Titel Trinkgeld
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Trinkgeld

„Der Rest ist für Sie“

In der Vorweihnachtszeit erweisen sich die Deutschen als besonders spendabel – beim Thema Trinkgeld sind sie hingegen knausrig, wie Studien zeigen. Die Hauptstadt ist noch mal ein Fall für sich. Doch ab wann gilt ein Gast als geizig? Welche Berufsgruppen sollte man ebenfalls bedenken? Und wie halten es die Japaner, Italiener und US-Amerikaner mit dem „zweiten Gehalt“?

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s war wahrlich ein Abendmahl mit dem Hollywood-Star Bruce Willis neulich in einem Edel-Restaurant in Berlin: 15 Gäste speisten mehrere Gänge bis weit nach Mitternacht. Es wurde dick aufgetragen – und großzügig gedankt, wie Boulevard-Blätter berichteten. 800 Euro (!) Trinkgeld soll der Schauspieler einer Kellnerin am Ende gegeben haben. Ob sich der Actionfilm-Held dabei an seine eigenen harten Zeiten zu Beginn seiner Schauspieler-Karriere erinnert hat? Nicht selten sind es ja Schauspieler, die sich mit der Kellnerei über Wasser halten.

Deutsche sind „Trinkgeld-Geizhälse"

Hotelpage Geld
Nicht nur Kellnerinnen und Taxifahrer freuen sich über Trinkgeld. Auch der Hotelpage oder das Zimmermädchen. Bild: Shutterstock

Anders als Bruce Willis zeigen sich die Deutschen bei den Münzen oder Scheinen auf dem Tisch hingegen knausrig. Europaweit nehmen sie den traurigen ersten Platz der „Trinkgeld-Geizhälse“ ein, wie eine Umfrage des Reise-Portals Expedia im April ergeben hat. Gefolgt von den Briten (Platz Zwei) und den Niederländern (Platz Drei). Nicht weniger als 14.000 Menschen aus 14 europäischen Ländern haben an der Umfrage teilgenommen. Kurioserweise haben sich sogar die befragten Deutschen selbst im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn als knickerig eingestuft. Immerhin: Im „Urlaubsmodus“ geben 41 Prozent der Teutonen schon mehr Trinkgeld.

Und die Berliner? Wie großzügig ist Deutschlands größte Stadt? Sie sind knausrig, sagen die Taxifahrer. Sie waren schon mal großzügiger, klagt der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Berlin. Und eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos im Auftrag des Online-Reservierungportals OpenTable sagt: Sie gehören nicht zu den geizigsten Deutschen – aber es ist noch Luft nach oben:

• 67 Prozent geben bis zu 10 Prozent
• 21 Prozent sogar bis zu 15 Prozent
• Immerhin noch 7 Prozent legen bis zu 20 Prozent drauf
• Und 3 Prozent runden sogar auf 25 Prozent auf
• Wer mitgerechnet hat: Es fehlen noch 2 Prozent. Die geben wiederum gar kein Trinkgeld.

Damit sind die Berliner allemal großzügiger als die Sachsen und Bayern, wo 11 Prozent angeben, aus Prinzip niemals Trinkgeld zu geben. Aber das sind wie gesagt Durchschnittswerte. Wie viel soll man denn nun in Restaurants und Cafés konkret geben?

Trinkgeld in anderen Ländern:

Nicht in jedem Land gehört Trink­geld zum guten Ton: In Japan gibt man kein Trink­geld, in Italien wird hin und wieder auf­ge­rundet. Zuweilen ist hier das Trink­geld bereits als Gebühr für das Gedeck („coperto“) mit drin.

In den USA sind 15 bis 20 Prozent ein Muss. Da Restaurants und Cafés hier nur sehr niedrige Löhne zahlen, sind die Servicekräfte auf die „Belohnung“ angewiesen.

In China hat Trinkgeld keine Tradition. Fernab inter­natio­naler Hotel­ketten gilt es sogar als Beleidigung.

