Stadt & Szene

Hauptstadt des Jazz

V-Blog 40: Jazz-Szene


Ganz neue Töne: Jasmine auf den Spuren des Jazz in der Hauptstadt. Interview mit dem Jazz-Experten Rainer Bratfisch und dem Musiker Thomas Borgmann.

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Gute Clubs, spannende Musiker: Die deutsche Hauptstadt zieht die Elite des Jazz an.

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Im schummrigen Clubs und Musikkellern, wie dem B-Flat, kommen alle Altersgruppen zusammen.

A-Trane
Bleibtreustr. 1, Charlottenburg,
Tel. 313 25 50, tgl. ab 21 Uhr
www.a-trane.de

Berlin Jazz – Rainer Bratfisch
Verlag für Berlin-Brandenburg 2012, 280 Seiten, 34,95 €

IG Jazz
www.ig-jazz-berlin.de

JazzFest Berlin
1. bis 4. Nov. 2012 im Haus der Berliner Festspiele und an vielen anderen Orten der Stadt.
www.berlinerfestspiele.de

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Viele Musiker leben gern in Berlin, doch die Szene leidet unter der klammen Stadtkasse.

Weitere ausgewählte Jazzclubs, Konzertreihen und Festivals

finden Sie hier:


Jazzkeller 69 e.V.
Aufsturz, Oranienburgerstr. 67, www.jazzkeller69.de

Serious Series im Senatsreservenspeicher
Cuvrystr. 3-4, weitere Informationen hier.

Exploratorium Berlin
Mehringdamm 55, www.exploratorium-berlin.de

Jazzkollektiv Berlin
Naherholung Sternchen, Berolinastr. 7, www.jazzkollektiv.de

Jazz an der Lohmühle
Open Air Bühne Lohmühlenstraße / Ecke Kiefholzstr. (am Landwehrkanal), www.jazzkeller69.de

Jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg e.V.
Institut Francais, Kurfürstendamm 211, records-cd.com

In Spirit
Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Breitscheidplatz, in-spirit.eu

Jazz im Musikinstrumentenmuseum
Tiergartenstr. 1, www.sim.spk-berlin.de

Jazz Units
Grüner Salon, Rosa-Luxemburg-Platz 2, www.berlinjazz.de

Jazz in den Ministergärten
Landesvertretungen, In den Ministergärten 3-10, www.jazzministergaerten.de

Jazz in Town
Ratskeller Köpenick, Alt-Köpenick 21, jazz-in-town-berlin.de

echtzeitmusik
u.a. hier: ausland, Lychenerstr. 60, Laborsonor, Auguststr. 10, ohrenhoch, Weichselstr. 49. uvm., www.echtzeitmusik.de

Clubs:
A-Trane, Bleibtreustraße 1
B-Flat, Rosenthaler Straße 13
Kunstfabrik Schlot, Chausseestraße 18
Quasimodo, Kantstraße 12a
Wendel, Schlesische Straße 42
Ausland, Lychener Straße 60
Sowieso, Weisestrasse 24
Madame Claude, Lübbener Strasse 19
Naherholung Sternchen, Berolinastraße 7
Café Niesen, Korsörer Str. 13/Ecke Schwedterstr
o tannenbaum, Sonnenallee 27
badenscher hof, Badenschestr. 29
altes finanzamt, Schönstedtstr. 7
yorckschlößchen, Yorckstr. 15
The Great Heisenberg, Schillerpromenade 11
Café Tasso, Frankfurter Allee 11
Aufsturz, Oranienburger Str. 67

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Einer der bekanntesten: das A-Trane in Charlottenburg. Hier ist die Vielfalt des Jazz zu hören.

Berlin und Jazz – das ist eine ganz besondere Verbindung: Kaum eine andere Stadt vereint so viele Musiker, hat so viele Clubs, renommierte Bands und Plattenfirmen wie die pulsierende Metropole in Deutschland. Hier entstehen ganz neue Töne. Experimentell, jung, rebellisch. So mancher sieht Berlin gar als „Jazz-Hauptstadt Europas“ – und in einer Liga mit New York. Doch die Szene präsentiert sich geheimnisvoll. Und sie hat ein großes Problem.

Weiße Leinenhose, beigefarbenes Hemd, graue Turnschuhe aus Wildleder: Lässig gekleidet steht Bruno Müller mit zwei anderen Musikern im A-Trane auf der Bühne. Star-Allüren sind ihm fremd, eher schüchtern wirkt der Gitarrist beim Auftritt – zum ersten Mal als Hauptgast, wie er berichtet.

