Stadt & Szene

Reife Leistung

Mit fast 50 schwanger werden, mit über 40 noch Rad fahren lernen oder das Coming-out wagen – viele Berliner entscheiden sich zu einem späten Neuanfang: vier Beispiele.

Zwillingsmutter


"Die Kinder haben mich verjüngt"

Beate Else Jankowiak war 49, als die Frauenärztin ihr sagte: "Sie werden noch mal Mutter. Und es sind Zwillinge." Sie entschied sich, die Kinder auszutragen.

"Als ich die Nachricht erhalten habe, lief ein Film im Kopf ab: 'Zu alt. Noch mal Kinder. Ich hab doch bereits vier. Ich freu mich! Schaffe ich das? Was sagt mein Ehemann?' Von Bekannten kam immer wieder die Frage: 'Willst du sie nicht wegmachen lassen?' 95 Prozent der Frauen machen das schätzungsweise in meinem Alter. Nicht aus Angst, dass die Kinder nicht gesund sein werden, sondern weil es nicht ins Lebenskonzept passt. Für mich kam eine Abtreibung nie in Frage.

Lilith und Milla sind jetzt drei, ich 53 Jahre alt. Sie haben mich von meinem Wesen und meinem Körper extrem verjüngt. Vorher hatte ich Arthrose im rechten Zeh – dafür habe ich jetzt gar keine Zeit mehr. Momentan führe ich zwei Leben: Mein Hauptberuf ist Mutter, dann kommt die Leidenschaft fürs Kochen. Ich habe ein eigenes Catering-Unternehmen, koche für Familien- und Firmenfeiern und richte Hochzeiten aus. Meine anderen Kinder – drei Mädchen, ein Junge – sind fast alle erwachsen: Die Älteste ist 27 und wohnt in Prenzlauer Berg. Als ich in mein Haus am Dämeritzsee einzog, dachten die Nachbarn, die Zwillinge seien die Kinder meiner Tochter. Aber ich sehe es locker, dass ich ständig für die Großmutter gehalten werde. Ältere Mütter sind doch toll! Ich bin heute viel entspannter. Auch ein Neuanfang hat für mich nichts mit dem Alter zu tun. Ich könnte noch mit 80 Lust auf was Neues haben."


Elses Leibspeisen, Lutherstraße 1–3, 12589 Berlin-Rahnsdorf, Tel.: 64 09 05 28, www.elses-leibspeisen.de

Theologe


"Es gibt nichts Besseres"

David Berger, 43, arbeitete sich in der katholischen Kirche bis nach oben. 2010 outete er sich als homosexuell und gab alle seine Ämter auf.

"Ganz viele Priester haben mir geschrieben: 'Endlich einer, der den Mund aufmacht. Der den Mut aufbringt.' In der katholischen Kirche sind schätzungsweise 20 bis 40 Prozent der Geistlichen homosexuell. Entsprechend hat mich schockiert, wie diskriminierend die katholische Kirche mit Homosexuellen umgeht. Vor allem seit dem Amtsantritt von Papst Benedikt XVI. Diese Homophobie war damals nicht absehbar, als ich nach meinem Theologie-Studium bei der Kirche anfing, 2003 zum Professor der Päpstlichen Akademie ernannt und Herausgeber der führenden Zeitschrift der konservativen Katholiken wurde.

Im Laufe der Jahre bin ich immer stärker in Gewissenskonflikte geraten, denn ich habe schon seit der Pubertät gewusst, dass ich schwul bin. Eigentlich wollte ich damals Priester werden, aber mir war klar, dass ich das Zölibat nie hätte einhalten können. Die Äußerungen von Bischof Franz-Josef Overbeck, der 2010 in einer Talkshow Homosexualität als Sünde bezeichnete, flankiert von Kardinälen, die Homosexualität mit Kindesmissbrauch auf eine Stufe gestellt haben, haben dann für mich den Ausschlag gegeben, mich zu meiner Homosexualität zu bekennen und ein Buch zu ­schreiben.

Das Buch war wie eine Reinigung und im Grunde eine Abrechnung mit mir selbst, was für einen Blödsinn ich damals gemacht habe. Jetzt bin ich Religions- und Deutschlehrer an einem Gymnasium. Doch die katholische Kirche hat mir vor einigen Wochen die Lehrerlaubnis für Religionsunterricht entzogen. Aber ich würde es auch ein zweites Mal so machen. Wenn ich sehe, wie viele Diskussionen mein Buch losgetreten hat, wie deutlich sich meine Schüler in einer von ihnen organisierten Demonstration hinter mich gestellt haben, hat es sich allemal gelohnt. Wenn man an einer Situation zugrunde zu gehen droht, gibt es nichts Besseres, als sich zu verändern. Ich weiß jetzt, dass ich davor keine Angst haben muss."


