Daniel Fürstenau
Experte für Digitales: Daniel Fürstenau im Einstein Center. Die Berliner Sparkasse fördert seine Juniorprofessur. Bild: Christoph Schieder
Berliner verstehen sich

„Berlin ist ganz vorn mit dabei“

Daniel Fürstenau hat eine Juniorprofessur für Digitale Transformation an der FU Berlin, die von der Berliner Sparkasse gefördert wird. Im Interview spricht er über selbst lernende Systeme, zur Frage wie Berlin London bereits überholt hat – und darüber, wie sich unsere Arbeitsplätze verändern werden.

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chräg gegenüber des Regierungsviertels liegt das Einstein Center Digital Future. Ein großes Portal, eine Steintreppe hoch, im Warteraum kurz Platz nehmen – dann steht Daniel Fürstenau vor uns: freundlich und ruhig erklärt er, warum nichts Geringeres als eine große Revolution auf Berlin und die Berliner zukommen wird. Die Digitalisierung wird unser Leben massiv verändern, sagt der 35-Jährige voraus, der seit 2017 die Digitalprofessur an der FU Berlin inne hat (siehe Infokasten). Hier im Einstein Center forscht er, organisiert Veranstaltungen und bringt Unternehmer, Bürger und die Politik zusammen: Bundestagsabgeordnete, der Berliner Bürgermeister – sie alle haben hier schon Platz genommen.

Herr Fürstenau, wie würden Sie den Begriff „Digitalisierung“ Ihrer Großmutter am Kaffee-Tisch erklären?
(lacht) Ein interessantes Gedankenspiel, aber gern: Dass Computer Stück für Stück Tätigkeiten übernehmen, die vorher Menschen ausgeführt haben – das gibt es schon lange. Nun folgt ein gesellschaftlicher Wandel – die Digitalisierung – die auf drei großen Säulen beruht: Maschinen, digitalen Plattformen und offene Innovation.

"Es geht um die grundsätzliche Frage, wie wir unsere Arbeit zwischen Menschen und Maschinen aufteilen werden." Daniel Fürstenau, Digital-Professor
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Daniel Fürstenaus Prognose: „Alle Arbeitsprozesse werden sich sehr verändern.“ Bild: Christoph Schieder

Kann das Ihre Großmutter mit dem Fließband vergleichen, das ja um 1900 viele Industriezweige enorm geprägt hat?
Ja, die Digitalisierung ist eine ähnlich große Revolution. Auch beim Fließband kamen nicht nur Maschinen, sondern haben sich komplette Arbeitsprozesse verändert. Wie wir produzieren, wie wir Dienstleistung betreiben – das alles wird sich sehr verändern.

Inwiefern?
Es wird um die grundsätzliche Frage gehen, wie wir unsere Arbeit zwischen Menschen und Maschinen aufteilen werden.

Da kriegen jetzt bestimmt einige Angst um ihren Arbeitsplatz. Bevor wir dazu kommen; welche Vorteile bringt denn diese Entwicklung mit?
Viele Dinge werden bequemer: Banking zum Beispiel. Ich kann von zu Hause aus meine kompletten Bankgeschäfte erledigen; sogar einen Kredit beantragen. Ich kann aber auch per Sprache den Computer steuern. Die Digitalisierung wird auch eine Veränderung an der Kundenschnittstelle bringen. Wir werden zum Beispiel künftig mehr mit Chat-Bots interagieren…

Sie meinen automatische Systeme, die Mitarbeiter ersetzen und Standard-Fragen beantworten…
Richtig. Diese Maschinen werden schlauer werden. Sie werden nicht nur Fragen beantworten, sondern auch eigene Ziele verfolgen.

Jetzt bekommen wir doch Angst. Bei Bankgeschäften möchte man doch irgendwann mit einem Menschen sprechen.
Na, klar. Was wir brauchen, ist eine neue Art der Aufgabenteilung. Standard-Fragen und Routine-Tätigkeiten übernimmt die Maschine – dafür hat der Mensch mehr Zeit, mir bei individuellen Themen noch besser zu helfen.

