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Bild: Felix Müller
Sport macht Schule

„Wir brauchen eine neue Sportkultur"

“Sport macht Schule” heißt das Projekt, das Kinder für Sport begeistern will. Die Berliner Sparkasse ist Mitförderer – und war beim diesjährigen Auftakt in Kreuzberg mit Schirmherr Henning Harnisch dabei. Der ehemalige Basketball-Star sprach mit uns über die Zusammenarbeit von Schulen und Vereinen.

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osender Applaus. 300 Mitschüler grölen, als Emil aus der fünften Klasse für Klimmzüge ans Fußball-Tor geht. Jetzt bloß nicht nach dem ersten verrecken. Er schafft es. Drei saubere Klimmzüge. So fulminant verlief der Start für den Aktionstag „Sport macht Schule“ an der Reinhardswald-Grundschule in Kreuzberg. Bereits zum sechsten Mal animiert das Projekt Berliner Schulkindern nicht nur zu Klimmzügen, sondern insgesamt zum Sporttreiben.

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Emil macht Klimmzüge, Henning Harnisch animiert die Mitschüler, Stimmung zu machen. Bild: VBKI

Mit seinen 2,02 Metern sticht Basketball-Star Henning Harnisch (49) aus der Menge hervor. In seiner Eröffnungsrede stimmt der einstige deutsche Nationalspieler und heutige Vizepräsident von Alba Berlin die Schüler auf den Sport ein: „Ich habe extra für heute nachgezählt: 27 Sportarten habe ich bis heute versucht. Vom Rollhockey über Fechten und Schwimmen bis hin zu einigen Ballsportarten.“ Freiwillig habe er das gemacht, „weil mir alles Spaß gemacht hat. Genau das wollen wir euch heute auch zeigen“, erklärt er das große Ziel des Aktionstages.

Höher, schneller, weiter

Mehr als 20.000 Berliner Schulkinder haben seit 2013 an dem Projekt teilgenommen, das vom Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) und dem Landessportbund Berlin (LSB) organisiert wird, um die Freude an Bewegung zu wecken. Die Klimmzüge von Emil gehörten allerdings nicht zum offiziellen Programm: Sie waren die letzte Aufgabe, die Henning Harnisch den Schülern auf dem Sportplatz gab. Sie sollten einen Schüler aus ihrer Mitte wählen, der die drei Klimmzüge locker schafft. Aufgabe erledigt!

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An der Kletterwand geht nichts ohne Absicherung. Bild: Felix Müller

Nach einem kurzen Eröffnungstanz, den knapp 30 Schülerinnen und Schüler im Vorfeld mit Tänzerinnen einstudiert hatten, konnten sich die Kids in verschiedensten Disziplinen ausprobieren. An der Kletterwand kamen sie – natürlich mit Absicherung – auf ungeahnte Höhen, beim Fußball ermittelten Jungs und Mädchen ihre Schuss-Stärke, bei den Aerobic-Übungen in der Turnhalle waren Ausdauer und Beweglichkeit gefragt.

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23 Sekunden Seilspringen = 1 Cocktailtomate = 3 Kilokalorien Bild: VBKI

Seilspringen als Zahlungsmittel

Sehr beliebt ist über die ganze Zeit – der Aktionstag geht etwa vier Stunden – die „VerbrennBAR“, in der das Ernährungsbewusstsein gestärkt wird. Sie zeigt den Kindern anschaulich, wie viele Kalorien sie beim Seilspringen verbrennen. Für 23 Sekunden Springen können sie sich beispielsweise eine Cocktailtomate (3kcal) „kaufen“, für Kaubonbons (16 kcal; 2 Minuten) oder gar einen Traubenzucker-Lolli (28kcal, 3:30 Minuten) ist schon etwas mehr Sport nötig.

„Meine Kollegen und ich sind echt überrascht, wie groß das Projekt aufgezogen wurde“, erzählt die begeisterte Schulleiterin Antja-Katrin-Kirschner. Zum Beispiel auf der Tartanbahn neben der Sporthalle, wo die Kinder mit verschiedenen Spielen und Geräten ihre Geschicklichkeit testen können.

