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Titel Altes Handwerk
Martina Hacker, seit Juni 2019 als Geschäftsführerin bei der KPM. Bild: Hahn und Hartung
Branchenreport

Handwerkskultur made in Berlin

Sie haben den Übergang von der Tradition in die Moderne geschafft. Die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM) Berlin und die Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt GmbH bestehen im Markt und erfüllen mit jahrhundertealtem Handwerk zugleich einen Kulturauftrag. Und sie bestehen im markt – auch in Corona-Zeiten …

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lötzlich geht es schnell. Von einem Tag auf den anderen muss die Königliche Porzellan Manufaktur (KPM) Berlin Mitte März aufgrund behördlicher Auflagen alle zwölf Stores im Bundesgebiet schließen. Etwa 85 Prozent der 220 Beschäftigten gehen in Kurzarbeit. Zur Unzeit – im anlaufenden Ostergeschäft – brechen 80 Prozent des geplanten Umsatzes weg. “Corona” bilanziert Geschäftsführerin Martina Hacker, “hat uns ziemlich erwischt.”

Als die Welt noch eine andere war

Ein paar Wochen vorher, an einem milden Februar-Dienstag: Michelle Sosna taucht den Pinsel behutsam in das Farbdöschen vor sich, das gefüllt ist mit einer dunklen, präzise austarierten Mixtur aus fein aufgeriebenen Metalloxiden und Terpentin-Öl. In der linken Hand hält sie den To-go-Becher aus Porzellan, den sie sorgfältig mit einem Monogramm verziert. Die Becher sind vor allem bei jungen Kunden der Königlichen Porzellan-Manufaktur (KPM) Berlin gefragt, das Design “Kurland, weiß” ist 230 Jahre alt.

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Porzellanmalerin Michelle Sosna bei der Arbeit. Bild: Hahn und Hartung

Altes Handwerk in die Zukunft bringen

Tradition trifft Moderne, oder wie Martina Hacker sagt: „Zukunft braucht Herkunft.“ Hacker arbeitet seit 2016 bei der KPM, seit Juni 2019 als Geschäftsführerin. Sie geht jeden Tag „mit viel Demut durch Produktion und Malerei“, aus gutem Grund: „Man sieht, wie aufwendig der Herstellungsprozess des Porzellans in zwei Brennvorgängen ist – und wie gut am Ende alles passt. Das ist echtes Kunsthandwerk.“

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Geschäftsführer Martin Schwarz. Bild: Hahn und Hartung

Dass sein Beruf eine Berufung ist und sich dessen Faszination auch aus der Tradition speist – dieses Empfinden hat auch Martin Schwarz, der Geschäftsführer der Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt GmbH. Das Credo des Firmengründers, „handwerklich und klanglich perfekte Unikate zu bauen“, gilt für Schwarz und die 26 Mitarbeiter, darunter aktuell vier Auszubildende, noch immer. „Die Orgel“, sagt Schwarz bei der Besichtigung seiner Betriebsstätte, „heißt zu Recht Königin der Instrumente. Mit ihr wird die Klangvielfalt unterschiedlichster Instrumente in einem einzigen eingebunden.“

Handwerklich perfekte Unikate

Während ein Mitarbeiter die Risse im Holz einer Windlade ausfräst und zuspant, ist Schwarz schon einige Meter weiter gegangen: zum Spieltisch der Wilhelm-Remler-Orgel (Baujahr 1870) aus Jühnsdorf, der rekonstruiert wird. Im benachbarten Raum der Werkstatt erledigt ein Orgelbauer die Vor-Intonation der aus verschiedenen Legierungen bestehenden Pfeifen für eine japanische Orgel, er dünnt sie mit der Ziehklinge aus.

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Vor der Handarbeit: Auch beim Orgelbauer entstehen komplexe Konstruktions- Entwürfe als 3D-Modell im Computer, erst dann wird gebaut. Bild: Hahn und Hartung

Wer die Größe dieser Orgel, die vor dem Transport ans Ziel in Zehlendorf vormontiert und wieder abgebaut wird, sieht und ihre unendlich vielen Bauteile, bekommt eine Ahnung von der Komplexität dieses jahrhundertealten Berufes. „Vielen“, sagt Schwarz, „ist gar nicht bewusst, wie viel hinter dem Ganzen steckt. Ein Auto ist für 20 Jahre konzipiert, eine Orgel für mehrere Jahrhunderte. Wir erhalten ureigenes deutsches Kulturgut.“

