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Bild: Joerg Oberwittler
Gehörlosen-Beratung

Wenn die Augen hören

Sie liest Kunden im wahrsten Sinne des Wortes die Wünsche von den Lippen ab: Ilka Piecyk ist die einzige gehörlose Kundenbetreuerin der Berliner Sparkasse. Sie kann die Gebärdensprache, Lippen „lesen“ und auch selbst sprechen. Ein einzigartiger Service, für den Kunden aus ganz Berlin zu ihr in die Beratung kommen.

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in kleines Schild am Revers von Ilka Piecyks Blazer bereitet neue Kunden vor: „Hörbehindert – Bitte langsam und deutlich sprechen“, steht darauf. Vor manchmal skurrilen, mitunter lustigen und zuweilen auch traurigen Momenten schützt es die Mittvierzigerin trotzdem nicht.

Ilka Piecyk ist von Geburt an nahezu gehörlos. Als Kind hat sie eine Schwerhörigenschule besucht, auf der die Gebärdensprache verboten war. Durch Privatunterricht in der Gebärdenschule und disziplinierten logopädischen Unterricht hat sie die Gebärdensprache und das Sprechen gelernt. Ilka Piecyk trägt zwei Hörgeräte, die ihr ermöglichen, Geräusche wahrzunehmen. So kann sie zum Beispiel einschätzen, wie laut sie spricht. Doch ansonsten „hören“ die Augen.

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Ilka Piecyk im Privatkunden­Center der Berliner Sparkasse. Bild: Jörg Oberwittler

Wörter sehen und kombinieren

Ilka Piecyk ist eine selbstbewusste, humorvolle Frau, die immer wieder große, ausladende Handbewegungen beim Sprechen macht. Sie berät nicht nur gehörlose Kunden, sondern steht am Empfangsplatz in der Filiale für Fragen aller Kunden bereit. „Manche Kunden halten mich für eine Schwedin oder Bayerin“, erzählt sie schmunzelnd. „Weil ich das „R“ so rolle und die Aussprache diesen Dialekten sehr ähnelt.“ Manche fragen verdutzt nach und lesen dann das Schild. Andere wiederum mögen nicht warten und ihre Worte wiederholen, wenn Ilka Piecyk sie nicht auf Anhieb versteht, und werden grimmig. Dann springt ein Kollege ein.

Ilka Piecyk „liest“ den Kunden im wahrsten Sinne des Wortes die Wünsche von den Lippen ab. Korrekt müsste es heißen „sehen“, denn sie „sieht“ maximal dreißig Prozent der Wörter. Den Rest kombiniert die gelernte Bankkauffrau dazu. „Wer einmal selbst die Tagesschau ohne Ton anschaut, wird schnell feststellen, wie sehr das anstrengt“, sagt die Leiterin des PrivatkundenCenters, Katja Schierjott, die Ilka Piecyk unterstützt und das Team in der Wilmersdorfer Straße zusammenhält. Man muss sich stark konzentrieren. Männer versteht Ilka Piecyk schlechter als Frauen. „Die nuscheln meistens mehr.“ Männer mit Vollbart, bei denen sie die Lippen nicht richtig sieht, sind für sie am schwierigsten.

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Hier macht Sie die Zeichen für „Haus“. Auch zu Immobilien­fragen berät die Beraterin andere Gehörlose in Gebärdensprache. Bild: Jörg Oberwittler

Kunden aus ganz Berlin

Auch in der Gebärdensprache kann es zu Missverständnissen kommen. Hier gibt es ebenfalls Dialekte. Für das Wort „Wurst“ benutzt der Bayer ein anderes Zeichen als der Nordfriese. Doch generell funktioniert Gebärdensprache in vergleichsweise einfachen Worten und kurzen Sätzen – und verzichtet überdies auf die „Sie“-Form. Mit ihren derzeit 70 gehörlosen Kunden ist Ilka Piecyk somit ganz per Du. Das schafft eine vertrauensvolle Atmosphäre.

Der einzigartige Service der Berliner Sparkasse hat sich herumgesprochen. Die Kunden kommen bis aus Pankow oder Marzahn nach Charlottenburg, um sich hier auf Augenhöhe und somit vertrauensvoll von einer ebenfalls Gehörlosen beraten zu lassen. Ilka Piecyk betont, dass hierbei stets das Bankgeheimnis oberste Priorität hat.

