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Titel Fluggast-rechte
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Reisen

Fluggastrechte: Wenn der Flug Verspätung hat

Ab in den Urlaub! Soll’s weiter weg gehen als bis an die Ostsee oder ins deutsche Mittelgebirge, ist das Flugzeug das schnellste Beförderungsmittel – meistens zumindest. Doch hier oder am Zielort kann es Ärger geben durch Verspätungen, Flugausfälle, beschädigtes oder verloren gegangenes Gepäck. Wir erklären, auf welche Entschädigung Sie Anspruch haben – und wie Sie Ihre Rechte am besten durchsetzen.

A

m Check-In haben sich lange Warteschlangen gebildet, nur zäh geht es bei der Abfertigung voran. Einem jungen Mann treibt es die Schweißperlen auf die Stirn, immer wieder blickt er auf seine Armbanduhr. Dabei ist schon jetzt klar: Der Flug wird nicht pünktlich starten. Denn noch ist die Maschine, die planmäßig mit ihm an Bord in einer halben Stunde wieder abheben soll, gar nicht gelandet. In Gedanken geht der Urlauber schon seinen weiteren Reiseplan durch: Wird es mit dem Anschluss der Fähre noch klappen? Wird die Autovermietung vor Ort noch geöffnet haben?

Fluggäste erhalten Entschädigung

Auch wenn der Ärger über sinnlos vergeudete Wartezeit bleibt:

Wuetender Fluggst
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Ist ein Flug „erheblich verspätet“ – also mehr als drei Stunden – oder fällt er ganz aus, haben Reisende Anspruch auf finanzielle Entschädigung. Das ist in der europäischen Fluggastrechteverordnung geregelt. Wie hoch die Summe ist, richtet sich nach der Entfernung: Je nach Flugdistanz sind es 250, 400 oder 600 Euro.

Entschädigungen für verspätete Flüge:

Flug, der in Europa startet und landet

bis 1.500 km: 250 Euro Ausgleichszahlung
mehr als 1.500 km: 400 Euro Ausgleichszahlung

Flug, der in Europa startet und außerhalb Europas landet bzw. umgekehrt

bis 1.500 km: 250 Euro Ausgleichszahlung
1.500 bis 3.500 km: 400 Euro Ausgleichszahlung
mehr als 3.500 km: 600 Euro Ausgleichszahlung

Quelle: Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (söp)

Für alle anderen internationalen Flüge (ohne EU-Bezug) sind die Ansprüche im sogenannten Montrealer Übereinkommen geregelt. Im Montrealer Übereinkommen ist übrigens auch festgeschrieben, dass Flugunternehmen grundsätzlich den Schaden zu ersetzen haben, „der durch Zerstörung, Verlust, Beschädigung oder durch Verspätung von Reisegepäck entsteht“.

Weniger Anspruch bei Alternativflug

Bietet die Fluggesellschaft einen Alternativflug an, halbiert sich die Ausgleichszahlung: „Und zwar, wenn der Reisende dadurch sein Ziel bei einer Kurzstrecke mit einer Verspätung von weniger als zwei Stunden erreicht, bei einer Mittelstrecke und allen innergemeinschaftlichen Flügen von mehr als 1.500 Kilometern die Verspätung weniger als drei Stunden und bei einem Langstreckenflug weniger als vier Stunden beträgt“, erläutert Melanie Mikulla, Sprecherin beim ADAC in München.

Fluggastrechte bei „außergewöhnlichen Umständen“

Allerdings muss die Airline die Entschädigung nur zahlen, wenn die Ursache für Verspätung oder Flugannullierung nicht ein „außergewöhnlicher Umstand“ ist. Und genau darüber, was sich hinter diesem Begriff verbirgt, gehen die Meinungen von Fluggästen und Airlines so manches Mal auseinander. „Die Airlines verweisen oft auf technische Pannen oder Wetterprobleme“, weiß Melanie Mikulla. Ob das aber außergewöhnliche Umstände sind, müsse „immer im Einzelfall entschieden werden“.

Flugzeug Wird Vom Blitz Getroffen
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Selbst die Rechtsprechung ist hier unterschiedlich. So gelten technische Probleme nach einem Urteil des europäischen Gerichtshofes vom Grundsatz her nicht als außergewöhnlicher Umstand, eine defekte Enteisungsanlage nach einer Entscheidung des Landgerichts Köln aber schon. Auch beim Wetter steckt der Teufel im Detail: Einen im Nebel liegenden Flughafen, der nicht angeflogen werden konnte, oder einen wegen Blitzschlags annullierten Flug akzeptierten Gerichte als Begründung von Airlines, da hatten die Passagiere schlichtweg Pech. Als eine Airline aber einen Flug vier Stunden nach einem kurzen Unwetter strich, ließ das Amtsgericht Hamburg das nicht als außergewöhnlichen Umstand gelten.

