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Kuscheln 692

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Kuscheltrainerin Rosi Doebner geht mit ihren Schülern auf Tuchfühlung.

Kuscheln in Berlin


Weitere Infos und die nächsten Termine für Kuschelpartys zum Beispiel im Meditationszentrum Mauz, Paul-Linke-Ufer 39-40, in Kreuzberg unter www.die-kuschelparty.de oder Tel.: 69 56 41 66.

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Streicheleinheiten für Körper und Seele. Fotos: Starke

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In kuscheliger Runde entspannen und sogar ein Nickerchen halten.

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Arm in Arm entspannen und den Alltag abstreifen.

Eine innige Umarmung, ein zärtliches Streicheln oder einfach nur ein langer Händedruck – das tut gut, entspannt, baut Stress ab. Was aber, wenn da niemand ist, der streichelt, krault, liebevoll massiert? Wenn die Sehnsucht nach Berührung stärker wird? Dann kann vielleicht eine Kuschelparty helfen.

Suchend blickt sich Andreas in dem Kreuzberger Hinterhof um. Vor ihm sind zwei Frauen mittleren Alters in den Hof gegangen. Ob die auch kuscheln wollen? Andreas ist mulmig zu Mute, als er vor der schweren Stahltür des Meditationszentrums steht, in dessen Räumen die Party stattfinden soll. Würde er wildfremde Menschen überhaupt berühren können?

Zögerlich zieht er die Tür auf, stellt seine Schuhe ins Regal, wie es die beiden Frauen vor ihm auch getan haben. Andreas zahlt seine 13 Euro Eintritt, bekommt im Gegenzug ein Namensschildchen. Mit rotem Edding ist ein Herz hinter seinen Namen gemalt.

Schüchternes Warten auf Socken

Auf dem Flur haben sich schon einige Leute versammelt, die ebenfalls Schildchen mit Herz tragen. Manche stehen etwas schüchtern auf Socken da. Andere fallen sich überschwänglich in die Arme. Es sind Stammgäste wie Anton. „Hey, schön, dass du auch wieder da bist. Wo warst du denn beim letzten Mal?“, knufft er den etwas erschöpft wirkenden Dietz in die Rippen.

Andreas lächelt einer Mittvierzigerin zu. Irgendetwas muss er tun, um seine Unsicherheit zu überspielen. Endlich. Eine zierliche Frau mit dunklem Wuschelhaar bittet die Partygäste in einen Raum, der durch Kerzenschein und Lichterketten in ein mildes Orange getaucht ist.

Die Idee stammt aus New York

26 Männer und Frauen bilden einen Kreis auf den am Boden liegenden Kissen. Die Frau mit dem Wuschelhaar beginnt mit der Vorstellungsrunde: Rosi Doebner, die Kuscheltrainerin. Ursprünglich Diplombiologin, vermisste sie in ihrem Beruf die Arbeit mit Menschen. Als sie vor drei Jahren von den „Cuddle Partys“ in New York las, war sie überzeugt, dass es auch in der Single-Hochburg Berlin Bedarf geben würde.

Spontan organisierte sie die erste Kuschelparty in der Hauptstadt und war doch überrascht, als am ersten Abend mehr als 50 Leute vor der Tür standen. „Körperkontakt ist wichtig für unser geistiges und körperliches Wohlbefinden. Kuscheln stärkt die Abwehrkräfte, baut Stresshormone ab“, erklärt sie der Runde.

Winterliche Sehnsucht nach menschlicher Wärme

Nun berichten alle, warum sie gekommen sind. „Ich hab’ ein Kuscheldefizit. Es geht mir einfach besser, wenn ich jemandem nahe sein kann“, erzählt Daniel. Gabi ist den ganzen Tag Auto gefahren und völlig verspannt. Claudia konnte nach der letzten Kuschelparty wunderbar einschlafen und ist deshalb wiedergekommen.

Birgit braucht gerade im Winter besonders viel menschliche Wärme. Und Andreas spricht von einem Selbstexperiment: „Ich bin neugierig, wie viel Nähe ich zulassen kann.“ Nach der Vorstellung folgt die Begrüßungsrunde: Alle gehen im Raum umher, begrüßen sich mit Handschlag oder Nasenkuss, je nach Gusto. Eine ältere Frau gibt einer anderen nur den kleinen Finger. Manche bleiben wie angewurzelt vor einander stehen, geben sich steif die Hand. Andere wagen schon eine vorsichtige Umarmung.

