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Titel Interview Wolfgang Rink
Bild: Christoph Schieder
Experteninterview

Altes Handwerk: „Immer mehr Menschen wollen etwas Individuelles“

Wolfgang Rink, stellvertretender Sprecher der Handwerkskammer, über die handwerkliche Vielfalt der Stadt, Zünfte in der Nische und der Trend zu Handgearbeitetem.

Spielt altes Handwerk, spielen Zünfte mit jahrhundertelanger Tradition in Berlin eine besondere Rolle?

In Berlin gibt es Innungen, die schon seit mehreren Jahrhunderten bestehen, beispielsweise die Bäcker, Fleischer, Schuhmacher, Tischler und Maßschneider, um nur einige zu nennen. Aber es gibt auch Innungen, die weitaus jünger sind, wie zum Beispiel die Kfz-Innung oder auch die Innung für Kälte- und Klimatechnik. Es kommt immer darauf an, wie lange es die jeweiligen Berufe schon gibt.

Berlin gilt als sehr heterogene Stadt. Wie groß ist die handwerkliche Vielfalt?

Berlin ist die größte Handwerkerstadt Deutschlands. Etwa 190.000 Menschen arbeiten im Berliner Handwerk – das übertrifft die Einwohnerzahl von Saarbrücken. In Berlin wird in rund 100 handwerklichen Berufen ausgebildet. Die Vielfalt ist also sehr groß.

Welchen Einfluss haben Nischenhandwerke wie Porzellanmalerei und Orgelbau auf den Arbeitsmarkt und wie groß ist ihre kulturelle Bedeutung?

Der Einfluss auf den Arbeitsmarkt ist eher übersichtlich, da es nur wenige Betriebe und daher auch nicht so viele Arbeitsplätze gibt wie etwa in der Baubranche. Aber die kulturelle Bedeutung dieser Handwerksberufe ist sehr groß, und das schon seit vielen Jahren.

Wird diese kulturellen Bedeutung genügend wertgeschätzt oder entfernt sich die Gesellschaft und der Zeitgeist davon?

Ich glaube, dass der kulturellen Bedeutung des Handwerks wieder mehr Wertschätzung entgegengebracht wird, als das noch vor einigen Jahren der Fall war. Immer mehr Menschen legen zum Beispiel gesteigerten Wert auf Handgearbeitetes, sie wollen etwas Individuelles und keine Massenware. Da ist man beim Handwerk bestens aufgehoben.

Wie ist diesen Sparten der Übergang von der Tradition in die Moderne gelungen?

An keinem handwerklichen Beruf ist die Digitalisierung spurlos vorbeigegangen, sie hat längst Einzug in den betrieblichen Alltag gehalten.

Mit Blick auf den Wandel: Haben Gewerke, die Jahrhunderte überdauert haben, auch langfristig eine gute Perspektive oder drohen sie auszusterben?

Die Gewerke sterben nicht aus. Das Handwerk hat sich immer mit der Zeit entwickelt und ist nie stehen geblieben. Wenn Sie sich überlegen, wie in vielen Berufen früher gearbeitet wurde und wie heute dort gearbeitet wird, sehen Sie, dass das Handwerk immer flexibel auf Änderungen reagiert hat.

Mehr über altes Handwerk in Berlin lesen Sie in unserer Reportage über „Handwerkskultur – made in Berlin“ >>

www.ihk.de

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