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Bild: Anja Karrasch
Spargeschichte

Vom Münzschatz zum Glücksschwein

Warum haben so viele Menschen ein Sparschwein? Was bedeutet „Auf die hohe Kante legen“ und warum sparen gerade die Deutschen so gerne? Ein Rundgang durch die Ausstellung „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“ im Deutschen Historischen Museum Berlin.

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hristin Noll begrüßt mich und meinen 14-jährigen Sohn Liam im sonnendurchfluteten ersten Stock des Anbaus des Deutschen Historischen Museums in Mitte lächelnd mit einem lockeren Händedruck. Wir sind gespannt, was wir auf dem Rundgang durch die Geschichte des Sparens mit der 29-jährigen Kunsthistorikerin in der nächsten Stunde erfahren werden.

Ein vergrabener Münzschatz

Am Eingang der Ausstellung erwartet uns das plakatgroß präsentierte Cover der griechischen Zeitschrift „Crash“, auf der Angela Merkel in Handschellen im Sträflingsanzug gezeigt wird. Gegenüber titelt die Berliner BZ stolz: „Darum stehen wir so gut da!“ Ein interessanter Einstieg in die Ausstellung, der darauf hinweist, dass das „deutsche Sparwunder“ auch kritisch gesehen wird.

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Bild: Anja Karrasch
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enige Meter weiter tauchen die Besucher dann ein in die deutsche Spargeschichte. Christin Noll zeigt auf den Boden, in dem geschützt durch Glas ein Haufen von Münzen zu sehen ist. Sein Besitzer hatte ihn um 1640 im bayerischen Kornöd vergraben. „Warum haben die Leute denn ihr Geld verbuddelt?“, wundert sich Liam und erfährt, dass Münzen aus Gold und Silber seit Jahrhunderten angespart wurden, verwahrt im Sparstrumpf oder Blumentöpfen.

In Krisen- und Kriegszeiten wurde das Geld häufig in Haus und Hof versteckt oder vergraben, um zu verhindern, dass es in falsche Hände geriet. So wie der Besitzer des Münzschatzes während des Dreißigjährigen Krieges. Daher kommt auch die Redewendung „Etwas auf die hohe Kante legen“. Denn ein beliebtes Versteck war ebenfalls der obere Rahmen eines Himmelbettes, die hohe Kante. „Banken für Jedermann, wie wir sie kennen, gab es damals noch nicht“, erklärt Christin Noll. Erst 1778 wurde die erste Sparkasse in Hamburg gegründet, die sich vor allem an die armen Bevölkerungsschichten wie Bergleute und Seeleute richtete. Zuvor waren es Kirchenorden oder handwerkliche Vereinigungen gewesen, die in Notzeiten verarmte Menschen unterstützten: Man zahlte gemeinschaftlich ein und in Notsituationen wurde Geld ausgezahlt.

Die wohltätigen Motive hatten aber auch einen erzieherischen Effekt. Die Botschaft lautete, dass nur wer arbeitet, fleißig ist und sparen kann. Nach der Gründung der Berliner Sparkasse vor 200 Jahren konnten dann auch die Berliner ihr Geld gegen Zinsen zur Bank bringen, um für schlechte Zeiten vorzusorgen. Paradox: Gerade die Armen, für die die Banken gegründet worden waren, konnten allerdings wenig oder gar nichts auf die hohe Kante legen. Uns überrascht, dass auch heute noch 40 Prozent der Deutschen über keine Ersparnisse verfügen.

Interaktive Stationen zum Anfassen

Eine der sieben inklusiven und interaktiven Stationen in der Ausstellung präsentiert einen Sparstrumpf und ein Sparbuch von 1826 mit handschriftlichen Eintragungen von Geldeinzahlungen zum Anfassen und Durchblättern. Eine willkommene Abwechslung zu den hunderten Objekten, Plakaten, zeitgenössischen Bildern und Fotografien, die auf den petrolblauen Stellwänden chronologisch die Geschichte des Sparens dokumentieren.

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Bild: Anja Karrasch

Wie das Sparen politisch instrumentalisiert wird, veranschaulichen Fotografien mit wartenden Menschen vor Banken, die während des Ersten Weltkriegs ihr Erspartes in Kriegsanleihen investierten. Eine weitere Station, die Inflationswaage, macht eindrücklich erfahrbar, was der Werteverlust des Geldes während der Weimarer Republik bedeutete: Eine Fahrkarte für den Bus oder die Tram kostete während der eskalierenden Inflation 1923 unvorstellbare 150 Milliarden Mark.

Auch Kinder werden früh zum Sparen angehalten. Ein Schulsparkassen-Automat steht in der Ausstellung, wie er in vielen deutschen Schulen zu finden war.

