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Titel Digitalwirtschaft
Bild: Shutterstock
Digitalwirtschaft

Berlins Zukunft ist digital

Überdurchschnittliche Wachstumsraten und weit über 500 Neugründungen im letzten Jahr: Die Berliner Unternehmen der Digitalwirtschaft haben sich längst zum bedeutenden Motor der boomenden Hauptstadtregion entwickelt. Wir haben mit zwei Gründern gesprochen, die sich in der Branche etabliert haben – mit Visionen, Herzblut und Persönlichkeit.

Prenzlauer Berg, zweiter Hinterhof, dritter Stock: Eine Etage mit vielen Schreibtischen, Regalen und einem schlichten Konferenzraum. Das Büro von Campusspeicher ist pragmatisch und genau das gehört zum Erfolgskonzept. Denn Raoul Hentschel (35), Gründer des Webhosting-Anbieters, also dem Bereitstellen von Speicherplatz im Internet, weiß, wie man Kunden zufriedenstellt: mit persönlichem Service und günstigem Preis. Eben dieser entsteht durch Einsparungen, beispielsweise bei der Büromiete oder im Marketing.

„Unsere Kunden kommen zu 80 Prozent durch Mundpropaganda. Eine Empfehlungsprämie ist unsere einzige Marketinginvestition.“ Raoul Hentschel, Campusspeicher

Doch nur zufriedene Kunden sprechen Empfehlungen aus. Dazu gehöre mehr als nur ein guter Preis: „Wir punkten mit Support“, sagt Hentschel. Statt Callcenter und langer Warteschlangen gibt es bei Campusspeicher den direkten Kontakt zum kompetenten Mitarbeiter. „Man erreicht uns per Telefon und Mail oder kommt einfach direkt vorbei, da ist unser Standort mitten in Berlin von Vorteil.“

Wie tauschte man Dateien in Zeiten vor Clouds und Streaming?

Gegründet wurde Campusspeicher 2006 als Projekt der TU Dresden. Die Idee kam durch den eigenen Bedarf: „In Zeiten vor Clouds und Streaming war es problematisch, als Studenten untereinander Dateien auszutauschen“, erinnert sich Hentschel, der Wirtschaftsinformatik studierte. Die Lösung: ein Internetspeicher für Studenten zum Hoch- und Herunterladen von Dateien. Mit Geschäftspartner Lucas Beugnet ging es 2011 nach Berlin. „Berlin war ein idealer Ort, um sich in die Gründerszene zu stürzen“, erklärt Hentschel. „Die Infrastruktur mit Stammtischen und Netzwerkmöglichkeiten ist für den Anfang ideal“.

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Bieten Komplett-Pakete fürs Netz: Raoul Hentschel und Lucas Eisenzimmer. Bild: Christoph Schieder

Heute bietet Campusspeicher Domains, Website-Baukästen und Komplettpakete, aber auch leistungsstarke Server für anspruchsvolle Webanwendungen oder Online-Shops an. Was in Zukunft eine immer größere Rolle spielen wird, ist laut Hentschel das so genannte Managed Hosting: „Wir helfen Unternehmen bei der Digitalisierung und entwickeln individuelle Strategien im Bereich Cloud Computing und Internettechnologie.“

Diese individuelle Unterstützung hebt Campusspeicher von anderen großen Webhosting-Anbietern ab. Statt starrer Pakete setzt man hier zusätzlich auf individuelle Lösungen, auch wenn sich die Bedürfnisse ändern. „Einer unserer ersten Kunden hat als Ein-Mann-Betrieb mit uns begonnen, mittlerweile hat er 20 Angestellte.“ Das gemeinsame Wachsen, langfristige Geschäftsbeziehungen und eine gemeinsame Entwicklung liegen uns am Herzen“.

Berliner Sparkasse bietet optimale Lösungen für individuelle Anforderungen

Mittlerweile ist auch Campusspeicher gewachsen – ganz ohne Investor oder Fremdkapital. „Dabei hat uns die Berliner Sparkasse unterstützt“, berichtet der 35-Jährige. „Dank ihr können wir unseren Kunden viele Zahlungsmöglichkeiten anbieten, ab 2019 auch Kreditkartenzahlung“. Außerdem habe man gemeinsam Lösungen für die komplizierten Rechnungsvorgänge gefunden. „Wir haben sehr viele kleinteilige Rechnungen. Zusammen haben wir Lösungen gefunden, wie wir diese einfach bearbeiten und verbuchen können, das hat vieles erleichtert“. Heute ist das Team zu acht, weitere Mitarbeiter sollen dazukommen. „In Berlin gute IT-Mitarbeiter zu bekommen, ist schwierig“, bemerkt Hentschel. Der Fachkräftemarkt sei hart umkämpft, Mitarbeiter werden mit allen Mitteln abgeworben. Hinzu komme das vergleichsweise niedrige Lohnniveau, vor allem aber der schwierige Wohnungsmarkt. Campusspeicher setzt auch bei der Mitarbeitergewinnung auf Persönlichkeit und individuelle Lösungen, zum Beispiel eine 32-Stunden-Woche.

