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Titel Ratgeber Recht
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Ratgeber

Vertragen statt klagen

Kommt es im Beruf, im Verkehr, mit Behörden oder im privaten Umfeld zu Streit, kann ein Anwalt helfen, Recht zu bekommen. Manchmal ist bei Konflikten der teure Gang zum Gericht aber gar nicht nötig. „Berliner Akzente” über Anwälte, Schlichter und Mediatoren.

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areike hatte sich riesig auf den Urlaub gefreut. Zwei Wochen Entspannung pur. Mit herrlichem Blick aufs Meer – so war es auf dem Foto im Reisekatalog zu sehen. Dann die Enttäuschung. Statt freier Sicht auf die Wellen, konnte sie dem Kranführer von der Baustelle neben dem Hotel fast in die Augen schauen, der Ausleger des Hebekrans schwenkte fast minütlich in die idyllische Aussicht. Lärm und Staub inklusive.

Hotel neben Baustelle – jetzt Anwalt nötig

Dabei hatte Mareike nicht wenig für die Unterkunft in Strandnähe bezahlt. Jetzt will sie Geld vom Reiseveranstalter zurück, doch der hebt beschwichtigend die Hände. Ein Fall für den Rechtsanwalt. Doch wie den richtigen Anwalt finden? Und ist ein Rechtsstreit der einzige Weg, zu seinem Recht zu kommen – oder gibt es auch Alternativen?

Paar Streit
1. Platz: Privatleben. 40,1 Prozent aller Streit­fälle enstehen im privaten Umfeld. Das reicht von der Scheidung – mit einem Drittel aller Fälle die Streit­ur­sache Nummer 1 im Privat­recht – über die Erb­schaft bis zum Streit mit einem Reise­ver­an­stalter. Bild: Shutterstock

Ärger mit Tourismusanbietern ist ein häufiger Grund, warum sich Menschen in Deutschland streiten. Gleich nach Scheidung oder Trennung und dem Gerangel ums Erbe stehen Reisemängel auf Platz drei, wenn es ums Privatrecht geht.

Nach dem Unfall kommt der Krach vors Gericht

Auch wenn’s im Straßenverkehr gekracht hat, geht’s zwischen den Unfallgegnern oft heftig zur Sache. Aber der Anwalt, der Mareike bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Reiseveranstalter schließlich zu ihrem Recht verholfen hat, kann ihrem Freund Paul womöglich gar nicht helfen, der eine Mitschuld am Crash auf der Kreuzung weit von sich weist. Denn Anwälte haben sich üblicherweise auf ein oder mehrere Fachgebiete spezialisiert.

Unfall
2. Platz: Straßen­verkehr. 27,9 Prozent der Fälle liegen auf der Straße. Hier gibt es mit einem Plus von 3,2 Prozent­punkten auch den größten Zuwachs an Rechts­streitig­keiten. Die häufig­sten Streitgründe sind Verkehrs­unfälle, Ge­schwin­dig­keits­über­schrei­tungen und Mängel beim Kauf eines Autos. Bild: Shutterstock

Auskunft über Anwälte in der Nähe bekommt man bei der Anwaltskammer – unterteilt nach den Fachgebieten von A wie Arbeitsrecht bis V wie Verwaltungsrecht. Auch Paul wird hier fündig. Doch bevor er den ausgewählten Anwalt aufsucht, will er zumindest in etwa wissen, was an Kosten bei einem Rechtsstreit auf ihn zukommen könnte. Dabei hilft ihm der Prozessrechner im Internet.

Anwaltshonorare gehen schnell in die Tausende

Nur zwei Beispiele: Bei einem Gerichtsverfahren vor einem Amtsgericht ist bei einem Streitwert von 5.000 Euro mit Verfahrensgebühren von 440 Euro und einem Honorar für den Anwalt von bis zu 1.800 Euro zu rechnen. Im Schnitt dauert so ein Verfahren gute sieben Monate. Liegt der Streitwert bei 50.000 Euro und wird der Fall in erster Instanz vorm Landgericht verhandelt, dauert das Verfahren meist schon länger als ein Jahr. Die Gebühren belaufen sich dann schon auf 1.600 Euro, der Anwalt stellt für seine Arbeit um die 7.000 Euro in Rechnung.

