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Titel Ostrop
Bild: Gunnar Geller
Berliner verstehen sich

„Die Oper ist ein Gemeinschaftserlebnis“

Anne-Kathrin Ostrop ist Musiktheater-Pädagogin an der Komischen Oper Berlin, die gemeinsam mit der Berliner Sparkasse das Projekt „Sing-Along“ ins Leben gerufen hat. Wie es ist, wenn rund 1.000 Schüler im goldenen Saal des Opernhauses singen und welche Verbindung Oper zwischen Menschen schaffen kann, hat sie im Interview verraten.

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itten im Herzen der Stadt steht die Komische Oper Berlin. In diesem Jahr feiert sie ihren 70. Geburtstag. Das Opernpublikum in der Komischen Oper ist das jüngste in ganz Berlin. Nicht zuletzt durch die vielen spannenden Angebote für Kinder und Jugendliche. Von der Kinderoper, über Kinderkonzerte, Workshops bis zu Projekten wie dem „Sing-Along“, setzt die Komische Oper Berlin auf die musikalischen Interessen des Nachwuchses. 40.000 Kinder und Jugendliche besuchen jährlich das Opernhaus in Berlins Mitte. Leiterin und Initiatorin der Abteilung Musiktheaterpädagogik ist Anne-Kathrin Ostrop. Seit 2004 sorgt sie für kindgerechte Unterhaltung und einen neuen Blickwinkel auf die Oper.

Frau Ostrop, die Komische Oper Berlin hat eines der größten Opernangebote für Kinder und Jugendliche in Deutschland. Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit den Kindern auf den Weg geben?
Nicht jeder muss die Oper gut finden. Aber ich möchte den Kindern einfach einen Zugang zu dieser schönen und komplexen Kunstform ermöglichen.

Woran liegt es denn Ihrer Meinung nach, dass viele Menschen – insbesondere Jüngere – solche Hemmungen vor der Oper haben?
Ich denke, dass liegt einfach in der Geschichte der Oper. Früher war es etwas Höfisches, dort hatte das einfache Volk nichts verloren. Bis heute bestehen diese Opernklischees weiter, dass man sich schick anziehen muss, dass es da immer ernst zugeht. Aber die Komische Oper Berlin versteht sich schon immer anders. Der Gründer unseres Hauses, Walter Felsenstein, hat sich auf die französische Opéra-comique besonnen, die nach der Französischen Revolution entstand. Damals wurde in der Landessprache gesungen, es gab gesprochene Texte und die Darstellung auf der Bühne war sehr verständlich. Er hat den Begriff als „Komische Oper“ übersetzt.

„Ich möchte vermitteln, dass es kein richtig oder falsch gibt, sondern dass jeder Musik interpretieren kann.“ Anne-Kathrin Ostrop, Komische Oper Berlin

Alle Opern wurden an diesem Hause auf Deutsch gesungen. Ist das bis heute so geblieben?
Wir haben uns in der Hinsicht ein wenig verändert, genauso wie sich Berlin verändert hat. Die Stadt ist seit der Wende viel internationaler und bunter geworden. Viele Opern sind immer noch auf Deutsch, aber manche Opern lassen wir in der Originalsprache, weil sie dort einfach am besten klingen. Aber jeder Platz verfügt über eine Übersetzungsanlage und die Zuschauer können sich dort Übersetzungen auf Deutsch, Englisch, Französisch oder Türkisch anzeigen lassen.

Sie wollen die Berliner Vielfalt abbilden – was kann Musik in dem Zusammenhang besser schaffen, als andere Maßnahmen, wie etwa Integrationsangebote oder Projekte für Kinder aus Problemfamilien?
Musik drückt Gefühle aus, auch wenn ich den Text nicht verstehe und selbst, wenn ich weder den Text noch die Musik verstehe, sehe ich die Darstellung auf der Bühne, wo mir die Geschichte erzählt wird. Mir ist es wichtig, mit meiner Arbeit zu vermitteln, dass man nicht alles verstehen muss und es kein richtig oder falsch gibt, sondern dass man seine eigene Interpretation haben kann.

Komische Oper Theaterpaedagogik
Bild: Jan Windszus

So wie in den Workshops zu den Opern?
Genau. In diesen soll es nicht darum gehen, was der Künstler damit sagen wollte. Jeder Teilnehmer schlüpft in eine Rolle und füllt diese mit seinen Erfahrungen und seiner Lebensumwelt und entwickelt so eine ganz eigene Interpretation und das ist sehr spannend. Da fließen dann viele unterschiedliche kulturelle Dinge mit ein, die die Teilnehmer mitbringen. Teilweise kommt es dann auch zu lebhaften Diskussionen über Religion oder über Kulturen. Es geht oft um viel mehr, als die Oper. Auch um gegenseitigen Respekt, friedvollen Umgang und Selbstbewusstsein. Deswegen sind diese Workshops schon längst nicht mehr nur für Kinder, sondern für jeden.