„Meine gehörlosen Kunden haben oftmals eine wahre Odyssee hinter sich, weil sie falsch beraten oder sogar abgewiesen wurden“, berichtet Ilka Piecyk. Ein gehörloses Ehepaar habe zum Beispiel ein Auto im Autohaus kaufen wollen, die Kreditzusage verwehrte ihnen aber der Mitarbeiter.

Beratung für Gehörlose

Ilka Piecyk führt alle Beratungen in Gebärdensprache durch, zum Beispiel zu Themen wie Privatkredit, Giro- und Sparkonto, Sachversicherungen. Bitte vereinbaren Sie per E-Mail oder per Fax einen Termin, um Wartezeiten zu vermeiden.

Ilka Piecyk
Berliner Sparkasse
Wilmersdorfer Str. 57
10627 Berlin
(U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße)
E-Mail: ilka.piecyk@berliner-sparkasse.de
Fax: 030-869 73 73 14

Alltagsprobleme bleiben

Der Gehörlosen-Service der Berliner Sparkasse ist laut Ilka Piecyk bislang einzigartig. 1988 hat sie in der Berliner Sparkasse ihre Ausbildung gemacht. Nach dem Mauerfall nahmen auch die Gehörlosen aus Ost-Berlin gerne Platz bei ihr. Hier konnten sie endlich offen und vertrauensvoll ihre Bankgeschäfte abwickeln.

Ilka Piecyk selbst erlebt viele positive Situationen in ihrem Alltag. Ihre Familie und die Kollegen nehmen Rücksicht, bemühen sich um eine deutliche und langsame Aussprache. „Die schauen mich beim Sprechen immer an und versuchen deutlich zu reden.“

Leichter ist es für Menschen mit Hörproblemen aus ihrer Sicht im Alltag allerdings bis heute nicht geworden. Trotz des Bemühens um Integration und Inklusion von Menschen mit Behinderung ins Arbeitsleben. Unsere Gesellschaft ist schneller geworden – da stoßen Menschen, die zum Beispiel nicht mitbekommen, wenn andere Fahrgäste in der U-Bahn sie ansprechen, nicht immer auf Verständnis.

Formate: video/youtube

Für sie ist Vertrauen die Basis einer guten Kundenbeziehung: Ilka Piecyk erklärt im Video, "wie Gebärdensprache den Unterschied macht."

„Rendite” und „Niedrigzinsen” erfordern Geduld

Spezielle Begriffe, wie „Niedrigzinsen“, „Rendite“ oder „Immobilienkauf“, erklärt Ilka Piecyk anderen Gehörlosen mit viel Geduld. Daher dauert das Beratungsgespräch auch mal länger. Eine Tätigkeit im Back-Office ohne Kundenverkehr, bei der sie ausschließlich Unterlagen bearbeitet, kann sie sich nicht vorstellen. „Dazu sind ihre Fähigkeiten auch zu wertvoll“, meint ihre Kollegin Katja Schierjott.

Für ein letztes Foto nimmt Ilka Piecyk an ihrem Beratungstisch Platz. Erklärt, lächelt, zeigt, notiert und holt immer wieder ausladend mit den Händen aus. Hier scheint sie ganz in ihrem Element. Nein, man kann es sich wirklich nicht vorstellen, dass dieser engagierte Service zwischen Ordnerdeckeln verschwinden soll. Dann hebt sie plötzlich die Hände – ihre nächste gehörlose Kundin ist gerade gekommen. Ilka Piecyk macht ein Zeichen: „Nur noch fünf Minuten.“ Genug Fotos für heute. Zeit für Zeichen.

Zahlen und Fakten

• In Deutschland leben etwa 80.000 Gehörlose , informiert der Gehörlosen-Bund. Hinzu kommen zirka 16 Millionen Schwerhörige .

• Etwa 15 Prozent der Gehörlosen haben ihre Gehörlosigkeit ererbt . In den meisten Fällen wird die Gehörlosigkeit aber erworben, zum Beispiel durch eine Viruserkrankung des Fötus während der Schwangerschaft, oder durch Medikamente oder Probleme bei der Geburt, wie etwa Sauerstoffmangel.

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