Ruth Hundsdoerfer, Karneval der Kulturen
Bild: Annette Leyssner
Berliner verstehen sich

„Wer nach Berlin kommt, muss sein kulturelles Erbe nicht hinter sich lassen“

Karneval der Kulturen 2018: Dass die rund 4.000 Akteure auf den Festwagen, Bühnen und der Straße sich reibungslos von ihrer besten Seite zeigen können, dafür ist maßgeblich Ruth Hundsdoerfer zuständig.

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n Zeitlupe schlagen die Flossen des Fisches, öffnet und schließt sich sein glitzerndes Maul. Ätherisch schwebt das etwa drei Meter lange Geschöpf durch die Luft der Hallen der Gewerbesiedlungs-Gesellschaft in Marzahn, alles wirkt leicht und spielerisch – aber Ana Carbia ächzt ganz schön, denn die Argentinierin balanciert die gut zehn Kilogramm schwere Pappmaché-Kreation auf ihren Schultern.

Ana Carbia mit Pappmache-Fisch
Bild: Annette Leyssner

Zusammen mit ihrem Partner ist Ana die Gruppe „Producciones Abysmales“ und probt für ihren Auftritt beim Karneval der Kulturen am Pfingstwochenende. Berliner Akzente sprach mit Ruth Hundsdoerfer, die maßgeblich dafür sorgt, dass die rund 4.000 Akteure auf den Festwagen, Bühnen und der Straße sich reibungslos von ihrer besten Seite zeigen können. Seit 2016 leitet die 48-Jährige zusammen mit zwei Kolleginnen vom Planungsbüro Piranha Arts die Organisation des Straßenfestivals, zu dem auch dieses Jahr wieder vermutlich über eine Million Zuschauer kommen werden.

„Miteinander die eigene und all die anderen Kulturen zu feiern – das macht die Stimmung des Karneval der Kulturen einzigartig.“ Ruth Hundsdoerfer, Organisatorin

Warum ist der Karneval der Kulturen (KdK) so wichtig für Berlin?
Ruth Hundsdoerfer: Er spiegelt den kulturellen Reichtum Berlins wieder. Vier Tage lang können sich alle Communities der Stadt im öffentlichen Raum präsentieren – Berliner aller Nationalitäten zeigen sich. Wie ein Teilnehmer sagte: „Wir müssen unsere Wurzeln pflegen, damit wir hier in Berlin wachsen können.“ Das fasst die Philosophie des KdK gut zusammen, finde ich: Wer nach Berlin kommt, muss sein kulturelles Erbe nicht hinter sich lassen. Miteinander die eigene und all die anderen Kulturen zu feiern – das macht die Stimmung des Karneval der Kulturen einzigartig.

Der Karneval ist nicht nur schön, sondern auch gesellschaftlich sinnvoll. Die Teilnehmer können ihre Meinung zu beliebigen politischen Themen äußern. Bedingung ist allerdings, dass dieses in künstlerischer Form passiert. So hat vergangenes Jahr eine Truppe den Plan des amerikanischen Präsidenten Donald Trump thematisiert, einen Zaun an der Grenze zu Mexiko zu bauen. Das wurde in eine Tanzperformance umgesetzt, bei der die Künstler zum Schluss die Mauer durchbrachen, um zu zeigen, dass man Menschen nicht voneinander trennen kann.

Karneval der Kulturen
Bild: Annette Leyssner

Hatten Sie schon immer einen Bezug zum Karneval?
Ich komme aus der Nähe von Bremen, da ist Faschingswüste. Aber als ich nach Berlin zog, wurde ich zur begeisterten Zuschauerin. Ich hatte eine Wohnung mit Balkon direkt an der Gneisenaustraße und saß da quasi in der ersten Reihe. Da habe ich immer eine großartige Party geschmissen, mit Überblick über das ganze Geschehen.

Was ist jetzt Ihre Aufgabe?
Das ganze Jahr kümmere ich mich mit meinem Team um die Vorbereitungen. Ursprünglich bin ich PR-Managerin, aber jetzt fungiere ich als Schnittstelle zwischen den auftretenden Gruppen, den Behörden und allen Logistik-Dienstleistern. Der Zuschauer sieht die farbenfrohe Party, aber hinter den Kulissen muss sichergestellt werden, dass in den entscheidenden Momenten Strom und Licht auf allen Bühnen funktionieren, alle Festwagen in einer bestimmten Reihenfolge starten, und so weiter.

