Titel Sarah Khan
Vor zwei Jahren kaufte Sarah Khan ein Ferienhaus in Brandenburg. In kürzester Zeit musste sie einen zweiten Haushalt einrichten. Hinter den Kleinanzeigen im Internet fand die Schriftstellerin kuriose oder anrührende Storys. Bild: Laura Lucas
Internet-Kleinanzeigen

Kleine Anzeigen mit großer Geschichte

Wenn Menschen sich von Teilen ihres Lebens trennen, steht dahinter immer ein persönliches Schicksal. Die Schriftstellerin Sarah Khan hat einige davon aufgeschrieben. Von Ikea-Friedhöfen, stammelnden Wahrsagerinnen – und dem engen Beieinander von Tragik und Komik.

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erlin-Tiergarten, Monkey Bar. Gläser klirren aneinander, Stimmen vermischen sich mit Popsongs. Englisch, Spanisch. Das Publikum ist international. Mittendrin: Sarah Khan, Journalistin und Autorin, die über ihr Buch spricht: „Das Stammeln der Wahrsagerin – Unglaubliche Geschichten hinter Kleinanzeigen.“

Sarah Khan
Blick von der Monkey Bar in den Zoo: Hier spielt eine der Geschichten in Khans Buch. Bild: Laura Lucas

Die Mittvierzigerin mit schulterlangem, braunen Haar blickt herunter auf das Gehege des Zoos. Sie sieht den Ort, an dem der Zoowärter „Affen-Walter“ einst Michael Jackson eine Führung gab. Von 1943 bis 1990 hatte Kurt Walter im Zoo gearbeitet. Sarah Khan hatte Fotos von „Affen-Walter“ mit Promis und politischen Schwergewichten beim Stöbern auf eBay-Kleinanzeigen entdeckt und war neugierig geworden. Herausgekommen ist „Der Affenwärter von Westberlin“, eine von acht Geschichten in ihrem Buch.

Vor zwei Jahren kaufte Khan ein Ferienhaus in Brandenburg. In kürzester Zeit musste sie einen zweiten Haushalt einrichten. Hinter den Anzeigen fand die Schriftstellerin kuriose oder anrührende Storys. Genug für ein ganzes Buch, wie wir im Interview erfahren:

Frau Khan, Sie verwandeln das, was Verkäufer Ihnen erzählen, in Literatur. Wie viel Wahres steckt in Ihren Texten?
Mal verfremde ich den Stoff stärker, mal weniger. Aber in der Quintessenz sind alle Texte wahr. Die Literatur gibt mir die Möglichkeit, Geschichten von Menschen zu erzählen, ohne sie zur Schau zu stellen. Über das Internet ist man heute mit wenigen Anhaltspunkten schnell zu finden. Manche haben große Angst, wiedererkannt zu werden.

Das klingt, als haben Sie sehr behutsam vorgehen müssen. Wie viel Menschenkenntnis braucht es für so ein Projekt?
Das beginnt schon mit der Frage: Wie spricht man Leute an? Wie kommt man an Details? Schon soziale Unterschiede können dazu führen, dass Menschen sich anderen Menschen nicht anvertrauen. Manche Begegnungen waren spontan und flüchtig. Dann wieder habe ich die Anbieter lange begleitet und bin ihnen dabei sehr nahe gekommen. Man muss die Menschen dabei unterstützen, sich zu erinnern. So wie Psychotherapeuten sich mit jemandem unterhalten und dabei eine bestimmte Technik des Sprechens anwenden.

Das Stammeln der Wahrsagerin

Buch Das Stammeln Der Wahrsagerin
Bild: Suhrkamp Verlag

In der Rubrik „Sonstige Dienstleistungen“ stieß Sarah Khan auf die Geschichte, die den Titel und das Cover gab: Anna, Wahrsagerin aus Friedenau, 90 Minuten für 45 Euro. Ob ihrem Buch eine rosige Zukunft bevorsteht, erfuhr die Autorin zwar nicht, dafür stellte sie fest: „Die nebenerwerbliche Wahrsagerin steckte selbst in der Klemme“ – und zwar in finanzieller Art. Khan wagte es nicht, Anna nach ihrer Geschichte zu fragen.