Mitte Juni fand der zweite „Sing-Along“ statt, den die Komische Oper gemeinsam mit der Berliner Sparkasse veranstaltet. Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Berliner Sparkasse aus?
Die Arbeit mit der Berliner Sparkasse ist wirklich toll. Die Sparkasse ist auf uns zugekommen und wir durften uns ein Projekt ausdenken. Mir und uns wurde da ein sehr großes Vertrauen entgegen gebracht. Die Ziele: etwas gemeinsam zu erleben und etwas Vielfältiges zu schaffen, darüber waren wir uns mit der Berliner Sparkasse sofort einig.

Wie erleben denn die Kinder den „Sing-Along“?
Das ist für sie natürlich etwas sehr beeindruckendes – genau wie für uns. Es singen nicht jeden Tag 1.000 Kinder und Erwachsene bei uns im Saal. Da kommen einem fast die Tränen, man spürt so viel positive Energie und Lebensfreude, wenn die Kinder singen.

„Der Zuspruch für uns als Komische Oper ist durch die Berliner extrem groß.“ Anne-Kathrin Ostrop

Was können Sie den Kindern an diesem Tag mitgeben?
Einfach das Selbstbewusstsein und das Vertrauen in sich selbst: ich kann das, ich kann singen. Viele Kinder sind auch sehr aufgeregt. Sie waren noch nie in einer Oper, haben noch nie eine richtige Opernsängerin singen gehört oder Musiker live erlebt. Allein schon die Kulisse der Komischen Oper, der große Saal mit der hohen Decke und der goldenen Verzierung begeistert sie unheimlich. Das prägt sich bei den Kindern ein und wirkt sicher lange nach. Dabei unterstützt auch die Berliner Sparkasse, die uns ermöglicht hat, ein Buch in der Lesemaus-Reihe zu veröffentlichen. Dieses Buch „Ich hab eine Freundin, die ist Opernsängerin“ kriegen alle Kinder nach dem »Sing-Along« geschenkt und können das dann natürlich auch ihren Freunden oder den Geschwistern zeigen.

Was für ein Feedback geben Ihnen die Lehrer?
Das ist durchweg positiv. Wir sind auch immer darum bemüht, Schulen anzusprechen und einzuladen, die wirklich hinter dem Projekt stehen und mit Herzblut dabei sind. Eine Schule will nun einmal die Woche mit allen Schülern singen, eine andere hat auf der Klassenfahrt die Lieder vom „Sing-Along“ auf einer Wanderung gesungen. Solche Rückmeldungen sind für uns besonders schön.

Sind die Schüler vom „Sing-Along“ auch künftige Besucher der Komischen Oper?
Zu einem gewissen Teil bestimmt. Schulen aus Reinickendorf, die im vergangenen Jahr mitgemacht haben, kommen immer wieder zu uns, um sich Kinderopern oder -konzerte anzuschauen.

Wie steht es denn um die Berliner und Opern. Sind die Berliner ein anspruchsvolles Publikum?
Der Zuspruch für uns als Komische Oper ist durch die Berliner extrem groß. Das Publikum ist unglaublich vielfältig. Und auch wenn wir das jüngste Opernpublikum bei uns haben, versuchen wir durch unsere Programmgestaltung aber natürlich alle zu erreichen.

Haben die Menschen in der digitalen Welt noch Zeit für die Oper?
Ja, Zeit nehmen sie sich nach wie vor. Aber es ist noch etwas anderes, was sie zu uns bringt. Es geht um ein Gemeinschaftserlebnis. Deswegen sind Public Viewing und Fanmeilen während der Fußball-Weltmeisterschaft so beliebt. Weil gemeinsam etwas gucken und erleben etwas anderes ist, als wenn ich zu Hause allein vor dem Fernseher oder vor Facebook sitze. Die Sehnsucht nach gemeinsamen Erlebnissen ist ungebrochen. Vielleicht ist sie durch die Hektik und die Vereinzelung sogar noch größer geworden. Und eine Oper sich anzuschauen ist auch immer ein Gemeinschaftserlebnis. Da vorne auf der Bühne, die singen grad für mich, für uns. Das Bedürfnis etwas gemeinsam zu erleben, Oper und Kunst gemeinsam zu erleben, werden auch ein paar Generationen Instagramnutzer nicht verändern.

Musik ist für alle da!

Lesen Sie zur Partnerschaft der Berliner Sparkasse mit der Komischen Oper und dem “Sing Along Projekt” auch unseren Artikel Musik ist für alle da!

Übrigens: Kundinnen und Kunden der Berliner Sparkasse erhalten bei der Komischen Oper Berlin 10 Euro Rabatt auf die Eintrittskarten der Preiskategorie 1 bis 3 bei allen regulären Vorstellungen (außer Kinderopern, diese sind bereits vergünstigt).

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