Eine Rechtsschutzversicherung übernimmt im besten Fall alle Anwalts- und Gerichtskosten.

Auf der sicheren Seite ist, wer eine Rechtsschutzversicherung hat. Die übernimmt im besten Fall alle Anwalts- und Gerichtskosten. Doch nicht jede Streitigkeit landet vor Gericht. Manchmal reicht eine Beratung beim Anwalt. Oder es hilft der Gang zum Schiedsamt, um Ärger aus der Welt zu schaffen.

Kuendigung
3. Platz: Arbeit. Stress im Job gibt es bei 13,4 Prozent der Fälle. Das geht vom Streit mit dem Arbeit­geber über das Gehalt, das Arbeits­zeugnis, eine Ab­mahnung, Verset­zung oder die Arbeits­zeit bis zur Klage auf Wieder­ein­stellung nach einer Kündi­gung. Bild: Shutterstock

Die Schiedsämter, in Berlin angesiedelt bei den Bezirksämtern, versuchen bei Fällen wie Sachbeschädigung oder Beleidigung Lösungen zu finden. In Charlottenburg-Wilmersdorf beispielsweise gibt es acht Schiedsamtsbereiche, aufgeteilt nach Straßenzügen. Die Verfahrensgebühren: maximal 38 Euro.

Schlichtung und Mediation als günstige Alternative

Nicht die einzige Alternative: Vielfach helfen auch Schlichtung oder Mediation. „Beides ist zwar nicht ganz so kostengünstig wie ein Besuch beim Schiedsamt, geht aber meist erheblich schneller als ein Gerichtsverfahren – und ist vertraulich”, erklärt Franka Klar.

Die Volljuristin berät in Diensten der Industrie- und Handelskammer Berlin zu den verschiedenen Möglichkeiten, sich außergerichtlich zu einigen. Bei ihr laufen die Fäden vom Berliner Bündnis Außergerichtliche Konfliktbeilegung zusammen. „Wir bündeln die bestehenden Angebote und fungieren als Wegweiser”, erläutert die 40-Jährige.

„Eine Gerichtsentscheidung macht die eine Partei zum Gewinner, die andere zum Verlierer. Mediation, Schlichtung oder Schiedsverfahren führen dagegen zu einvernehmlichen Lösungen.” Franka Klar, IHK Berlin

Gestritten worden sei schon immer – vorzugsweise vor Gericht. Allerdings könne ein Urteil nicht immer den eigentlichen Konflikt hinter der Klage beilegen. Und: „Eine Gerichtsentscheidung macht die eine Partei zum Gewinner, die andere zum Verlierer. Mediation, Schlichtung oder Schiedsverfahren führen dagegen zu einvernehmlichen Lösungen.”

Gestoerte Nachtruhe
4. Platz: Wohnen. Streit über die Betriebs­kosten­ab­rechnung oder die Miet­er­hö­hung bis zur Klage gegen die Kündi­gung einer Wohnung – 11,2 Prozent der Fälle drehen sich um Haus oder Wohnung. Ziemlich häufige Streitur­sache sind auch Streitig­keiten zwischen Nach­barn. Bild: Shutterstock

Während bei einer Schlichtung üblicherweise ein „tatsächliches Problem” gelöst werden soll, geht es bei der Mediation nicht selten um Zwischenmenschliches, „um Dinge, bei denen ein Dialog notwendig ist”. Anders als bei der Mediation schlägt ein Schlichter am Ende eine Entscheidung vor. Die Kosten für beide Verfahren belaufen sich im Schnitt auf etwa 2.000 Euro – je nach benötigter Stundenzahl.

