Stadt & Szene

Posen & Kiew: So nah liegt die EM

Fußballfieber in Europa: Während im EM-Austragungsland Polen reine Freude herrscht, hagelte es für die Ukraine schon im Vorfeld politische Kritik. Unsere Reporter waren in den EM-Städten Posen und Kiew unterwegs. Erfahren Sie, warum Posen immer eine Reise wert ist und was die Bewohner von Kiew zur EM sagen.

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Liebevoll restaurierte Altstadt: Auch unabhängig vom Fußball ist Posen immer eine Reise wert.

Wissenwertes: Posen


Anreise

Mit der Bahn: Werktags vier, sonntags drei EC-Züge von Berlin Hbf. nach Posen Hbf. (Poznan Gl) und zurück, Fahrzeit 2:40 Stunden, Preis: Hin- und Rückfahrt kosten knapp 75 Euro, www.bahn.de

Mit dem Auto: Von Berlin auf der A 10/E 30 bis zum Dreieck Spreeau, weiter auf der A 12/E 30 über Frankfurt/Oder, am Grenzübergang Deutschland/Polen weiter auf A 2/E 30, an der Anschlussstelle Wezel Komorniki die Autobahn in Richtung Posen (Poznan) verlassen. Entfernung ca. 270 km, Fahrzeit knapp drei Stunden. Ganztägig Lichtpflicht, Tempolimit auf Autobahnen 140, Landstraße 90, innerorts 50. Häufige Radarmessungen.

Weitere Infos


Währung
Ein Euro sind etwa vier Zloty. Geldwechsel am günstigsten in offiziellen Wechselstuben („Kantor“).

Unterkunft
Vier-Sterne-Hotel Einzel- und Doppelzimmer ab 75 Euro (z. B. Novotel Poznan Centrum, Plac Andersa 1); Drei Sterne Einzelzimmer ab 50, Doppel ab 65 Euro (z. B. Stare Miasto, ulica Rybaki 36).

Sprache
Hotelpersonal spricht fast immer Deutsch oder Englisch, Speisekarten oft auch Deutsch.

Weitere Attraktionen
Täglich Führungen in deutscher Sprache durch die Altstadt; Ausführliche Informationen bei der Touristeninformation (Informacja Turystyczna) am Alten Markt. Dort kann man auch die „City-Card“ kaufen: Freie Fahrt mit Bussen und Straßenbahnen, freier oder ermäßigter Eintritt zu Museen und zahlreichen Sehenswürdigkeiten. Die Karte kostet für drei Tage rund 12 Euro.

Essen und trinken
Zahlreiche Restaurants mit internationalen Spezialitäten, aber auch mit typisch polnischer Küche, z. B. Chlopskie Jadlo (Bauernkost), ulica Kantaka 8/9; Mlynskie Kolo (Mühlrad), ul. Browarna 37; Pod Koziolkami (Unter den Ziegenböcken), Stary Rynek 95.

Mehr Informationen
auf den offiziellen Seiten des Tourismusbüros,
www.polen.travel

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In der fünftgrößten Stadt Polens werden insgesamt drei Spiele im neuen Stadion ausgetragen.

EM-Spiele in Posen

Vorrundenspiele, Gruppe C

Irland – Kroatien: 10. Juni, 20:45 Uhr
Italien – Kroatien: 14. Juni, 18:00 Uhr
Italien – Irland: 18. Juni, 20:45 Uhr.

Mehr Infos zur EM in Polen: www.polen.travel/de/euro-2012

Schön & nah: Reise-Tipp Posen

Im Restaurant „Brovaria“ in der Posener Altstadt herrscht abends um 22 Uhr noch Hochbetrieb. Der riesige Saal und die Tische draußen auf dem Alten Markt sind bis auf den letzten Platz besetzt. „Das ist aber nur ein milder Vorgeschmack auf das, was uns bevorsteht, die Fußball-Fans werden hier zu Hunderten einfallen“, sagt die 20-jährige Germanistik-Studentin Ania in fließendem Deutsch. Sie jobbt als Kellnerin in dem Traditions-Restaurant. Dem Ansturm der Fans in der Zeit vom 10. bis 18. Juni sehen sie und ihre Kolleginnen mit gemischten Gefühlen entgegen: deutlich mehr Trinkgeld, aber auch mehr Gerenne mit Tabletts voller Speisen und Getränke.

