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Titel Interview Bob Schneider
Bild: Promo
Berliner verstehen sich

„Früher waren wir Underground, heute sind wir Volkstheater“

Als schillernde Stadtführerin Jutta Hartmann aus Neukölln begeistert er seit über zehn Jahren die Besucher des Berliner Akzente Comedybus. Mit einem leckeren Glas Futschi – Chantré gemischt mit Rivercola – ist die Kneipenwirtin ein echtes Neuköllner-Urgestein. Aber wer steckt hinter der Kunstfigur? Ein Interview mit Bob Schneider.

Wer Neukölln kennenlernen will, der kommt an einer Tour mit dem Berliner Akzente Comedybus und seiner Stadtführerin Jutta Hartmann nicht vorbei. Die immer etwas zu schrill gekleidetet Kneipenwirtin ist eine Kunstfigur, erdacht von Bob Schneider. Dieser sitzt am anderen Ende der Leitung – aus Zeitgründen führen wir ein Telefoninterview. Die Stimme ist ruhig und freundlich und ganz anders als Jutta und ihre extrovertierte Art – ein spannender Gegensatz.

Kabarettist, Travestiekünstler, Künstler und Autor – wo ordnen Sie sich dort selbst ein?

Bob Schneider: Ich würde sagen, so in dieser Reihenfolge – es steckt von allem ein bisschen in mir. In erster Linie sehe ich mich als Kabarettist und als Travestiekünstler. Die Grenzen sind da ja auch fließend.

Bob Schneider
Bild: Sven Ihlenfeld

Die meisten Menschen verbinden Sie mit Ihrer berühmtesten Figur: Jutta Hartmann, Kneipenwirtin aus Neukölln. Wie ist sie eigentlich in Ihr Leben getreten?
Sie tauchte in den 1990er Jahren in einem unserer Improtheatershows auf, die ich zusammen mit Ades Zabel und Olaf Wriedt gespielt habe. Sie entstand als Gegenpart zu Ades Rolle Edith, die recht faul ist und gerne mal einen über den Durst trinkt. Jutta dagegen wollte immer etwas Besseres sein und mehr aus ihrem Leben machen.

Und dann hat Jutta Sie nicht mehr losgelassen?
(lacht) Nein, offenbar nicht.

Aber eigentlich hatten Sie ganz andere Pläne…
…Ja, eigentlich wollte ich immer zum Film. Ades Zabel und ich kennen uns schon aus der Schulzeit und haben bereits damals Super-8-Filme zusammen gedreht. Für unsere Filme haben wir natürlich auch Premieren gefeiert und im Laufe der Zeit hat es sich dann so entwickelt, dass daraus unsere Live-Auftritte wurden. Damals, in der Wendezeit herrschte ja auch überall in Berlin diese Laissez-faire-Stimmung – wir hatten also genügend Raum, um uns auszuprobieren.

„Es war eine abenteuerliche Zeit. Für uns Wessis wirkte es in Potsdam alles sehr morbide.“ Bob Schneider

Sie haben das Filmhandwerk ernsthaft betrieben und an der Filmuniversität Babelsberg studiert. Wie hat Sie das Studium dort – als West-Berliner in der DDR – beeinflusst?
Es war eine abenteuerliche Zeit. Für uns Wessis wirkte es in Potsdam alles sehr morbide. Die Filmhochschule befand sich damals noch in den Altbauten im Babelsberger Villenviertel am Griebnitzsee. Ich erinnere mich, wie ich morgens noch in der Dunkelheit in Charlottenburg in die S-Bahn stieg, um rechtzeitig da zu sein, dann dieses graue Toilettenpapier (lacht). Ich glaube, dass ich mich am meisten für den Dokumentarfilm interessiert habe, lag zum größten Teil an der Umgebung und der damaligen Stimmung.

Seit Beginn Ihrer Karriere arbeiten Sie mit Ades Zabel zusammen – Edith und Jutta sind mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Wie schaffen Sie es, nach so langer Zeit immer noch neue Ideen zusammen zu entwickeln?
Ich glaube, dass Geheimnis ist: wir haben immer wieder Pausen voneinander, das ist ganz gut (lacht). Ades und ich kennen uns ja schon sehr lange und schätzen uns sehr. Er ist wirklich ein angenehmer Kollege und unsere Programme spielen wir schon sehr lange und sie kommen immer noch gut beim Publikum an.

„Unser Publikum ist mit uns erwachsen geworden.“ Bob Schneider

Wie ist denn das Berliner Publikum?
Wir haben ein sehr treues Publikum,” sonst würden wir unsere Weihnachtsshow in diesem Jahr nicht zum 16. Mal spielen können (BKA Theater). Ich würde sagen, unser Publikum ist mit uns erwachsen geworden. Früher waren wir Underground, jetzt sind wir freches Volkstheater.

Ihre Shows sind also etwas für die ganze Familie?
Sagen wir für Eltern und Großeltern. Die Witze sind teilweise doch recht derb und politisch nicht korrekt. Wir machen immer noch Ossi-Witze und spielen West-Berliner, die nicht wissen, wie es im anderen Teil der Stadt zugeht. Es gibt ja immer noch Menschen aus dem alten West-Berlin, die sich nicht in die ehemaligen Ostbezirke der Stadt wagen.

