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Titel Start-up Nia
Bild: Nia Health GmbH
Start-up des Monats

Nia Health: Die digitale Begleitung im Alltag von Neurodermitis-Patienten

Die Nia Health GmbH sagt mit einer innovativen App der Neurodermits den Kampf an: Dokumentation von Schüben, medizinisches Wissen und ein Reporting für den Besuch beim Hautarzt – das alles kann Nia, die digitale Begleiterin für Neurodermitis-Betroffene.

Madita Harnisch

B

is zur Einschulung entwickeln 10 bis 15 Prozent der Kinder Neurodermitis, eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung, die in Schüben verläuft. Weitere geläufige Bezeichnungen sind atopische Dermatitis, atopisches oder endogenes Ekzem. Besonders für junge Eltern von erkrankten Kindern sowie für alle Neurodermitis- Betroffenen ist der Alltag oft mit hohem Leidensdruck verbunden. Die Nia Health GmbH hat eine App entwickelt, die Patienten und Angehörige im Alltag mit der Hauterkrankung begleitet und mit personalisierten Inhalten und Funktionen zu mehr Gesundheit verhelfen soll.

Drei Gründer – eine vollumfängliche Begleiterin

Die Idee zu der App entstand 2018 als sich Tobias Seidl, Oliver Welter und Dr. Reem Alneebari zusammenschlossen. „Wir haben den Business Need, die technologischen Möglichkeiten und das Disruptionspotenzial für die erste vollumfängliche digitale und damit zeitgemäße Begleitung von Neurodermitis-Betroffenen gesehen.

Nia, Oliver Welter
Oliver Welter. Bild: Bernd Wannenmacher

Im Vergleich zu den USA, wo schon unheimlich viele digitale Begleiter am Markt sind, nicht speziell für Neurodermitis, aber für andere Krankheiten, gibt es bei uns in Deutschland noch viel Bedarf in diese Richtung“, so Seidl.
Tobias Seidl, Co-Founder und CEO von Nia Health, arbeitete zuletzt in der Startup-Branche, hauptsächlich im Bereich E-Commerce. Von 2016 bis 2018 konnte der heute 31-Jährige erste Geschäftsführer-Erfahrungen bei einem Food-Venture sammeln.

Nia, Dr. Reem Alneebari
Dr. Reem Alneebari. Bild: Bernd Wannenmacher

Oliver Welter, Co-Founder und CTO von Nia Health, lässt die nötige Erfahrung als Entwickler innerhalb der digitalen Gesundheitsbranche in das Unternehmen mit einfließen. Chief Medical Office und Co-Founder Dr. Reem Alneebari bringt als Dermatologin nicht nur das medizinische Know-How, sondern als Mutter einer an Neurodermitis erkrankten Tochter die persönliche Note und das Wissen um die Bedürfnisse der Zielgruppe mit.

EXIST-Gründerprogramm vom Wirtschaftsministerium

Im Dezember 2019 beendete das Start-up eine insgesamt neunmonatige Beta-Phase und führte die App Nia in den Markt ein. Das Start-up erhält über die Charité Berlin das EXIST-Gründerstipendium, welches ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie ist. Das war die Geburtsstunde von Nia – so nennen die Gründer ihre digitale Begleiterin.

Nia, Tobias Seidl
Tobias Seidl. Bild: Bernd Wannenmacher

Nia ist eine gute Freundin für die Anwender. Wir haben Nutzerbefragungen zum Thema Markenbildung vorgenommen und dabei festgestellt, dass die Befragten den App-Charakter extrem vermenschlicht haben. Das wollten wir beibehalten und aufgreifen und haben einen Namen gewählt, den es schon gibt und der menschlich klingt, aber nicht so geläufig ist“, erzählt Seidl, während er entspannt auf dem bunten Sofa in der Gründer-Villa der Freien Universität in Berlin Dahlem sitzt.

