Titel Lieferdienste
Bild: Shutterstock, Mario Fischer [Montage]
Ratgeber

Wenn der Einkauf zweimal klingelt!

In keiner anderen deutschen Stadt konkurrieren so viele Lebensmittel-Lieferdienste wie in Berlin. Um die bequemen Kundinnen und Kunden werben REWE, Kaufland, EDEKA – und nun auch noch Amazon. Wir haben die Angebote verglichen.

D

ie größten Supermärkte der Hauptstadt stehen in Pankow, Reinickendorf und Schönefeld und lassen keinen einzigen Kunden rein. Weil es drinnen ohnehin keine Kassen zum Bezahlen gäbe und kaum genügend Platz, um zwei Einkaufswagen aneinander vorbeizuschieben. Dafür flitzen Mitarbeiter in schmalen Gängen von Regal zu Regal und sammeln dort die Produkte ein, die zuvor im virtuellen Einkaufskorb der Kunden gelandet sind: zu Hause am Küchentisch oder unterwegs in der S-Bahn.

Plötzlich geht der Kunde nicht mehr zum Einkauf – sondern der Einkauf kommt zu ihm.

Ob Rewe, Kaufland oder Edeka: Fast alle großen Supermarktketten experimentieren derzeit mit eigenen Lieferdiensten, die ein über Jahrzehnte etabliertes Prinzip auf den Kopf stellen. Denn plötzlich geht der Kunde nicht mehr zum Einkauf – sondern der Einkauf kommt zu ihm.

Tk-pizza
Bild: Mario Fischer

Berlin ist für die Handelskonzerne das wichtigste Experimentierfeld. Rewe fährt bereits seit vielen Jahren mit seinen Kühlfahrzeugen durch die Straßen – genau wie die ehemalige Kaiser’s-Tochter Bringmeister, die mit der Mehrzahl der Filialen kürzlich von Edeka übernommen wurde. Seit einem Jahr mischt auch Kaufland mit einem eigenen Lieferservice mit. Auch die SB-Warenhauskette Real hat ein neues Angebot in Aussicht gestellt.

Handelskonzerne investieren in einen Zukunftsmarkt

Fast alle Dienste versprechen dieselbe Qualität wie im Laden. Das geht auch gar nicht anders: Denn viele Deutsche sind nach wie vor skeptisch, was die Lieferung vor allem frischer Lebensmittel angeht. Laut einer Konsumentenbefragung der Unternehmensberatung A.T. Kearney sagen 46 Prozent der Befragten, die bislang noch nie Produkte des täglichen Bedarfs im Netz bestellt haben, dass ihnen die Möglichkeit fehle, die Artikel vor dem Kauf zu sehen oder anzufassen. 43 Prozent lehnen es außerdem ab, dafür Versandkosten zu zahlen.

Radieschen
Bild: Mario Fischer

Die Supermärkte versuchen gegenzusteuern, indem sie umfassende Rücknahmegarantien abgeben, mit Gutscheinen und Geschenken locken. Neue Kunden kriegen in der Regel die Liefergebühren für die ersten Einkäufe erlassen, erst danach kostet es zusätzlich, wenn der Lieferfahrer die Tüten an die Tür schleppt – notfalls auch ins Dachgeschoss im Hinterhaus. Die Gebühren unterscheiden sich allerdings von Anbieter zu Anbieter und sind für alle, die sich zum ersten Mal mit dem Thema auseinandersetzen, womöglich vor allem wegen der vielen Sonderregelungen abschreckend. Es gibt Mindestbestellsummen, von der Lieferzeit abhängige Staffelgebühren und Aufschläge für schwere Getränkekisten.

Schnell lernen Nutzer den Komfort zu schätzen

Wer aber einmal den Durchblick hat, der lernt schnell den Komfort zu schätzen, den die Lieferdienste bieten: Wozu noch selbst Hundefutter, Toilettenpapier oder Windeln im Laden zusammensuchen, wenn das auch viel einfacher geht? Der Vorratskauf per Mausklick eignet sich für junge Familien, die wenig Zeit haben, genauso wie für ältere Kunden, die sich schweres Tragen ersparen wollen. Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young haben gerade ermittelt, dass die 41- bis 50-Jährigen die eifrigsten Online-Besteller von Lebensmitteln sind. An zweiter Stelle folgt bereits die Altersgruppe der über 61-Jährigen.

Butter
Bild: Mario Fischer

Ganz freiwillig haben sich Rewe, Kaufland und Edeka aber nicht auf die neuen Dienste eingelassen. Denn die Lieferung frischer Lebensmittel ist nicht nur aufwendig, sondern auch kostenintensiv: Viele unterschiedliche Artikel müssen im Zweifel unter Einhaltung der Kühlkette zum korrekten Zeitpunkt an die richtige Adresse gebracht werden. Das setzt hohe Investitionen voraus, verspricht aber mittelfristig kaum Gewinne, weil die Margen im deutschen Lebensmitteleinzelhandel auch so schon gering sind.

Die Ketten experimentieren trotzdem, unter anderem, weil sie vermeiden wollen, dass neue Wettbewerber ihr Geschäftsfeld besetzen und ihnen Kunden streitig machen – allen voran der amerikanische Handelsriese Amazon.