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Großer Spaß an der kleinen Platte beim Mini-Tischtennis. Bild: Felix Müller

An der Mini-Tischtennisplatte probieren sich gerade die drei Freundinnen Helena, Zerda und Hanimnur aus der fünften Klasse: „Ich mach jetzt einen Smash“, sagt Helena, bevor sie den Ball mit der Mini-Kelle auf die andere Seite der Mini-Platte schmettert. Ein paar Minuten später werfen und fangen die Mädchen kleine Sandsäcke mit Tüchern.

120 Jahresmitgliedschaften in Sportvereinen

Im Lauf des Tages zeigt sich: Die Vielfalt des Sports zeigt der Aktionstag wunderbar auf, die Kinder haben sichtlich Spaß an dem bewegenden Schultag. Das findet auch Jörg Pietsch vom VBKI: „Um mehr Bewegung bei Kindern zu erreichen, war es eines unserer großen Ziele, Vereine und Schulen näher zusammenzubringen.“ Daher finanziert der VBKI überdies 120 Jahresmitgliedschaften in Sportvereinen – ermöglicht durch Partner wie der Berliner Sparkasse. „Besonders sozial schwache Familien mit Kindern sollen durch unser Projekt angesprochen werden“, erläutert Jörg Pietsch.

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Der Aktionstag soll den Kindern Spaß am Sport aufzeigen – das ist gelungen. Bild: Felix Müller

Dem pflichtet auch Frank Kiepert bei. Der Geschäftsführer der Gesellschaft für Sport und Jugendsozialarbeit Berlin (GSJ) ergänzt: „Vor 20, 30 Jahren haben die Kinder ihre Freizeit noch anders verbracht. Die Eltern haben hier eine wichtige Rolle – unsere Beobachtung ist, dass bildungsnahe Eltern ihre Kinder eher auch zum Sport bringen.“ Die GSJ sieht er selbst als Schnittstelle zwischen Verein und Schule. Das Freizeitsport-Team der GSJ koordiniert die Veranstaltungsreihe „Sport macht Schule“, berät die Schulen im Vorfeld und unterstützt vor Ort bei der Durchführung und der Betreuung diverser Stationen.

Keine Unterstützung der GSJ benötigten die beiden Muai Thai Trainer: Im Pavillon auf dem Schulhof zeigten sie den Kindern Grundlagen einer der ältestes Kampfsportarten der Welti, einer Form des Thaiboxens. „Jetzt mal alles rauslassen“, ruft der Trainer dem Mädchen zu, das anfangs noch zaghaft und mit einem Lächeln gegen die Polster boxt. Beim Tritt mit dem Fuß und den schnell gelernten Ellbogen-Schlägen entwickelt sie aber im Nu eine echte Kämpferpose und richtig Energie. Nach knapp zweiminütiger Einheit ist sie glücklich erschöpft: „Jetzt brauch ich eine Pause“, sagt sie. An der direkt neben dem Pavillon gelegenen VerbrennBar kann sie getrost stoppen und sich mindestens einen Kaubonbon gönnen.

„Sport macht Schule“: Alle 12 Termine 2018

12.04.18 Reinhardswald-Grundschule (Kreuzberg)
26.04.18 Schule am Berlinickeplatz (ISS) (Tempelhof)
07.05.18 Karl-Weise-Grundschule (Neukölln)
08.05.18 Grundschule am Stadtpark Steglitz
15.05.18 Grundschule an der Pulvermühle (Spandau)
28.05.18 Merian-Schule (ISS) (Köpenick)
08.06.18 Grundschule an der Wuhle (Hellersdorf)
13.06.18 Carl-von-Ossietzky-Schule (Kreuzberg)
20.06.18 Thomas Mann Grundschule (Prenzlauer Berg)
22.06.18 Brüder-Grimm-Grundschule (Wedding)
26.06.18 Grünauer Gemeinschaftsschule (Treptow)
03.0.7.18 Friedrich-Engels-Gymnasium (Reinickendorf)

https://www.vbki.de/sport-macht-schule

„Im Sport steckt so viel Qualität“

Was an der Reinhardswald-Grundschule auch ohne Aktionstag nie zu kurz kommt, ist Basketball. Schließlich war die Schule 2012 die erste von heute 120 Kooperationsschulen von Alba Berlin und ist es bis heute. Henning Harnisch, der bei Alba für die Nachwuchsförderung zuständig ist, sprach mit uns über Notwendigkeit der Vernetzung von Vereinen und Schulen und eine neue Sportkultur.

