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Titel Tourismusbranche
Lutz Freise. Bild: Lia Darjes
Tourismus-Branche

Berlin und die Welt entdecken

Die Deutschen reisen gern und viel – doch kleinere und mittelständische Tourismus-Unternehmen müssen oft große Herausforderungen meistern. Zwei Firmenkunden der Berliner Sparkasse geben einen Einblick in das Erholungs-Business, bei dem sich die Veranstalter selbst ein Zurücklehnen nicht erlauben können.

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ie Spree macht nie Winterschlaf. Ruhig fließt sie aber gern vor sich hin, das sieht Lutz Freise, Geschäftsführer der Reederei Riedel, aus seinem Eckbüro in der Rummelsburger Bucht. Bodentiefe Fenster geben Ausblick auf eine idyllische Winterlandschaft. Einige akkurat aufs Fenster geklebte Haftnotizen versperren indes den traumhaften Ausblick: „Hochzeitsmappe“, „Imagebroschüre“ stehen als Stichworte drauf.

Früher Kunstwerke – heute Touristen

Reeder Freise ist also mitnichten im Winterschlaf, stattdessen brütet er im Büro neue Geschäftsideen für die kommende Saison aus, während im Hafen die 15 Schiffe fest vertäut nebeneinanderliegen. Seit 2003 leitet Lutz Freise das Unternehmen, das er 1996 mit seinem Bruder von der Familie Riedel übernommen hat.

Der ehemalige Spediteur für Kunstwerke vollbrachte das Kunststück, das Unternehmen zur zweitgrößten Schifffahrtsgesellschaft Berlins zu machen, inzwischen mit rund 150 Mitarbeitern. Im Winter schippern die Schiffe mit speziellen Veranstaltungen wie Fondue-Abend, Whiskey-Verkostung oder Krimi-Dinner über die Spree – im Frühjahr wird es erstmals den Hop-on-/Hop-off-Service für Touristen geben. Ähnlich wie bei den Sightseeing-Bussen können diese an jeder Station flexibel aus- und wieder zusteigen.

Umweltfreundlicher Neubau direkt neben dem Funkhaus

Seit 2010 residiert die Reederei neben dem alten Funkhaus an der Nalepastraße in Oberschöneweide. Geheizt wird der Neubau, den Lutz Freise stolz zeigt, mit einer umweltfreundlichen Luftwärmepumpe.

Reederei Riedel
Bild: Lia Darjes

Auch die Abgasbelastung durch die Schiffe wird durch Filter bestmöglich reduziert. Denn in der Kernzeit – von April bis Oktober – drehen sie sieben Tage die Woche und zuweilen bis Mitternacht ihre Runden durch Berliner Gewässer. Dabei befördern sie nicht nur Touristen, sondern auch zu 20 Prozent Berliner, die auf dem Oberdeck Platz nehmen, um Freunden die Stadt aus der Wasserperspektive zu zeigen.

„Die Vielfalt der Sehenswürdigkeiten lässt sich vom Wasser aus perfekt erleben, denn die Spree und der Landwehrkanal führen nun mal mitten durchs Herz der Stadt.“ Lutz Freise, Reederei Riedel

Kerngeschäft im Frühling und Sommer

Die Zahl der Berlin-Touristen steigt kontinuierlich; Berlin lockt mit einzigartiger Kulturvielfalt, spannender Geschichte, bunter Kreativszene und einem immensen Hotelangebot. Da muss man doch als Reederei nur das Schiff vor den Berliner Dom stellen und die Tür aufmachen. „Ganz so einfach ist es nicht“, sagt Lutz Freise und lächelt: „Es ist ein attraktives Angebot nötig, das leisten wir durch eine internationale Ausrichtung und den Fokus ausschließlich auf die Innenstadt.“

Ihren Kernertrag erwirtschaftet die Reederei im Frühling und Sommer. Monatelang plätschert der Umsatz bei so gut wie 0 Prozent, dann schnellt er auf 175 und fällt dann wieder auf 0. „Um sich bei so einem Unterschied auch finanziell über Wasser zu halten, braucht es die Berliner Sparkasse“, sagt Lutz Freise. Besonders, wenn der Sommer mal verregnet ist. Mit Unterstützung seines Finanzpartners konnte die Reederei Riedel seit 2003 sechs neue Schiffe anschaffen.