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Trotzdem blickt der 35-Jährige optimistisch für unsere Arbeitsplätze in die Zukunft. Bild: Christoph Schieder

Wie nähern Sie sich nun in Ihrer Forschung diesem Thema?
Ich arbeite vor allem in der Praxis an Themen wie IT-Fragestellungen: Wie können Unternehmen zum Beispiel ihre IT-Landschaft für die Digitalisierung optimieren?

"Die Forschung zeigt, dass manche Tätigkeiten wegfallen werden. Dafür entstehen aber wiederum neue Tätigkeiten, und insgesamt wird sich ein Plus ergeben." Daniel Fürstenau

Und wie nutzt Ihre Forschung auch uns Kunden?
Die Fragestellungen für Unternehmen betreffen am Ende immer auch die Kunden. Zum Beispiel im Gesundheitswesen, das eines meiner Schwerpunkte ist: Da geht es um Versorgungsprozesse, die dem Patienten am Ende einen besseren Fluss durch den Behandlungsablauf garantierten sollen. Digitale Plattformen könnten erkennen, wer gebrechlich ist und deswegen ein höheres Risiko hat, bei Operationen Komplikationen zu erleiden.

Digitalisierung befreit Mitarbeiter also von Routine-Aufgaben. Dennoch bleibt die Angst um Arbeitsplätze. Können Sie diese nehmen?
Die Forschung zeigt, dass manche Tätigkeiten wegfallen werden. Alles Routinemäßige, zum Beispiel Scannen. Dafür entstehen aber wiederum neue Tätigkeiten, und insgesamt wird sich ein Plus ergeben. Es werden neue Tätigkeiten entstehen, weil die Digitalisierung auch zu neuen Fragestellungen führen wird.

Könnten sogar Maschinen Routineaufgaben besser als Menschen erledigen? Immerhin werden die nicht so schnell genervt und unfreundlich. Beispiel: die Security am Flughafen
Sicher. Bei manchen Prozessen wollen wir Kunden ja schon eine schnelle Erledigung unseres Anliegens. Dafür müssen wir gar nicht mit einem Menschen sprechen. Es ist wie bei allem: Die Digitalisierung wird Chancen und Risiken bringen – und die zu managen, wird unsere Aufgabe sein.

Die Berliner Sparkasse hat Ihre Professur mit ermöglicht. Welchen Bezug haben Sie denn selber zur Sparkasse?
Die Berliner Sparkasse ist eine Berliner Institution mit sehr viel Geschichte und so präsent in der Stadt wie kaum eine andere Bank. Ich bin sehr dankbar für das gesellschaftliche Engagement. Dass diese Kooperation so gut und so professionell gemanagt wird. Dass es so eine tolle Zusammenarbeit ist, die sich bereits nach wenigen Monaten so gut und strukturiert entwickelt. Die Berliner Sparkasse hat mich bereits sehr unterstützt. Das begann mit dem Signing-Dinner, zu dem auch der Vorstandsvorsitzende der Berliner Sparkasse kam – bis hin zur vielen Man-Power für Öffentlichkeitsarbeit. Eine tolle Zusammenarbeit!

Wie arbeiten Sie genau zusammen?
Ich verstehe mich als „Enabler“, als Plattform, die Studenten von der FU mit Kunden und Firmen und Mitarbeitern der Berliner Sparkasse zusammenbringt. So entstehen Verstärkungseffekte. Auf diesen Plattformen entwickeln sich spannende Kooperationen.