Orgelbauer ist mehr als nur ein Job

Akustik, die Auswahl der Materialien, architektonische, ästhetische, klimatische Belange – viele Komponenten müssen zusammengeführt werden. Für eine mittelgroße Orgel werden drei Monate Konstruktionszeit und ein knappes Jahr für den Bau veranschlagt. „Wer Orgelbauer wird, darf das nie als Job sehen“, sagt der 51-Jährige, der als Sohn eines Organisten ins Metier reinwuchs. „Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen, aber wir wollen die Menschen berühren. Wenn man beim ersten Konzert spürt, dass die Menschen eine Regung zeigen, macht uns das glücklich. Liebe zur Musik ist in unserem Beruf hilfreich.“ Er hat vor Jahren in Frankfurt am Main eine Orgel intoniert. Jeden Abend kam der Organist, ein Student, in die dunkle Kirche und spielte. Wenn Schwarz daran denkt, bekommt er noch heute Gänsehaut.

Mit Video-Verkauf, Live-Chat und “Drive-in” durch die Corona-Krise

Martina Hacker bestellt sich ein Wasser. Im Gespräch schlägt auch sie den Bogen von ihrer Leidenschaft fürs Metier hin zu Vergangenheit und Zukunft. Bis zur Abdankung von Wilhelm II. im Jahr 1918 war die KPM im Besitz von sieben Königen und Kaisern. 1873 zog die Manufaktur von der Leipziger Straße in einen Neubau am Rande des Tiergartens.

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Matthias Dotschko (Bereichsleiter Malerei) beim Brennen. Bild: Hahn und Hartung

Dort sitzt sie noch heute, seit dem Vorjahr mit eigenem Hotel nebenan. 2006 übernahm der Bankier Jörg Woltmann die KPM Berlin als Inhaber und stellte die Weichen für die Zukunft. Hauptabsatzmarkt ist der Großraum Berlin, 2019 gelang eine Umsatzsteigerung um eine halbe Million auf 13,5 Millionen Euro. Für 2020 wurde die Umsatzprognose wegen der Pandemie angepasst. Auf Corona reagierte die KPM Berlin innovativ. Video-Verkauf, Live-Chat auf der Website, eine Gutschein-Aktion zu Ostern, dazu eine Art “Drive-in”. Die Kunden blieben in ihren Autos, während die bestellte Ware im Kofferraum verstaut wurde. Ein Baustein ist für die KPM dabei die verlässliche Partnerschaft mit der Berliner Sparkasse, wie Hacker sagt: „Da haben zwei Berliner Traditionsunternehmen zusammengefunden, die nicht mehr ohne einander können.“

Orgelbau aus Berlin: Von Denver bis Seoul

Auch Martin Schwarz schätzt die Berliner Sparkasse als Partner an seiner Seite und auch er kann auf eine stolze Firmengeschichte zurückblicken. Die Ursprünge der Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt GmbH lagen ebenfalls im Großraum Berlin, genauer gesagt in Potsdam, und zwar im Jahr 1894. Seit 1966 baut und restauriert das Unternehmen in Zehlendorf am Teltowkanal Orgeln – mittlerweile in der vierten Generation. In Kirchen und Konzertsälen von Denver bis Seoul, von Sydney bis Taiwan, erklingen Karl-Schuke-Orgeln.

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Gebaut für Jahrhunderte: Akustik, Material, Architektur, Ästhetik und Klima – all das sind Belange, die einfließen, wenn eine Orgel angefertigt wird. Bild: Hahn und Hartung

Aktuell gibt es eine Anfrage aus Ankara und Pläne für ein Projekt in Sao Paulo und Kairo. In Passau wird bis 2025 die Dom-Orgel, die größte Kirchenorgel Europas, saniert. In Berlin hat die Firma u.a. die Orgel für die Philharmonie und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gefertigt. Vor allem aus Asien erreichen die Orgelbauwerkstatt immer wieder Großaufträge. Eine im Sejong-Center in Seoul 1978 gebaute 26-Tonnen-Orgel mit 97 Registern und 6 Manualen ist bis heute die größte Orgel des Unternehmens.