Lederjacke gereinigt – Knöpfe geschmolzen

Manchmal würden Verbraucher bei ihr anrufen, die Ärger hätten mit ihrer Textilreinigung, erzählt Franka Klar. Beispielsweise habe jemand eine Lederjacke reinigen lassen, deren Knöpfe durch die Reinigung geschmolzen seien. In dem Fall konnte sie auf die Schiedsstelle für Textilpflege in Hamburg verweisen, einer gemeinsamen Einrichtung von Innung und Verbraucherzentrale.

Bei Verbraucher-Angelegenheiten sei die Schlichtung oder Mediation oft nicht der optimale Weg, wenn es etwa um erheblich überhöhte Reparaturkosten für Haushaltsgeräte geht. „Da ist der Ärger verständlicherweise groß. Aber sowohl der Gang zum Anwalt als auch ein Mediationsverfahren wären viel teurer, als die Reparatur de facto gekostet hat”, erläutert Juristin Klar.

Steuer
5. Platz: Behörden. Rund 7,5 Prozent der Kläger liegen mit Verwal­tung oder Finanz­amt im Clinch. Bild: Shutterstock

Manchmal geht’s auch gar nicht um materielle Werte. Sondern da hat der Gartenzwerg das optische Empfinden des Nachbarn so sehr gestört, dass er den zipfelmützigen Gesellen kurzerhand versteckt hat. Einen solchen Streit vor Gericht austragen? Das würde bedeuten, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. „Eine Mediation kann die Lösung sein”, sagt Klar. „Es hat schon viele Konfliktparteien überrascht, wie sich dadurch verhärtete Fronten aufgelöst haben.” Außerdem sei es sicher besser, das Band zum Nachbarn nicht dauerhaft zu zerschneiden.

Ähnlich sei es bei Konflikten zwischen Eltern und Lehrern. Auch erbrechtliche Auseinandersetzungen könnten unter Umständen in einem Mediationsverfahren gelöst werden. „Klappt es nicht, steht ja immer noch der Gerichtsweg offen.” Ebenso, wenn eine Schlichtung zwischen Kunden und Kfz-Werkstatt nicht funktioniert. Aus ihrer Erfahrung sei es oft möglich, sich außergerichtlich zu einigen. In vielen der zivilrechtlichen Streitigkeiten helfe aber nur noch der Gang zum Anwalt, schätzt Klar ein, „wenn sich die Gegenseite stur stellt”.

Hier finden Sie den richtigen Anwalt:
www.rak-berlin.de
(Berliner Rechtsanwaltskammer)
www.anwalt.de

Infos zu außergerichtlichen Schiedsverfahren:
www.schlichten-in-berlin.de

Rechtsschutzversicherung bei der Berliner Sparkasse:

Bekommen Sie Ihr gutes Recht! Gemeinsam mit der ÖRAG bietet die Berliner Sparkasse…

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„Oft genügt schon eine Rechtsberatung”

Mehr als 163.000 Rechtsanwälte gibt es in Deutschland, rund 14.000 sind es allein in Berlin. Wie soll man da im Fall der Fälle den richtigen finden? Rechts­anwältin Claudia Frank, stell­vertretende Vorsitzende des Berliner Anwaltsvereins, weiß Rat.*

Claudia Frank
Bild: Christoph Schieder

Laut einer Umfrage von Stiftung Warentest verlässt sich rund jeder Fünfte bei der Suche nach dem richtigen Helfer in juristischer Not auf den Rat von Freunden und Verwandten. Was raten Sie?

Claudia Frank: Ich würde immer direkt über die einschlägigen Portale im Internet suchen. Bei anwalt.de beispielsweise sind aktuell 1.363 Rechtsanwälte aufgelistet, unterteilt nach Tätigkeitsschwerpunkten. Auch die Rechtsanwaltskammer Berlin ist eine gute Adresse.