David Berger: "Der heilige Schein – Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche", Ullstein Verlag, 18 Euro

Fahradfahrerin


"Lernen ist völlig unabhängig vom Alter"

Anna-Sophie Wagner lernte mit über 40 Rad fahren. Heute nutzt die 46-jährige Sinologin jeden Tag ihr Rad.

"Ich bin so glücklich, das kann ich gar nicht beschreiben. Ein Leben lang hatte ich Angst vorm Rad fahren und Radfahrern immer traurig hinterher geguckt – jetzt fahre ich sogar bei Regen und Minusgraden. Mein Vater hat es mit mir als Vierjährige geübt, aber nicht zu Ende geführt, weil sich meine Eltern plötzlich getrennt haben. Meine Mutter war eher der unsportliche Typ und legte auf so was nicht sonderlich Wert. So habe ich mich all die Jahre durchgemogelt und eine regelrechte Angst entwickelt. Nicht Rad fahren zu können ist ja leider ein Tabu. Den letzten Versuch wagte ich 1990 in China. Da fuhren damals ja alle Rad. Aber der endete mit einem Zusammenstoß mit einem Transporter und einem blutigen Knie. Und im Alter wurde es immer peinlicher.

Freunde reagierten mit Unverständnis: Das fährt sich doch fast von alleine! Dann habe ich im Radio von Christian Burmeisters Kursen gehört und mich sofort angemeldet. Er hat uns in einer Achter-Gruppe behutsam ans Rad herangeführt: erst mal ein kleiner Stehroller, dann ganz niedrige Räder. Etwas Neues zu lernen, ist für mich völlig unabhängig vom Alter. Ob 26 oder 46 ist mir schnurz: Ich könnte auch mit 90 noch Gitarre lernen. Wichtig ist, in sich hineinzuhorchen: Fühlt sich das gut an? Dann ist es die richtige Entscheidung!"


Christian Burmeister, Fahrradkurse, Tel.: 040 / 59 32 37, www.radfahrkurse.de

Aquarist


"Flexibel sein – egal was kommt"

Fische sind Frank Vetters, 54, Leidenschaft – jetzt hat er sein Hobby zum Beruf gemacht. Der gelernte Landschaftsgärtner baut und richtet Aquarien ein.

"Wenn ich eines im Leben gelernt habe, dann das: Jeder Tiefschlag hat seinen Nutzen. Und ich muss flexibel sein, egal was kommt. Zu DDR-Zeiten war ich Maurer, Kraftfahrer, Eisenflechter. Sogar im Irak habe ich in den Achtzigern gearbeitet. Als Kranfahrer und Koch. Alles Jobs mit den Händen. Anschließend war ich in Deutschland geprüfter Polier im Tiefbau. Nach der Wende kam plötzlich einer und sagte: 'In der BRD gibt's deinen Job gar nicht.' Also wurde ich Garten- und Landschaftsbauer.

Ich musste mich stets in alles neu reinknien. Zur besten Zeit in den Neunzigern hatte die Firma 15 Leute – dann ging die Auftragslage mit der Jahrtausendwende nach unten. Doch vor allem in den schwierigen Phasen habe ich ungeahnte Kräfte entwickelt. Das Hobby mit den Fischen fing 2003 an. Es hat mir gefallen, dass das nicht jeder hat. Die Fische nehmen Kontakt mit einem auf. Sie erkennen mich aus vier Metern, wenn ich mit der Futterdose komme. Ich hab' mein Hobby sozusagen in den Beruf mitgenommen und jetzt in die Firma integriert. Ich dachte: Ich kann das, und das lässt sich doch gut vermitteln! Doch einen funktionierenden Biokreislauf in einem Becken von 700 Litern Meerwasser aufzubauen, ist sehr knifflig. Von zehn Mann geben neun wieder auf. Man darf nicht alles gleichzeitig einfüllen. Zuerst lebende Steine mit Mikro-Organismen, dann Algen, Schnecken und Krebse. Die Fische und Korallen dürfen erst nach sechs bis acht Wochen rein.

Mein Ziel ist es nun, Aquarien zu betreuen und einzurichten, damit sich jedermann an diesem Anblick erfreuen kann. Zum Beispiel für kleine Firmen, Arztpraxen, Cafés oder Bars. Ich bin jetzt 54 – aber auch mit 67 Jahren könnte ich mir nicht vorstellen, in den Ruhestand zu gehen. Ich kann gar nicht ruhig sein."

VV Ökoprojekt UG, Gerichtstraße 23, Hof III, Aufgang 2, 13347 Berlin-Wedding, www.das-meer-im-haus.de, Tel.: 0151 / 226 231 02

Kontakt zum Autor: Jörg Oberwittler ()


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Zuletzt aktualisiert: 13.07.2011 · Fotos: Barbara Dietl (3), Jo Goede