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Downshifting Finanztipp
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Beruflich kürzer treten

Downshifting: Flut an Freizeit – Ebbe auf dem Konto?

Finanz-Check vor dem Kürzertreten: Wer die Karriereleiter verlässt, um mehr Zeit für Familie, Hobbys oder Reisen zu haben, muss gründlich durchrechnen: Wie viel Monatsbudget ist unerlässlich, was ist mit Krankenversicherung oder Rentenansprüchen? Wir haben Downshifting-Modelle unter die Lupe genommen.

1. Downshifting-Modell: Teilzeit

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ach 30 Jahren im Vollzeitjob brauchte Peter Seiler (Name geändert) eine Auszeit. Downshifting war angesagt. Der Redakteur bei einem TV-Sender wollte freier über seine Zeit bestimmen können. Mit seinen Söhnen plante er eine längere Reise. Auch sein Hobby, die Musik, war in den letzten Jahren zu kurz gekommen.

Peter Seiler vereinbarte mit seinem Arbeitgeber nicht die klassische 20- oder 30-Stunden-Variante, sondern arbeitet Vollzeit und erhält 75 Prozent seines Gehalts. Dafür kann er bei gleichem Lohn drei Monate am Stück freimachen.

„Endlich kann ich mich mehr den Dingen widmen, die mir wichtig sind. Ich verdiene zwar weniger Geld, aber das ist es mir wert.“ Peter Seiler, TV-Redakteur

Noch ein Vorteil: Während der mehrmonatigen Auszeit ist er weiterhin kranken- und sozialversichert. „Auch für jüngere Arbeitnehmer, die eine längere Fortbildung oder Reise machen wollen, eignet sich dieses Teilzeitmodell sehr gut“, empfiehlt die Expertin für Arbeitsrecht Britta Schön vom Verbraucherportal Finanztip.

Downshifting Mann Urlaub Berge See Felsen
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Fast jeder fünfte Berliner arbeitet weniger als 40 Stunden in der Woche. Um nicht in der Teilzeitfalle festzustecken, gilt seit dem 1. Januar das Recht auf befristete Teilzeit. Nach mindestens einem Jahr können Arbeitnehmer wieder zur Vollzeit zurückkehren. „Tatsächlich wird das schon in vielen Firmen so gehandhabt. Neu ist der gesetzliche Anspruch auf die Rückkehr zur Vollzeitstelle“, erklärt Britta Schön.
Allerdings gilt dieser Anspruch nur, wenn in einer Firma mehr als 45 Mitarbeiter arbeiten.

Das trifft nur auf 8 Prozent der Berliner Unternehmen zu. Und: Im Niedriglohnbereich wie den 450-Euro-Jobs oder bei Alleinverdienern reicht das geringere Gehalt oft nicht für die Lebenshaltungskosten, und die spätere Rente fällt so gering aus, dass Altersarmut droht.

FAZIT: Gutes Modell für alle, die einmal eine längere Auszeit brauchen und dabei weiterhin krankenversichert bleiben wollen. Aber: nur 75 Prozent des Gehalts.

2. Downshifting-Modell: Unbezahlter Urlaub

Wer länger als vier Wochen unbezahlt Urlaub nehmen möchte, sollte gut finanziell vorsorgen.

Denn der Arbeitgeber ist verpflichtet, Arbeitnehmer nach vier Wochen ohne Arbeitsleistung von der Renten-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung abzumelden.

Bei einer längeren Auszeit muss man sich also selbst darum kümmern und freiwillig renten- und krankenversichern. „Das ist das schlechteste Modell, da man selbstständig extern vorher angespart haben muss und allein das Risiko beispielsweise im Falle einer Krankheit trägt“, klärt Britta Schön auf.

FAZIT: Hohes Risiko und Voransparen nötig. Wegen der fehlenden Krankenversicherung raten Experten von diesem Modell ab.

3. Downshifting-Modell: Zeitwertkonto

Mit einem Zeitwertkonto, auch Langzeitarbeitskonto genannt, kann Arbeitszeit über einen langen Zeitraum angespart und später als Freizeit genutzt werden. Das Vorgehen ist streng geregelt und eher dafür geeignet, früher aus dem Erwerbsleben auszusteigen oder in Altersteilzeit zu gehen.