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Im großen Saal des Einstein Centers im Regierungsviertel. Bild: Christoph Schieder

Die Berliner Sparkasse will mit ihrem Engagement auch der Stadt etwas zurückgeben. Wie ist denn Berlin in Sachen Digitalisierung aufgestellt?
Die re:publica ist ein gutes Beispiel: Sie ist eine der größten Digitalisierungskonferenzen Deutschlands und wahrscheinlich Europas. Sie sitzt in Berlin und bindet das Start-up-Umfeld ein. Beides hängt so eng zusammen, dass man sagen kann: Berlin ist bei der Digitalisierung ganz vorn mit dabei.

Es heißt, Berlin habe europaweit bereits Metropolen wie London beim Thema Digitalisierung und Start-ups überholt…
Total. Wir merken das auch an der FU, wo wir Gründer haben, die wirklich spannende Geschäftsideen im Bereich Digitalisierung entwickeln. Zum Beispiel eine App, die durch Datenanalysen und Sensoren hilft, Rückenleiden zu mildern.

Das Einstein Center liegt nicht umsonst am Regierungsviertel. Wie interagieren Sie mit den Politikern?
Durch Veranstaltungen im Haus und in den Regierungsorganen; wir haben kürzlich Projekte im Bundesrat präsentiert, auch der Berliner Bürgermeister unterstützt uns sehr. Wir binden die Öffentlichkeit überdies in Labs und Veranstaltungen ein. Das Ziel dabei stets: immer wieder die Gesellschaft bei der Entwicklung mitzunehmen und Forschung begreifbar zu machen.

Das wird auch Ängste auflösen. Oder haben wir Deutschen immer noch zu viel Angst vor Datenansammlungen?
Ich finde, das ist keine irreale Angst, sondern eine gesunde Diskussion. Es ist wichtig, dass die Digitalisierung in den richtigen Kontext gesetzt wird. Die aktuellen Datenskandale zeigen Problemfelder auf – aber sie sensibilisieren auch dafür, dass die Techniken Chancen und Risiken bergen. Wir müssen entsprechend aufpassen, wie wir diese Prozesse gestalten. Wir dürfen nicht vergessen, dass es wir Menschen sind, die diese Prozesse gestalten.

Es gibt die berühmte „German Angst“ – es gibt aber auch ein Pendant dazu: Was ist der „German Weg“?
(denkt länger nach) Unsere Prozesse sind hierzulande schon gut organisiert, die Forschung hier ist extrem gut organisiert. Wir machen es also gut und gründlich. Und das deutsche Regulierungsumfeld berücksichtigt auch die Grundwerte unseres Systems. Wir haben zum Beispiel im Gesundheitssystem doch einen guten gesellschaftlichen Konsens. Anders als in Ländern wie den USA ist hier jeder medizinisch versorgt.

Trotz der Ungleichbehandlung von Privat- und Kassenpatienten?
Zumindest habe ich als Bürger eine breite Basis-Absicherung in Deutschland. Darauf können wir stolz sein. Das deutsche System bietet, auch wenn es in vielen Bereichen verbesserungswürdig ist, gute Grundpfeiler.

Wie schauen Sie entsprechend für Berlin in die Zukunft?
Absolut optimistisch. Ich bin gespannt, wie auch das Thema Künstliche Intelligenz unsere Gesellschaft ändern wird. Für mich gehört das zur digitalen Transformation. Maschinen werden lernen, Plattformen Daten zur Verfügung stellen und offene Innovationsprozesse unsere Art zu arbeiten verändern. Diese drei Megatrends machen die Digitalisierung aus.

Zur Person: Daniel Fürstenau (35)

  • Gebürtig aus Sachsen in der Nähe von Meißen
  • Studierte Betriebswirtschaftslehre und promovierte an der FU Berlin
  • Forschungsaufenthalte in Kalifornien (USA), Dänemark, Finnland
  • Seit 2017 Juniorprofessur für Wirtschaftsinformatik, Digitale Transformation und IT-Infrastrukturen an der FU Berlin sowie am Einstein Center Digital Future

wiwiss.fu-berlin.de/fuerstenau

Formate: video/youtube

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