Schwitzig-feuchte Hände betasten Gesichter

„Hier soll keiner etwas machen, was er nicht will“, fordert Kuscheltrainerin Rosi „erst mal einen respektvollen Umgang mit sich selbst“. Dadurch lerne man auch, die Grenzen des anderen – und ein mögliches Nein – zu akzeptieren. Das wird trainiert. „Darf ich dir über die Wange streicheln?“ – „Nein.“

So auf den Abend vorbereitet, verbinden sich alle die Augen, bewegen sich mit ausgestreckten Armen in die Mitte des Raumes – bis sie zwangsläufig auf jemanden stoßen. Vorsichtig tastend werden Strickpullover berührt, suchen sich schwitzig-feuchte Hände ihren Weg zu Gesichtern und Ohren, fahren schließlich Finger zaghaft über behaarte Unterarme.

Kuscheln in Dreiergruppen auf Matratzen

Eine halbe Stunde ist inzwischen vergangen, Matratzen werden ausgelegt. Bezogen mit sonnengelben Spannlaken, bedecken sie fast den ganzen Boden. Kuscheln in Dreiergruppen ist angesagt – die Verwöhnübung bei meditativen Klängen aus den Lautsprechern.

Einer verbindet sich die Augen, zwei „Sehende“ setzen sich zu ihm. Jetzt ist es an der Zeit, Wünsche zu äußern. Natürlich im abgesteckten Rahmen. „Es geht um Kuschelenergie, nicht um Sex“, hat Rosi Doebner gleich zu Beginn des Abends deutlich gemacht. Ausziehen ist deshalb tabu – nur vielleicht die Socken oder den Rollkragenpulli, wenn’s zu heiß wird.

Entspannende Massage für den Nacken

„Ich möchte gern den Nacken massiert bekommen“, sagt Heiner und streckt sich auf der Matratze aus. „Ruhig etwas fester.“ Karl mag es am liebsten, wenn er unter den Füßen gekrault wird. „Und auf dem Kopf.“ Leise schnurrend liegt er da, während ihm zwei Frauen mit gespreizten Fingern durchs graue Haar fahren. „Jaaaaa, das tut gut“, lässt sich Karls sonore Stimme vernehmen.

Als Rosi Doebner nach ein paar Minuten das Signal gibt, sich langsam wieder voneinander zu trennen, weiß Karl nicht, wer ihn gekrault hat. Dass es Frauenhände gewesen sind, kann er nur vermuten, als er die Augenbinde abnimmt. Jetzt werden die Rollen getauscht, aus Sehenden werden blind Genießende. „Bitte nicht an den Rippen berühren, da bin ich wahnsinnig kitzelig“, wirkt Claudia geradezu erleichtert, als sie ihre Grenzen aufgezeigt hat.

26 Menschen kuscheln sich zum Knäuel zusammen

Kuscheltrainerin Rosi nickt zufrieden. „Hört in euch hinein. Spürt nach, ob ihr euch in eurer Position noch wohl fühlt“, rät sie den Kuschelnden mit leiser Stimme. Währenddessen nähert sich der Abend seinem Höhepunkt, dem ganz großen Kuscheln.

Jeder mit jedem. 26 Menschen bilden ein dicht miteinander verknotetes Knäuel. Beine werden übereinander gelegt, Köpfe in Armbeugen geschmiegt, Hände streichen über Bäuche und Rücken. Haut trifft auf Stoff, Lippen treffen auf Wangen.

„Ich möchte einen Wohlfühlraum schaffen, in dem sich Menschen ihre tiefe Sehnsucht nach Nähe, Berührung und Geborgenheit erfüllen können“, hat die 40-jährige Rosi als Ziel ihrer Partys formuliert. Heute sieht es so aus, als habe sie dieses Ziel bei allen erreicht.

Am Ende ein Grinsen wie eingemeißelt

Mit zerzaustem Haar und geröteten Wangen sitzen nach fast drei Stunden alle wieder im Kreis. „Ich krieg’ einfach dieses Grinsen nicht aus dem Gesicht“, sagt Peter zufrieden. Und Andreas bekennt ganz offen: „Als die Matratzen ausgelegt wurden, habe ich gedacht, jetzt ist die letzte Chance, unauffällig die Flucht zu ergreifen – ich bin froh, dass ich geblieben bin.“

Kontakt zum Autor: Katrin Starke


Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010