Das „zweite Gehalt” gibt’s nicht mehr

Besonders spendabel sind die Menschen in Restaurants, Kneipen, Cafés und im Taxi, wie der Westdeutsche Rundfunk (WDR) ermittelt hat. Demgegenüber bescheidender fallen die Trinkgelder für den Paketboten und die Toilettenfrau aus. Bei Letzterer landen im Schnitt gerade mal 50 Cent auf dem Teller, für den Boten gibt es gerade noch 30 Cent im Schnitt an der Haustür. Der WDR hatte für seine große Trinkgeldumfrage verschiedene Szenarien entworfen:
• Beispiel Restaurant: Die Rechnung beläuft sich auf 84,30 Euro. Viele Gäste haben hier auf 90 Euro aufgerundet – zwar unter 10 Prozent, aber doch mit 5,70 Euro ein für Berliner Verhältnisse faires Trinkgeld.
• Beispiel Café: 7,60 Euro zeigt der Rechnungsbon. 80 Cent Trinkgeld haben die meisten Gäste hier auf den Tisch gelegt und nicht nur auf 8 Euro aufgerundet – also mehr als zehn Prozent.

Die Zeiten des „zweiten Gehalts“ sind in Berlin längst vorbei. Als die Berliner noch ihre steuerfreie acht Prozent Berlin-Zulage („Zitterprämie“) erhielten, floss das Trinkgeld im Überfluss, erinnert sich Klaus-Dieter Richter, Vizepräsident des Hotel und Gaststättenverbandes Berlin – die üppigen Zeiten sind nun vorbei. Die Höhe des Trinkgeldes sei seit der Wiedervereinigung deutlich zurückgegangen und habe sich bedauerlicherweise auf einem niedrigen Platteau eingependelt. Das geht damit einher, dass die Berliner auch weniger Essen gehen als in den Vorjahren. Die Branche des „Weißen Tischtuches“ beklagt sich über sinkende Umsätze, die Menschen essen lieber Fast-Food oder vor dem Fernseher, derweil die nächste Kochsendung läuft.

Kellner sind trotz Mindestlohn auf Trinkgeld angewiesen

Das trifft ausgerechnet die Menschen hart, die im Niedriglohnsektor arbeiten. Das hat auch der Mindestlohn nur marginal geändert. Viele Servicekräfte und Kellner sind trotzdem weiterhin auf Trinkgeld angewiesen. Und der Koch sowie die Spülkraft gehen in der Mehrheit der Fälle leider leer aus, wie Richter berichtet. Es sei unüblich, das Trinkgeld auf alle Mitarbeiter aufzuteilen. Deshalb rät er: Wenn das Essen geschmeckt hat, solle man ausdrücklich auch darum bitten, dem Küchenpersonal einen Teil des Geldes zu geben. Ob das geschieht, sei natürlich die Frage. Aber es sei immerhin eine Geste. Zudem dürfe man auch nicht vergessen, dass Kellner keinen „Nine-to-Five-Job“ haben, sondern spätabends und auch am Wochenende arbeiten – und viel rennen. Ein Knochenjob.

Warum der Name „Trinkgeld“?

Schon im Mittel­alter gaben die Menschen ein „Trinckgelt“ dazu. Dies belegen Rechnungen aus dem 13. Jahrhundert für beispiels­weise Kirchen­bauten. Der Spender wollte, dass man das Geld auf sein Wohl vertrank. Sogar Beamte haben ein Trink­geld bekommen. Deren Gehalt war damals nicht sehr hoch.

Eine Ver­pflich­tung zum Trink­geld gibt es bis heute nicht. Es ist und bleibt eine frei­willige Beloh­nung für guten Service, sprich: Freund­lich­keit, Aufmerk­sam­keit, kompetente Beratung, Schnellig­keit und Zurück­haltung. Das sind alles Kriterien, die die Deutschen als guten Service definieren.

