tochter Mathea geht. Monatlich zahlen sie etwa 450 Euro für Kita und Babysitterin. Letztere muss ein- bis zweimal pro Woche einspringen, damit beide Eltern pro­blemlos ihrer Arbeit nachgehen können. „Wir haben bereits vor der Elternzeit beschlossen, dass wir mit Kindern beruflich etwas kürzer treten möchten und haben unsere Stellen auf 80 Prozent reduziert. Dennoch gibt es Tage, an denen wir beide lange arbeiten”, sagt Kathrin, die als Geschäftsführerin eines Beratungsinstituts tätig ist. Ihre Frau Lille ist Oberärztin in einer Klinik.

Um Kindern und Karriere gerecht zu werden, bedarf es einer straffen Organisation, so Kathrin. „Ginge es nur um finanzielle Aspekte, wäre es sinnvoller, ich würde beruflich kürzer treten. Denn als Oberärztin verdient Lille deutlich mehr. Uns ist es jedoch wichtiger, dass wir beide gleichermaßen für Kinder und Karriere da sein können”, sagt die 46-Jährige.

Momentan schätzt sie die monatlichen Kosten für Jonas und Mathea auf rund 1.000 Euro. Familiärer Luxus wäre für sie eine größere Wohnung, in der jedes der Kinder zukünftig ein eigenes Zimmer hätte. „Doch echter Luxus in einer vierköpfigen Familie, in der beide Eltern viel arbeiten”, sagt Kathrin, „ist vor allem, entspannte Zeit für sich zu finden.”

„Kinder nutzen vor allem denen, die keine haben”

Die Kluft zwischen Eltern und Kinderlosen wird immer größer: Das beschreiben Susanne Garsoffky und Britta Sembach in ihrem viel diskutierten Buch „Der tiefe Riss”. Die Autorinnen zeigen die Versäumnisse in der Arbeits- und Familienpolitik auf und plädieren für eine Neugestaltung des Sozialsystems.

Susanne Garsoffky
Beruf und Familie seien nicht vereinbar, sagt Buch-Autorin Susanne Garsoffky. Bild: Gudrun Senger

Frau Garsoffky, wie viel brauchen Kinder, um glücklich zu sein?
Eigentlich brauchen Kinder nicht viel. Sie sind vor allem dann glücklich, wenn sie unter Gleichaltrigen nicht negativ auffallen. Wer jedoch ohne Pausenbrot oder mit schlechten Zähnen zur Schule kommt, fällt auf. Armut schließt Kinder aus. Dass Eltern sich über die Ausstattung ihres superteuren Kinderwagens Gedanken machen, ist vielleicht ein Phänomen in der oberen Mittelschicht. Der Großteil der Familien aber muss sehr genau rechnen, um gut über die Runden zu kommen.

Wie kann es denn sein, dass in einem Land, dem es wirtschaftlich gut geht, die Kinderarmut kontinuierlich wächst?
Dass es der Wirtschaft im Gesamten gut geht, bedeutet noch lange nicht, dass es dem Einzelnen zugutekommt. Beispielsweise sind die Reallöhne in den letzten 20 Jahren kaum gestiegen. Und wir haben in Deutschland ein massives Verteilungsproblem. Menschen mit Kindern gehören finanziell oft zu den Benachteiligten.

Inwiefern?
Eltern müssen zum einen höhere Ausgaben meistern – sei es die Kita-Gebühr oder der Nachhilfeunterricht. Durch ihren höheren Konsum zahlen Familien auch mehr Mehrwertsteuer. Zum anderen verdient zumindest oft ein Elternteil weniger, weil der Betreuungsanspruch nur täglich vier Stunden beträgt. Damit ist maximal eine halbe Stelle möglich. Nach wie vor reduzieren meistens Frauen ihre Arbeitszeit und sind dann später von Altersarmut bedroht.

Buch Der Tiefe Riss

Bedeutet das, es lohnt sich nicht, Kinder zu bekommen?
Ökonomisch lohnt es sich tatsächlich nicht. In den letzten Jahren haben wir die Kosten für Kinder privatisiert, ihren Nutzen jedoch sozialisiert. Denn wir haben ein umlagefinanziertes Rentensystem. Das bedeutet, Kinder nutzen vor allem denen, die keine haben. Für immer mehr junge Paare wird es tatsächlich zu einer rechnerischen Entscheidung, eine Familie zu gründen. Gerade Akademikerinnen haben Angst vor dem Karriereknick und schieben das Kinderkriegen immer wieder auf. Bis es mit Ende 30 dann oftmals zu spät ist.

Was ist dagegen zu tun?
Der gesellschaftliche Riss, der sich momentan zwischen Kinderlosen und Familien auftut, lässt sich nur kitten, wenn wir unsere Sozialsysteme grundlegend reformieren. Etwa das Rentensystem, aber auch die Chancen am Arbeitsmarkt. Momentan sind Kinder ein Wettbewerbsnachteil. Als Arbeitgeber muss ich beispielsweise damit rechnen, dass eine Mutter oder ein Vater ausfällt, wenn das Kind krank ist. Das wird wiederum auf dem Rücken der Kinderlosen ausgetragen, die solche Ausfälle kompensieren müssen. So wird der Riss noch tiefer.

Aber in einem solchen Moment dürften die Kinderlosen doch mit den Augen rollen.
Genau das ist das Problem. Die Gruppen verurteilen sich gegenseitig. Frauen, die sich für ihre Rolle als Mutter entscheiden und nicht nach einem Jahr wieder arbeiten gehen, werden schräg angeschaut. Wer zu früh wieder arbeitet, gilt als Rabenmutter. Die Rede ist von Helikoptereltern und hedonistischen Singles. Paare ohne Kinder werden misstrauisch beäugt. Dabei besteht nicht für jedermann die Lebenserfüllung in einer Familie. Wir müssen aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen, sondern akzeptieren, dass Menschen unterschiedliche Lebensmodelle wählen. Und egal, für welches ich mich entscheide, ich sollte dadurch keine ökonomischen Nachteile haben.

Kurzvita: Susanne Garsoffky

Jahrgang 1968, arbeitete mehrere Jahre als Fernseh- und Print-Redakteurin. Sie ist Mutter von zwei Kindern. Zusammen mit Britta Sembach, ebenfalls Jahrgang 1968, schrieb Sie 2014 bereits das Buch „Die Alles ist möglich-Lüge – Wieso Familie und Beruf nicht vereinbar sind”.

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