Der ist im April nach langer Vorbereitung in Berlin und Potsdam mit seinem Lebensmittel-Lieferservice „Amazon Fresh“ gestartet, bei dem Kunden inzwischen wie im klassischen Supermarkt einkaufen können – Bio-Bananen, Käse, Fleisch, sogar frisch vor dem Versand gebackenes Brot. Dazu bringt Amazon Produkte aus 26 Berliner „Lieblingsläden“ vorbei, zu denen etwa Feinkostgeschäfte und Kaffeeröstereien gehören. Das könnte die etablierten Anbieter tatsächlich ins Schwitzen bringen, auch weil der ehemalige Buchversender ganz schön Tempo bei der Belieferung macht. Wer abends bis 23 Uhr bestellt, kriegt seinen Einkauf schon am nächsten Morgen vorbeigebracht.

Wir müssen uns warm anziehen gegen Amazon Fresh. Alain Caparros, damaliger Rewe-Vorstandsvorsitzende
Tabelle Lieferdienste

Verändert Amazon auch den Lebensmittelmarkt?

Anders als Rewe, Kaufland und Bringmeister fahren derzeit aber (noch) keine Kühlfahrzeuge mit Fresh-Logo durch die Stadt. Der Konzern kooperiert stattdessen mit dem Paketdienst DHL, der die Einkäufe in Isoliertaschen aus dem Versandzentrum auf dem Gelände der ehemaligen Borsigwerke in Reinickendorf abholt und mit Kurierfahrzeugen zustellt.

„Wir müssen uns warm anziehen gegen Amazon Fresh“, warnte der damalige Rewe-Vorstandsvorsitzende Alain Caparros im Dezember vor dem Herausforderer. Der ist auch deshalb so gefürchtet, weil die Profitabilität neuer Dienste bei den Amerikanern zunächst eher nachrangig ist. Anders gesagt: Amazon hat einkalkuliert, mit Fresh erst mal kein Geld zu verdienen, sondern zielt darauf ab, Kunden dadurch noch enger an das eigene Angebot zu binden.

Lindner-brot
Bild: Mario Fischer

Das bedeutet aber auch, dass nur Mitglieder von Amazons Prime-Programm in den Genuss der Lebensmittelbelieferung kommen. Dafür wird eine Jahresgebühr fällig, obendrauf kommt dann noch mal ein monatlicher Abo-Betrag. Danach sind – ähnlich wie bei einer Flatrate – allerdings sämtliche Lieferungen kostenfrei. Und der Kunde muss nicht mal zu Hause sein. Auf Wunsch stellt DHL den Einkauf an einem (geschützten) Ort ab: im Garten oder neben der Garage.

Kleinere Anbieter dürften Mühe haben, in der zwischen den Großen entbrannten Werbeschlacht um die Aufmerksamkeit der Kunden noch mitzuhalten. Dabei gibt es noch zahlreiche Alternativen wie das zum norddeutschen Handelsunternehmen Bünting gehörende MyTime.de, das sich allerdings in der Umstrukturierung befindet, oder den DHL-eigenen Liefersupermarkt Allyouneed Fresh, der seit Kurzem auch Produkte der Berliner Bio Company anbietet. Auch der Discounter Lidl liefert seine Produkte per Paket nach Hause, verzichtet aber auf frische Artikel.

Der Nachteil vieler Online-Supermärkte, die sich auf die Zustellung durch klassische Paketdienste verlassen, ist der enorme Verpackungsmüll, der nachher entsorgt werden muss – im Zweifel mit Trockeneis, das die Produkte während des Transports frisch hält.

Kaffee
Bild: Mario Fischer

Etablierte Tiefkühllieferanten wie Eismann oder Bofrost, die schon seit Jahrzehnten mit eigenen Tiefkühlfahrzeugen zu den Kunden kommen, haben dieses Problem nicht, können aber auch kein Komplettsortiment anbieten. Noch funktioniert das Geschäft aber: Nach rückläufigen Umsätzen in den vergangenen Jahren konnte Bofrost in Deutschland zuletzt wieder Umsätze hinzugewinnen.

Dennoch steht der ganze Lieferaufwand bislang kaum im Verhältnis zum Ergebnis: Gerade mal 1,2 Prozent trugen die Online-Supermärkte zuletzt zum Umsatz mit Lebensmitteln in Deutschland bei. Bei den sehr viel bestellfreudigeren Briten waren es immerhin schon 4,5 Prozent. Viele Händler gehen allerdings davon aus, dass sich das schnell ändern könnte, wenn die Kunden sich einmal an die Dienste gewöhnt haben.

Das hätte drastische Auswirkungen auf die klassischen Supermärkte. Die Strategieberatung Oliver Wyman schätzt, dass es im deutschen Lebensmitteleinzelhandel mittelfristig zu Umsatzverschiebungen von 6 bis 8 Milliarden Euro kommen könnte. Wenn den Supermärkten im Schnitt nur 1 bis 3 Euro pro Einkauf verloren gingen, würden viele Filialen nicht mehr positiv operieren – und müssten im Zweifel schließen. Das sind aber zunächst nur Schätzungen. Über Lebensmittelunterversorgung kann sich Berlin derzeit kaum beschweren, so beständig wie das Filialnetz an Discountern und Supermärkten in den Bezirken weiter wächst.

Aber selbst wenn das große Ladensterben auf sich warten lässt: Dass die Berlinerinnen und Berliner künftig noch große Lust haben, ihre Vorratskäufe selbst heimzutragen, wird angesichts der wachsenden Lieferangebote zunehmend unwahrscheinlicher. Außer natürlich für Menschen, die von Natur aus gerne in Kassenschlangen stehen.

Autor: Peer Schader

Seit 2011 verfolgt der Berliner Journalist Peer Schader den Wandel im deutschen Lebensmitteleinzelhandel im eigenen Supermarktblog.com. Für „Berliner Akzente“ stellt Experte Schader hier den Lieferservice-Testmarkt Berlin vor.

Diese Themen könnten Sie auch interessieren