Von Offline-AGNES zu Online-Nia

Wer sich die kostenfreie Basis-Version von Nia Health herunterlädt, kann seinen Gesundheitsverlauf mit Fotos und der Auswahl von individuellen Schubauslösern dokumentieren. Mit direkt umsetzbaren Tipps und Tricks validierter Inhalte lässt sich der Alltag der User zusätzlich erleichtern.
Die Inhalte und das klinische Wissen der App wurden mit Dermatologen und Kinderärzten erarbeitet. Das Curriculum, welches den Inhalten der App zugrunde liegt, ist klinisch validiert und wird als Neurodermitits-Schulungsprogramm namens „AGNES“ bereits seit über 20 Jahren angeboten. Im Einzelunterricht oder in Kleingruppen von zehn Teilnehmern erhalten Eltern und Betroffene sechs Unterrichtseinheiten im Rahmen einer AGNES-Schulung. Dabei verfolgt AGNES einen ganzheitlichen Ansatz. Ärzte, Psychologen, Ernährungsberater und Pflegekräfte vermitteln Wissen in genau diesen vier Säulen. Insgesamt über 12 Stunden dauert das Schulungsprogramm. Das Start-up übernimmt dieses Wissen und überführt es von Offline-AGNES in die Digital-Domaine Nia. Hier spielen Raum und Zeit keine Rolle, Inhalte sind jederzeit abrufbar, wodurch mehr Betroffene erreicht werden können.

Mit Nia zur besseren Patienten-Arzt-Kommunikation

„Deinen bestehenden Arztkontakt mit Dermatologen oder einem Kinderarzt kannst du durch die App verbessern. Zum einen durch die Daten, die du mit der Applikation aufzeichnest, den Gesundheitsverlauf wie du ihn erfasst, wenn du auch einmal ein Schubszenario festhältst“, sagt Tobias Seidl. Die dermatologischen Metriken wie der sogenannte PO SCORAD-Wert, anhand dessen man den Schweregrad des atopischen Ekzems angibt, werden durch Fotos, Bildinformationen ergänzt. „Der Arzt fragt meistens nach dem Status Quo, dem aktuellen Hautzustand am Tag der Sprechstunde. Aber das Spannende ist den Vergleich zu haben. Man kann sich am Ende über die App ein Reporting, also eine Zusammenfassung des Gesundheitsverlaufes von beispielsweise drei Monaten, abrufen und hat so eine super Gesprächsgrundlage für den Arztbesuch und der Arzt wiederum eine sehr gute Datenbasis, um auch bessere Entscheidungen treffen zu können“, erläutert Seidl weiter.

Basisversion der Nia-App ist kostenfrei

Die Basisversion der App ist und bleibt kostenfrei. Dazu gehört zum Beispiel die Dokumentation des Gesundheitsverlaufs. Bestimmte Funktionalitäten und Inhalte können mit einer kostenpflichtigen Premium-Version abgerufen werden. Kooperiert die Krankenkasse des Nutzers mit Nia Health, ist die Premium-Version automatisch kostenfrei nutzbar. „Seit 1. Juli 2020 kooperiert die DAK, die drittgrößte Krankenkasse mit uns, aber es kommen bald noch weitere Krankenkassen hinzu. Dementsprechend sind dann auch die Premium-Funktionen für mehr Nutzer kostenfrei verfügbar“, so Seidl.

Corona-Krise stärkt Businessmodell langfristig

Die Corona-Krise war zu Beginn der Pandemie auch für die Nia Health GmbH schmerzhaft. Gespräche für Kooperationen mit Krankenkassen gerieten ins Stocken oder brachen ganz weg. Als Folge mussten Seidl und sein Team mit Umsatzverlusten umgehen, die auch nicht wieder zurückzuholen seien. „Hier gibt es keinen Rebound-Effekt“, erklärt Seidl. „Es ist nicht so, dass wir davon ausgehen können, dass die App dann im nächsten Monat doppelt so oft verkauft wird.“ So makaber es für den Jungunternehmer auch klingt, weiß er, dass die Corona-Krise das Businessmodell des Start-ups langfristig stärken wird: „Wir haben einen Business-Case, der sich mit einer digitalen Gesundheitsanwendung an Betroffene wendet und diese gesamte Szene, dieser gesamte Markt hat einen unheimlichen Aufwind durch Corona erfahren.

