Stadt & Szene

Let’s lindy: Berlin ganz beswingt

Lindy Hop, Balboa, Charleston oder Jitterbug: die Tänze der Swing-Ära sind in der Hauptstadt der Hit. Nicht nur in Tanzschulen und Ballhäusern swingt das Party-Volk übers Parkett, sondern auch in der Kneipe und in der Pizzeria um die Ecke. Von wilden Tänzen, acht Grundschritten und der neuen Sehnsucht nach Gemeinsamkeit.

Bild vergrößernKlaerchens Ballhaus

"Die Leute haben wieder Lust auf Paartanz", sagt Mirjam Abele von "Clärchens Ballhaus".

Woher Swing kommt


Die Wurzeln des Swing liegen in den großen Ballrooms von New York wie dem Tanztempel Hotel Savoy oder dem Cotton Club. Ursprünglich waren es Schwarze, die in den 1920er Jahren im Stadtteil Harlem zu Swingrhythmen tanzten und den "Hop" kreierten. So hieß der "Lindy Hop" ursprünglich.

Erst als Charles Lindbergh...


... nach seinem ersten Nonstop-Flug über den Atlantic für Schlagzeilen wie "Lucky Lindy hops the Atlantic" sorgte, soll der Tanz seinen weiteren Siegeszug als "Lindy Hop" angetreten haben. Schnell sprang der Funke der wilden Bewegung auch auf die weiße Bevölkerung über.

Bild vergrößernSwing 1

Der Swing ist dabei besonders beliebt. Der Grund: Einfach zu lernen und trotzdem vielfältig.

Hier swingt Berlin


Einige Adressen für Swing-Tänzer (Auswahl):

"Jeder ist tanzbar"
Die Tanzschule für Swing
Rudolfstraße 1-8
Berlin-Friedrichshain
www.jeder-ist-tanzbar.de

Clärchens Ballhaus
Auguststraße 24
10117 Berlin
www.ballhaus.de

Frannz-Club
Schönhauser Allee 36
Berlin-Prenzlauer Berg
www.frannz.de


Weitere Adressen:


Ron Telesky Canadian Pizza
Dieffenbachstraße 62
Berlin-Kreuzberg
www.ron-telesky.de

Kater Holzig
Michaelkirchstraße 23
Berlin-Mitte
www.katerholzig.de

JansenBar
Gotenstraße 71
Berlin-Schöneberg
www.jansenbar.de

Eine Übersicht über die täglichen Swing-Tanz-Veranstaltungen in Berlin gibt es unter: www.swinginberlin.de.

Bild vergrößernSwing 2

Immer dienstags ist auch das "Tante Lisbeth" in Kreuzberg ganz auf Swing eingestellt.

Zwei schnelle Schritte, zwei langsame. Noch mal. Quick, quick, slow, slow. Marc zieht Mirjam an sich heran, hält die Frau mit dem schwarzen Pagenkopf lachend im Arm.

Bei Tante Lisbeth geht die Post ab

Im nächsten Moment sind sie wieder eine ganze Armlänge voneinander entfernt. Mirjam wirbelt herum, Marc ebenso. Jetzt brauchen die beiden richtig Platz auf der Tanzfläche, tanzen wild und ausgelassen. Sie probieren den "Lindy Turn".

Bei "Tante Lisbeth" in der Muskauer Straße geht an diesem Dienstagabend wieder die Post ab. Die samtigen Sessel, in denen sich zuvor noch Latte Macchiato schlürfende Gäste räkelten, sind beiseite geschoben. Jetzt swingt der Laden.

Neue Lust am Paartanz

"Die Leute haben einfach wieder Lust auf Paartanz", sagt Mirjam Abele. In den Neunzigerjahren, als Techno die Discos eroberte, hätten viele das Tanzen zu zweit aus den Augen verloren. Die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit ist für die 33-Jährige der Grund, warum der Lindy-Hop auf die Tanzflächen zurückkehrt. Und warum sie ihn fast jede Woche tanzt, wenn "Hop bei Lisbeth" angesagt ist.

Viele ihrer Freunde gehen jeden zweiten Tag irgendwo Swing tanzen. Das ist Mirjam denn doch etwas zu viel. Obwohl sie sogar an ihrem Arbeitsplatz swingen könnte: Als Veranstaltungskauffrau bei "Clärchens Ballhaus" in der Auguststraße, dem altehrwürdigen Tanzrestaurant aus der Kaiserzeit, arbeitet sie schließlich in einer der Keimzellen der Berliner Swing-Szene.

Rappelvoller Saal in Clärchens Ballhaus

Wenn Künstlerin Lotta Weigl dort immer mittwochs das Gefühl für Tanz und Grundschritt vermittelt, wird es ganz schön eng auf dem Parkett. Beim anschließenden Tanzvergnügen sind es eher Touristen, die dafür sorgen, dass der Saal rappelvoll ist.