Doch als die Sitzung vorüber war, die 90 Minuten aber noch nicht abgelaufen waren, unterhielten die beiden sich über ihre Väter. Annas Vater war Konkursverwalter. Auf der Suche nach diesem Begriff geriet die Wahrsagerin dermaßen ins Stottern, dass Khan immerhin mit einem Titel für ihr Buch nach Hause fuhr. In leisen Tönen erzählt die Schriftstellerin darin von großen Gefühlen. Einfach, indem sie die richtigen Details in den Vordergrund rückt. Wie im echten Leben liegen Tragik und Komik auch in den Geschichten in „Das Stammeln der Wahrsagerin“ nah beieinander.

Frau Khan, welche Geschichte hat Sie selbst am meisten berührt?
Es gibt da die Geschichte einer Frau, die die Wohnung ihres toten Sohnes ausräumt und mehrere Monate dort wohnt. Jeder Verkauf ist eine kleine Erleichterung für sie. Gleichzeitig verschwindet mit jedem Teil etwas, was das Leben ihres Sohnes ausgemacht hat. Die Frau leidet Schmerzen, ist dabei aber auch unheimlich witzig. In meinen Lesungen wird bei dieser Geschichte oft lauthals gelacht. Gefühle sind total wichtig für mich, fürs Schreiben. Wenn es das nicht gäbe, hätte es keinen Sinn zu schreiben.

Was haben Ihnen die Anzeigen darüber verraten, wie wir hier in Berlin miteinander leben?
Im „Zu Verschenken“-Sektor versuchen die Leute den letzten Müll loszuwerden. In kleineren Orten, wo man noch in gewachsenen Sozial- und Familienstrukturen lebt, gibt es dieses Phänomen nicht. Da wäre das peinlich. Eine ritualisierte, ehrenbehaftete Geschenkkultur – das gibt es in Berlin nicht. Da heißt es dann: ‚Das Sofa hat nur noch drei Beine, die Katze hat den Bezug zerrissen, aber es war mal sehr schön. Bitte keine Anrufe, nur E-Mails und ich fasse nicht mit an.’ Die Leute fordern sehr viel ein für ihre so genannten Geschenke. Es gibt auch Hilfegesuche, mit denen sich Menschen an eine anonyme Stadt wenden. Viele fragen: ‚Kann mir jemand Tausend Euro leihen?’

Welche Rolle spielt Geld in den Geschichten? Oder auf eBay-Kleinanzeigen?
Es gibt große Vorbehalte in der deutschen Kultur gegenüber dem Handeln. Wenn ich um einen Nachlass gebeten habe, waren viele bitter enttäuscht. Es gibt aber gerade in Berlin auch diesen Fetisch des Wenig-Besitzens. Man will keine Verbindlichkeit – und Möbel stehen für Verbindlichkeit. Ich nenne eBay-Kleinanzeigen daher auch den Ikea-Friedhof. Ikea ist das Möbelhaus des unverbindlichen Lebens. Ähnlich verhält es sich mit Erbe. Die Menschen, die in Berlin leben, sind häufig damit überfordert und möchten es abgeben.

Und was ist für kein Geld der Welt zu haben, nicht einmal bei eBay-Kleinanzeigen?
„Die Beatles sangen einmal „money can’t buy me love“ – was überhaupt nicht stimmt – aber ich würde sagen: Abenteuerlust und eine Neugier aufs Leben – also dem, was das Leben mit sich bringt, freundlich gegenüberzustehen. Das ist etwas, was eine Struktur wie eBay-Kleinanzeigen nicht hergibt.

Infos zum Buch

„Das Stammeln der Wahrsagerin“ erzählt acht „unglaubliche Geschichten hinter eBay-Kleinanzeigen“.

Zur Leseprobe:
http://www.suhrkamp.de/download/Blickinsbuch/9783518467312.pdf

Verlag: Suhrkamp
Erschienen: 2017
Preis: 12,95 €

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