„Die Beziehung zur Berliner Sparkasse ist eine Geschäftsverbindung, die vertrauensvoll über viele Jahre gewachsen ist.“ Lutz Freise, Reederei Riedel

Gewachsen ist aber auch die Konkurrenz: Mehr als 40 Reedereien buhlen um Kunden. Freise nimmt den Wettbewerb sportlich. Er will die gesamte Flotte noch umweltfreundlicher machen – und auch die Berliner weiter ins Boot holen. „Steigende Touristenzahlen erhalten zwar das Kulturangebot der Stadt, aber es ist auch wichtig, die Akzeptanz touristischer Dienstleistungen bei der Bevölkerung zu behalten“, sagt Freise. Berlin sei zwar noch weit von Zuständen wie in Barcelona oder Venedig entfernt, aber das gelinge nur, wenn man das Gleichgewicht erhalte.

Wörlitz setzt auf Qualität

Weiter zum Reiseunternehmen Wörlitz Tourist nach Friedrichshain, bekannt für seine Busreisen. „Da sind wir schon mitten im Thema“, unterbricht Geschäftsführer Dr. Ulrich Basteck. „Wir sind nicht nur ein Bus-Unternehmen, sondern auch Reisebüro und Anbieter von Flugreisen und Kreuzfahrten.“

Dr. Ulrich Basteck
Dr. Ulrich Basteck. Bild: Lia Darjes

Seit 29 Jahren sei er der „Zampano in der Reisebranche“, wie er scherzhaft sagt. Ein ruhiger, reflektierter 59-Jähriger, der gerne mit dem Bundeswirtschaftsminister auf einer Busfahrt ohne Streitlust reden würde – obwohl er einiges zu schimpfen hätte: Diesel-Fahrverbote für Reisebusse in Städten, Gewerbesteuer auf Hotelbetten zum Beispiel.

Eigentlich war 2018 für Wörlitz Tourist ein gutes Jahr. Die Busreisen (45 Prozent des Umsatzes) liefen gut, die Spezialisierung auf Rundreisen und der Service-Ausbau haben sich als weise Entscheidung erwiesen, um sich von der starken Konkurrenz und der „Hauptsache-billig-Urlaub-machen“-Mentalität abzuheben.

Der Urlaub soll etwas Besonderes sein

Wer bei Wörlitz bucht, setzt auf Qualität. Der Urlaub soll etwas Besonderes sein – eine Städte-, Rund- oder Event-Reise auf hohem Niveau. Auf Entdeckungsreise durch die Fjordwelt Norwegens, zur Elbphilharmonie nach Hamburg oder Inselhüpfen in Kroatien.

21 Fahrzeuge und 180 Festangestellte in Berlin und Potsdam stehen bereit, damit alles reibungslos klappt – selbst wenn eine Fluggesellschaft wie jüngst die Germania insolvent geht. Der Pauschalreisende mag sein Geld zwar zurückbekommen – allerdings vom Reiseveranstalter. In diesem Fall auch von Wörlitz Tourist. „Das war nicht leicht für uns.“

1990 hat Uli Basteck das Unternehmen mit einem Freund gegründet. Er war einer der vielen Ost-Deutschen, die plötzlich ohne Job dastanden – und er war einer der Vorausschauenden, die die aufgestaute Reiselust und Entdeckerfreude der 90er-Jahre mit einem Angebot befriedigten. Von Berlin in die Welt. Das galt gestern – und gilt heute. Der Berliner Sparkasse sei er zu großem Dank verpflichtet.

„Die Berliner Sparkasse war das Kreditinstitut, das von Beginn an für uns da war.“ Uli Basteck, Wörlitz Tourist

Noch gut kann er sich erinnern, wie er allein zur Sparkasse gegangen ist. Vier Mitarbeiter saßen ihm gegenüber, die wissen wollten: Kann er das? Und stimmt das Konzept?

Uli Basteck kann. Davon zeugt eine fast 30-jährige Zusammenarbeit. Und er kann sich auf seine Mannschaft verlassen, wie er sagt. Deshalb guckt er auch trotz aller Widrigkeiten optimistisch in die Zukunft. Der demografische Wandel spielt dem Unternehmen zu: Die Best-Ager, die jung gebliebene „50-plus“-Generation, sind seine Zielgruppe. Und die haben viel Reiselust im Ruhestand. Aber bitte mit Komfort wie dem Taxi-Service zum Bus und dem Reiseleiter als Ansprechpartner vor Ort. „Ich habe eine tolle Mannschaft“, sagt der Chef stolz.

