Zeitreisen sind ihre Spezialität, fast 100 Jahre ein Klacks, und von Reise zu Reise nehmen sie mehr Fans mit: Als "Trio Ohrenschmalz" entführen Angelika Feckl, Julius Hassemer und Stefan Haberfeld ihre Zuhörer in die Welt der Zwanzigerjahre. Galant und lässig nehmen die drei jungen Berliner ihr Publikum mit in die Welt amüsanter und zynischer Klassiker von Otto Reutter bis zu den Comedian Harmonists, in die Welt von Frack und Fliege, von Etikette und Ritterlichkeit.

Zwanzigerjahre-Feeling vom Scheitel bis zur Sohle: Das Trio Ohrenschmalz.
Trio live erleben
Am ersten Februar-Wochenende ist das Trio Ohrenschmalz im Neuköllner Heimathafen (im Saalbau Neukölln, Karl-Marx-Straße 141, 12043 Berlin) wieder live zu sehen und hören. Die Vorstellungen von „Zuviel Appeal“ beginnen um 20 Uhr (Samstag, 4. Februar 2012) bzw. 18 Uhr (Sonntag, 5. Februar 2012), die Karten kosten 13, ermäßigt zehn Euro.
Mehr Infos auf der Trio-Homepage unter www.trio-ohrenschmalz.de

Ihre Musik kommt beim Publikum bestens an.