Was ist dieses Jahr neu beim KdK?
Die Gruppe Berlin Indiawaale plant einen starken Auftritt. Das sind Berliner, die sich in irgendeiner Form Indien zugehörig fühlen. Gezeigt werden da Tänze von traditionell bis Bollywood-Style, darauf bin ich sehr gespannt. Üppige Farbenpracht ist für Inder besonders wichtig beim Feiern, daher wird dieser Wagen sicher ein besonderer Hingucker. Zum ersten Mal dabei ist auch eine japanische Community, die sich um einen tragbaren Mikoshi-Schrein gebildet hat. In Japan hat jedes Dorf so einen Schrein, der bei bestimmten Anlässen von der Dorfbevölkerung transportiert wird. Man braucht circa 40 Leute, um ihn zu bewegen, also packen Leute aus allen Familien des Dorfes mit an. Das ist sehr in unserem Sinne von Gemeinschaftssinn. Aus Bielefeld reist eine Murga-Gruppe an, die einen bestimmten argentinischen Rhythmus spielt, der bisher nicht vertreten ist. Das ist aber eine Ausnahme. An sich bietet der Karneval eine Bühne für Berliner Gruppen, die sich aber natürlich oft mit Gästen verstärken.

Ob es jetzt insgesamt mehr deutsche oder internationale Akteure gibt, kann ich gar nicht sagen. Die Frage ist auch müßig: Es gibt schließlich auch Asiaten, die Samba tanzen. Ganz multikulturell ist unsere Heavy Metal Truppe: Da gibt es einen Wagen, auf dem einzelne Musiker zu Klassikern wie „Highway to hell“ von der Band AC/DC die Basslinien mitspielen, und dahinter folgt dann eine Gruppe von Fans, die Headbanging machen.

„Der Karneval ist nicht nur schön, sondern auch gesellschaftlich sinnvoll.“

Wie verläuft die Zusammenarbeit mit der Berliner Sparkasse?
Sie ist entscheidend dafür, dass der KdK auch in diesem Jahr wieder stattfinden kann. Zusammen mit der Gewerbesiedlungs-Gesellschaft und den Berliner Wasserbetrieben ist die Berliner Sparkasse ein verlässlicher Partner. Es freut uns besonders, dass sie diesmal erstmals mit einer Tanztruppe vertreten ist und auf diese Weise ihren zweihundertsten Geburtstag feiert. Es ist uns wichtig, dass unsere Unterstützer zu dem Geist der Veranstaltung passen. Diesen Sponsoren liegt die Sorge für die grundlegenden Interessen von Berlins Bewohnern am Herzen. Wir wollen keine Werbeplattform für Marken sein, einen „Coca Cola“-Festwagen wird es nie mit uns geben. Es soll keine kommerzielle Veranstaltung sein, sondern ein Fest von und für Privatpersonen aus allen Communities, die hier leben.

Ruth Hundsdoerfer
Bild: Annette Leyssner

Worauf freuen Sie sich besonders?
Wenn sich am Pfingstsonntag die erste Gruppe am Hermannplatz in Bewegung setzt, sind alle Mühen der Vorbereitung vergessen. Den Umzug eröffnen wird auch dieses Jahr wieder Sapucaiu no Samba mit mehr als 100 Trommlern. Der Name bedeutet übrigens: „Der Frosch, der zu Samba hüpft“. Bei den Rhythmen bleibt keiner ruhig stehen.

Mischen Sie sich selber unter die Feiernden?
Nein, ich bin an den vier Tagen des Festivals von sechs Uhr morgens an voll ausgelastet mit der Planung und Management kleinerer Krisen, die so eine Veranstaltung mit sich bringt: Mal funktioniert noch für eine Bühne die Stromversorgung nicht, oder es müssen wegen einem aufziehenden Sturm einige der Wagenaufbauten modifiziert werden. Privat habe ich mich in den vergangenen Jahren im Karneval nur eingebracht, als ich für meinen neunjährigen Sohn Kostüme gebastelt habe. Dieses Jahr musste ich Blitze aus Pappe schneiden, denn er will als der Gott Zeus gehen.

Berliner verstehen sich: Unsere Interview-Reihe zum 200. Geburtstag der Berliner Sparkasse

Hier finden Sie die weiteren Teile unserer Serie:

• „Ich war früher oft der Bösewicht: Robert Hofmann (30) ist das Gesicht der Kiezvideos der Berliner Sparkasse. Charmant führt er durch die Berliner Kieze. Kaum zu glauben, dass er früher oft der Schurke war: Über mutlose Filme, die übel gelaunte Begleiterin in seinem Leben und eine Stadt, die mit dem Internet viel gemeinsam hat.

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