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Titel Essay Sparen
Berliner Sparkasse, Kassenhalle Mühlendammgebäude 1894. Bild: Berliner Sparkasse
Essay

Wie die Deutschen das Sparen lernten

Vor rund 200 Jahren entwickelte sich die Sparsamkeit zur sprichwörtlichen deutschen Tugend. Auch durch die Gründung der ersten Sparkasse in Preußen.

S

parsamkeit ist für viele Menschen in Deutschland selbstverständlich. Der wiederholte, beinahe vollständige Verlust der Sparvermögen im 20. Jahrhundert hat der deutschen Sparneigung ebenso wenig ein Ende bereiten können, wie es später die langwierige Niedrigzinsphase infolge der 2007 einsetzenden Wirtschaftskrise vermochte. Um die Ursachen für dieses Sparverhalten zu ergründen lohnt sich ein Blick in die Geschichte des Sparens in Deutschland.

Drückende Massenarmut in Europa

Die Entwicklung der Sparinstitutionen in Deutschland hebt an in der Zeit der Spätaufklärung. Im Zuge einer beträchtlichen Zunahme der Bevölkerung seit der Mitte des 18. Jahrhunderts und in Anbetracht einer Wirtschaftsentwicklung, die nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten konnte, entstand vielerorts in Europa eine drückende Massenarmut.

Die Sparkasse wurde als Institution der Armenfürsorge ins Leben gerufen. Robert Muschalla

Darauf reagierten in der Epoche der Spätaufklärung die – zunächst privaten – frühen Sparkassengründungen. Die weltweit erste Sparkasse entstand im Jahr 1778 in Hamburg. Eine aufklärerische Sozietät, die bald als „Patriotische Gesellschaft” bekannt werden sollte, hatte sie als Institution der Armenfürsorge ins Leben gerufen. In der Struktur der Armenfürsorge manifestierte sich ein für die Epoche der Aufklärung typischer Armutsbegriff. Ausgehend von der Reformation hatte er sich im Kontrast zu dem Armutsverständnis des christlichen Mittelalters herausgebildet.

1818 Sparkasse Im Rathaus
Das Rathaus, Sitz der Berliner Sparkasse im Gründungsjahr 1818. Bild: Berliner Sparkasse

Fleiß und Sparsamkeit als Weg aus der Armut

Armut wurde in der Aufklärung endgültig nicht mehr als gottgewolltes Schicksal verstanden, dem es mit Almosen zu begegnen galt. Die frühen Sparkassengründer betrachteten den Fleiß und die Sparsamkeit des Einzelnen als Weg aus der Abhängigkeit von Almosen, die sie nicht als Gegenmittel, sondern als Quelle der Armut verstanden. Die Sparkassen – ebenso wie andere Institutionen der Armenfürsorge – waren auch Erziehungseinrichtungen für die unterbürgerlichen Schichten.

Die Verbreitung des Sparkassengedankens nahm allerdings erst nach den napoleonischen Kriegen ab 1815 mit dem zunehmenden Engagement der Kommunen an Fahrt auf. In Preußen machte Berlin 1818 den Anfang. Die Berliner Sparkasse wurde zum Vorbild für viele der später gegründeten kommunalen Sparkassen. Die Sparvermögen bei den nun in der Regel kommunalen Sparkassen versetzten die öffentliche Hand in die Lage, die Infrastruktur instand zu setzen und zu erweitern und so die Grundlage für die zunehmende Industrialisierung in Deutschland zu schaffen.

Die „soziale Frage“ wird zur „Arbeiterfrage“

Mit den wirtschaftlichen Verhältnissen änderten sich auch die gesellschaftlichen. Die „soziale Frage”, die Anlass für die frühen Sparkassengründungen gewesen war, entwickelte sich mehr und mehr zu einer „Arbeiterfrage”. Die Exponenten der Arbeiterbewegung erkannten ebenso wie ihre Gegner den systemerhaltenden Charakter der Sparsamkeit.

