Titel Bob Hanning
Bild: Daniel Devecioglu
Berliner verstehen sich

„Du wechselst lieber nach Berlin als nach Wetzlar“

Bob Hanning ist Geschäftsführer des Handball-Bundesligisten Füchse Berlin, deren Jugend-Bereich die Berliner Sparkasse als Premium-Partner fördert. Im Interview spricht er über die Synthese von Spitze und Breite im Sport, vertretbare Risiken, den Standort Berlin, das Erfolgsmodell des Klubs und seinen eigenen Antrieb.

R

obert Hanning, den alle nur Bob nennen, wirkt entspannt. Eine Woche Urlaub in Lissabon und eine Überfahrt mit der „Queen Mary“ von New York liegen hinter ihm. Jetzt sitzt der Manager des Handball-Bundesligisten im Garten des Veranstaltungszentrums der Berliner Sparkasse. Zur Eröffnung der Handball-Saison hat Berlins größtes Geldinstitut den Füchse-Nachwuchs zum Grillen an den Wannsee eingeladen. Das Wetter ist schwül, der Ausblick über den See grandios. Hanning begrüßt jeden der Jungs mit Handschlag. Sie sind die Zukunft des Klubs – und einige der Eigengewächse längst die Gegenwart.

Herr Hanning, die vergangene Saison nannten Sie „unfassbar gut“ und „die erfolgreichste Saison aller Zeiten“. Haben Sie für den Fall, dass sich die Füchse steigern, überhaupt noch passende Attribute?
(lacht) Keine Sorge. Wir hatten im Vorjahr viele Verletzte – und mussten Dinge schaffen, die du mit so einem kleinen Kader eigentlich gar nicht schaffen kannst. Um die Aufgaben zu lösen, mussten viele Spieler über die Leidensgrenze hinaus gehen. Das ist uns mit Platz drei in der Bundesliga und dem Gewinn des EHF-Pokals sehr, sehr gut gelungen.

Was sagt das aus über die Mentalität der Mannschaft?
Dass sie einen großen Willen hat, einen guten Charakter – und viel Motivation durch Identifikation.

„Wir wollen irgendwann wieder in der Champions League mitspielen.“

Sie sagen, die Mannschaft habe sich mit dem Gewinn des Europacups, des EHF-Pokals, „ein Denkmal gebaut“. Wie viel Platz für weitere Denkmäler ist noch?
(schmunzelt) Ein bisschen Platz unter der Decke ist noch. Wir wollen irgendwann wieder in der Champions League mitspielen – aber sich dafür zu qualifizieren, ist in der Bundesliga, der stärksten Liga der Welt, nicht einfach.

Titel Bob Hanning Interview 1
Bild: Daniel Devecioglu

Ihr Ex-Trainer Dagur Sigurdsson, der inzwischen die japanische National­mann­schaft auf Olympia 2020 in Tokio vorbereitet, traut den Füchsen in naher Zukunft den Meister-Titel zu. Sie auch?
Wenn er das sagt, ist das eine Anerkennung für uns, keine Bürde. Wir wollen uns in der Bundesliga wieder für den Europapokal qualifizieren, im EHF-Pokal eine gute Rolle spielen und freuen uns auf die Klub-WM im Oktober in Doha.

Branchen-Primus THW Kiel hat eine schwache Saison hinter sich. Schlägt das Imperium zurück?
Auf jeden Fall. Der THW ist zusammen mit den Rhein-Neckar Löwen für mich der Top-Favorit auf die Meisterschaft, auch wenn Flensburg den Titel nicht freiwillig hergeben wird. Wir kommen danach in einer Phalanx mit Magdeburg und Melsungen.

Wie gesund ist der Handball finanziell?
Er ist gesund. Bei mir im Büro hängen Trikots von Klubs wie dem HSV, Kopenhagen oder Ciudad Real aus Spanien, um nur einige zu nennen, die in die Pleite gesegelt sind – als Mahnmal für das fatale Credo „Gier frisst Hirn“. Wir werden nie Dinge machen, die nicht kalkulierbar sind, aber alles dafür tun, damit wir erfolgreich sind.

„Wir sind in den letzten Jahren einer der erfolgreichsten Vereine der Welt.“

In diesem Sommer gingen Sie mehr Risiko als in den Vorjahren. Warum?
Wir haben die Verpflichtungen von Jacob Holm und Wael Jallouz vorgezogen, weil wir so viele Verletzte haben, und dafür Ablösen bezahlt. Aber wenn man 13 Jahre sachlich einkauft, kann man so ein Jahr mal machen. Es wäre gut, wenn wir im Oktober zum dritten Mal die Klub-WM, deren Sieger 400 000 Dollar Prämie erhält, gewinnen. Dann könnte ich noch beruhigter schlafen (lacht).