Was tun, wenn Gäste illegal downloaden?

Persönlicher Service, preisgünstige Lösungen und Sicherheit – das sind die Punkte, die auch für Wolfgang Lauterbach (36), Gründer des Hotspot-Unternehmens sorglosinternet, an erster Stelle stehen. Bei ihm war ebenfalls ein persönlicher Bedarf die Initialzündung. Nach dem BWL- und Jura-Studium sammelte er zunächst Erfahrungen im Ausland und sollte 2012 für einen Nahrungsmittelhersteller eine Erlebniswelt mit WLAN-Gästenetzwerk realisieren. Doch alle Angebote waren entweder teuer oder kompliziert.

Lauterbach Prokop
Bieten sicheres WLAN an: Wolfgang Lauterbach und Alexander Prokop. Bild: Christoph Schieder

Das nahm Lauterbach zum Anlass, selbst eine kostengünstige, einfache und sichere Möglichkeit für Gäste-WLANs anzubieten. Mit der Idee im Gepäck besuchte er Start-up-Events, wo er auf Mitgründer Alexander Prokop traf. Gemeinsam nahmen sie am Design-Thinking-Kurs am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam teil und holten den dritten Gründer, Amadeus Scherkenbach, mit ins Boot. Nach Prototypen und Testkunden wurden bereits im Januar 2013 die ersten „sorglosboxen“ verkauft.

„Jeder soll unsere Router anschließen und nutzen können, ohne Vorkenntnisse, ohne Anmeldung.“ Wolfgang Lauterbach, sorglosinternet

Um diesen Markt zu verstehen, muss man einen Blick auf den Ermittlungsweg bei Rechtsverletzungen im Internet werfen. Ohne Schutz führt Gäste-Fehlverhalten über die IP-Adresse immer zum Anschlussinhaber, der sich dann mittels Anwalt und langwieriger Verfahren verteidigen muss. Selbst ohne Störerhaftung gilt die Tätervermutung des Anschlussinhabers. Zudem können diese durch das neue Telemediengesetz zu Netzsperren und weiteren Maßnahmen verpflichtet werden.

Mit der „sorglosbox“ surfen Gäste hingegen mit einer IP-Adresse von sorglosinternet, weshalb Anschlussinhaber nicht nur sicher vor Rechtsanwaltspost, sondern auch Hausdurchsuchungen sind und so nachts beruhigt schlafen können. Auch alle zukünftigen rechtlichen Anforderungen, wie die neue Datenschutzgrundverordnung, übernimmt sorglosinternet für seine Kunden. „Sollte ich unsere Produktphilosophie auf ein paar Stichwörter herunterbrechen, wären das sicher ‘einfach’, ‘flexibel’, ‘schnell’ und ‘erschwinglich’“, sagt der Gründer. „Jeder soll unsere Router anschließen und nutzen können, ohne Vorkenntnisse, ohne Anmeldung.“

Die Kunden sind in erster Linie Unternehmen, die Mitarbeitern oder Kunden einen Internetzugang gewähren möchten. Das sind kleinere Tourismusunternehmen wie Besitzer von Ferien- oder Monteurwohnungen, Campingplätze oder Orte mit Wartebereichen wie Arztpraxen, Autohäuser oder Banken, „auch die Kirche und Erotikbetriebe zählen zu unseren Kunden“, ergänzt der Geschäftsführer mit einem Lachen.

Was neben großer Bandbreite, günstigem Preis und der Rechtssicherheit bei den Kunden gut ankommt, ist der Support des siebenköpfigen Teams. „Uns ist wichtig, dass wir jederzeit für unsere Kunden erreichbar sind, das schafft Vertrauen“. Da würden Kunden schon einmal fragen, ob sorglosinternet nicht die Hotline für größere Telekommunikationsunternehmen übernehmen könne, wo der Support nicht so reibungslos funktioniere.

Persönlicher Support als großer Pluspunkt der Berliner Sparkasse

Genau dieser persönliche Support ist es auch, den Lauterbach an der Zusammenarbeit mit der Berliner Sparkasse schätzt. „Dass man sich immer mit einem Ansprechpartner zusammensetzen und Lösungen finden kann, hat uns wahnsinnig geholfen“. Auch das Vertrauen, dass die Berliner Sparkasse in das junge Unternehmen gesetzt habe, freut den Gründer. „Wir haben immer einen Vertrauensvorschuss bekommen, enttäuschen mussten wir zum Glück nie. So konnten wir organisch vom Start-up zu einem Unternehmen wachsen.“ Und wenn man den weiteren Ideen von Wolfgang Lauterbach lauscht, lässt sich sicher behaupten, dass die Geschichte für einfache und „sorglose“ Produkte noch lange nicht vorbei ist.