Erstaunlich: Sogar während des Nationalsozialismus und des 2. Weltkriegs sparen die Deutschen weiter. Die Nazis werben erfolgreich mit Sparprogrammen zur Finanzierung von Rüstungsgütern. In der Ausstellung sind Modelle des so genannten „Kraft durch Freude“ Wagens zu sehen, dem Vorläufer des VW-Käfers, mit dem die Menschen zum Sparen motiviert wurden. Wir erfahren, dass nur einige KdF-Wagen gebaut wurden, die allerdings nicht an die Sparer und Sparerinnen ausgeliefert wurden, sondern an Funktionäre und das Militär. Stattdessen wurden von dem eingenommenen Geld Panzer und andere Rüstungsgüter produziert.

„Haben die Leute nicht gemerkt, dass sie belogen wurden?“, ist Liam erstaunt. „Nein, im Gegenteil, die Sparprogramme waren sehr erfolgreich. Jeder hatte ein Sparbuch“, erläutert Christin Noll. Arbeiten und Sparen wird national aufgewertet und die staatliche Sparförderung mit völkischer Ideologie verbunden. Was zuvor positiv mit dem Sparen verknüpft wurde, wird nun als spezifisch deutsch umgedeutet, wie Plakate mit Slogans wie: „Deutsche Art bewahrt, wer arbeitet und spart“ oder „Schaffendes Volk – Sparendes Volk“ illustrieren.

Sparsame Hausfrauen und Kinder

Als würde nun die Sonne aufgehen nach diesem dunklen Kapitel der deutschen Spargeschichte sind die folgenden thematisch gegliederten Ausstellungsräume in einem leuchtenden Gelb gehalten. Die unterschiedlichen Rollen von Männern und Frauen auch beim Sparen zeigt ein skurriler Film aus den 1950er-Jahren. Darin wird eine deutsche Hausfrau durch einen „Engel“ in Anzug und Krawatte angeleitet, sparsam mit dem vom Ehemann hart erarbeiteten Geld hauszuhalten.

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Bild: Anja Karrasch

Auch Kinder werden früh zum Sparen angehalten. Ein Schulsparkassen-Automat steht in der Ausstellung, wie er in vielen deutschen Schulen zu finden war. Wer zehn Pfennig in den Schlitz warf, bekam einen Sparschein, der später auf dem Sparkassenbuch gutgeschrieben wurde. Im Dialog mit Christin Noll gibt es einen Aha-Effekt, denn auch heute wird in der Schule die Klassenkasse genutzt, um Geld für gemeinsame Aktionen anzusparen.

Das Schwein: Symbol für Glück und Wohlstand

Eine lustige Station am Ende des Rundgangs mit Sparsymbolen lüftet das Rätsel, warum auch heute noch jeder zweite Deutsche ein Sparschwein besitzt. Das Schwein symbolisiert Glück und Wohlstand, denn wer sich ein Schwein leisten konnte und lang genug mästete, galt als gut situiert und hatte genug zu essen.

Unser Fazit: Die Fülle an Material und Informationen wurde durch die lebendige Führung und die interaktiven Stationen anschaulich vermittelt. Ein lohnender Besuch für erwachsene und junge Besucher.

Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend
bis zum 26. August 2018
Deutsches Historisches Museum
Unter den Linden 2, 10117 Berlin

Information und Buchen einer Führung:
E-Mail: fuehrung@dhm.de, Tel. (030) 20 304-750

Exklusive Führung für Akzente-Leser_innen

Wir verlosen Plätze für eine exklusive Führung durch die Sonderausstellung im DHM am 30.6. für 50 Leserinnen und Leser von Berliner Akzente.

Zur Teilnahme senden Sie bitte eine E-Mail mit Stichwort „DHM” bis 10.6.2018 an berliner.akzente@berliner-sparkasse.de oder Postkarte an Berliner Akzente, Alexanderplatz 2, 10178 Berlin.

Ausstellung für alle – inklusive Führungen

Die Ausstellung spricht mehrere Sinne an und lädt zum Sehen, Hören und Tasten ein. Die Gestaltung ist in weiten Teilen barrierefrei. Alle Ausstellungstexte sind in Deutsch und Englisch. Die Haupttexte stehen zusätzlich in Braille, Großschrift, Leichter Sprache und in Deutscher Gebärdensprache zur Verfügung. Die Ausstellungsstücke werden auf unterschiedlichen Höhen präsentiert, die meisten Vitrinen sind für Rollstühle unterfahrbar. Die Farbgestaltung ist kontrastreich.

Inklusive Führungen am Donnerstag
Die öffentlichen Führungen am Donnerstag laden alle Besucherinnen und Besucher zu einem Austausch untereinander ein. Dabei gibt es auch inklusive Angebote:

Führungen für Blinde und Sehbehinderte:
Jeden 1. Donnerstag im Monat, 16 Uhr

Führungen in Deutscher Gebärdensprache:
Jeden 2. Donnerstag im Monat, 16 Uhr

Führungen in Einfacher Sprache:
Jeden 3. Donnerstag im Monat, 16 Uhr

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