Der Gewinn des EHF-Pokals 2018 war für die Füchse, die sich die Ausbildung eigener Talente auf die Fahnen geschrieben haben, im Senioren-Bereich der fünfte Titel. Wie wichtig sind solche Meilensteine als Bestätigung für den eingeschlagenen Weg?

Titel Bob Hanning Interview 2
Bild: Daniel Devecioglu

In einer Stadt wie Berlin bedarf es solcher Erfolge, auch international. Wir waren zweimal Klub-Weltmeister und zweimal EHF-Pokalsieger, dazu DHB-Pokalsieger und sind in den letzten Jahren einer der erfolgreichsten Vereine der Welt – und das mit einem Etat, mit dem wir in der Bundesliga zwischen Platz sieben und zehn liegen.

Dieses Understatement nehmen Ihnen nicht alle ab…
…aber es entspricht den Tatsachen.

Zusätzlich zu den Erfolgen der Profis wurde die A-Jugend in diesem Jahr Deutscher Meister und die zweite Mannschaft stieg in die 3. Liga auf. Wie sehr helfen solche Erfolge im Unterbau dem Gesamtprojekt?
Für uns ist das existenziell. Heute könnten wir uns Spieler wie Fabian Wiede oder Paul Drux, wenn wir sie von außen dazu holen wollten, gar nicht mehr leisten. Wir können bei uns wegen unserer Top-Ausbildung von unten nach oben immer wieder Talente nachschieben. Die Erfolge, die wir feiern, feiern wir, weil wir Partner haben wie die Berliner Sparkasse, die uns im Jugendbereich so hervorragend unterstützt.

„Ohne die Entwicklung im Nachwuchs wäre alles andere nicht möglich. “

Die Berliner Sparkasse ist seit 2015 offizieller Premium-Partner der Jungfüchse. Motto: „Jung, wild, stark.“ Warum passt es so gut zwischen den Füchsen und der Sparkasse?
Die Sparkasse hat uns ausgesucht und gesagt: Da ist etwas, wo Werte, Ideen, Breite und Spitze miteinander kombinierbar sind. Sie ist für uns ein ganz zentraler Partner. Sie unterstützt uns nicht nur wirtschaftlich, sondern ist auch Rat- und Ideengeber sowie Ausbilder. Sie hilft uns also mit ihrem Netzwerk. Das ist eine Partnerschaft, die passt und von allen Seiten gelebt wird. Und eines ist klar: Ohne die Entwicklung im Nachwuchs wäre alles andere nicht möglich. Mein Traum ist es, irgendwann sieben, acht Eigengewächse im Profi-Kader zu haben und mit ihnen in der Champions League zu spielen. Und zur Vision gehört auch, dass es irgendwann – in ein, zwei oder drei Jahren – zum Trainerwechsel zu Jaron Siewert kommen wird, den wir selbst ausgebildet haben und der momentan Cheftrainer bei Zweitligist TUSEM Essen ist. Das ist die letzte Stufe, die noch fehlt – und die werden wir nehmen.

Was sagt Ihr aktueller und erfolgreicher Trainer Velimir Petkovic dazu?
Es ist alles mit ihm abgesprochen, ich kommuniziere das klar und ehrlich. Übrigens ist durchaus denkbar, dass der jetzige Trainer mit einer anderen Aufgabenstellung an Bord bleibt.

Bob Hanning
Bild: Daniel Devecioglu

Als Sportdirektor?
Etwas in dieser Richtung, genau. Wenn ich bei uns in den Nachwuchs schaue, sehe ich die nächsten Wiedes und Drux‘ schon. Ein selbst ausgebildeter Trainer, ein Gerüst an selbst ausgebildeten Spielern: Das ist unser Weg, von dem lassen wir uns auch durch nichts und niemanden abbringen. Aus der Idee ist mittlerweile ein Klub geworden. Dafür geben unsere Partner Geld und identifizieren sich sehr stark damit.

Was könnte diese Vision gefährden?
(lächelt) Wenn sie mich entlassen und die Richtung wechseln wollen. Aber bei uns sind alle von dieser Idee fasziniert: die Gesellschafter, der Aufsichtsrat, die Sponsoren. Es wird schwer sein, das aufzuhalten. Vor Jahren hatten wir Investoren aus Katar im Büro, die den Klub übernehmen wollten. Das wollte bei uns niemand. Wir schreiben unsere eigene Geschichte.

