
Tatort Berlin: Auf einem Abendrundgang des Kultur-Büros Berlin besuchen die Teilnehmer die Tatorte scheußlichster Schandtaten.
Alle Fotos: Andreas Riedel
Berlin ist eine tödliche Stadt. Krimifans finden hier Spezialbuchhandlungen für ihre Lieblingslektüre, erleben gepflegten Grusel bei Tatort-Führungen und lassen sich in Bestattungsinstituten Krimigeschichten vorlesen.
Eine dunkle Männerstimme aus dem Off: Detailliert beschreibt sie, wie ein Kalb bei lebendigem Leib verbrannt wird. Und wie auch sechs Schwäne dran glauben müssen. Den Grund dafür lässt der Sprecher die Zuhörer ebenfalls wissen. Doch ehe sie sich versehen, bricht die grausame Beichte ab und die bisher in bläuliches Licht getauchte Bühne mit einem weißen Sarg wird gleißend hell erleuchtet. Szenenwechsel im Berliner Kriminal Theater.
Gleich wird Kommissar Kurt Wallander mit seiner Tochter Linda ermitteln, wer hinter den bestialischen Tiermorden, denen noch menschliche Opfer folgen werden, steckt. Doch, wie es sich für einen guten Krimi gehört, ist der Mörder nicht immer der Gärtner – oder der böse Mann.
Wenn Krimi-Geschichten lebendig werden
Die Geschichte aus der Feder des schwedischen Krimibestseller-Autors Henning Mankell hat schon viele Leser in ihren Bann gezogen. Doch vielen reicht es nicht, sie nur unter der Bettdecke zu lesen. Echte Krimifans wollen sie auch in Szene gesetzt sehen.
Kein Wunder, dass das Friedrichshainer Theater fast bis auf den letzten Platz ausverkauft ist. Das Interesse an Veranstaltungen über kriminelle und menschliche Abgründe ist groß. Und von Spektakeln dieser Art hat Berlin viel zu bieten.

Mittlerweile macht die Kriminalliteratur 20 Prozent der verkauften Belletristik aus.
Spannende Fälle im alten Umspannwerk
Das Kriminal Theater ist nur eine Möglichkeit, sich auf gehobenem Niveau mit der komplizierten menschlichen Psyche auseinanderzusetzen. Angesiedelt unweit des in der Vorkriegszeit berühmt-berüchtigten Gebietes rund um den Ostbahnhof, in dem sich früher Kleinkriminelle drängten, befindet es sich in einem alten Umspannwerk.
Es stimmt mit seinem unverputzten Mauerwerk, flackernden Kerzenlampen und viel rotem Samt auf den gruseligen Stoff des Abends ein. Das bunt gemischte Publikum – von Schülern über Mittvierziger bis hin zu Senioren - will nur eins: Spannung bis zur letzten Minute.
Krimis in Szene gesetzt
Berliner Kriminal Theater, Palisadenstraße 48, Friedrichshain, Kartentelefon: 47 99 74 88,
www.kriminaltheater.de
Kriminalmenüs:
„die auftakter“, Tel. 89 73 68 22, www.auftakter.de
Weiterer Anbieter: www.krimi-dinner.de, zum Beispiel im "The Regent".
Krimiwochenden, Lesungen, Führungen...
Kriminalwochenenden:
im Berliner Kempinski Hotel, Tel. 88 43 47 04, www.criminalweekend.de. In der Eifel: Tel. 02 21/9 41 94 79, oder www.blutspur.de
Lesungen:
Dorotheenstädtische Buchhandlung, Turmstraße 5, Tiergarten, Tel. 3 94 30 47,
www.dorotheenstaedtische-buchhandlung.de Termine finden Sie außerdem in den Veranstaltungskalendern der Tageszeitungen und auf den Homepages der unten aufgeführten Buchhandlungen.
Tatort-Führung:
Führung „Gauner, Gangster, Galgenvögel“ vom Kultur Büro Berlin, Tel. 4 44 09 36, www.stadtverfuehrung.de
Krimi-Buchhandlungen:
• Miss Marple, Weimarer Straße 17, Charlottenburg, Tel. 36 41 27 24, www.krimi-marple.de
• Hammett, Friesenstraße 27, Kreuzberg, Tel. 6 91 58 34, www.hammett-krimis.de (auch viele antiquarische Krimis)
• Totsicher, Winsstraße 16, Prenzlauer Berg,
Tel. 84 85 45 08, www.totsicher.com
Buchtipp:
Jan Eik, "Schaurige Geschichten aus Berlin. Die dunklen Geheimnisse der Stadt", Jaron-Verlag Berlin, ISBN: 978-3-89773-141-7, 10 Euro.
Der Mord kommt nach dem vierten Gang
Dem Mörder selbst auf die Spur kommen können Krimi-Freunde indes auch mit Theater ohne Vorhang und Akteuren ohne Bühne – beim „Kriminal-Menü“. In edlem Ambiente beispielsweise im „Oxymoron“ oder „Kavaliershaus Caputh“ genießen die Gäste ein Vier-Gänge-Menü, um dann kurzerhand in einen brutalen Mordfall verwickelt zu werden.
Jeder Gast erhält zu Beginn des mörderisch-kulinarischen Abends eine Tischkarte mit neuem Namen, neuer Vita und Handlungsanweisungen. Dann gilt es, wie Columbo oder Hercule Poirot, Licht ins Dunkel zu bringen.
Schauspieler unter den Gästen
Was viele nicht wissen: Unter den Gästen befinden sich auch Schauspieler, die das Geschehen „anheizen“. Ein Verwirr- und Kombinationsspiel, bei dem man sich nicht nur die Frage stellt, wer der Mörder ist, sondern auch, wer Schauspieler und wer Gast ist.
Hobbydetektive, die den Spannungsbogen länger als einen Abend erleben möchten, sollten sich im Berliner Kempinski Hotel für ein Kriminal-Wochenende einmieten. Dann wird zu bestimmten Terminen gemeinsam der Mörder gejagt – im edlen Ambiente des Vier-Sterne-Hotels.
Touren zu den Originalstätten des Grauens
Berlin hat auch an Originalstätten des Grauens einiges zu bieten. Auf einem Abendrundgang des Kultur-Büros Berlin besuchen die Teilnehmer die Tatorte scheußlichster Schandtaten der Berliner Kriminalgeschichte vom Mittelalter mit Hexenwahn und Lynchjustiz bis hin zur organisierten Kriminalität der Nachkriegszeit.