Die beste Sparkasse: Kriegsanleihe – Plakat von 1918.
Die beste Sparkasse: Kriegsanleihe – Plakat von 1918. Bild: Städtisches Museum Bielefeld

Es kam zu einer Politisierung der Sparsamkeit. Das Sparen sollte nicht nur dabei helfen, die Arbeiter finanziell für Notzeiten mit eigenen Mitteln auszustatten, es sollte sie auch an den gesellschaftlichen Status quo binden, an die Besitzverhältnisse ebenso wie an das neue nationale Projekt der Deutschen. Das in den zeitgenössischen Debatten häufig stilisierte Bild des fleißigen und sparsamen Deutschen hatte ebenso Hochkonjunktur wie dessen antisemitisches Gegenbild.

Das „Sparwunder“ deutet darauf hin, dass die Erziehung der Deutschen zum Sparen schon zu einer Habitualisierung des Sparverhaltens geführt hatte. Robert Muschalla

Auf das so bereits eingeübte Sparen „zum Wohl der Nation” griff das Deutsche Reich 1914 bis 1918 unter großer Beteiligung der Sparer zur Finanzierung des Krieges zurück. Die aus der Kriegsfinanzierung resultierende Inflation in den ersten Jahren der Weimarer Republik führte schließlich zum ersten vollständigen Verlust der Spareinlagen der deutschen Sparer.

Sparen im Dienst der Politik

Das nach der Währungsreform 1923/24 einsetzende „Sparwunder”, das schnelle Wiederanwachsen der Sparvermögen, deutet darauf hin, dass die Erziehung der Deutschen zum Sparen – wie sie bereits seit dem späten 19. Jahrhundert zunehmend auch in den Schulen einsetzte – zu diesem Zeitpunkt schon zu einer Habitualisierung des Sparverhaltens geführt hatte. Hierauf konnten die Nationalsozialisten nach der „Machtergreifung” aufbauen.
Den zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft kommt eine Sonderstellung in der Spargeschichte zu, da das Sparen in keiner anderen Epoche in vergleichbarer Weise in den Dienst der Politik gestellt wurde. Das Sparen fügte sich nahtlos in die antisemitische Ideologie der Nationalsozialisten ein. Die Sparguthaben wurden als das Ergebnis vermeintlich guter, „schaffender” Arbeit einem konstruierten raffenden „jüdischen Finanzkapital” entgegengesetzt. „Arbeiten und Sparen gehören zusammen”, „Schaffendes Volk, Sparendes Volk” heißt es auf zeitgenössischem Werbematerial.

Geräuschlose Rüstungsfinanzierung

Die Wirtschaftspolitik dieser Zeit folgte bei ihrer Indienstnahme des Sparens allerdings nicht den skizzierten ideologischen Grundlinien, sondern hatte die „geräuschlose” Rüstungsfinanzierung zum Ziel, für die abermals die anschwellenden Sparvermögen herangezogen wurden. Die abermalige Niederlage im Krieg und die Währungsreformen 1948 in beiden Teilen des Landes sorgten das zweite Mal in verhältnismäßig kurzer Folge für den Verlust eines Großteils der Sparvermögen.

Weltspartag 1955
Weltspartag 1955: Früh übt sich, wer ein guter Sparer werden will. Bild: Berliner Sparkasse

Die Deutschen begannen dennoch direkt nach den Währungsreformen wieder mit dem Sparen. Der tradierten Sparneigung setzte die sich nun ausbreitende Konsumgesellschaft keineswegs ein Ende. Davon zeugt nicht zuletzt das Sparverhalten der Deutschen in der aktuellen Niedrigzinsphase. Nicht nur wegen des zumindest fragwürdigen wirtschaftlichen Nutzens des Sparens in der Gegenwart erscheint eine intensive Auseinandersetzung mit dem deutschen Sparverhalten ratsam.

Der Autor Robert Muschalla:

Robert Muschalla
Bild: Privat

…ist Kurator der Ausstellung „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend”. Diese ist noch bis zum 4. November 2018 in Zusammenarbeit mit der Berliner Sparkasse im Deutschen Historischen Museum (DHM) zu sehen.

Unter den Linden 2, Mitte,
tägl. 10 – 18 Uhr, Eintritt: 8/4 Euro
www.dhm.de

Sparkassengründungen: Eine Kartenanimation des DHM

Formate: video/mp4

Zur Ausstellung lesen Sie auch unsere Artikel:
• Ausstellungs-Übersicht: „Arbeit, Ordnung, Sparsamkeit
• Reportage: Vom Münzschatz zum Glücksschwein

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