Wieviel fehlt noch zur Vollendung?
Uns fehlen noch 25, 30 Prozent für diese Geschichte. Wir biegen allmählich auf die Zielgerade ein.

„Wenn mir morgens der Hallenwart einen Kaffee macht und ich mit dem Training loslegen kann, bin ich glücklich.“

Sie sagten vor einiger Zeit: „Wenn uns das gelingt, ist mein Traum vollendet.“ Könnten Sie überhaupt ohne die Füchse, Herr Hanning?
Ich kann mir schon vorstellen, irgendwann nochmal etwas ganz Neues zu machen: nicht im Handball, sondern in einem anderen Bereich. Aber an dem Punkt bin ich noch nicht. Mein Ziel war immer, Strukturen zu schaffen, die unabhängig von mir funktionieren. Da sind wir auf einem guten Weg. Ich trainiere die A-Jugend. Dafür stehe ich dreimal in der Woche morgens um sechs Uhr auf und trainiere die Jungs viermal in der Woche abends. Wenn mir morgens der Hallenwart einen Kaffee macht, im Eisfach die Cola Zero steht und ich mit dem Training loslegen kann, bin ich glücklich.

Was treibt Sie an?
Genau die Idee, die ich vorhin beschrieben habe. Ich mache das nicht, damit ein Profi bei seinem nächsten Vertrag tausend Euro mehr verdient oder über den Roten Teppich flaniert. Die Idee einer eigenen DNA steht – wie im Fußball beim FC Barcelona oder Ajax Amsterdam – über allem. Uns alle hier verbindet das: Herzblut, Identifikation und der Wille, anders zu sein als alle anderen.

Wollen das andere Handball-Klubs nicht oder können das andere nicht?
Mit Verlaub: Ich glaube, das können wir wirklich am besten. Wir haben es geschafft, die Eliteschule des Sports, den Senat, den Olympia-Stützpunkt, den Berliner Handball-Verband und unsere Partner-Vereine für diese Idee zu gewinnen. Alle zahlen mehr ein, als sie sich selbst rausnehmen

Berlin ist eine spannende, quirlige Stadt mit einem großen Pool an Talenten und Fans, ist allerdings wirtschaftlich schwächer als andere Regionen Deutschlands und wirkt, Stichwort BER, bisweilen langatmig und verkrustet bei Strukturen und Projekten. Ist dieser Standort Fluch und Segen zugleich?
Ich wünsche mir manchmal mehr geistige Flexibilität, Berlin kann schmerzhaft engstirnig sein. Aber ich kann mir trotzdem keine bessere Stadt – auch für unsere Idee – vorstellen. Berlin bietet so unglaublich viele Facetten und Möglichkeiten und zieht auch als Argument, wenn wir einen neuen Spieler holen wollen. Du wechselst lieber nach Berlin als nach Wetzlar.

Geschäftsführer der Füchse, A-Jugend-Trainer, Vize-Präsident beim Deutschen Handball-Bund, der im Januar die Heim-WM ausrichtet: Sie laufen auf allen Zylindern – sieben Tage die Woche. Wie lange können Sie das in dieser Intensität machen?
Ich kann das nur machen, weil ich um mich herum überall Menschen habe, die auf ihren Fachgebieten besser sind als ich. Man meint immer, der Hanning mache das alles.

Macht er nicht?
Nein, der Hanning gibt nur sein Gesicht. Jede Tür, durch die ich gehe, ist vorbereitet. Aber ich weiß auch, dass ich anstrengend bin. Das ist in mir.

Wer oder was kann Sie bremsen?
(überlegt) Niemand. Ich versuche, so eine Feier wie nach der Deutschen A-Jugend-Meisterschaft zu genießen. Aber ich habe schon das nächste Training im Kopf. Inzwischen schaffe ich auch mal eine Woche Urlaub ohne Handball. Aber ich bleibe ein Getriebener. Mich auszuhalten ist nicht einfach. Aber jeder hier denkt mit, jeder macht mit. Glücklicher als ich kann man nicht arbeiten.

Interview: Steffen Rohr

Mehr zur Zusammenarbeit der Berliner Sparkasse mit dem Handball-Nachwuchs der Füchse Berlin erfahren Sie in diesem Video:

Formate: video/youtube

Diese Themen könnten Sie auch interessieren