Der große Reiz am Jazz

Und wahrscheinlich erklärt das bereits den großen Reiz des Jazz: Hier steht nicht die Show im Vordergrund, sondern die Musik. Wenn der Beat an Kraft gewinnt, lächeln Gesichter, wippen Beine, ertönt hier und da ein Juchzen aus der Dunkelheit des kleinen Jazzclubs.

Das Publikum könnte unterschiedlicher kaum sein: vom jungen russischen Liebespaar am Bistrotisch über die alleinstehende Dame aus Wilmersdorf in der zweiten Reihe bis zum älteren, grau melierten Herrentrio am Rand. Sie alle goutieren, dass die Künstler alles geben, sich förmlich hineinsteigern in die Musik und sich in ihr verlieren. Dem Publikum geht es genauso.

„Berlin ist die Jazzhauptstadt Europas“

Von Samba über Swing bis hin zu Rock und Funk: Jazz vereint die unterschiedlichsten Musikstile – das ist seine große Stärke. Daher passt er auch so gut in diese Stadt. „Berlin spielt für den Jazz eine ganz besondere Rolle“, sagt Inhaber Sedal Sardan in der Pause. Berlin sei eine so freie, junge und vielseitige Hauptstadt wie kaum eine andere in Europa. „Die Musiker übertragen die Energie dieser Stadt auf ihre Stücke.“

„Berlin ist die Jazzhauptstadt Europas“, sagt der Musikjournalist Rainer Bratfisch. Der Jazz begleitet ihn bereits sein ganzes Leben lang: Platten, CDs und Bücher füllen jeden Quadratmeter seines Wohnzimmers in Prenzlauer Berg. Ein Konzert von Ella Fitzgerald damals im Friedrichstadtpalast in Ostberlin entfachte seine Liebe zum Jazz.

Die Musikrichtung hat die Stadt stark geprägt

In seinem neuesten Buch „Berlin Jazz“ hat er aufgeschrieben, wie stark die Musikrichtung die Stadt geprägt hat. Als der Jazz in den 1920er-Jahren von den Südstaaten der USA in die europäischen Tanzsalons schwappte, erlebte auch Berlin einen Boom. Eine traurige Unterbrechung fand die lebendige Szene in der NS-Zeit. Unter den Nationalsozialisten galt die von den Afroamerikanern geprägte Musik als verpönt – im Untergrund lebte sie jedoch weiter.

Einen extremen „Nachholbedarf“ erfuhr der Jazz in den 1950ern. Für viele Jugendliche waren die USA das Vorbild. Trotz Teilung blieb Berlin auch danach das Zentrum des
Jazz. Im Ostteil galt er als ein Stück Freiheit, im Westteil profitierten Clubs und Musiker in Form von billigen Mieten und Proberäumen, als Schaufenster des Westens bekam er jede Menge Fördermittel. Sogar eine offizielle Jazzbeauftragte leistete sich Berlin bis nach der Wende.
„Heute ist Berlin ein riesiges Labor“, sagt Marc Schmolling, Jazzmusiker und Vertreter der IG Jazz Berlin. „Mittlerweile sind Musiker aus ganz Europa hier vertreten: Italiener, Engländer, Franzosen, Skandinavier – und die Qualität steigt dementsprechend.“

Szene leidet unter klammer Stadtkasse

Geringe Lebenshaltungskosten, eine sehr kreative Atmosphäre – das sind die Pluspunkte Berlins im Vergleich zu Paris, London oder anderen Städten. Doch die Geldquellen versiegen, weshalb die IG Jazz Berlin vor einem Jahr gegründet wurde.

Gerade einmal 300.000 Euro flossen 2011 von der Senatsverwaltung in den Bereich Unterhaltungsmusik. Schmolling schätzt, dass die Zahl der Musiker im vierstelligen Bereich liegt. Allein mehr als 2.000 Musiker hätten zum Beispiel eine Online-Petition zur miserablen Fördersituation der Musikszene Berlins unterschrieben. Das wären pro Musiker Fördermittel in Höhe von 150 Euro im Jahr.

In schummrigen Clubs und Musikkellern

Zu wenig für die wachsende Bandbreite an Strömungen im Berliner Jazz: vom traditionellen Dixieland-Jazz der Köpenicker Jazztage über Swing und Mainstream bis hin zu avantgardistischen Tönen: experimentell, jung, rebellisch. „Wir wünschen uns von den Politikern, dass sie verstehen, welchen Schatz Berlin da hat, und die Förderung entsprechend überdenken“, sagt Schmolling.

Doch Jazz spielt sich in Berlin immer noch vorrangig in Proberäumen, schummrigen Clubs und Musikkellern ab, präsentiert sich zersplittert und geheimnisvoll. Touristen müssen sich durchfragen, große Werbung, die Berlin als Jazzstadt anpreist, sucht man vergeblich. Der Jazz ist nicht so sichtbar wie die Popmusik.