Für Katja Woiciechowsky, die bei der Berliner S-Bahn arbeitet, ist das eine beruhigende Aussicht:

„Ich will nicht bis 67 arbeiten. Als Einzelkind bin ich im Notfall allein für meine Eltern verantwortlich.“ Katja Woiciechowsky, Mitarbeiterin S-Bahn Berlin

Auf das Zeitwertkonto zahlt sie in der Ansparphase Überstunden, nicht genommenen Urlaub oder andere Arbeitgeberleistungen wie etwa Boni ein. Das Stundenguthaben wird auf Basis des aktuellen Stundensatzes in Geld umgerechnet und vom Arbeitgeber angelegt. In der Entnahmephase wird das Geld schrittweise ausgezahlt und ersetzt damit ganz oder teilweise das Gehalt.

Wenn Katja Woiciechowsky 27 Jahre lang bei einem Bruttoverdienst von monatlich 3.200 Euro jeden Monat 120 Euro in das Zeitwertkonto einzahlen würde, hat sie bis zum 62. Lebensjahr fünf Freistellungsjahre angespart und könnte mit ca. 70 Prozent der letzten Bruttobezüge in Rente gehen.

Überwiegend große Firmen mit 500 und mehr Beschäftigten haben Zeitwertkonten eingerichtet, wie die Deutsche Bahn oder die Berliner Stadtreinigung. Nachteile: Die finanzielle Entwicklung des Guthabens ist nicht langfristig vorhersehbar und kann bei einem Arbeitgeberwechsel nicht automatisch mitgenommen werden. Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Artikel Chef, ich spar schon mal für die Auszeit vor.

FAZIT: Geeignet für alle, die früher in Rente gehen möchten, und in einem großen Unternehmen arbeiten. Nachteil: das Guthaben kann bei einem Arbeitgeber-Wechsel verfallen. Somit ist dieses Modell eher etwas für treue Arbeitnehmer.

4. Downshifting-Modell: Arbeitszeitkonto

Das Arbeitszeitkonto funktioniert fürs Downshifting wie ein Sparbuch, nur dass anstelle von Geld Arbeitsstunden angesammelt oder entnommen werden. Rund 60 Prozent der Beschäftigten in Deutschland haben mittlerweile laut der Bundesagentur für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ein Arbeitszeitkonto.

Downshifting Junge Familie
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Vorteile: Unternehmen und Beschäftigte können flexibel auf Auftragsschwankungen reagieren und private Dinge wie Kinderbetreuung oder den Arzttermin erledigen, ohne Urlaub nehmen zu müssen.

FAZIT: „Für kurzfristige Auszeiten und gerade für Familien mit kleinen Kindern ist das Arbeitszeitkonto eine tolle Sache. Die Eltern haben ja nicht so viel Urlaub wie die Kinder Ferien haben und damit können sie Überstunden zum Beispiel in den großen Ferien ausgleichen“, erläutert Britta Schön.

5. Downshifting-Modell: Sabbatical

Mit Anfang 30 reichten Nicole Bittger 30 Tage Urlaub im Jahr nicht mehr aus, um die Sehnsucht nach der großen weiten Welt zu stillen. Die Berlinerin nahm sich sechs Monate frei und reiste allein durch die Welt. Seitdem hat sie die Reiselust nicht losgelassen. Die Projektmanagerin im Personalbereich eines großen Medienkonzerns kündigte sogar für ihr zweites langes Reiseabenteuer ihren sicheren Job.

Auf ihrem Blog berichtet sie über ihre Erfahrungen und berät gemeinsam mit Claudia Sittner als Modern-Sabbatical-Team andere, wie sie ihren Traum vom Sabbatical realisieren können.

„Wichtig ist ein fairer Umgang mit dem Chef und den Kollegen. Wir empfehlen, früh über die Auszeitpläne zu sprechen, damit sich alle darauf einstellen können. In der Regel möchte man ja wieder zurückkehren in den Job.“ Nicole Bittger, Reise-Begeisterte und Coach

Außer für Lehrer, Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst besteht kein Rechtsanspruch auf ein Sabbatical. Ist der Arbeitgeber einverstanden, sollte ein Vertrag das Recht auf Rückkehr oder die Höhe des Entgelts während des Sabbaticals regeln. Um sich die Reise leisten zu können, hat Nicole Bittger vorher sparsam gelebt, verzichtete auf den teuren Caffé Latte am Nachmittag und verkniff sich ab und zu die Shoppingtour mit der Freundin. Auch das Urlaubs- und Weihnachtsgeld oder Geldgeschenke zum Geburtstag packte sie konsequent auf ihr Reisekonto.

