Titel Interview Marten
Bild: Berliner Sparkasse
Berliner verstehen sich

„Die Sparkasse war Hilfe zur Selbsthilfe“

Klaus-Dieter Marten hütet das historische Archiv der Berliner Sparkasse. Hier lässt sich in 200 Jahre Berliner Sparkassen- und Wirtschaftsgeschichte eintauchen. „Berliner Akzente“ traf den Historiker zum Auftakt des Jubiläumsjahres.

Die Berliner Sparkasse hat mit Krisen, Kriegen und Teilung sehr bewegte Zeiten hinter sich. Wie sehr prägt das Ihre Sammlung?

Klaus-Dieter Marten: Das prägt diese Sammlung ganz erheblich, allen voran natürlich durch die Kriegswirren. Es gibt eine Mitarbeiterzeitung zur 120-Jahr-Feier von 1938, in der über die ersten Kontoführungsbücher der Berliner Sparkasse berichtet und ein Brief eines Bürgers an die Sparkasse von 1819 zitiert wird. Alle diese Schätze aus der Anfangszeit wurden wenige Jahre später im Krieg zerstört. Heute ist ein Sparbuch von 1874 das älteste vorhandene Objekt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fing man wieder an, die Geschichte zusammenzutragen.

1893 Sparkasse Muehlendamm
Historische Aufnahme des Sparkassen-Gebäudes am Mühlendamm. Bild: Berliner Sparkasse

Aber bereits im Dezember 1948 wurde die Sparkasse der Stadt Berlin West in den westlichen Sektoren gegründet und die Teilung der Sparkasse vollzogen. Die bestehende Sammlung blieb in Ostberlin, doch auch in Westberlin hat man wieder ein Archiv aufgebaut. Nach der Wende wurden nicht nur die beiden Sparkassen, sondern auch die historischen Bestände zusammengeführt.

Alle Schätze aus der Anfangszeit wurden wenige Jahre später im Krieg zerstört. Heute ist ein Sparbuch von 1874 das älteste vorhandene Objekt. Klaus-Dieter Marten, Archivar
Herr _marten
Klaus-Dieter Marten, Jahrgang 1958, kam 1988 zur Sparkasse der Stadt Berlin West. Seit 2007 betreut er das nicht-öffentliche historische Archiv der Berliner Sparkasse. Bild: Berliner Sparkasse

Was sind typische Objekte, die in Ihrem Archiv zu finden sind?

Wir sammeln alles, was die Geschichte der Berliner Sparkasse dokumentiert. Der größte Teil sind Dokumente wie Rundschreiben, Mitteilungen, Akten, Geschäftsberichte, Werbebroschüren oder Plakate. Außerdem haben wir Sparbücher und Spardosen in der Sammlung. Einen besonderen Stellenwert nimmt natürlich das Fotoarchiv ein, das schwerpunktmäßig nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt und die Historie sehr anschaulich darstellt. Leider fehlt vieles zur Technikgeschichte: Wir haben keine alten Maschinen und auch keinen Geldautomaten.

Können Sie drei Stücke aus Ihrer Sammlung beschreiben, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Das ist bei der Vielzahl unserer Objekte eine schwierige Frage. Das Sparbuch zum Weltspartag von 1926 beispielsweise ist eine außergewöhnliche Rarität. Das gab es nur in ganz kleiner Stückzahl, zumal der Weltspartag erst zwei Jahre zuvor etabliert wurde. Ein weiteres Lieblingsstück ist aus unserer Spardosen-Sammlung und ruft neben dem Berliner Rathausturm zur Sparsamkeit auf. Wie bei so vielen Objekten bewegt mich hier vor allem die Geschichte: Die Dose kam über die Nachkommen eines Sparkassen-Mitarbeiters aus der Vorkriegszeit erst kürzlich in die Sammlung. Eines meiner Lieblingsfotos zeigt eine Straßenszene mit einer fahrenden Werbung für die Ostberliner Sparwochen von 1958 – ein sehr anschauliches Zeitdokument.

  • Sparbuch Von 1926

    So sieht ein Sparbuch von 1926 aus. Berliner Sparkasse

  • Spardose Um 1936

    Eine alte Spardose aus dem Jahr 1936. Berliner Sparkasse

  • Straßenwerbung Ost-berlins Sparwochen 1958

    Straßenwerbung im Ostteil Berlins zu den Sparwochen 1958. Berliner Sparkasse

Bild

Im Archiv finden sich auch viele Schenkungen von Kunden. Was für historisch interessante Dokumente finden sich beispielsweise in Berliner Familien?

Ich bin immer an historischen Objekten zur Berliner Sparkasse interessiert. Am häufigsten erreichen mich alte Sparbücher, die beim Aufräumen gefunden werden. Manchmal sind auch Sparmarkenkarten oder die aufwendig gestalteten Spargeschenkgutscheine, die es früher zur Geburt gab. Diese privaten Schenkungen belegen für mich auch die Verbundenheit der Kunden zu ihrer Sparkasse.

Das Archiv ist in einem Kellerraum im Dienstleistungszentrum der Berliner Sparkasse an der Brunnenstraße untergebracht. Wie haben Sie es organisiert und systematisiert?

Viele Objekte sind nach Kategorien archiviert, wie Geschäftsberichte, Sparbücher oder Fotos. Die meisten Dokumente sind chronologisch nach Epochen sortiert: Die Altbestände bis 1948, die Teilung bis 1990 und ab da bis zur Gegenwart. Hinzu kommen abgeschlossene Sonderbestände wie zur Landesbank Berlin oder Bankgesellschaft Berlin.