Jutta Hartmann
Bild: André Looft

Jutta Hartmann ist eine echte Ur-Neuköllnerin. Wie schlägt sie sich in ihrem Stadtteil, der sich der Gentrifizierung und den Hipstern beugen muss?
Mit dieser Thematik beschäftigen Ades, Biggy van Blond und ich uns in unserer Show „Die Weiber von Neukölln“. Edith, Jutta und Birgit merken, dass sich ihr Kiez verändert und sie wollen sich dem entgegenstellen. Ich bin froh, dass Neukölln so einen Wandel erlebt, denn so können wir immer wieder neue Geschichten erzählen, denen sich Jutta und Edith stellen müssen.

Welche Ideen hat Jutta, um in Neukölln zu bestehen?
Sie wandelt ihre Kneipe zum Beispiel zu einem Shop um und passt sich so perfekt an. Heute geht man nicht mehr nur in eine Kneipe, nebenbei kauft man auch noch neue Kleidung.

„Ich zeige mit Jutta eine Frau aus dem Alltag.“ Bob Schneider

Wo finden Sie Ihre doch recht schrillen Outfits für Jutta?
Ich kaufe in Secondhand-Läden ein, aber auch bei H&M oder anderen Klamottenläden. Und Jutta hat natürlich einen großen Fundus angehäuft.

Wie lange dauert es, bis Sie zu Jutta werden?
Für das Kostümbild etwa eine Stunde. Das ist im Vergleich zu anderen Travestiekünstlern wenig, die teilweise bis zu drei Stunden in der Maske sind. Aber ich zeige mit Jutta mehr eine Frau aus dem Alltag, als eine schrille Diva und sehen mich da eher in der Tradition der britischen Sketch-Show „Little Britain“.

Sie haben Jutta zu einem Allround-Talent entwickelt. Sie ist nicht nur Kneipenwirtin mit temporärem Klamottenladen, sie hat auch ihren eigenen Blog und schreibt Bücher. Wenn wir es mal runterbrechen, ist Jutta doch eigentlich der Neukölln-Hipster schlechthin.
(lacht) Stimmt.

Was erwartet den Leser in Ihrem und Juttas neuem Buch „Futschi Voyage“?
Wir verraten darin die besten Reisetipps aus Neukölln, zeigen besondere Orte, die Leute nicht unbedingt kennen und wollen auch ein bisschen überraschen. Viele Leute haben ja von Neukölln ein eher negatives Bild und wissen gar nicht, was es hier alles zu entdecken gibt. Jutta hat verschiedene Cafés, Restaurants und Läden besucht und dort mit den Menschen gesprochen und so ist ein authentischer Neukölln Reiseführer entstanden, der genauso ist wie Jutta: bunt und ein bisschen übertrieben.

Jutta kennt Neukölln ja auch wie keine zweite – als Reiseleiterin ist sie im Comedybus von Berliner Akzente und von Schröder Reisen regelmäßig zwischen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße unterwegs. Wie erleben Sie diese Stadttouren?
Wir machen diese Stadttouren so bereits seit zehn Jahren und es ist immer wieder toll zu sehen, dass die Leute immer noch und vor allem immer wieder gerne kommen. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung und die Gäste sind immer Feuer und Flamme. Außer, wenn es darum geht für ein Spiel Freiwillige zu finden, dann verfallen alle kurz in Schockstarre (lacht).

„Eins meiner Highlights aus all den Jahren Comedybus: Gummistiefel-Weitwerfen am Temepelhofer Feld.“ Bob Schneider

Wie kam es dann zu der Zusammenarbeit mit Berliner Akzente?
Ich glaube, damals wurde in einem Wettbewerb ein neuer Comedystar gesucht und dort habe ich einfach ein Video von einer Bustour – diese gab es ja auch schon vorher – eingeschickt.

Und Sie haben gewonnen?

Jutta Hartmann2
Bild: Promo

Nein (lacht). Aber die Bustour kam offenbar so gut an, dass Berliner Akzente trotzdem mit mir zusammenarbeiten wollte. Jetzt entwickeln wir in jedem Quartal eine neue Tour, was natürlich nicht nur für die Gäste, sondern auch für Jutta abwechslungsreich und spannend ist.

Was waren für Sie besondere Highlights aus den letzten Jahren?
Da gibt es natürliches vieles. Besonders schön sind die Spiele, die wir uns alle selbst ausdenken und für die wir oft auch aufwändige Requisiten basteln. Ein Highlight für mich war das Gummistiefel-Weitwerfen vor dem Flughafengebäude in Tempelhof. Einmal haben wir auch einen aufwändigen Wasserparcours aufgebaut, den die Gäste dann bewältigen mussten.

Ein Glas Futschi ist kein Highlight für Sie?
Jutta liebt dieses Getränk aus Cola und Chantré, privat trinke ich es aber nicht. Ich hätte auch nicht damit gerechnet, dass es so gut bei den Leuten ankommt. So gut, dass ich über die Website von Jutta schon einen Futschi-Beutel verkaufe.

Was steht als nächstes für Jutta auf dem Programm, geht sie bald in Rente?
Daran ist noch nicht zu denken. Seit wenigen Tagen spielen Ades, Biggy van Blond, Nicolai Tegeler, Roman Shamov und ich im BKA Theater unsere Weihnachtsshow „Wenn Ediths Glocken läuten“, über den Jahreswechsel stehen wir mit „Hallo 2019 – mit Edith ins neue Jahr“ auf der Bühne und unsere Show „Fly, Edith, fly“ wird auch weiterhin gezeigt. Außerdem arbeiten wir an neuen Shows. Es ist also noch gar keine Zeit für den Ruhestand.

Mehr über Jutta Hartmann, Bob Schneider und den Berliner Akzente Comedybus erfahren Sie hier

www.comedybus.de

www.bobschneider.de

www.futschiqueen.de

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