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Kultur als Wirtschaftsfaktor
Neuer Zirkus in historischem Haus: Im Chamäleon Theater in den Hackeschen Höfen läuft derzeit die spekatuläre wie poetische Show »Finale« der Berliner Kompanie Analog. Bild: Jakub Jelen
Kultur als Wirtschaftsmotor

Vorhang auf!

Kaum eine andere Stadt in Europa hat so viele Bühnen wie Berlin. Die durch die einstige Teilung besonders große Vielfalt ist heute ein kultureller Schatz, der bewahrt und gepflegt werden will. Wir porträtieren zwei Akteure, die die Kulturhauptstadt auf ganz unterschiedliche Weise prägen. Auch mithilfe ihres Finanzpartners, der Berliner Sparkasse.

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ie gut es der Berliner Kultur aktuell geht, lässt sich am Beispiel des Vereins Kulturvolk verdeutlichen. Dieser arbeitet mit mehr als 200 Kulturpartnern der Stadt zusammen, um für die Abonnenten ihrer „Kulturkarte” vergünstigte Eintrittspreise anzubieten. Die Mitgliederzahlen klettern kontinuierlich nach oben – die Altersstruktur verjüngt sich. „Darüber freuen wir uns sehr, aber wir dürfen uns darauf nicht ausruhen”, sagt Alice Ströver. Die Geschäftsführerin von „Kulturvolk”, die bis 2011 auch das Kulturprofil der Grünen im Abgeordnetenhaus prägte, will mit dem Verein noch mehr Berliner für Kultur begeistern. Rund 11.000 Veranstaltungen pro Saison vermarktet das „Kulturvolk”.

„Wir wollen jedem Menschen den Zugang zu Kultur ermöglichen. Kultur muss erschwinglich sein. Dazu bieten wir preisgünstige Tickets an und öffnen die Türen von Kulturhäusern, in die Besucher sonst vielleicht nie gehen würden.” Alice Ströver, Geschäftsführerin Kulturvolk

Berliner gehen überdurchschnittlich oft ins Theater

Ob großer oder kleiner Geldbeutel: Die Berliner gehen überdurchschnittlich gern und oft ins Theater. Verglichen mit der Kaufkraft seien die Kartenpreise auch durchaus erschwinglich, informiert Ströver. Noch mal um bis zu vierzig Prozent günstiger kann sie Karten anbieten. „Das gelingt uns, indem wir den Kulturhäusern sehr große Kontingente abnehmen und somit ein verlässlicher Partner sind.” Zudem schickt der Verein Abonnenten auch mal in Stücke, die eher zu den Nischenangeboten zählen. „Dadurch bringen wir auch Menschen in Vorstellungen, die nicht ausverkauft sind. Auch das trägt dazu bei, dass wir gute Rabatte anbieten können.”

Kulturkarte

Dabei konzentriert sich „Kulturvolk” nicht nur auf die klassische Hochkultur des Sprechtheaters und der Oper – auch wenn hier die Wurzeln des Traditionsvereins liegen: Seit 1890 begeisterte er als „Freie Volksbühne” so erfolgreich breite Schichten fürs Theater, dass 1914 ein eigenes Schauspielhaus am Rosa-Luxemburg-Platz und nach der Teilung 1963 auch die Bühne in der Westberliner Schaperstraße errichtet werden konnten. Beide Häuser sind heute unabhängig, und der Verein, inzwischen in „Kulturvolk” umbenannt, hat auch Konzerte und Sportveranstaltungen im breiten Angebot.

„Unsere Zielgruppe sind Berliner, die in der Stadt angekommen sind. Die hier seit zehn oder zwanzig Jahren leben, deren Kinder zum Beispiel bereits erwachsen sind und die folglich am Samstagabend ausgehen können.” Die meisten Karten verkauft der Verein fürs Sprechtheater, ganz oben steht das Deutsche Theater. Aber auch die Komische Oper Berlin prescht immer weiter nach vorne.