Fußball ist Thema Nummer Eins

Posen, die mit über einer halben Million Einwohnern fünftgrößte Stadt Polens, ist im Fußballfieber. In dem vor zwei Jahren fertig gestellten Stadion werden drei Vorrundenspiele der Gruppe C ausgetragen, es spielen Irland, Kroatien und Italien. Das Stadion fasst 40.000 Zuschauer, alle drei Spiele waren schon Wochen vorher fast ausverkauft. Ein großer Teil der Eintrittskarten ging an polnische Fans. „Fußball ist eben auch bei uns eine nationale Leidenschaft“, sagt Damian Zalewski, der in Posen die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt organisiert, „seit Monaten gibt es hier kaum noch ein anderes Thema“.

Auch unabhängig vom Fußball ist Posen immer eine Reise wert. Von Berlin aus braucht man für die rund 270 Kilometer mit dem Auto nur gute zweieinhalb Stunden, mit der Bahn geht es ebenso schnell und ist sogar recht preiswert (75 Euro Hin- und Rückfahrt, s. Infobox). Das Stadtbild spiegelt die wechselvolle Geschichte Posens wieder: ein prächtiges Renaissance-Rathaus und liebevoll restaurierte Bürgerhäuser glänzen rund um den Alten Markt (Stary Rynek), die Dominsel auf der Warthe hat Polens älteste Kathedrale zu bieten. Der Peter- und Paul-Dom wurde im 10. Jahrhundert errichtet, in ihm sind die ersten polnischen Könige Mieszko I und Boleslaw Chrobry (der Tapfere) begraben.

Preußische Schätze und polnisches Bier

Aus preußischer Zeit stammen das Kaiserliche Schloss, die Börse und die Oper. Eine gelungene Mischung aus Tradition und Moderne ist die Alte Brauerei (Stary Browar), 1876 errichtet und jetzt zu einem modernen Shopping- und Kulturzentrum umgebaut. Auf vier Etagen gibt es rund 100 Läden, Restaurants, Bars, Kunstausstellungen und Theateraufführungen. Bierkenner kommen bei einer Führung durch die berühmte Brauerei Lech auf Ihre Kosten.

Für Kneipen- und Partygänger ist Posen ein heißes Pflaster. Vor allem in der Altstadt tobt das Leben oft bis zum frühen Morgen in Clubs, Diskotheken und Bars. Zahlreiche Restaurants bieten traditionelle polnische Spezialitäten an, deftig und kalorienreich: Pierogi (mit Sauerkraut, Fleisch, Quark oder Pilzen gefüllte Teigtaschen), Bigos (Eintopf aus –zig Zutaten, unter anderem Kohl, Fleisch, Zwiebeln), Smalec (frisch gebackenes Brot, fingerdick mit Schmalz bestrichen).

Dampfzug-Romantik Tag für Tag

Posen ist auch eine erste Adresse für Eisenbahn-Nostalgiker: Zweimal täglich fährt ein von einer Dampflok gezogener Personenzug in die 80 Kilometer entfernte Kleinstadt Wolsztyn und wieder zurück. Das fauchende Ungetüm bewältigt eine Richtung in knapp zwei Stunden. Fast immer ist der Dampfzug voll besetzt, obwohl die Züge mit Elektro-Loks auf derselben Strecke deutlich schneller sind.

Nicht ohne Stolz weisen die Polen darauf hin, dass Polnisch zu den zehn schwierigsten Sprachen der Welt gehören soll. Doch der Berliner Besucher muss sich davor nicht fürchten: In Großstädten wie Posen wird fast überall Englisch verstanden und gesprochen, oft auch Deutsch. Und wenn es wirklich Probleme gibt, wird innerhalb von zehn Minuten jemand herbei getrommelt, der Deutsch spricht.

„Preußische" Tugenden und „schottische" Laster

In Posen und Umgebung lebt auch eine der größten deutschsprachigen Minderheiten Polens. In anderen Teilen des Landes hält man die Posener dann auch für besonders „deutsch“ und „preußisch": übertrieben pünktlich, fleißig und zuverlässig. Außerdem gelten sie als extrem sparsam. Böse Zungen behaupten gar, in Posen würden jene leben, die von den Schotten rausgeworfen wurden, weil sie sogar für sie zu geizig waren. Der ausländische Besucher spürt allerdings nichts von diesem Vorurteil: Auch in Posen begegnet man ihm mit der sprichwörtlichen polnischen Herzlichkeit und Gastfreundschaft.

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In Kiew überschattet der Fall Timoschenko die EM-Vorfreude. Dabei hat die Stadt viel zu bieten.