Was würde der 30-jährige Uli Basteck dem heute 59-Jährigen sagen? „Der würde ihm sagen: Du hast alles richtig gemacht“, sagt der Geschäftsführer. „Chancen genutzt!“

Die Kontaktdaten zu unseren Gesprächspartnern:

Reederei Riedel
Tel. 030/679 61 47-0
www.reederei-riedel.de

Wörlitz Tourist
Tel.: 030/42 21 95 10
www.woerlitztourist.de

Tourismusbranche in Zahlen

  • Tourismus 1 Reisedauer Arbeitsplaetze

    Zahlen von 2017, vom DRV aus verschiedenen Quellen zusammengestellt. Berliner Sparkasse

  • Tourismus 2 Umsatzanteile Buchungsart

    Zahlen von 2017, vom DRV aus verschiedenen Quellen zusammengestellt. Berliner Sparkasse

  • Tourismus 3 Umsatz

    Zahlen von 2017, vom DRV aus verschiedenen Quellen zusammengestellt. Berliner Sparkasse

  • Tourismus 4 Verkehrsmittel

    Zahlen von 2017, vom DRV aus verschiedenen Quellen zusammengestellt. Berliner Sparkasse

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Interview: „Nur nachhaltiger Tourismus ist zukunftsfähig“

Dr. Ellen Madeker, Sprecherin des Deutschen Reiseverbandes (DRV), über die Reisetrends 2019, die Bedeutung des Tourismus als Arbeitgeber – und das wachsende Umweltbewusstsein der Branche.

Ellen Madeker
Dr. Ellen Madeker. Bild: Christian Wyrwa

Wie viele Arbeitsplätze hat die Reisebranche und wie hat sich ihr wirtschaftlicher Faktor entwickelt?
In der Tourismusbranche in Deutschland arbeiten mittlerweile rund 2,9 Millionen Beschäftigte. Immer mehr Deutsche machen immer mehr Urlaub und sie geben immer mehr für ihre Reisen aus – so auch im vergangenen Jahr. Dabei setzen sie vermehrt auf Pauschalreisen. Die Reise-Ausgaben stiegen im vergangenen Jahr insgesamt um 5 Prozent, die Ausgaben für Veranstalterreisen sogar um 7 Prozent. Der Umsatz über die Reisebüros steigt und Online-Buchungswege nehmen weiter an Bedeutung zu – das ist die Bilanz des Reisejahres 2018, die wir kurz vor Beginn der weltweit größten Reisemesse ITB Berlin vorgelegt haben.

Wie machen die Deutschen Urlaub?
Die Deutschen lieben das Mittelmeer. Im vergangenen Jahr zog es die meisten Urlauber an die Badestrände der Mittelmeerküste. Und auch Kreuzfahrten auf dem Meer und auf Flüssen sind äußerst beliebt, ebenso wie Kultur- und Städtereisen. Die Deutschen machen zudem gerne Urlaub im eigenen Land – hier stehen im Sommer besonders die Ost- und Nordsee hoch im Kurs.

Und wo zieht es die Deutschen diesen Sommer hin?
Auf der Liste der gefragtesten Urlaubsregionen im kommenden Sommer stehen nach Auswertung der Frühbuchungen Griechenland, Türkei, Balearen, Kanaren und Ägypten. Die Türkei verzeichnet ein eindrucksvolles Comeback und gewinnt Marktanteile zurück, die sie während der Krise an andere Reiseländer – wie zum Beispiel Spanien und Griechenland – verloren hatte. Auch die nordafrikanischen Urlaubsländer sind für den Sommer 2019 gut nachgefragt: Ägypten wächst zweistellig, Tunesien im guten einstelligen Bereich. Insgesamt weisen die Reiseländer im östlichen Mittelmeer – dazu zählen neben der Türkei und Griechenland auch Ägypten, Bulgarien, Tunesien und Kroatien – zusammengenommen ein Umsatzwachstum in Höhe von 9 Prozent auf.

Inwiefern spielt Nachhaltigkeit beim Reisen eine wachsende Bedeutung?
Tourismus ist nur zukunftsfähig, wenn er nachhaltig ist. Die Reisebranche nimmt das Thema und die damit verbundene Verantwortung sehr ernst. Immer mehr Veranstalter bieten ihren Kunden nachhaltige Reiseangebote an, einige Veranstalter haben sich darauf spezialisiert. Viele Reiseanbieter haben freiwillig den CO2-Ausgleich durch Klimaschutzprojekte in ihre Buchungsabläufe integriert. Sie setzen sich zudem für die Optimierung von Infrastruktur und Transport in Reiseländern ein oder beteiligen sich an Projekten für den Schutz von Lebensräumen. Im Hotelbetrieb stehen Effizienzsteigerungen, Energieeinsparungen und Müllvermeidung im Fokus.

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