Digitalwirtschaft Berlin in Zahlen:

88.206
Berlinerinnen und Berliner arbeiten in den

9.696
Digitalunternehmen der Hauptstadt.

47.397
Arbeitsplätze sind dort zwischen 2008 und 2017 neu entstanden.

Jeder 7.
neue Job in Berlin entsteht in der Digitalwirtschaft

16.520
Berliner arbeiten allein im Internethandel, so viele wie in Hamburg, München, Köln, Dresden und Düsseldorf zusammengenommen. 7.300 davon bei Zalando, 2.300 bei Amazon.

10,4
Mrd. Euro Umsatz der Berliner Digitalunternehmen
(im Vergleich: Baugewerbe 9,9 Mrd. Euro)

15%
des Berliner Wirtschaftswachstums seit 2011 steuert die Digitalwirtschaft bei.

65
Professoren an Berliner Hochschulen forschen am digitalen Zukunftsthema Künstliche Intelligenz.

Platz 78
belegt Berlin im Ranking der durchschnittlichen Internetgeschwindigkeit unter den deutschen Städten und Gemeinden.

Quelle: Investitionsbank Berlin, www.breitbandmessung.de, 2018

Interview: „Berlin will Vorreiter für Innovationen werden“

Mit der Kampagne „login.berlin“ wirbt der Senat für den IT-Standort Berlin. Wir sprachen mit Kampagnen-Managerin Betül Özdemir über Rahmenbedingungen und Visionen.

Betuel Oezdemir
Bild: Silke Reents

Frau Özdemir, wie schätzen Sie die städtischen Rahmenbedingungen für die digitale Wirtschaft in Berlin ein?
Im Vergleich zu den anderen deutschen Städten hat Berlin sehr gute Rahmenbedingungen für Tech-Start-ups und die Digitalwirtschaft. In keiner anderen Metropole siedeln sich so viele Start-ups mit innovativen Technologien an, wie in Berlin. Wir wollen dieses so genannte Deep-Tech-Potenzial von Berlin noch sichtbarer machen. Dafür haben wir beispielsweise die Bereiche „Künstliche Intelligenz“ und „Internet der Dinge“ auch in unsere IT-Standort-Marketing-Kampagne „log in. berlin“ aufgenommen.

Wie schafft man es, die überall begehrten IT-Fachkräfte nach Berlin zu locken?
Berlin bietet Fachkräften aus der IT- und Kreativwirtschaft faszinierende Arbeitsmöglichkeiten. Die Stadt mit ihrem internationalen Flair ist Drehkreuz und Zuhause für Menschen aus aller Welt, die hier leben und zusammenarbeiten. Egal ob dies in einem Global Player der IT-Branche passiert, bei einem mittelständischen Softwarehaus oder in einem Start-up: Die Angebote und Chancen sind so vielfältig wie die Stadt.

Wie ist der Stand bezüglich der technischen Infrastruktur in Berlin, zum Beispiel beim Thema Breitbandnetz?
Breitbandnetze sind ein wichtiger Standortfaktor für Berlin. Die Ausgangssituation in Berlin ist gut, allerdings ist die so genannte letzte Meile mit Glasfaser in Berlin mehrheitlich noch nicht ausgebaut. Für professionelle Anwender und die Berliner Start-up-Szene ist eine höhere Bandbreite erforderlich. Diese und andere wichtige Anforderungen sollen in einem koordinierten Vorgehen von Senat und allen Beteiligten erfüllt werden. Dazu gehören Netzbetreiber und Infrastruktureigentümer, also Versorgungs- und Wohnungswirtschaft, sowie landeseigene Unternehmen.

Wie wird sich Berlin durch die Digitalisierung verändern?
Digitalisierung verändert unseren Lebensalltag, wie wir miteinander kommunizieren, unsere Arbeitswelt und die Produktionsprozesse. Diese Veränderungen der „vierten industriellen Revolution“ sind weit mehr als die Erneuerung von Industrie und Dienstleistungssektor, sie eröffnen neue Wirtschaftszweige und neue Formen der Vernetzung. Hier will Berlin bei Innovationslösungen Vorreiter sein. Wirtschaftspolitisches Ziel ist es, gesamte Wertschöpfungsketten in den Technologiefeldern Life Science, Digitalwirtschaft, Elektrotechnik und urbane Technologien wie Energie, Umwelt und Mobilität abzubilden, um Berlin dauerhaft auf der weltweiten Landkarte technologiestarker Standorte zu verankern.

www.loginberlin.de

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