Als schwierig erweist sich ebenfalls die zunehmende Kartenzahlung. Viele legen nur selten bar etwas dazu – doch wer den Betrag am Kartenlesegerät aufstockt, sollte wissen, dass das Personal die Summe dann versteuern muss. Es soll Gastronomen geben, die ihren Mitarbeitern diese zusätzliche Steuer wieder abziehen, berichtet der Tagesspiegel. Also: Besser das Trinkgeld in Form von Bargeld auf den Tisch legen.

Hotelpersonal: Zwei Euro pro Tag

Auch das Hotelpersonal sollten Berliner beim nächsten Hotelbesuch bedenken. Beispiel Zimmermädchen: Zwei Euro pro Tag sollte einem ein sauberes Zimmer schon wert sein, meint Richter und empfiehlt, das Geld nicht erst am Ende des Urlaubs aufs Kopfkissen zu legen – sondern in kleinen Summen gestückelt bereits während des Urlaubs. So würde man auch von der höheren Motivation des Reinigungspersonals direkt profitieren. Es trifft wohl wirklich nicht die Falschen, wenn ein Zimmermädchen, das im Akkord Betten schüttelt, hier ein monetäres Betthupferl findet.

Auch an die zunehmende Zahl der Lieferboten sollten Berliner denken, wenn das nächste Mal die Pizza dampfend vor der Tür wartet. Ein Journalist der Zeitung taz hatte hier als Lieferbote bei einem namhaften Online-Lieferdienst angeheuert. „Es gab die Amerikanerin, die mit europäischem Kleingeld nicht sehr vertraut war und fast genausoviel Trinkgeld gab, wie die Bestellung wert war. Es gab die Bekifften im fünften Stock, die mir eine Runde Applaus spendeten, weil ich tatsächlich zum Späti gegangen war, um noch eine Literflasche Cola zu holen. Kein Trinkgeld“, schreibt der Journalist. Kuriose Anekdote am Rande: Sogar seine eigene Start-up-Firma, für die er auslieferte, habe sich als „trinkgeldscheu“ erwiesen.

Guter Service ist nicht selbstverständlich

Geld Restaurent Trinkgeld
Die Berliner gehören nicht zu den geizigsten Deutschen – aber es ist noch Luft nach oben. Bild: Shutterstock

Regelmäßige Preiserhöhungen setzen indes den Berufsgruppen zu – allen voran den Taxifahrern. Wenn die Kosten steigen, sparen viele Kunden das Geld erst Mal beim Trinkgeld ein. Während früher mal 25 bis 30 Euro Trinkgeld am Ende einer Nachtschicht bei Taxifahrer Sascha Bors hängen blieben, seien es heute weit weniger. „Die Nicht-Geber sind nach wie vor selten, aber immer öfter enden die 7,60€-Touren mit 40 Cent Trinkgeld, kaum einer gibt noch 9 oder 10 €. Und am Ende der Schicht schleicht man dann mit 8 Prozent heim.“ Das berichtete er 2012 in seinem Blog , bestätigt aber auf Nachfrage, dass sich dieser traurige Trend leider bis heute als aktuell erweist. Die gute Nachricht: Preiserhöhungen drücken nur phasenweise das Trinkgeld. „Im Normfall geht das im Laufe der Zeit wieder zurück“, sagt er. Das bestätigt die Innung des Berliner Taxigewerbes. Der Vorsitzende Leszek Nadolski plädiert dafür, bei 9,60 Euro auf dem Taxameter wieder 11 Euro statt 10 Euro zu geben.

Und noch eines ist bei der Recherche zu diesem Artikel klar geworden: Vor allem die jüngere Generation gibt kaum Trinkgeld. Nicht allein, weil sie weniger Geld haben, sondern, weil sie guten Service als selbstverständlich sehen. „Das ist er aber nicht“, sagt Klaus-Dieter Richter vom DEHOGA Berlin. „Dienstleistung ist etwas wert, da steckt das Wort ‚dienen’ drin. Das sollte der Gast entsprechend würdigen – und entsprechend Dankbarkeit zeigen.“

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