Altes Handwerk erlernen: Ausbildungszahlen gehen zurück

Aber es gibt auch Probleme: In seinem Nischenhandwerk ist das Werben von Nachwuchs eher schwierig. Die Ausbildungszahlen gehen zurück. Die Berufsschule befindet sich in Ludwigsburg bei Stuttgart. Wer später auf Montage geht, ist wochenlang von zu Hause weg. Das Gros der Jugendlichen, hat Schwarz festgestellt, wolle „heutzutage an den Schreibtisch, nicht ins Handwerk“. Ein Thema, das er auch regelmäßig mit seinem Berater bei der Berliner Sparkasse bespricht.

Recruiting in Traditionsunternehmen

Bei KPM Berlin sieht das Thema Recruiting ein wenig anders aus. Schuld ist vielleicht der Boom der Kunsthochschulen der letzten Jahre. Unter den 220 Beschäftigten der KPM sind 36 Porzellanmaler. Matthias Dotschko leitet seit 2014 den Malerei-Bereich. Er hat den Beruf in Meißen gelernt. In Berlin gibt er seine Erfahrungen an die nächste Generation um Michelle Sosna weiter, die 2018 im Zuge ihrer Ausbildung den Titel der Berliner Landesbesten gewann. Dotschko begeistert an seinem Handwerk „der Spannungsbogen von der Geschichte bis zur Gegenwart“. Anfragen für Praktika und Ausbildungsplätze bekommt er oft. „Talent“, sagt er, „ist die Voraussetzung. Man sollte malen können, räumliches Sehvermögen und ein Gefühl für Gestaltung haben. Es ist nicht wie Malen auf Papier oder Leinwand. Bei uns ist man historischen Formen unterworfen und muss beachten, wie sich die Farben im Brand verändern.“

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Bild: Hahn und Hartung

Porzellanmaler: ein ganz besonderer Beruf

Blumen, Landschaften, Figuren – die Motive, die mit Pinsel oder Stahlfeder aufgetragen werden, sind vielfältig. Die Paletten mit den Stücken, die Michelle Sosna und ihre Mitstreiter verziert haben, kommen zur Nacht in die vier Öfen. Aber egal, ob reiche Farbfonds und Goldstaffagen oder Weiß-Porzellan, „der Zauber“, sagt Dotschko, „hat mich seit dem Tag, als ich mit 16 zum ersten Mal eine alte Porzellan-Manufaktur betreten und den Duft der ätherischen Öle gerochen habe, nicht mehr losgelassen“.

Altes Handwerk in Berlin: Blick in die Zukunft

Wie sieht der Blick der beiden Traditionsunternehmen in die wirtschaftliche Zukunft aus? Martin Schwarz ist zuversichtlich. Aktuell baut sein Team eine Orgel für eine japanische Hochschule.

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Bild: Hahn und Hartung

Parallel wird eine 1778 eingeweihte Orgel aus Eisenstadt (Österreich) restauriert, deren Holz in der Windlade starke Risse hat, weil die Kirche zu trocken geheizt wird. Fast 600 Orgeln hat die Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt in den vergangenen 60 Jahren gebaut. 2019 betrug der Umsatz 3,2 Millionen Euro. Bei anderen Orgelbauern belegen CNC-Maschinen die halbe Werkstatt, bei Karl Schuke nicht. Die Entwürfe und Konstruktionspläne werden dreidimensional am Computer erstellt. Fast alles, was dann passiert, geschieht von Hand. Jedes Instrument ist ein Unikat. 2017 wurde die Orgel als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt. “Die Menschen”, frohlockt Schwarz, “sehen die Orgel wieder als Musikinstrument, nicht nur als Klangbegleiter.” Auch deshalb schaut er recht positiv in die Zukunft.

Wie auch Martina Hacker. Die KPM-Stores sind wieder geöffnet, die Kunden kommen zurück – einige waren nie weg. “Wir haben viel Solidarität gespürt”, sagt Hacker. “Mancher Kunde sagte: “Wir kaufen jetzt noch eine Tasse mehr.” Trotz der Zäsur – eines gab die Chefin den Mitarbeitern mit: “Die KPM hat Kriege überstanden. Wir werden auch Corona bewältigen.”

Daran arbeiten sie. Wie Martin Schwarz beobachtet auch Martina Hacker einen Wandel zurück zur Tradition. Eine gute Tisch- und Tafelkultur ist wieder im Kommen. „Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen und erfüllen zugleich einen Kulturauftrag“, sagt Hacker. „Das ist ein Spagat. Aber das wird immer unser Fundament sein: handgemacht – in Berlin.“ Womöglich ist man genau damit besser gegen Krisen gewappnet.

Mehr zum Thema altes Handwerk lesen Sie in unserem Experten-Interview >>

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