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Titel Dynamischer Preis
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Dynamische Preise

Verbraucher-Schwindel in der Preis-Spirale

Preise im Internet unterliegen starken Schwankungen. Zuweilen kann ein und dasselbe Produkt auf einmal das Doppelte kosten. Händler nennen es „dynamische Preisgestaltung“ – Verbraucherschützer „das Ende der Preisgleichheit im Netz“. Wer wird am Ende einen hohen Preis für „billige“ Preise bezahlen?

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nline-Shopping beim Berliner Mode-Händler Zalando: Ein schöner brauner Ledergürtel landet auf der Wunschliste. Erst kostet der ausgewählte Ledergürtel 79,95 Euro – zwei Wochen später nur noch 47,95 Euro. Wer da nicht zugeschlagen hatte, zahlte zwei weitere Wochen später plötzlich wieder 63,95 Euro. Ärgerlich!

„Das Beispiel zeigt: Nicht immer dreht sich die Preisspirale nach unten, wie Internet-Händler gern behaupten.“ Dr. Kirsti Dautzenberg, Teamleiterin Marktwächter Digitale Welt

Nur eines von vielen Beispielen der Marktwächter, wie beliebig Preise im Internet geworden sind. Mehr als 1.500 Artikel von 16 deutschen Online-Händlern haben die Verbraucherschützer untersucht – und festgestellt:

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  • Dynamische Preise für ein Produkt sind online nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Für Handys konnten die Preise um bis zu 220 Euro pro Modell schwanken.
  • Entscheidend für den Preis ist vor allem der Zeitpunkt des Kaufs.
  • Individuelle Preise, sprich für den Studenten andere als für die Geschäftsfrau, bilden hingegen noch die Ausnahme.

Die Zeit des Festpreises im Netz scheint vorbei

Ob Mode-Artikel, Autoreifen oder Medikamente: die Zeit des Festpreises ist im Internet vorbei. Immer mehr Menschen beschweren sich bei den Verbraucherzentralen über gefühlt ungerechte Preise. „So können Zeitpunkt des Kaufs, Ihr verwendetes Endgerät oder Ihr Wohnort dazu führen, dass Ihnen in ein und demselben Online-Shop unterschiedliche Preise angezeigt werden“, schreibt die Verbraucherzentrale Berlin.

Tagesangebot

Da klettert auf der Flugbuchungs-Plattform der Wunsch-Flug bei mehrmaligem Aufrufen der Seite in die Höhe, da zahlt der iPhone-Besitzer mehr als der Android-Nutzer. Letzteres konnten die Verbraucherschützer in ihrer Studie nicht belegen, doch andere Studien geben hierüber Auskunft. So zitiert die Zeitschrift CHIP eine Studie der Verbraucherzentrale NRW von 2014:

Wer mit einem iPhone, iPad oder MacBook auf Amazon geht, sieht mitunter höhere Preise. Denn Apple-Nutzer gelten als zahlungskräftiger. Windows-Nutzer hingegen sind in der Amazon-Logik weniger wohlhabend, sehen also niedrigere Preise.
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Es scheint ungerecht, was die Internet-Giganten hier betreiben und damit ihre Marktmacht benutzen. Auch wer Vergleichsportale aufsucht, bekommt nicht immer den besten Preis. Das Bundeskartellamt hat hier vergangenes Jahr gemahnt, dass solche Portale nicht umfassend seien. Bestes Beispiel: die Hotelbetten-Branche.

„Anbieter von Hotelzimmern können sich Listenplätze auf Hotelplattformen erkaufen. Und mitunter deckt ein Portal weniger als 50 Prozent der im Markt befindlichen Angebote ab. Kurzum: Der Verbraucher kann sich nicht immer darauf verlassen, tatsächlich das für ihn beste Angebot auf einem Vergleichsportal zu finden.“ Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes

Wie man als Verbraucher nun am besten online shoppt, dazu hier unsere 5 Tipps:

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  1. Vergleichsportale bieten Preiswecker an – doch nicht immer zeigen diese tatsächlich den korrekten Preis. Deshalb sollte jeder auch selbst Preise vergleichen und das gewünschte Produkt einfach noch mal googlen. Wird besagter brauner Gürtel auch noch woanders angeboten?
  2. Kaufen Sie online zu unterschiedlichen Tageszeiten ein, also nicht immer nur abends vom Sofa aus.
  3. Nutzen Sie das Inkognito-Fenster: Dieses sammelt keinerlei Browserdaten. Besonders Flugsuchmaschinen lassen sich hierüber gut besuchen, ohne dass der Preis dann beim zweiten oder dritten Besuch gleich nach oben klettert.
  4. Kaufen Sie antizyklisch: Zur Weihnachtszeit ist Kinderspielzeug oft am teuersten. Das alte Spiel von Angebot und Nachfrage. Doch Weihnachten kommt nicht überraschend und die Kinder können bestimmt schon im Oktober ihren Weihnachtswunschzettel rausrücken.
  5. Stöbern Sie lieber erst mal anonym und loggen sich erst zum Schluss zum Kauf ein. Das spricht auch für das Surfen auf der Website statt auf der App übers Tablet oder Smartphone. Denn als angemeldeter Nutzer legen Sie dem Händler Ihr gesamtes Shoppingverhalten offen. Dieser kann dann problemlos Ihre Kaufvorlieben analysieren und die Preise entsprechend anpassen.
Nirgendwo Billiger

„Dynamische Preise kratzen am Vertrauen der Kunden“, sagt Kirsti Dautzenberg. So zeigte eine gemeinsame Studie der Universität zu Köln und Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, dass ein Drittel der Kunden einen Händler, der seine Preise ständig ändert, als weniger zuverlässig empfinden – und beim nächsten Mal woanders einkaufen.

Rechtlich sind dynamische Preise im Netz legal

Rechtlich gesehen dürfen Händler ihre Preise beliebig verändern. Tankstellen machen es mit ihren unterschiedlichen Preisen morgens, mittags und abends seit Jahrzehnten vor. Auch Supermarkt-Ketten und Elektrofachgeschäfte experimentieren mit flexiblen Preisen je nach Tageszeit und Nachfrage.

Hammer-preis

Doch im Internet ist die Preisänderung noch weniger transparent, „sie ist extrem schnelllebig – fünf Minuten später haben wir teils schon andere Preise festgestellt“, sagt die Verbraucherschützerin. Die Suche nach dem fairen Preis werde immer schwieriger, wenn der tatsächliche Preis so im Nebulösen bleibt.

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Auch für die Händler selbst ist das Drehen an der Preis-Spirale ein teures Unterfangen. Nicht wenige beklagen einen „extremen Preiskampf“, berichtet Dautzenberg und erzählt von einem Gespräch mit einem Händler auf dem Marketplace von Amazon, der offen zugab, seine Produkte dort mit so gut wie keiner Marge zu verkaufen. Nur durch die Menge könne er dann Artikel insgesamt günstiger einkaufen und so auf anderen Wegen verdienen.

Wie lang kann das noch gutgehen? Wer zahlt bei so viel Billig am Ende drauf? Für Kirsti Dautzenberg ist deshalb ein guter Rat: Nicht nur auf den „kleinen“ Preis zu schauen – sondern auch wieder mehr die kleinen Läden und damit auch die kleinen Online-Händler zu unterstützen: „Wenn wir die weiter haben wollen, müssen wir die auch leben lassen.“

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