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Titel Mieten Statt Kaufen
Bild: Grover
Besitz auf Zeit

Mieten statt kaufen: Möbel, Technik oder Kleidung einfach leihen

Warum ein Auto kaufen, nur um ab und an mal von A nach B zu gelangen? Die Bohrmaschine lässt sich bei Bedarf beim Nachbarn leihen, die Schleifmaschine fürs Parkett beim Baumarkt. Mieten statt kaufen ist bei vielen Dingen längst selbstverständlich. Berliner Startups entwickeln dafür die passenden Geschäftsmodelle. Sharing Economy ist das Schlagwort der Stunde. Alles ist mietbar – Möbel und Mode, Smartphone und Spielekonsole.

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ür Nadine Deuring stand fest: In dieser Kreuzberger Wohnung würde sie nur ein dreiviertel Jahr bleiben. Sie war nur zur Überbrückung gedacht, der Mietvertrag lief deshalb nur über exakt neun Monate. Da würde es nicht lohnen, die vier Wände wohnlich einzurichten. Lieber in einer leeren Wohnung leben als sich mit dem falschen Interieur zu umgeben, war ihre Devise. „So lief es darauf hinaus, dass ich nur eine Matratze hatte und einen Kleiderschrank“, erzählt die 32-Jährige. Auch ihre heutige Geschäftspartnerin Laura Seiler war in den vergangenen Jahren „extrem viel umgezogen“. Bedingt durch Jobwechsel „und dem Wunsch nach der perfekten Wohnung“.

Lyght Living: Möbel und Wohnaccessoires mieten

Mehr als einmal hatten die beiden Berlinerinnen die Erfahrung gemacht: „Umziehen mit Möbeln ist Kräfte zehrend, ist teuer und macht keinen Spaß“. Das brachte sie auf ihre Geschäftsidee: Sie kündigten ihre Jobs und gründeten 2019 die Möbelvermietung Lyght Living. „Grundsätzlich alles aus dem Wohnbereich“ kann man bei ihnen mieten. Kleiderständer und Schränke, Tischleuchten und Stühle. 250 Produkte sind auf der Online-Plattform im Angebot, von 50 Marken zu unterschiedlichsten Preisen, Allerweltsmöbel ebenso wie Design-Unikate.

Lyght Living Seiler (li.) Deuring (re.)
Bild: Lyght Living

Möbel mieten: Schwarze und weiße Betten gehen immer

Die Kunden seien meist Leute, die gerade „heftig mit ihrem Umzug beschäftigt“ seien und dringend die Haupt-Möbelstücke brauchten – Bett, Matratze, Sofa. „Unsere Klassiker im Sortiment sind schwarze und weiße Betten, die ziehen immer“, sagt Nadine Deuring. Die Zielgruppe: Digital Natives zwischen Mitte 20 und Mitte 40. „Viele sind Berufseinsteiger, die eine Grundvorstellung davon haben, wie sie eingerichtet sein wollen, aber keine Lust haben, sich lange mit Auswahl und Möbelkauf zu belasten“, umschreibt sie ihre Klientel. „Bei uns gibt es nicht 300 verschiedene graue Sofas, sondern nur eine Handvoll in zwei Preisklassen – eine kuratierte Auswahl für Leute, die schnelle Entscheidungen treffen wollen.“

Je nach Zustand: Möbel werden häufiger genutzt

Je länger die Mietdauer, um so günstiger wird es. Die durchschnittliche Mietzeit liege bei knapp zwölf Monaten, sagt Nadine Deuring. Die Möglichkeit, gemietete Möbel zu kaufen, würden nur wenige nutzen. Häufiger sei der Möbeltausch. „Wenn Leute nach ihrem Umzug merken, dass sie eher noch einen Sessel als einen Tisch brauchen.“ Aber auch den nicht besitzen wollen, weil sie irgendwann weiterziehen und sich dann nicht darum kümmern wollen, ihr Interieur wieder loszuwerden. Der Kunde bekommt bei Lyght Living nicht unbedingt neue Möbelstücke, „aber immer neuwertige“, unterstreicht Deuring. Viele Produkte seien jetzt schon im dritten Mietzyklus und hätten ja auch eine unterschiedliche Lebensdauer, weil Stehlampen beispielsweise weniger genutzt würden als Sofas. Kippt auf Letzteres mal ein Glas Rotwein und es entsteht ein Schaden: Lyght Living bietet eine Versicherung an, die 90 Prozent der Kosten abdeckt.