Großes JazzFest im November

Umso wichtiger sind Veranstaltungen wie im November das JazzFest Berlin, das seit 1964 dem Publikum Jazzmusiker aus aller Welt in vielen Clubs und im Haus der Berliner Festspiele vorstellt. Schwerpunkt dieses Jahr ist die Verbindung von Jazz mit Tanz, Wort und Bild. „Wir verzichten auf große Namen im Programm, wollen eher Komplementärfarben zu dem zeigen, was in Berlin sonst läuft“, erklärt Produktionsleiter Ihno von Hasselt.

Der bekannte Synchronsprecher Christian Brückner wird lesen und vom Lone World Trio begleitet werden, der Klarinettist Rolf Kühn tritt auf, Stepptänzer zeigen ihr Können. Ihno von Hasselt rät allen Jazzinteressierten, vom Sofa aufzustehen: „Jazz kann man nicht zu Hause hören – Jazz muss man live erleben.“ Da fließe viel Energie zwischen Bühne und Publikum, „jeder sollte sich darauf mal einlassen“.

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Autor: Jörg Oberwittler, mehr vom Autor:


Zuletzt aktualisiert: 05.03.2015 · Fotos: Marco Warmuth (5)

 

Kommentare

von R.Schäfer am 10/03/12 um 12:34

Stimmt, als Neuberliner habe ich letzte Nacht im Edelweiss den tollsten improvisierten Jazz und Blues gehört, einfach sensationell. Super Musiker, super Gäste einfach genial.....

 

von Fliege am 10/03/12 um 14:39

...finde den Beitrag hanebüchen. Die sogenannten renomierten Jazzclubs bezahlen ihre tollen Szenemusiker wenig bis gar nicht. Die Lebenserhaltungskosten in Berlin sind NICHT billig im Vergleich zu dem durchschnittlichen Grundeinkommen des Berliners. Schlecht recherchiert und ein absoluter Werbebeitrag der kaum kritisch mit dem Thema umgeht. Für Berliner Musiker eher ein Hohn als ein Lohn.

 

von Cinthie am 10/14/12 um 13:22

ja, schade, dass es im nächsten jahr noch weniger musik und konzerte gibt, weil die gema den clubs nämlich nochmal ordentlich in die tasche greift. wenn in berlin noch die clubcultur wegbricht, haben wir ja gar nichts mehr.. industrie etc gibts hier nämlich nicht!

 

von Martina Barner am 12/15/12 um 00:59

Jazzmusiker sein ist eigentlich Hobby. Auch für den graduiert-studierten Jazzer ist's annähernd so wahrscheinlich wie ein Lottogewinn den Lebensunterhalt jazzender Weise bestreiten zu können. Es sei denn, man fügt sich vor allem auch kommerziellen Klisches, welche nur oberfächlich betrachtet als Jazz zu betrachten sind. Nur Amateure können sich leisten, sich vom Kommerz zu distanzieren. Und es gibt verdammt gute Amateure in Berlin.

 

von Martina Barner am 12/15/12 um 01:16

Sparkasse schrieb: "Szene leidet unter klammer Stadtkasse" Gut beobachtet. Doch muß die Stadt nicht unbedingt Euros unter die jazzende Scene werfen. Sie könnte relativ kostenneutral Jam-Sessions innerhalb öffentlicher Räumlichkeiten anbieten. In Prenzlauer Berg ist die jazzende Session-Scene mausetot. Angesichts so vieler Neuberliner: Vielleicht sind viele zugewanderte Amateur-Jazzer darunter, die wirklich guten Jazz spielen? Und vielleicht ließe sich Prenzlauer Berg auf diesem Wege 'rejazzianisieren'... Nicht nur die Stadt könnte hier etwas tun, sondern auch etwa die Sparkasse, indem sie die Berliner zu den Instrumenten ruft -- zu Sessions in Ihren Räumen einlädt. Amateur-Jazzer kommen gern, wenn die Atmosphäre nett ist. Was eigentlich immer der Fall ist, wenn man's mit Liebe einfädelt.

 

von Roberto De Simone am 03/20/13 um 15:33

Guter Artikel. Berlin hat nach meiner Erfahrung vor allem eine sehr große lokale Szene und kann weniger mit großen internationalen Jazzstars punkten. In z.B. Köln und Hamburg ist das Konzertangebot i.d.R. deutlich internationaler als in Berlin. Einen recht guten Überblick bzgl. lokaler Jazzszenen kann man sich bei https://gigly.de verschaffen.

 

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