Unterstützung durch die Berliner Sparkasse

In den letzten Jahren verlagerte sich auch für das „Kulturvolk” der Weg zum Kunden mehr und mehr ins Internet. Alice Ströver und ihr Team konnten dabei auch auf Unterstützung durch den langjährigen Finanzpartner bauen: „Die Firmenkundenberater der Berliner Sparkasse standen uns besonders auch in den Zeiten der Digitalisierung mit Rat und Tat zur Verfügung.”

Alice Ströver
Bringt Berliner ins Theater: Alice Ströver füllt mit der »Kulturvolk«-Kulturkarte viele Reihen. Bild: Felix Grimm

Natürlich ist Alice Ströver glücklich, dass Kultursenator Klaus Lederer dank guter Haushaltslage mehr in die Kultur und insbesondere auch in die Förderung kleiner Bühnen investiert. „15 Jahre lang gab es in vielen Berliner Kulturhäusern keine Tariferhöhungen. Jetzt können die Häuser endlich ihren Fokus noch stärker auf die künstlerische Qualität legen.”

Mehr als 400 private Theater in der Stadt

Doch mehr als 400 frei produzierende, professionelle Theater- und Tanzgruppen arbeiten jenseits der Staats- und Stadttheater – und müssen sich komplett selbst finanzieren. Ein gutes Beispiel für diese privat geführten Häuser ist das Chamäleon Theater in Mitte. Auch das Chamäleon profitiert vom Schatz der Vergangenheit: 1906 entstanden die Hackeschen Höfe als Amüsier- und Kulturviertel zum Ausgleich für die harte Arbeit in den Berliner Industriebetrieben. Im Zweiten Weltkrieg blieb das architektonische Juwel bis auf einen Bombentreffer verschont und von der DDR-Regierung anschließend vergessen. Der historische Saal des Chamäleons diente lediglich als Lager und für gelegentliche Proben des Fernsehballetts.

Heute umfasst der liebevoll restaurierte Saal im Jugendstil rund 300 Plätze für Besucher, die hier ein europaweit einzigartiges Programm genießen können: ein Theater der 1920er-Jahre mit Elementen des modernen Zirkus. „New Contemporary Circus”, nennt Geschäftsführer Hendrik Frobel das und kann gute Zahlen verkünden. Die schönste für ihn:

„Jeder zweite Besucher kommt aus der Region. Obwohl wir an einem sehr touristisch geprägten Ort residieren. Das ist für uns eine stolze Leistung.” Hendrik Frobel, Geschäftsführer Chamäleon Theater

Zwei Premieren gibt es im Jahr. Dazu verpflichtet das Team um die künstlerische Geschäftsführerin Anke Politz junge Ensembles, die dem Zirkus und historischen Saal modernes Flair einhauchen. Dies gelingt, indem sie klassische Disziplinen des Zirkus, wie Artistik oder Jonglage, mit modernem Tanz, Live-Musik und Schauspiel kombinieren. „Das macht kein anderes Haus in dieser Verbindung und mit solch langen Spielzeiten, deshalb sind wir europaweit einzigartig”, betont Hendrik Frobel.

Berliner Sparkasse engagiert sich für lokale Kultur

In den letzten Jahren wurde der Saal aufwendig saniert: Stuck und Decke wurden restauriert, das Parkett wurde erneuert und eine Klimaanlage eingebaut. Bei derartigen Investitionen unterstütze auch die langjährige Hausbank, so Frobel. „Wir sind sehr froh, in der Berliner Sparkasse einen Finanzpartner gefunden zu haben, der nicht nur über das notwendige Verständnis für die Besonderheiten der Berliner Kulturbranche verfügt, sondern sich auch aktiv für lokale Kulturprojekte engagiert.”

Hendrik Frobel
Zirkusdirektor aus Berlin-Mitte: Hendrik Frobel wirbelt im Chamäleon Theater für ein buntes Programm und für eine vielfältige Stadt. Bild: Charles Yunck

Das vielfältige Chamäleon-Programm sieht Frobel als wichtiges Signal in diesen Tagen, wo doch ausgerechnet die AfD den Vorsitz für den Tourismus-Ausschuss im Deutschen Bundestag bekommen hat. „Kulturbetriebe haben den Auftrag, den Menschen zu zeigen, wie wertvoll eine Demokratie ist. Wir verbinden Kulturen, stehen für Werte wie Freiheit, Respekt und Vielfalt der Lebensentwürfe. Wer könnte das besser zeigen als ein Ensemble, das aus allen Teilen der Welt kommt und auf einzigartige und sehr vertrauensvolle Weise miteinander arbeitet?”, fragt Hendrik Frobel.