Nia Logo

Das haben wir natürlich auch an den Download-Zahlen und den Nutzerzahlen gemerkt. Diese haben sich durch Corona verbessert.“ Dadurch, dass Arztpraxen nur noch bedingt Patienten angenommen haben, gab es sowohl auf Seiten der Ärzte wie auf Seiten der Patienten ein Umdenken und das Bedürfnis, sich mit digitalen Alternativen zu beschäftigen. „In dieser Phase des Lockdowns haben wir gemerkt, dass ein richtiger Mindset Shift bei Ärzten und Patienten stattgefunden hat. Sie haben die digitalen Anwendungen – die digitale Begegnung von Arzt und Patienten ganz anders angenommen“, bemerkt Seidl.

Schnelle Antworten für Neurodermitis-Patienten

Auch das Nutzerverhalten der User von Nia änderte sich. Es tauchten Corona-spezifische Anfragen auf, die sich beispielsweise mit dem Risiko einer Infektion bei Neurodermitis-Patienten beschäftigten.

Nia-team
Bild: Bernd Wannenmacher

Seidl erzählt: „Wir waren wirklich das erste und lange auch das einzige Medium, was im deutschsprachigen Raum Corona-relevanten Inhalt für Neurodermitiker angeboten hat. Und das alles kostenfrei in der Basisversion. Das Feedback der Nutzer war dementsprechend positiv dankbar. Uns als Unternehmer hat das sehr motiviert, weil wir gemerkt haben, dass wir dynamischer und schneller als andere Medien agieren und in der Krise sofort Antworten liefern konnten.”

Berater der Berliner Sparkasse sind nah dran

Sowie die Nia Health GmbH ihren Usern während der Krise zur Seite steht, unterstützt die Berliner Sparkasse seit Beginn der Ausgründung das Team um Tobias Seidl.
Die Nia Health GmbH ist eine Ausgründung unter dem Dach der NFUSION – Entrepreneurs Network. NFUSION ist eine Community von Unternehmern und vereint im Fall der Nia Health GmbH die Gründungskultur der Freien Universität Berlin und der Charité. Seidl erzählt: „Besonders hier im Umfeld der universitären Ausgründung ist die Berliner Sparkasse sehr nah dran und hat unser Start-up schon von Anfang an unterstützt. Das ist für mich ein wichtiger Grund. Die Nähe zu der Ausgründung, zu den Teams, zu der Unternehmung – also die direkte Ansprechpartnerin wirklich immer greifbar zu haben – das ist ein Charakteristikum, das wirklich entscheidend ist. Außerdem ist unsere Kundenberaterin in der Start-up-Szene sehr gut vernetzt.“

Tipps für Neugründer: Auf Silicon Valley-Mythen verzichten

„So trivial es auch klingt: Es ist meiner Meinung nach ein Irrglaube anzunehmen, dass eine Gründung mit einem hippen Lifestyle wie Silicon Valley-Mythen der beispielsweise „4-Hour Work Week“ zu tun hat“, lacht Neugründer Seidl. In Einzelfällen gäbe es das vielleicht, aber die Realität wäre es nicht. „Ich denke eine Grundvoraussetzung für Neugründer ist, dass sie bereit sind, die Ärmel hochzukrempeln und am Anfang vieles selber zu machen und viel zu arbeiten,“ sagt Seidl.
Seine Einstellung hat sich bereits ausgezahlt: Der mit 50.000 Euro dotierte EIT Health Headstart Award der Europäischen Union kürte Anfang Sommer 2020 die Nia Health GmbH als innovatives Unternehmen.

Text: Madita Harnisch

www.nia-health.de

Wachsen mit der Berliner Sparkasse

Start-ups finden bei der Berliner Sparkasse zahlreiche Möglichkeiten für die Finanzierung, Förderung und Beratung. In unserer Serie Start-up des Monats stellen wir die Vielfalt der Unternehmen vor. Hier geht es zu unseren Start-up des Monats >>

Weitere Informationen zum Thema Gründung finden Sie auf: www.berliner-sparkasse.de/gruendung

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