"Vor zwei Jahren gab’s in Berlin zwei Swing-Veranstaltungen in der Woche, manche davon superklein, da kamen nur drei, vier Leute", erinnert sich Birgit Hailperin. Heute stehen locker zwei Termine pro Tag im Swing-Kalender der Hauptstadt. Im "Kater Holzig" legt "DJ Balboa Cid" Scheiben mit dem Stempel "absolutely swingdancable" auf, bei "Ron Telesky Canadian Pizza" trifft sich die Community zu Swing-Partys und einer Pizza davor und danach. Die JansenBar in Schöneberg lädt zum "Swingin’ Cocktail", der Frannz-Club in Prenzlberg zu "Swing & Wine", nach dem Motto: Ausgelassenes Tanzen macht Lust und Durst auf ein gutes Getränk.

Eine eigene Tanzschule für Swing

Dass die Tänzer, die in den angesagten Locations von Friedrichshain bis Kreuzkölln im Viervierteltakt ihre Hüften schwingen, beim Tanzen ihrer Figuren auch eine gute Figur abgeben, ist ein Stück weit sicher auch der Verdienst von Tanzlehrerin Birgit Hailperin. Weil der Swing ihre große Leidenschaft ist, hat sie 2007 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt – mit einer Tanzschule für Swing.

Damals habe es in Berlin nur eine recht überschaubare Swing-Szene gegeben, sagt die 40-Jährige. So richtig gut hätten die wenigsten tanzen können. In den USA, in Frankreich oder Schweden habe die Renaissance des Swing viel früher eingesetzt. "Die waren uns um Jahre voraus." Als Birgit seinerzeit zu einem Tanzworkshop nach Frankreich fuhr, kam selbst sie als erfahrende Tänzerin ins Schwitzen. "Die hatten ein dermaßen hohes Niveau, das hat mich fast umgehauen."

Beim Absinth beschwingt geswingt

Inzwischen holt Berlin mächtig auf, die Swing-Tanz-Welle schwappt immer höher in den Clubs und Bars. "Swing scheint ein allgemeiner Trend zu sein", vermutet Birgit, die unterdessen auf die stolze Zahl von 300 Schülern verweisen kann. Das zeige ja schon der Erfolg der Zwanziger-Jahre-Party "Bohème Sauvage", bei der das Party-Volk mit Knickerbocker und Federboa, mit Wasserwelle und Absinth dem wilden Nachtleben der Weimarer Republik huldigt. Und natürlich Swing tanzt.

"Swing ist Sport", sagt Veronika und streicht eine Haarsträhne aus der Stirn, auf der Schweißperlen glänzen. Die 42-jährige Physiotherapeutin liebt es, sich in den Kursen von Birgit Hailperin richtig auszupowern. "Der Tanz hilft einem außerdem, Feinfühligkeit zu entwickeln im Umgang miteinander", fügt sie hinzu. Allein schon das Trainieren des Führens und Folgens schärfe die Sensibilität für Zwischenmenschliches. Andrea (34) schwärmt, dass der Swing "so ein fröhlicher, wilder Tanz ist, der einfach gute Laune macht". Maria (28) kommt nicht nur wegen der tollen Musik, sondern auch, weil der Tanzkurs etwas ist, das sie mit ihrem Freund Robert (25) gemeinsam macht. "Etwas, das verbindet."

"Swing ist Lust am Leben, am Körper und Genuss"

"Und der Reiz ist natürlich, dass Swing eine so große Palette hat", sagt Birgit. "Wenn du dich auf einer Party fragst, was passt denn nun? Standard oder Latein? Swing passt immer." Nicht von ungefähr hat Birgit ihre Tanzschule "Jeder ist tanzbar" genannt. Im Unterschied zum Salsa beispielsweise sei der Swing nicht so multi-rhythmisch. "Mit relativ einfachen Mitteln kann man schon auf die Tanzfläche. Da ist es nicht so schwer, im Takt zu bleiben", sagt Isaac (31), Birgits Tanzpartner, Ehemann und Vater ihres Babys.

Man glaubt’s ihm gern, wenn man ihn mit seiner Frau über die Tanzfläche wirbeln sieht. Da gibt’s kein Nachdenken mehr über die "Eight Counts", die acht Zählzeiten für den Grundschritt. Wenn Isaac seine Birgit zu sich heranzieht und sie sich an ihn schmiegt und so tief in seine Arme fallen lässt, dass ihr zusammengestecktes Haar fast den Boden berührt, strahlt sie übers ganze Gesicht: "Swing ist einfach Lust am Leben, am Körper, Genuss!"

Kontakt zum Autor: Katrin Starke


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Zuletzt aktualisiert: 30.11.2011 · Fotos: shutterstock, Bernd Schönberger, Katrin Starke (2)