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Interview Uwe Duerkop
Hahn+Hartung Bild:
Interview

Die Krise als Chance „Von nun an geht's bergauf“

Zwischen Lockdown und neuem Schwung: Uwe Dürkop, Chefvolkswirt der Berliner Sparkasse, über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise.

Text: Ulf Kossatz

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orona hat die Welt weiter im Griff: Weltweit versuchen Wirtschaftsexperten, die ökonomischen Folgen der Pandemie abzuschätzen und Strategien für den Kampf gegen die Krise zu entwickeln. Zu ihnen zählt Uwe Dürkop. Der Diplomvolkswirt ist seit fast drei Jahrzehnten in Diensten der Berliner Sparkasse und kümmert sich dort um Themen wie Risikoeinschätzung, Zinsentwicklung oder die regionale Wirtschaftsentwicklung Berlins.

Corona-Krise in der Wirtschaft: Wie eine Naturkatastrophe

„Die Corona-Krise ist eine tiefgreifende, hartnäckige und aus sich heraus pulsierende Störung“, sagt Uwe Dürkop. Zwar bewege sich die Pandemie außerhalb der wirtschaftlichen Sphäre und sei damit eigentlich eine externe Störung, vergleichbar etwa mit einer Naturkatastrophe. Doch anders als eine solche ist sie eine brutale Bremse für den Wirtschaftskreislauf – und darin wiederum der Finanzkrise 2008 ähnlich. Corona hat die weltweite Rezession nicht nur ausgelöst, sondern treibt sie Tag für Tag voran. Zudem ist das Virus nicht räumlich eingrenzbar, anders als etwa Terror oder Krieg. Weder macht es an Grenzen halt, noch schert es sich um politische Allianzen, Religionen oder Gesellschaftsformen. Die einzige Möglichkeit, es einzudämmen, ist ein Lockdown – also das konsequente Herunterfahren und Stilllegen des ganzen Landes, das Deutschland seit Mitte März erlebt. Ein solcher Lockdown trifft die Wirtschaft jedoch ins Mark.

Grafik Dax
Quelle: Süddeutsche Zeitung

Der Faktor Unsicherheit: Corona ist neu und unberechenbar

Und noch etwas macht ihr zu schaffen: Corona ist neu und unberechenbar. Dass es kaum historische Parallelen gibt, verstärkt die allgemeine Unsicherheit – und damit die wirtschaftliche Abwärtsspirale. Denn Wirtschaft braucht vor allem eins: Zuversicht. Ökonomie lebt von den Erwartungen an die Zukunft. Ist diese nicht absehbar oder bereitet Sorge, werden Projekte gestoppt und Investitionen auf Eis gelegt. „Enttäuschte oder übertroffene Erwartungen führen zu Verhaltensanpassungen, die sich dann auch noch selbst verstärken“, erklärt Dürkop.

Heute lässt sich nur erahnen, wie lange uns die Aufräumarbeiten nach der Corona-Krise beschäftigen werden. Uwe Dürkop, Chefvolkswirt der Berliner Sparkasse

Dabei entstehe eine Spirale sich gegenseitig beschleunigender Effekte. Wenn es gut läuft, führen diese zu mehr Einsatz und Investitionen. In der Folge brummt die Wirtschaft und die Marktaussichten sind glänzend – was die positive Tendenz weiter verstärkt. „Leider wirkt dieser Mechanismus aber auch in die entgegengesetzte Richtung“, weiß Dürkop. Und wenn es ganz schlecht läuft und die Wertschöpfung auf breiter Strecke zum Erliegen kommt, schrumpft die Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt fällt, und das Land trudelt in eine Rezession. Genau dort befinden wir uns jetzt. „Und heute lässt sich nur erahnen, wie lange uns die Aufräumarbeiten nach der Corona-Krise beschäftigen werden.“

Die Corona-Krise als Chance

Maßnahmen wie die Hilfsprogramme des Bundes retten viele Unternehmen über die schlimmste Phase. Sie sind notwendige Überbrückungshilfen, um den freien Fall zu bremsen, sagt Dürkop. Eine langfristige Strategie im Kampf gegen die ökonomische Krise sei jedoch zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehbar. Zu viele Fragen sind offen: Wie genau wird sich die Pandemie weiterentwickeln, wann kommt ein Impfstoff, wie lange müssen wir mit Kontakteinschränkungen leben – niemand weiß, wann wieder so etwas wie Normalität einkehrt.

Uwe Duerkop
Bild: Hahn+Hartung

Doch lernen lässt sich von Corona schon heute. Nicht umsonst sprechen wir von der Krise als Chance – als Türöffner für Wege, die man sonst gar nicht entdeckt hätte. Uwe Dürkop weist auf neue Formen der Organisation des Wirtschaftslebens hin. Viele Abläufe wurden schneller, flexibler, einfacher gestaltet. Diese „Konzentration auf das Einfache und Wesentliche“ wünscht sich der Chefvolkswirt auch für die Zeit nach Corona. Ein Beispiel dafür ist der enorme Digitalisierungsschwung, den Corona gebracht hat. Selten sind digitale Lösungen so rasch und selbstverständlich im Alltag etabliert worden – sei es die große Videokonferenz mit den Mitarbeitern im Homeoffice oder die kleine mit der Oma in der Seniorenresidenz.

Ich bin aber zuversichtlich, dass wir uns in Bezug auf die wirtschaftliche Aktivität gegenwärtig wirklich nahe am unteren Wendepunkt befinden und es von nun an wieder bergauf geht. Uwe Dürkop

Leben nach dem Lockdown

Bei alldem lässt es sich natürlich nicht beschönigen: Gemessen am Verlauf des Bruttoinlandsprodukts stellt die aktuelle Rezession den tiefsten Einschnitt der Nachkriegszeit dar. Und manche der durch Corona bedingten neuen Belastungen werden uns erhalten bleiben, etwa aufgrund erhöhter Anforderungen an die Seuchenprävention oder der notwendigen Neubewertung von Lieferanten und Wertschöpfungsketten. Auch sind die tatsächlichen gesamtwirtschaftlichen Schäden durch Corona noch kaum abzusehen. „Zugleich bin ich aber zuversichtlich, dass wir uns in Bezug auf die wirtschaftliche Aktivität gegenwärtig wirklich nahe am unteren Wendepunkt befinden und es von nun an wieder bergauf geht“, zeigt sich Dürkop vorsichtig optimistisch. Der Volkswirt ist überzeugt, dass es wirtschaftlich ein Leben nach dem Lockdown geben wird – „nicht identisch mit dem vorher gekannten, aber möglicherweise sogar schwungvoller“.

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