Denn die drei verkaufen die Goldenen Zwanziger mit einem charmanten Augenzwinkern.
Mal schmachtet sie, mal lässt Julius seine Stimme süffisant ironisch klingen, Stefans Klavier ist mal angriffslustig, mal verträumt, und Angelika gestattet ihrer Geige alle Facetten von fröhlich bis zu Tode betrübt. Als Botschafter einer Epoche, die bei vielen in dem Ruf steht, angestaubt und abgedroschen zu sein, beweist das Trio – alle drei selbst noch in den Zwanzigern – mit jedem Auftritt das Gegenteil: Was damals "in" war, ist noch heute aktuell, kann lehrreich sein und nachdenken lassen, vor allem aber ist es intelligente Unterhaltung. Zudem hat sich das Trio von seinen Vorbildern längst so weit emanzipiert, dass es nicht davor zurückschreckt, eigene Stücke im Stil der Zwanziger zu schreiben und zu komponieren.
Achtzig- und Zwanzigjährige lachen über dieselbe Pointe
Diese Drei sind keine rückwärtsgewandten Geschichts-Verklärer. Das merkt man spätestens, wenn im aktuellen Bühnenprogramm ein "Diss"-Song im Zwanziger-Sound daher kommt ("dissen" = moderne Jugendsprache für "jemanden schlechtmachen") – ganz selbstverständlich neben "Zuviel Appeal", Hollaenders "Stroganoff" und dem Klassiker "Du passt so gut zu mir wie Zucker zum Kaffee".
"Uns machen die Zwanziger einfach Spaß", sagt Angelika Feckl, die Violinistin: "Und wir merken, dass wir viele Leute davon begeistern können." Wenn im Publikum Achtzig- und Zwanzigjährige über dieselbe Pointe lachen, dann "ist das ein tolles Indiz, dass wir zeitlose Dinge treffen", sagt Pianist Stefan Haberfeld – neben dem Humor vor allem den Stil, die Eleganz und auch die Würde, die damals trotz aller Schwierigkeiten gezeigt worden sei.
Mit dem Smoking setzt die Verwandlung ein
Wenn sie in ihr Bühnen-Outfit schlüpfen, die Männer Frack, Fliege und Haar anlegen und Angelika Feckl ihr Kleid stilgerecht mit Welle und Blume im Haar trägt, setzt sie ein, die Verwandlung für die Zeitreise: "Nach der Maske bin ich ein anderer Mensch. Und ich mag es, diese zwei Persönlichkeiten zu haben."
Bei dem Pianisten Haberfeld ist das besonders auffällig: "Wenn er seinen Smoking oder Frack trägt und seine Haare verändert hat, sitzt er plötzlich ganz gerade am Klavier", sagt Feckl und lacht dieses entwaffnend-herzliche Lachen, das eines ihrer vielen Markenzeichen ist. Manchmal sei dann auch der Umgang untereinander ein wenig klassischer – wobei das schwer vorstellbar ist, so vertraut und herzlich wie die Drei schon in Alltagskleidung miteinander umgehen. Dass sie mit ihrem "Fachwissen" auch im normalen Leben punkten, scheint da nur logisch: "Hin und wieder lässt sich damit schon Eindruck schinden", sagt Stefan, der genau wie Julius immer wieder um Rat gefragt wird – nicht nur, wenn es um die passende Fliege zum Smoking geht.
"Dissen" im Stil der Zwanziger
Doch bei aller Liebe zu der Epoche, deren Musik sie seit 2003 machen: "Wir wollen nicht genauso sein wie in den Zwanzigern", betont Julius Hassemer: "Wir wollen etwas machen, das alles Gute aus den Zwanzigern nimmt, was immer noch sehr aktuell ist, und das alles zu etwas Neuem führen." In "Zuviel Appeal" machen sie den Spagat so breit wie vorher noch nie. Wie in besagtem Diss-Track "Von Mann zu Mann" verlassen die Themen der Songs, die Haberfeld schreibt, immer öfter die Zwanziger – auch in "Arm, aber sexy", angelehnt an das geflügelte Wort des Berliner Regierenden Klaus Wowereit.
So haben sie von Programm zu Programm einen drauf gesetzt und Neues gewagt. Aber das haben sie sich ja ohnehin vorgenommen, sich auch als Trio immer wieder neu zu erfinden. "Alte Hasen können wir später werden", sagt Hassemer. Deshalb hat Kollege Haberfeld sich diesmal Akkordeon spielen beigebracht, in einer Nummer pfeifen sie zu dritt und wagen sich an Body-Percussion, und überhaupt hat das aktuelle Programm erstmals eine Rahmenhandlung: Die Männer konkurrieren um eine Frau, werden zu liebestollen Kavalieren und erbitterten Konkurrenten.
Panik vor der Premiere: Es fehlte der Witz
Das war für die Drei auch eine neue Art zu arbeiten. Fast 18 Monate haben sie mit ihrem Team an "Zuviel Appeal" gebastelt – nur um dann kurz vor der Premiere festzustellen: Es fehlte der Witz. "Es war ein ernstes Theaterstück geworden", erinnert sich Stefan Haberfeld: "Mehr als 50 Prozent aller Pointen sind erst in der letzten Woche entstanden." Zum Beispiel bei der öffentlichen Generalprobe, die das Trio dorthin führte, wo alles begann: in das Gymnasium, in dem sich die Drei kennengelernt haben und wo sie "Zuviel Appeal" dem Urteil von Schülern und ehemaligen Lehrern stellten. Haberfeld und Hassemer waren dort seit der Fünften in einer Klasse, haben im Schulchor gesungen und kennen sich seit mehr als 18 Jahren.
Doch was sie beruflich gemeinsam groß gemacht hat, muss nicht auf alle Zeit ihr Geschäft bleiben. Ein Leben ohne Zwanziger ist auch denkbar. Und diese "schleichende Entwicklung" haben sie bereits eingeleitet: Die aktuellen Themen und alle möglichen Gags sind "schon mit einem Fuß in der heutigen Zeit", betont Julius Hassemer. Stile wollen sie vernetzen – gerne mal einen Song mit Orchester aufnehmen oder einen Remix eines Titels realisieren, mit Beats drunter. "Mal schauen, wird sich zeigen", sagt Feckl.
Drei Leben in "Parallelwelten"
Genauso flexibel und vielfältig halten sie es im Leben neben dem Trio. Tenor Julius (29) hat einen Bachelor of Arts im Fach Informations- und Kommunikationsmanagement, ließ sich im Schauspiel unterrichten und schreibt nun in Aachen an seiner Doktorarbeit in Gestenforschung. Trio-Kollegin Feckl liebt die Wechsel ebenfalls, obwohl ihre "Parallelwelten" enger verknüpft sind: Die 26-jährige Geigerin studiert an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, arbeitet als Geigenlehrerin und ist Mitglied der Jungen Deutschen Philharmonie – viele Möglichkeiten, den Zwanzigern immer mal wieder den Rücken zu kehren.
Auch Stefan Haberfeld genießt die Abwechslung. Der 27-Jährige begann schon als Achtjähriger mit dem Komponieren und wäre wahrscheinlich Jazzpianist geworden, wenn nicht das Trio entstanden wäre. Mittlerweile studiert er parallel an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Babelsberg, um Filmtonmeister zu werden.
Ist so viel Glück überhaupt erlaubt?
Die Vielseitigkeit tut ihnen gut, die Möglichkeit, immer wieder diese 180-Grad-Wechsel machen zu können. "Wenn ich wählen dürfte, sollte mein Leben genau so weiter gehen", sagt Angelika Feckl. Die Drei haben da offenbar den optimalen Mix gefunden. Doch darauf angesprochen, scheinen sie fast ein wenig überrascht, unsicher, ob so viel Glück überhaupt erlaubt ist: "Ja, ist wirklich ganz cool", sagt Stefan Haberfeld, und Julius Hassemer wagt den Blick in die Zukunft: "Nach mehr als neun Jahren mit dem Trio können wir uns fast fragen, ob wir mittlerweile schon über den Berg sind."
Dass ihnen die Zwanziger in einigen Jahren zum Hals raushängen könnten, mögen sie nicht ausschließen. "Aber momentan fühlt es sich noch nicht nach durchhalten an", betont Haberfeld. Das Gefühl, dass es noch vieles zu entdecken gibt, hält an: "Noch ist da kein Ende in Sicht."
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Autor:
Jens Kohrs
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Zuletzt aktualisiert: 12.01.2012
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