Erst schlagen sie die gegnerischen Figuren – dann den Gegner selbst. Schachboxen kombiniert zwei völlig gegensätzliche Sportarten: Schach und Boxen. Beides erfordert dieselbe Strategie: aggressiv spielen, einen kühlen Kopf behalten – und im richtigen Moment eiskalt zuschlagen.

Schlagende Verbindung: Schachboxen kombiniert Kopf- und Handspiel.
Ein Boxring in Berlin-Kreuzberg: Zwei Frauen räumen ein großes Schachbrett aus dem Ring. Im Hintergrund läuft ein Nummern-Girl an den Seilen entlang. Hält ein Schild mit der Zahl Vier hoch. Zeitgleich ziehen zwei Männer ihre Bademäntel aus und lassen sich Boxhandschuhe anlegen. Der Gong ertönt, und die beiden bearbeiten sich mit den Fäusten. Es sind dieselben, die sich zuvor am Schachbrett gegenüber gesessen und das Spielfeld mit Schweiß vollgetropft haben.
Schachmatt oder Knockout bedeuten den Gewinn
Diese ungewöhnliche Mixtur nennt sich Schachboxen. Zwei Kontrahenten spielen über sechs Runden je vier Minuten Schach gegeneinander und dreschen fünf Runden je drei Minuten aufeinander ein. Stets beginnt das Duell mit einer Runde Schach. Es gewinnt, wer seinen Gegner Schachmatt setzt oder ihn per Knockout im Ring bezwingt.
Was 2003 von Aktionskünstler Iepe Rubingh als Performance ins Leben gerufen wurde, entpuppte sich als erfolgreiche Sportart. Inspiriert wurde der 37-Jährige durch den Comic "Äquatorkälte" des französischen Zeichners Enki Bilal. Als Kind las Rubingh den Comic und sah darin die Schilderung eines surrealen Turniers, das zwischen Boxen und Schachspiel wechselte. "Vor ein paar Jahren habe ich mich daran erinnert und dachte mir, dass ich das mal ausprobieren müsste", sagt der Niederländer.
Gefragt sind Kraft, Intellekt und ein kühler Kopf
Also organisierte er 2003 den ersten Kampf in einer Kirche in Amsterdam und gründete kurz darauf die "World Chess Boxing Organisation" (WCBO). Nur zwei Jahre später hat er mit sieben Mitstreitern den "Chess Boxing Club Berlin" (CBCB) ins Leben gerufen, der mittlerweile mehr als hundert Mitglieder hat und dreimal wöchentlich ein Training in der Franz-Mett-Sporthalle in Mitte veranstaltet. Dabei werden Schach und Boxen sowohl getrennt voneinander als auch in Kombination geübt. Der CBCB hat sich zum Ziel gesetzt, Schachboxkämpfer auszubilden und ein bis zweimal jährlich Wettkämpfe auszurichten.

Für die Spieler heißt es: nach hitzigem Gefecht kühlen Kopf bewahren.
Sowohl Boxen als auch Schach sind von einem Mix aus besonnenem taktischem Vorgehen und einer aggressiven Spielweise geprägt. Beides fordert Kraft und Intellekt, Aggressivität und einen kühlen Kopf. Sobald die Akteure einige Schläge eingesteckt haben, schnellt der Puls in die Höhe, das Stresshormon Adrenalin wird produziert und sorgt dafür, dass die Sportler übermütig werden. "Man muss gut mit Stress umgehen können, sich ganz genau überlegen, was man als nächstes tut und dann eiskalt zuschlagen – sowohl im Boxring, als auch auf dem Schachbrett", sagt Iepe Rubingh.
Wenn Akademiker einen "Intellectual Fight Club" bilden
Interessierte sollten vor allem im Schach über das Anfängerstadium hinausgehende Kenntnisse haben. "Was das Boxen anbelangt, braucht man keine Angst zu haben. Bei uns sind zivilisierte Leute unterwegs", sagt Rubingh. Der CBCC hat sich den Beinamen "Intellectual Fight Club" gegeben. Denn im Verein tummeln sich Schriftsteller, Journalisten, Drehbuchautoren, Werber, Immobilienmakler, Schmuckdesigner und Studenten – einige von ihnen sind Amateurboxer oder Schachgroßmeister.
Einer der besten ist der Gründer selbst. Iepe Rubing, der sich "IEPE The Joker" nennt, ist Deutscher Meister im Halbschwergewicht sowie Weltmeister im Mittelgewicht. Wenn er sich gerade nicht um die Belange seiner noch jungen Sportart kümmert, macht er als Aktionskünstler von sich reden. "Soziale Skulpturen", nennt er seine Arbeit, weil sie im öffentlichen Raum passieren. So verwandelte er mit Hilfe zahlreicher Plastikschläuche Bäume in sprudelnde Springbrunnen, riegelte Straßenkreuzungen in Tokio mit weiß-rot gestreiften Bändern ab, bohrte im Mauerpark nach Öl oder machte aus dem Rosenthaler Platz im Sommer 2010 ein Action-Painting-Feld. Fahrradfahrer verteilten auf der Straße gelbe, grüne, rote und blaue Farbe, die dann von den Autorädern verteilt wurde. Seine zweite Leidenschaft ist und bleibt das Schachboxen.

Wer seinen Gegner k.o. schlägt oder schachmatt setzt, gewinnt.
Der Gründer ist einer der besten Kämpfer
Zuletzt hat "IEPE The Joker" im November 2010 vor sechshundert Zuschauern im Festsaal Kreuzberg gekämpft. Doch sein Karriereende ist nah. "Einen Kampf mache ich noch. Aber wann der kommen wird, weiß ich nicht", sagt Rubingh. Doch selbst, wenn er nicht mehr in den Ring steigt, wird er seiner Sportart keinesfalls den Rücken zuwenden. Schließlich floriert das Schachboxen: Mittlerweile gibt es Vereine in England, Italien, Sibirien und in den USA, weitere entstehen in Indien und Australien.
Berliner Meisterschaften im Festsaal Kreuzberg
Anfang Dezember werden erneut die Berliner Meisterschaften im Festsaal Kreuzberg ausgetragen. Wenn es nach Iepe Rubing geht, wird es dort ein Novum geben: "Bislang haben in Berlin nur Männer gekämpft. Daher suchen wir im Moment nach Frauen, die nicht nur schlau, sondern auch stark sind. Wir suchen also die smarteste und toughste Woman on the Planet", sagt der Schachbox-Gründer.
Ebenfalls im Festsaal Kreuzberg findet die Kiezboxgala statt. Dabei treten im Herbst zwölf Amateur- und Freizeitboxer in sechs Kämpfen mit je vier Runden gegeneinander an. Die Sieger wurden per Schalldruckmessgerät ermittelt – ein passender Vorgeschmack für das nächste Schachbox-Event im Dezember.
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Autor:
André Tucic
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Zuletzt aktualisiert: 30.08.2011
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Fotos:
Yves Sucksdorff (3), Lisa Schubert