Umso wichtiger sieht er es, dass die Hauptstadt des Landes für kulturelle Vielfalt steht – und ihren kulturellen Schatz entsprechend behutsam für die Zukunft stärkt.

Kultur per Klick

www.chamaeleonberlin.de
www.kulturvolk.de
Willkommen im Theater-Club: Für 36 Euro im Jahr gibts Tickets bis zu 40 Prozent günstiger.

Kurze Kostprobe: Chamäleon-Theater

Formate: video/youtube

„Kultureller Schatz als Magnet für Touristen”

Christian Tänzler, Pressesprecher der Berliner Tourismus GmbH „visitBerlin”, über den abgeflachten Touristenboom, die Rolle der Kultur für Berlin und das Tourismus-Zukunftskonzept „2018+”.

Die Tourismuszahlen steigen nur noch minimal. Leidet das Image der Stadt wegen der vielen Party-Touristen?
Das glaube ich nicht. Das hängt eher mit dem Aus von Air Berlin und einer Vielzahl von externen Faktoren zusammen. Die meisten Berlin-Touristen kommen schon jetzt nicht wegen des Nachtlebens, sondern wegen der Sehenswürdigkeiten, der Kultur und der besonderen Atmosphäre und Geschichte dieser Stadt.

Können Sie das in Zahlen belegen?
Schon jetzt ist das Kunst- und Kulturangebot für 55 Prozent der Urlaubsgäste ein wichtiger Besuchsgrund. Damit steht die Kultur an Platz zwei, das Partyleben steht mit 28 Prozent an vorletzter Stelle.

Christian Tänzler
Christian Tänzler. Bild: Promo

Millionen fließen in die Sanierung der großen Häuser wie der Staatsoper. Vernachlässigt Berlin seine kleinen Bühnen?
Berlin braucht diese Leuchtturmprojekte, die auch eine internationale Strahlkraft haben. Aber für die kleinen Bühnen hat der Senat einiges getan und im letzten Haushalt mehr Mittel eingeräumt. Wir finden zu Recht: Sie ergeben diese große Palette der Subkultur und Vielfalt, die Berlin so spannend machen. Viele Besucher wollen ja das Berlin abseits der Touristenströme am Brandenburger Tor entdecken. Nicht ohne Grund wird Berlin gern mit dem New York der 1980er verglichen.

Wie lange kann Berlin noch das New York der 1980er bleiben, wenn die Mieten steigen und „arm, aber sexy” für viele Menschen wie ein Hohn klingt?
So ein Image lässt sich natürlich nicht zementieren, die Stadt entwickelt sich weiter. Berlin zeichnet aus, dass es nicht einen zentral gesteuerten Entwicklungsplan gibt, sondern dass die Kulturmetropole aus der Kreativität der Menschen entstanden ist.

Theater Infografik

Ein Bestandteil des neuen Tourismuskonzepts „2018+„ ist es, die Randbezirke zu stärken. Theater gibts auch am Stadtrand.
Die sind sicherlich ein Attraktivitätsfaktor. Unsere App going local zeigt, was die Außenbezirke alles zu bieten haben. Das fließt ganz klar in die Gesamtattraktivität Berlins ein. Das Wort „Kiez” kommt nicht umsonst aus Berlin.

Abschließend: Wie sieht denn die kulturelle Identität Berlins „2018+” aus, ohne das Wort „Vielfalt” wieder zu bemühen?
Die unterschiedlichsten Kulturen haben in Berlin schon immer ihren Raum gefunden und finden ihn immer noch, obwohl oder gerade weil sich die Stadt ständig verändert. Berlin ist somit nicht nur die Stadt der Vielfalt, sondern ganz klar auch der Freiheit und der Weltoffenheit. Dieser Dreiklang liegt in ihren Genen und ist für mich der kulturelle Schatz der Stadt und der Tourismusmagnet auch für die Zukunft.

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