In Westberlin wurde 1978 der erste Geldautomat am Kurfürstendamm eingerichtet, in Ostberlin 1983 in der Leipziger Straße. Klaus-Dieter Marten, Archivar

Streifen wir historische Schlaglichter: Wie kam es 1818 zur Gründung?

Im Königreich Preußen herrschte nach den verheerenden napoleonischen Kriegen bittere Armut. Die preußischen Reformen des Freiherr von Stein und des Fürsten von Hardenberg sollten den Staat wieder auf die Beine bringen. Die Idee, Sparkassen für die notleidende Bevölkerung einzuführen, fand zunehmend Zuspruch. Sozusagen als Hilfe zur Selbsthilfe für die Wechselfälle des Lebens. Im ersten Statut hieß es dazu „um den hiesigen Einwohnern Gelegenheit zu geben, ihre kleinen Ersparnisse zinsbar und sicher unterzubringen, und ihnen dadurch behilflich zu sein, sich ein Kapital zu sammeln, welches sie bei Verheiratungen, Etablierung eines Gewerbes, im Alter oder in Fällen der Not benützen können“.

1818 Sparkasse Im Rathaus
1818 saß die Sparkasse noch direkt im Rathaus. Bild: Berliner Sparkasse

Im Dezember 1817 fragte der Berliner Magistrat bei der preußischen Regierung um die Erlaubnis zur Sparkassengründung, im Januar 1818 wurde diese erteilt und am 15. Juni 1818 begann die Geschäftstätigkeit in der Gerichtslaube, einem Anbau des alten Berliner Rathauses.

1990 wurden die beiden über 40 Jahre getrennten Sparkassen aus dem Ost- und Westteil der Stadt im Rekordtempo vereinigt. Wie lief das ab?

Im Rückblick lief das tatsächlich unglaublich schnell und reibungslos. Bereits zwei Monate nach dem Mauerfall begann im Januar 1990 die Zusammenarbeit. Kurz vor der Währungsunion am 1. Juli 1990 gab es einen weitreichenden Kooperationsvertrag zwischen der Ostberliner und der Westberliner Sparkasse, in dem es um „Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter, Einrichtung und Abwicklung des Bankbetriebs sowie um die Entscheidung und Umsetzung von betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Fragen“ ging. Ein rechtlicher Zusammenschluss unter dem Dach der neu gegründeten Landesbank Berlin konnte erst nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten erfolgen.

1990 Sparkasse Waehrungsunion
1990: Lange Schlangen zur Währungsunion am Alexanderplatz Bild: Berliner Sparkasse

Bankgeschichte ist auch Technikgeschichte: Zur Verarbeitung der riesigen Kundendaten setzte die Berliner Sparkasse immer modernste Geräte ein. Wie war hier die Entwicklung?

Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Sparbücher der Kunden in der Zentrale in großen, eisenbeschlagenen Kontoführungsbüchern im Vier-Augen-Prinzip spiegelbildlich dokumentiert. Erste große Neuerung war dann im Ersten Weltkrieg der bargeldlose Zahlungsverkehr über neuartige Verrechnungskonten. Die technischen Innovationen begannen in den 1950er Jahren mit großen Lochkarten-Buchungsmaschinen. Einen großen Sprung brachte dann die elektronische Datenverarbeitung ab den 1960er Jahren. In Westberlin wurde 1978 der erste Geldautomat am Kurfürstendamm eingerichtet, in Ostberlin 1983 in der Leipziger Straße.

Besonders interessant ist auch die Sparkassen-Werbung. Wie hat sich diese im Laufe der Jahre verändert?

Nach dem Ersten Weltkrieg erschienen die ersten Werbebroschüren. Oft waren es eher Ratgeberhefte wie etwa das „Haushaltsbuch für die sparsame Hausfrau“. Imagewerbung, wie wir sie heute kennen, begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg. In den 1950er Jahren begannen in beiden Stadthälften groß angelegte Kampagnen, um die Berliner wieder fürs Sparen zu begeistern, erstmals auch für den Konsum wie für die Urlaubsreise oder für neue Möbel, aber auch für den Wiederaufbau der Stadt. Im Osten wurde die Werbung in den 1970er Jahren praktisch eingestellt, schließlich hatte fast die gesamte Bevölkerung ein Konto bei der Sparkasse.

Im Archiv lagert ein wichtiges Stück Berliner Wirtschaftsgeschichte. Was würde Sie besonders reizen, hier noch näher zu erforschen?

Zum Beispiel in den Akten und Unterlagen zu den Jahrzehnten der deutschen Teilung gibt es noch viel zu erforschen und auch aus der Fotosammlung könnten noch viele neue Erkenntnisse gewonnen werden.

Haben Sie historische Sparbücher oder andere Dokumente und Objekte der Berliner Sparkasse aus Ihrer Familie? Das historische Archiv der Berliner Sparkasse freut sich über Zuwendungen. Jede Filiale leitet Ihre Schätze zuverlässig an das Archiv weiter.

200 Jahre Berliner Sparkasse

Über Geschichte und Geschichten sowie Aktuelles im Jubiläumsjahr berichten wir hier in unserem Onlinemagazin und auf der Geburtstagsseite der Berliner Sparkasse.

Diese Themen könnten Sie auch interessieren