Wissenswertes: Kiew


weitere Austragungsorte:

Donezk
Lemberg (ukr. Lwiw)
Charkiw

Sehenswürdigkeiten:

Höhlenkloster Pitsherska Lavra
Flaniermeile (EM-Fanmeile) Kreshtshatik
Botanischer Garten
Künstlerviertel Andrejiski Spusk
Mariinski Park
Park Pobedy

Weiterführende Links:
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Umstritten: Die 500 Millionen Euro fürs neue Stadion fehlen nun an anderer Stelle.

Umstritten und hitzig: Kiew

Kiew – das ist eine Stadt zwischen Armut und Reichtum, zwischen westeuropäischen Einkaufsmeilen und orthodoxen Klöstern. Sobald man einen der Flughäfen Kiews verlässt, offenbaren sich rechts und links der Straße riesige sowjetische Bauten und meterhohe Kastanien.

Drittgrünste Stadt der Welt

Die Luft brennt förmlich; in der Sommerzeit können die Temperaturen hier auf bis zu 40°C steigen. Und so fliehen viele Kiewer gern zum Fluss Dnjepr, um sich abzukühlen. Als drittgrünste Stadt der Welt beherbergt Kiew wunderschöne Parks, wie den „Mariinski Park“, der sich kilometerweit erstreckt und Erholung vom Trubel bietet.

Mit einer über 1500 Jahre langen Geschichte ist Kiew reich an historischen Schauplätzen. Ukrainer sind für ihre Gastfreundschaft bekannt; etwaige Sprachbarrieren werden in den kommenden Monaten mit ein wenig Geduld und Offenheit überwunden.

Die Schattenseiten der EM

Ob die EM 2012 alle freut, ist anzuzweifeln. Für die Vorbereitungen und zur Errichtung des neuen Stadions wurden 500 Millionen Euro ausgegeben – Geld, das auch in Kläranlagen für das nicht trinkbare Haushaltswasser oder den Ausbau der maroden Straßen hätte investiert werden können. Die gesamte Flaniermeile „Kreshtshatik“, die der wichtigste Verkehrsknotenpunkt der Stadt ist, wird zur Fanmeile – Anwohnern wird die Überquerung erschwert.

Kindergärten in der Innenstadt schließen, so dass den Eltern nichts anderes übrig bleibt, als unbezahlten Urlaub zu nehmen. Dass die meisten Menschen hier ständig ums Überleben kämpfen, übergeht die Regierung schlicht. Ein EM-Ticket kann sich hier niemand kaufen, da der Preis dafür ein durchschnittliches Monatseinkommen beträgt.

„Ich helfe gerne, wo ich kann“

Doch es gibt auch positive Meinungen zur EM. „Ich freue mich auf die Touristen, die in unser Land kommen. Selbst wenn mir verboten wird, meine Sonnenbrillen auf dem Kreshtshatik zu verkaufen, bin ich gerne bereit, unseren Gästen zu helfen, wo ich kann.“, so die Verkäuferin Ljuba. Ähnlich freut sich der Kiosk-Besitzer Sascha: „Endlich wird unser Land gewürdigt. Trotz vieler Probleme ist es hier sehr schön. Das sollen auch andere Nationen sehen.“

Auch die Demonstranten für die Freilassung von Julia Timoschenko sehen die EM als Chance: „Sollten die deutschen Politiker zu uns reisen, hoffe ich, dass sie auf die groteske politische Lage und die Menschenrechtsverletzungen in unserem Land aufmerksam machen. Zum Beispiel wird jedem eine medizinische Versorgung verwehrt, der zu wenig Geld hat.“

In der Innenstadt zelten ca. 400 Demonstranten rund um die Uhr – doch sind sie damit die Ausnahme. Auf die Frage, wann die Zeit reif ist, für Menschenrechte und Demokratie einzustehen, erhält man außerhalb der Protest-Meile fast einheitlich die gleiche Antwort: „Demokratie ist eine tolle Sache, aber unsere Politiker pfeifen auf alles, was gut für das Volk ist.“ Hoffen wir, dass die Ukraine die EM 2012 trotzdem als Chance nutzen kann.

Kontakt zum Autor: Harry Grunwald (Posen-Teil), Nina Hahasvili (Kiew-Teil)


Zuletzt aktualisiert: 15.05.2012 · Fotos: dhutterstock, shutterstock (3), Piotr Skornicki/FotoPerfekt

 

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