Titel Morus 14
Bild: Annette Leyssner
Kiezkonto Neukölln

Lerntandems für eine bessere Zukunft

Im Neuköllner Rollbergkiez verlassen viele Kinder die Schule ohne Abschluss. Ein Mentorenprogramm soll junge Menschen bis zum Berufseinstieg begleiten und Hartz IV-Karrieren vermeiden. Der Verein MORUS 14 vermittelt die Kontakte.

H

ussein kommt in letzter Sekunde durch die Tür gehuscht. Für den Termin mit seinem Mentor Daniel Gruschke musste der 13-Jährige diesmal nicht nur seine Hausaufgaben zusammensuchen, sondern das Haar extra sorgfältig stylen – schließlich sollen heute Fotos für einen Presse-Artikel gemacht werden.

Morus 14
Die wöchentlichen Treffen finden in Räumen des Vereins MORUS 14 statt. Heute hat Hussein sein Englischbuch mitgebracht und übt die Aussprache. Bild: Annette Leyssner

Seit fast fünf Jahren sind der Gymnasiast Hussein und der 36-jährige Daniel Gruschke ein Team. Zusammengebracht hat die beiden der Verein MORUS 14. Er betreibt ein Gemeinschaftshaus im Rollbergkiez, in dem Menschen aus über 30 Nationen zusammenleben und 45 Prozent der Bevölkerung Transferleistungen beziehen. Der Fokus der Angebote von MORUS 14 liegt auf Bildung und Hilfe beim Berufseinstieg für Jugendliche.

Mehr als einfach nur Nachhilfe

Es geht bei dem Lernpatenschaftsprojekt nicht nur um die Vermittlung von Algebra und das Abfragen von Vokabeln. Mindestens genauso wichtig ist es, grundlegende Einstellungen zu vermitteln, die im Bildungsbürgertum selbstverständlich sind. „Im Rollbergkiez aber eher nicht“, sagt Gilles Duhem, der Geschäftsführer von MORUS 14. „Was bedeutet es zum Beispiel, einen Termin zu haben? Man ist zum verabredeten Zeitpunkt da. Es ist nicht in Ordnung, nicht zu erscheinen, weil ein Kumpel einen spontan zum Fußballspielen einlädt oder der Onkel zu Besuch vorbeischaut.“

Morus 14 Fazaa
Gilles Duhem leitet den Verein MORUS 14 und ist Ansprechpartner für viele Jugendliche im Kiez. Bild: Privat

Die wöchentlichen Treffen zwischen Mentee und Mentor finden in Räumen statt, die der Verein von verschiedenen Akteuren aus der Nachbarschaft gegen eine Beteiligung an den Betriebskosten nutzen darf. „Eine ruhige Umgebung ist wichtig, und das ist in den Elternhäusern der Kinder nicht immer gegeben“, berichtet Duhem. Eine Mentorin erzählte beispielsweise, beim Besuch bei ihrem Schüler zuhause habe sie gefragt, wo der Junge normalerweise seine Schulaufgaben erledige. Da zeigten die Eltern ihr eine Nische hinter einem Vorhang, ein Stück Pappe zum auf die Knie legen ersetzte den Schreibtisch.

„Unabhängig davon, ob sie einen Migrationshintergrund hätten oder nicht, erfassen viele Eltern im Kiez die Bedeutung von Bildung für die Zukunft ihrer Kinder nicht“, bedauert Duhem. Husseins Eltern haben die Chance, die das „Netzwerk Schülerhilfe Rollberg“ ihren Söhnen gibt, erkannt. „Das Abitur als Minimum“, haben sie ihrem Sohn ans Herz gelegt. Auch Husseins ältere Brüder haben von dem Mentorenprogramm von MORUS 14 profitiert und studieren mittlerweile.

Eine Bereicherung für alle

Natürlich ist der Austausch auch für Mentoren bereichernd. Daniel Gruschke hat an der HU promoviert und arbeitet für den Vorstand der Charité. Bereits als Student engagierte er sich in verschiedenen sozialen Projekten. Hussein begleitet er seit der 3. Klasse. Dass der gebürtige Bayer einen christlichen Hintergrund hat und schwul ist, sei nie ein Thema gewesen. „Mensch ist Mensch“ so seine Devise und die seiner Eltern, berichtet Hussein. Daniel Gruschke wiederum hat der enge Kontakt mit arabischen Familien dazu gebracht, sich näher mit dem Islam zu beschäftigen.