Fluggastrechte bei Überbuchung, Verspätung oder Ausfall

Was auch viele Flugreisende nicht wissen: Wird ihr Flug gestrichen, ist er überbucht oder hat Verspätung, haben sie Anspruch auf Betreuungsleistungen. Dazu zählen beispielsweise zwei Telefonate, zwei E-Mails, Getränke und Essen. Und wenn Fluggäste abends irgendwo stranden, müssen die Fluggesellschaften für eine Übernachtung im Hotel sorgen.

Anspruch auf Betreuungsleistungen gelten ...

… bei Flügen bis 1.500 km: ab zwei Stunden Abflugverspätung
… bei Flügen von 1.500 bis 3.500 km: ab drei Stunden Abflugverspätung
… bei Flügen ab 3.500 km: ab vier Stunden Abflugverspätung

Der Anspruch ist verschuldensunabhängig. Kann die Airline trotz Nachfrage keine Betreuung gewährleisten, müssen Sie sich selbst um Verpflegung und ggf. ein Hotelzimmer kümmern. Bewahren Sie dann alle Belege auf, damit Sie im Nachhinein eine Erstattung der Kosten bei der Airline verlangen können.

Quelle: ADAC

Was tun bei Insolvenz von Fluggesellschaften?

Ziemlich ärgerlich kann es für einen Urlauber werden, wenn die Fluggesellschaft, bei der gebucht wurde, Insolvenz anmeldet. „Bei ,Nur-Flug-Buchungen‘ besteht keine gesetzliche Pflicht der Airline, die eigene Insolvenz abzusichern“, erklärt hierzu der ADAC auf seiner Homepage. Im Klartext: Der Fluggast trägt das Kostenrisiko, wenn die Maschinen der Airline wegen Insolvenz nicht mehr abheben. Er kann zwar den vollen Flugpreis zurückverlangen, aber ob er sein Geld jemals wiedersieht, steht in den Sternen. „Das hängt davon ab, ob die Insolvenzmasse reicht“, erklärt die ADAC-Sprecherin. Pauschalurlauber sind besser dran. Da ist der Reiseveranstalter in der Pflicht, sich um eine alternative Flugmöglichkeit zu kümmern. Ginge es nach dem ADAC, müsste es längst „eine gesetzliche Regelung des Insolvenzschutzes wie im Pauschalreiserecht“ geben.

Endlich am Urlaubsort und dann ist es gar nicht so wie versprochen? Lesen Sie unseren Ratgeber: „Reisemängel: Wenn der Urlaub zum Fiasko wird“ >>

Bei Ärger mit dem Flug schnell handeln

Drei Jahre haben Reisende Zeit, um Entschädigungsansprüche gegenüber einer Fluggesellschaft geltend zu machen. Sabine Fischer Volk von der Verbraucherzentrale Brandenburg rät aber, die Airline schnellstmöglich anzuschreiben. Am besten per Einschreibebrief. „Und der Airline immer eine Frist setzen“, empfiehlt die Juristin. Weiterer Tipp: Als Beweis für eine Verspätung die Ankunftstafel fotografieren.

Mann Vor Abflug-tafel
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Viele Airlines kämen berechtigten Ansprüchen zuverlässig nach, so die Erfahrung des ADAC. Allerdings reagiere die eine oder andere Fluggesellschaft auch mal „spät oder gar nicht“ auf Beschwerden, berichten Juristen des Automobilclubs aus der Praxis. Liefert die Airline keine oder keine zufriedenstellende Antwort, können Fluggäste sich an die in Berlin ansässige Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (söp) wenden – sofern die entsprechende Airline dort Mitglied ist. Für die Verbraucher ist das kostenlos und die Empfehlungen der Schlichter (allesamt Volljuristen mit der Befähigung zum Richteramt) würden nach Angaben der söp „in 80 Prozent der Fälle sowohl von den Reisenden als auch von den Verkehrsunternehmen angenommen“. Betrifft die Beschwerde ein Luftfahrtunternehmen, das nicht Mitglied in der söp ist, können sich Betroffene bei der behördlichen Auffangschlichtungsstelle beim Bundesamt für Justiz in Bonn melden.

Fluggastrechtportale nutzen

Passagiere, die den Aufwand scheuen, selbst ihre Ansprüche durchzusetzen oder den Weg der Schlichtung zu gehen, können sich an Fluggastrechtportale wie Flightright, Fairplane, Airhelp, EUflight und viele andere wenden. Die Dienstleistung hat allerdings ihren Preis. Bei der Inkasso-Variante bestreitet das Portal im Auftrag des Kunden den Rechtsweg und fordert dafür bei Erfolg eine entsprechende Provision. Bei der Sofortentschädigungs-Variante kauft das Portal dem Fluggast den Anspruch ab und versucht dann, ihn selbst durchzusetzen – natürlich auch gegen Provision. Die kann zwischen 20 und 40 Prozent betragen. „Von 250 Euro Entschädigungssumme bekommt der Passagier dann unter Umständen nur um die 150 Euro“, rechnet der ADAC vor. Dennoch könne es „für den Verbraucher von Vorteil sein, ein Fluggastrechtportal einzuschalten“. Denn das Portal zahlt üblicherweise sofort.

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