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Wer wie sie für das Sabbatical unbezahlten Urlaub nimmt, muss mit Einbußen bei der Rente rechnen. „Wer 60.000 Euro brutto Jahresgehalt verdient und ein Jahr nicht einzahlt, dem fehlen beim aktuellen Rentenwert jeden Monat etwas mehr als 49 Euro bei der Rente“, weiß Britta Schön.

Wer darauf nicht verzichten möchte, kann während des Sabbaticals weiter freiwillig in die Rentenversicherung einzahlen. Die Expertin rät, sich mit seinem Renten- oder Finanzberater zusammenzusetzen und die Konsequenzen zu besprechen. Damit die lang ersehnte Auszeit finanziell keine Luftnummer wird.

FAZIT: Wer sparsam lebt, kann für das Sabbatical vorsparen. Doch Vorsicht: fair ist es, die Kollegen frühzeitig zu informieren – und wichtig, mit der Finanzberaterin die Zahlungslücke für die Rente zu klären.

Downshifting-Interview: „Beschäftigte wünschen sich Autonomie“

Wie hat sich der Wert von Arbeit verändert? Dr. Yvonne Lott leitet das Referat Geschlechterforschung bei der Hans-Böckler-Stiftung und weiß, was Männern und Frauen im Job wichtig ist.

Downshifting Yvonne Lott
Bild: Hans-Boeckler-Stiftung

Der Wunsch nach einer ausgewogenen Work-Life-Balance nimmt zu. Hat Fleiß als deutsche Tugend ausgedient?
Nur weil mir im Leben neben der Arbeit andere Dinge wichtig sind und ich meine Interessen und Pflichten in Einklang bringen möchte mit meinem Job, heißt das ja nicht, dass ich weniger fleißig bin. Das klassische Rollenmuster der 50er- und 60er-Jahre, als der Mann gearbeitet und die Frau zu Hause geblieben ist, hat sich geändert. Wir haben jetzt mehr Haushalte, in denen beide Partner arbeiten. Und sobald beide erwerbstätig sind – selbst wenn meistens die Frauen Teilzeit arbeiten, sobald die Kinder da sind – ist es viel schwieriger geworden, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Insofern ist es nicht so, dass Arbeit weniger wichtig geworden ist.

Sind die veränderten Lebensumstände demnach belastender?
Die Anforderungen sind gestiegen und deshalb ist den Menschen eine gute Work-Life-Balance wichtig, um weniger gestresst zu sein. Wenn in das Privatleben die Arbeit reinfunkt und umgekehrt, dann ist das auf die Dauer für die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen nicht gesund und auch für den Arbeitgeber nicht gut.

Also passt sich die Arbeit mehr an das Leben an…
Ich würde eher sagen, dass heute der Anspruch da ist, Familie, Freizeit und Beruf gleichwertig leben zu wollen und sich nicht zwischen dem einen oder anderen Bereich entscheiden zu müssen. Aber natürlich gibt es auch die Beschäftigten, die es sich nicht erlauben können, die Arbeit zu reduzieren, weil das Geld verdient werden muss.

Wie würden Sie gute Arbeit definieren?
Sicherlich als gesichertes Arbeitsverhältnis mit einem guten oder einem mindestens existenzsichernden Einkommen. Ein ganz wichtiger Aspekt ist ein gewisses Maß an Selbstbestimmung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern über ihre Arbeitszeiten und ihren Arbeitsort, weil das auch entscheidend dafür ist, wie gut sie Beruf und die anderen Bereiche des Lebens in ihrem Sinne organisieren können. Hinzu kommt die Kontrolle über den Arbeitsprozess, um sagen zu können: Heute Nachmittag gehe ich früher nach Hause.

Was bedeutet das für die Arbeitgeber? Werden flexible Arbeitszeitmodelle Standard werden?
Ich denke, dass es für die Arbeitgeber nur von Vorteil sein kann, wenn Beschäftigte das Gefühl haben, mitzubestimmen. Wir wissen, dass Autonomie und Zeitsouveränität wichtige Werte für die Beschäftigten sind. Gerade die Unternehmen, die vom Fachkräftemangel betroffen sind, reagieren mit flexiblen Arbeitszeitmodellen, um attraktiv zu bleiben. Studien zeigen, dass Frauen häufig den Arbeitgeber wechseln, wenn sie kein flexibles Arbeitsangebot bekommen. Und besonders bei den jungen Männern besteht der Anspruch, für die Kinder da zu sein. Väter wünschen sich einfach mehr Zeit fürs Familienleben.

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