Streitende Maenner
Männer sind laut „Streit­atlas 2017” übrigens sehr viel streit­freudi­ger als Frauen: Mehr als zwei Drittel aller Streitig­keiten werden von Männern aus­ge­tra­gen (67,1 Prozent). Bild: Shutterstock

Die Kammer darf keinen Anwalt vermitteln, bietet aber eine gute und objektive Übersicht. Hilfesuchende sollten gleich die Rubrik „Fachanwälte” anklicken. Da sind alle 23 Fachanwaltschaften aufgelistet vom Arbeitsrecht über Bank-, Miet-, Medizin-, Straf- und Steuerrecht bis zum Verkehrs- oder Verwaltungsrecht.

Warum sollte es ein Fachanwalt sein?
Fachanwalt darf sich nur nennen, wer mindestens 80 bis 160 Fälle aus einem bestimmten Rechtsgebiet vor Gericht oder Behörden ausgetragen hat, also eine umfangreiche praktische Erfahrung gesammelt hat. Außerdem muss ein Lehrgang von unterschiedlicher Dauer absolviert werden, der mit drei Klausuren endet.

Landgericht Berlin
Berlin streitet unter allen Bundes­ländern am meisten – mit 31,2 Streit­fällen pro 100 Ein­wohner, gefolgt von Nord­rhein-West­falen und Ham­burg mit jeweils 28,8 Streit­fällen. Die wenig­sten Fälle gab es in Bayern (21,3 Fälle pro 100 Ein­wohner). Bild: Shutterstock

Nach bestandener Prüfung muss man einen Antrag auf Verleihung des Fachanwaltstitels bei der jeweiligen Anwaltskammer stellen, die entweder den Titel sofort verleiht oder noch ein Gespräch mit dem jeweiligen Anwalt führt. Auch wenn man den jeweiligen Fachanwalt erworben hat, muss man pro Jahr mindestens 15 Stunden Fortbildungskurse nachweisen, anderenfalls wird der Titel wieder entzogen. Der Mandant kann davon ausgehen, dass ein Fachanwalt stets auf dem neuesten Stand ist, was die aktuelle Gesetzeslage und Rechtsprechung angeht.

Wie kann ich ermitteln, welche Kosten bei einem Rechtsstreit auf mich zukommen?
Einen guten Anhaltspunkt bietet der Prozessrechner im Internet. Die Höhe der anfallenden Gebühren richtet sich nach dem jeweiligen Streitwert und ist im Rechtsanwaltsvergütungsgesetz geregelt. Viele Anwälte haben auf ihrer Website die Gebührenberechnung dargestellt, werden diese beim Erstkontakt selbstverständlich mitteilen. Sofern der Mandant im Netz recherchiert, bekommt er zumindest eine Orientierung, was an Gebühren auf ihn zukommen kann.

Aber es kommt ja längst nicht immer zum Rechtsstreit…
Richtig. Vielfach genügt eine Rechtsberatung, eine einzelne Konsultation. Beispielsweise, wenn jemand seinen Steuerbescheid anfechten will, für den Anwalt aber schnell ersichtlich ist, dass die Steuernachzahlung richtig festgesetzt wurde, oder bei einer Kündigung, ob diese gerechtfertigt ist oder nicht. Auch bei einer Mieterhöhung kann es sein, dass der Vermieter formal alles richtig gemacht hat.

Was kostet eine Erstberatung?
Für Privatleute fallen maximal 190 Euro an. Beratungen werden üblicherweise auch von den Rechtsschutzversicherungen getragen. Manche zahlen aber erst, wenn es wirklich zu einem Rechtsstreit kommt. Das hängt letztendlich von dem Umfang der Versicherung ab.

Im Berliner Anwaltsverein sind 4.400 in der Hauptstadt niedergelassene Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte organisiert. Die Wurzeln dieser Interessenvertretung reichen zurück bis ins Jahr 1853. Es ist der größte Verein innerhalb des Deutschen Anwaltsvereins.

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