Möbel mieten in Berlin

Mehr zum Angebot von Lyght Living: www.lyght-living.de

Grover: Fernseher, Laptop oder iPhone mieten

Soll es für die neue Wohnung auch eine neue Musikanlage sein? Bei Technik setzen ebenfalls immer mehr Leute auf Miete statt kaufen. Weil sie oft umziehen oder einfach Lust darauf haben, stets die neuesten Errungenschaften auszuprobieren – das modernste Smartphone oder die neueste Virtual-Reality-Brille. Oder weil sie sich nicht langfristig auf etwas festlegen wollen, das sie morgen vielleicht nicht mehr brauchen.

Grover Michael-cassau
Bild: Grover

Einer der Pioniere auf dem Gebiet der Miet-Technik ist das Berliner Start-up Grover. 2015 von Michael Cassau gegründet, ist Grover mittlerweile einer der europäischen Marktführer im Miet-Commerce für Unterhaltungselektronik.

Mehr als 2.000 Produkte zur Miete im Grover-Shop

Grover vermietet seine Produkte über seine eigene Plattform und kooperiert auch mit Technik-Märkten. Wer bei Elektromarkt-Ketten wie Saturn oder Media Markt ein Gerät eine Zeitlang ausprobieren möchte, bekommt das Leihgerät über Grover. Auch mit Gravis, Conrad oder Tchibo unterhält Grover Kooperationen.

Grover
Bild: Grover

Mehr als 2.000 Produkte kann man auf monatlicher Basis mieten. „Unsere beliebtesten Produkte sind Smartphones, Laptops und Gaming-Konsolen“, erklärt Michael Cassau. Aber auch Smart-Watches und Fitness-Tracker seien begehrt. „Zudem laufen E-Scooter und andere Kleinstfahrzeuge sehr gut“, so Cassau. „Daher werden wir im kommenden Jahr den Bereich E-Mobilität weiter ausbauen.“

Fonlos: Miet-Technik auch für Profis und Unternehmen

Ein ähnliches Geschäftsmodell wie Grover hat Fonlos. Allerdings hat man hier weniger Privatleute, sondern eher Medienunternehmen, Event-Veranstalter oder Filmproduzenten als Kunden im Fokus. Wer beispielsweise Geräte zum Scannen der Tickets beim Konzerteinlass brauche, könne sie bei ihm mieten, sagt Fonlos-Gründer Pierre Lässig.

Leihen statt kaufen: ein Jahr nutzt der Kunde im Schnitt das Gerät zur Miete

Die stärkste Kundengruppe sei „im Schnitt Anfang 30, technikaffin, urban und männlich“. Eine Klientel, die „immer auf dem neuesten Stand der Technik sein, dabei aber das eigene Kapital so effizient wie möglich“ einsetzen wolle. „Daher möchten sie für Technikprodukte, die nur eine begrenzte Zeit genutzt werden, nicht den vollen Kaufpreis zahlen“, sagt Cassau. Bei Grover kann der Privatkunde Geräte für einen, drei, sechs, zwölf oder – bei Fernsehern – 18 Monate mieten. Je länger, umso günstiger. „Aktuell sind mehr als die Hälfte aller 60.000 laufenden Mieten Zwölf-Monatsmieten“, erklärt Cassau. Danach werde die Ware meist zurückgegeben, nur selten die Kaufoption genutzt.