„Daniel ist nicht mein Nachhilfelehrer. Daniel ist Familie.“ Hussein

„Daniel ist nicht mein Nachhilfelehrer. Daniel ist Familie“, sagt Hussein nicht ohne Stolz. Nach dem Lernen geht es oft noch in die Pizzeria oder sie machen am Wochenende Ausflüge. Beide zeigen Handyfotos ihrer gemeinsamen Erlebnisse. Auf einem Bild lehnt sich Hussein aus dem Fenster eines Trabbis, ein Highlight des gemeinsamen Besuchs im Technik-Museum. Auf einem anderen Bild sitzt der 13-Jährige vor einer Platte Sushi, souverän mit Stäbchen hantierend. Daniel bringt zum Unterricht gern Mohnkuchen mit. Husseins Familie bedankt sich schon mal mit einer Einladung zum Essen. Manaisch, eine mit Sesam, Thymian und Minze gewürzte Pizza, „macht süchtig“, sagt Daniel Gruschke. Auch gut: der libanesische Frischkäse Labneh mit Schwarzkümmel und grünen Oliven. „Deine Mutter trägt zu meinem Hüftgold bei“, sagt Daniel und streicht sich über die Seiten. „Hüftgold?“ Hussein schaut seinen Mentor fragend an, der die Bedeutung erklärt. Wieder was gelernt.

Morus 14 Hussein Seepferdchen
“Der Freischwimmer ist geschafft. Jetzt kommt das Abitur.” Bild: Privat

Anspruchsvolle Projekte außerhalb des Schulalltags haben die beiden auch schon bewältigt. „Daniel hat mir das Schwimmen beigebracht und mich bis zum Schwimmabzeichen trainiert – erst das Seepferdchen und dann den Freischwimmer“, berichtet Hussein stolz. Was Daniel Gruschke imponiert, ist Husseins Disziplin – nicht nur beim Sport, sondern auch was seine schulische Karriere angeht. „Daniel dachte, ich würde mich früher oder später von ihm trennen, dass mir das zu viel würde mit den Lerntreffen. Schließlich spiele ich auch noch Fußball und gehe in die Moschee“, sagt Hussein. Aber das sei nie in Frage gekommen. „Er will es selber – die Treffen und zumindest erstmal das Abitur erreichen“, zeigt sich sein Mentor beeindruckt. Will Hussein dann auch studieren? „Auf jeden Fall!“ Am liebsten auf Lehramt. Ob die Fächerkombination nun Sport und Geschichte oder Mathematik sein soll, lässt der 13-Jährige noch offen.

Ausgezeichnete Arbeit

Dass MORUS 14 eine wichtige Anlaufstelle nicht nur für Hussein, sondern auch für andere junge Menschen aus dem Kiez geworden ist, zeigt sich schon bei einem kurzen Aufenthalt in den Räumen des Vereins. Zwei Mädchen kommen spontan im Büro vorbei. Sie wollen studieren, ihre Eltern sind dagegen, und jetzt wissen sie nicht weiter. Ein Mitarbeiter des Vereins wird sich bemühen, zu vermitteln. Diese ehrenamtlich erbrachten Leistungen bleiben nicht unbemerkt: Urkunden pflastern die Wände der Büroräume von MORUS 14. „Botschafter der Toleranz“, „Deutscher Engagementpreis“ und der „Hauptstadtpreis Integration und Toleranz“ sind nur einige der Auszeichnungen, mit denen der Verein bisher bedacht wurde. „Natürlich freut uns das, aber von Schulterklopfen können wir unsere Angebote nicht finanzieren“, sagt der Geschäftsführer Gilles Duhem. MORUS 14 erhält keine verlässliche Regelförderung und ist auf Spenden angewiesen. Mit 300 Euro kann man einem Kind ein Jahr lang die Teilnahme an dem Programm „Netzwerk Schülerhilfe Rollberg“ ermöglichen. Zurzeit nehmen etwa 100 Kinder dieses Förderangebot wahr.

Gemeinsam für mehr Chancengleichheit

Sich gemeinsam für den Kiez stark machen, soziale Projekte direkt vor der Haustür unterstützen: Die Berliner Sparkasse fördert die Arbeit von MORUS 14 seit vielen Jahren. Mit dem Kiezkonto Neukölln möchte sie noch mehr Unterstützer für das „Netzwerk Schülerhilfe Rollberg“ gewinnen. Die Idee: Bürger und Unternehmen sammeln gemeinsam Spenden, damit junge Menschen aus bildungsfernen Familien Schule und Berufseinstieg meistern.

Vielen Dank für Ihre Spende!

Kiezkonto Neukölln

Stiftung Berliner Sparkasse – von Bürgerinnen und Bürgern für Berlin

IBAN: DE21 1005 0000 0190 7075 93

Girocode Kiezkonto

Lernpaten gesucht!

Wer sich als Lernpate ehrenamtlich bei MORUS 14 engagieren möchte, erhält Informationen unter Telefon 030-68 08 61 10

www.morus14.de

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