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Henning Harnisch fordert eine neue Sportkultur Bild: Felix Müller

Herr Harnisch, Sie sind in diesem Jahr Schirmherr von „Sport macht Schule“. Was ist Ihr Ziel für diese Aktionstage?
Die Kinder sollen heute merken, welchen Spaß Sport macht und wie vielfältig Sport ist. Gleichzeitig wollen wir aber auch aufzeigen: Es gibt Schulsport auf der einen und Vereinssport auf der anderen Seite. Und dass es Ideen geben muss, wie man die beiden vernetzt.

Gibt es die nicht?
Heute ist es eher Zufall, ob ein Verein aus dem Kiez Teil von Schule wird. Zufall, ob ein Lehrer weiß, wo ein Hockeyverein ist oder wo die Kinder rudern lernen können. Da müssen wir alle in eine neue Geschichte reinwachsen.

An der Reinhardswald-Grundschule haben Sie persönlich mit Alba ja ein gutes Beispiel geschaffen.
Natürlich ist es schön zu sehen, dass die Schule viele Basketballmannschaften hat und wir hier etwas bewegt haben mit unserem Engagement. Aber mir ist auch klar, dass die Schule ein Sport-Leuchtturm ist. Die Schulleitung war immer offen für neue Ideen: Unsere Trainer kommen hier in den Sportunterricht, trainieren nachmittags. Besonders in der Ganztagschule sind solche Angebote wichtig.

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Alba Berlin war bei seiner ersten Kooperationsschule natürlich auch vor Ort – mit mobiler Korbanlage. Bild: Felix Müller

Aber?
Die Schule ist eben nicht repräsentativ für Berlin oder gar für Deutschland. Ich glaube, es gibt derzeit viele Probleme rund um Schule und Vereinssport. Eigentlich ruft alles nach einer neuen Sportkultur: Das Thema Sport an Schulen und in Kitas muss neu aufgeladen werden, benötigt neue Erzählungen.

Wie könnte das aussehen?
Das fängt mit kleinen Aktionen an. Es heißt ja immer, dass Kinder heute nicht mehr rückwärts laufen können. Aber das ist ja kein Naturgesetz, wir müssen nur mehr dagegen tun. Beispielsweise können sich Kitas und Schulen auf die Fahne schreiben, dass jedes eingeschulte Kind die letzten 100 Meter zur Schule mit Zuckertüte rückwärts läuft.

Und was müsste auf höherer Ebene passieren?
Es gibt für mich viele offene Fragen im Sport. Die Wichtigste: Im Sport steckt so viel Qualität für Gesellschaft und Biografien. Die soziale Bedeutung wird immer wieder hervorgehoben. Warum ist es dann nicht viel mehr üblich, dass Sport auch als Arbeitsfeld anerkannt und gefördert wird. Wir dürfen diese Qualitäten – übrigens auch in den anderen Nicht-Pisa-Fächern Musik und Kunst – nicht verkümmern lassen.

Im ehrenamtlichen Bereich sieht es hingegen anders aus: Hier ist Sport ein wichtiges Betätigungsfeld für Ehrenamtler…
Das Ehrenamt ist eine tolle Sache, aber nicht systemisch. Es ist eher Zufall, wo ein Ehrenamt ausgeübt wird. Wir können nicht erwarten, dass aus dem Ehrenamt heraus viele neue Sachen entstehen. Beispielsweise einen Basketballverein in Buch oder Weißensee, wo es noch keine gibt. Andererseits geht es um ganzheitliche Ideen für einen Kiez, einen Bezirk oder die ganze Stadt. Auf welche Weise sollen Sport und Schule harmonieren? Darüber müssen wir uns Gedanken machen.

Sie haben sich anscheinend schon Gedanken gemacht…
Das ist mein Leben, ja. Ich bin ja dankbar, dass ich diesen Job machen kann. Und zwar nicht als Ehrenamt (lacht).

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