Smartphone, Laptop, Kamera, Fernseher oder iPhone mieten in Berlin

Mehr über Grover: www.grover.com

Kleidung mieten: Nachhaltig, günstig und immer neu eingekleidet

So ist es auch bei den Klamotten, die Robina von Stein vermietet. Zwar sei es möglich, die Kleider und Hosen, Mäntel und Jacken zu behalten, aber von der Möglichkeit würden weniger als zehn Prozent ihrer Kunden Gebrauch machen. Was aber auch dem Geschäftsmodell ihres Startups „RE-NT“ entspricht. „Wir wollen das Erleben anstelle des Besitzens hervorheben“, sagt die 29-Jährige, die 2019 mit ihrer Online-Plattform an den Start ging.

RE-NT
Bild: RE-NT

Über RE-NT können Kunden ein Abonnement abschließen, um Kleidungsstücke für eine bestimmte Zeit zu leihen. Die Auswahl reicht von Labels wie Edited über Adidas bis zu Öko-Mode von Natascha von Hirschhausen und Designerware von Stella McCartney. 15 Marken sind aktuell im Angebot. Für einen Monat kann man drei Outfits mieten und während der Zeit alles einmal wechseln. Möglich ist aber auch, ein einzelnes Stück nur für ein paar Tage auszuleihen. Der Renner sind Kleider. „Nicht für besondere Anlässe, sondern Alltagskleider“, erklärt die RE-NT-Gründerin.

Junge Berufseinsteiger nutzen Mietkleidung

Überrascht ist sie allerdings, dass die Kundschaft älter ist als gedacht. „Ich war von der Generation Z ausgegangen, von Leuten, die einerseits in den sozialen Netzwerken aktuelle Styles posten, sich andererseits bei den Fridays-for-future-Demos fürs Klima engagieren“, sagt sie Jungunternehmerin.

RE-NT von Stein
Bild: RE-NT

Derzeit würden aber eher Berufseinsteiger zwischen Ende 20 und Mitte 30 ihre Klamotten mieten. Und: Auch im digitalen Zeitalter wollen die Kunden die Kleidungsstücke gern anfassen oder anprobieren, bevor sie sie mieten. Weshalb Robina von Stein mit Stores kooperiert, „wo unsere Sachen getestet und direkt gemietet werden können“.

Babykleidung mieten: Mehr Platz im Kleiderschrank und mehr Geld im Portemonnaie

Auch das Unternehmen Cottonbudbaby hat seine Wurzeln in einem überquellenden Kleiderschrank: Schnell hatte die Berlinerin Severine Naeve nach der Geburt ihrer Tochter festgestellt, dass Babys so schnell wachsen, dass man alle paar Wochen eine komplett neue Ausstattung kaufen muss. Da für sie zudem nur fair produzierte Babykleidung in Frage kam, war das eine ziemlich kostspielige Angelegenheit. Gemeinsam mit ihrem Mann entwickelte sie Cottonbudbaby, den Baby-Erstausstattungsverleih für die ersten zwölf Lebensmonate. 2017 übergab sie den Staffelstab an die Relenda GmbH in Magdeburg, um sich beruflich neu zu orientieren. Dort wird das Angebot seither unter dem Label Kilenda weitergeführt – als virtueller Kleiderschrank, aus dem sich Eltern für eine monatliche Gebühr nehmen, was sie gerade brauchen. Was nicht mehr passt, wird zurückgeschickt.

Babykleidung Wäscheleine
Bild: Shutterstock

Was gefällt kann gekauft werden

Geht etwas kaputt oder hat der Karottenbrei unauslöschliche Flecken hinterlassen, bezahlten Eltern auch nicht mehr als die ihnen vorher bekannte Mietgebühr. Die liegt pro Monat für eine Jeans beispielsweise zwischen zwei und zehn Euro, für ein T-Shirt zwischen 70 Cent und 4,80 Euro. Wer ein Lieblingsstück gar nicht mehr hergeben will, kann es behalten: Ist das Kleidungsstück so lange gemietet, dass über den Mietpreis der Kaufpreis erreicht wird, geht das Teil in den Besitz der Eltern über.

Babyausstattung für die ersten 12 Monate mieten

www.cottonbudbaby.com

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