Fans lieben es: sich zu Hause einigeln und in die Krimi-Lektüre vertiefen.
Zu Fuß aufgesucht werden Orte des Grauens – wo Galgen oder Pranger standen und Scheiterhaufen entzündet wurden. Aber auch kriminelle Berühmtheiten leben wieder auf, so zum Beispiel Bandenchef „Muskel-Adolf“, der in den 1920er Jahren in Mitte in der Kneipe „Mulackritze“ verkehrte, die berühmten Tresorknackerbrüder Sass, die später von der Gestapo hingerichtet wurden, oder die Giftmischerin und Gerichtsrätin Charlotte Ursinus, die Ehemann, Liebhaber und Erbtante aus purer Langeweile vergiftete.
Von krummen Touren und Sarglagern
Sitzen bleiben kann man bei diversen Lesungen – zuweilen in kriminellem Ambiente und vor allem in den Wintermonaten: So bietet die Dorotheenstädtische Buchhandlung im Rahmen ihrer „Moabiter Kriminale“ Lesungen teils in ehemaligen Sarglagern oder gar Schiffsfahrten mit dem Titel „Krumme Touren“ an. Außerdem fanden vor zwei Jahren erstmals die Berliner Krimitage statt.
Wer keinen Schritt vor die Tür machen, sondern sich lieber zu Hause einigeln will, kann sich natürlich auch bestens bei der Krimi-Lektüre gruseln. Übrigens ein Vergnügen, bei dem sich Krimifans in bester Gesellschaft befinden. Schon anspruchsvolle Literaten wie Friedrich Schiller in „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“, Fjodor Dostojewski in „Schuld und Sühne“ oder Theodor Fontane in „Unterm Birnbaum“ befassten sich mit den menschlichen Abgründen.

Krimi-Buchhandlung in Kreuzberg: "Hammett".
Lesung im Bestattungsinstitut
Mittlerweile macht die Kriminalliteratur 20 Prozent der verkauften Belletristik aus. Ein breites Sortiment an englischen, amerikanischen, skandinavischen und deutschen Krimis findet man heute beispielsweise im Charlottenburger Krimibuchladen „Miss Marple“. Er gehört zu den drei Krimibuchhandlungen in der Stadt, die Autorenlesungen veranstalten – wenn es sein muss, auch mal im Bestattungsinstitut.
Werke von Bestsellerautoren wie Donna Leon, Elisabeth George und Henning Mankell führt er ebenso wie die der Newcomerin Camilla Läckberg. Aber auch Kinder werden hier auf der Suche nach Buchreihen wie „Die drei ???“, „TKKG“ oder „Fünf Freunde“ fündig.
Frauen lieben besonders brutale Plots
Auf einem Stövchen köchelt der Tee langsam vor sich hin, während die Besucher auf einem roten Samtsofa Platz nehmen, um in einem der Bücher zu blättern. Ausgefallene Werke kleiner, weniger bekannter Verlage werden ohne Murren bestellt. Beste Beratung gibt’s von der Hausherrin, die leidenschaftliche Krimi-Leserin ist.
Und wer mit ihr ins Gespräch kommt, erfährt, dass Frauen auf besonders gemeine, brutale Plots stehen und nicht auf knuffige Kommissare, die in englischen Kleinstädten ermitteln. Menschliche Abgründe sehen eben manchmal harmlos aus. Und: Nicht immer ist der Gärtner der Mörder.
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Autor:
Katja Winckler
Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010