Stadt & Szene

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Matthew und Danielle aus Kanada: "Morgen verlassen wir Berlin. Diese Stadt ist so cool." Die Fotos werden sie noch lange daran erinnern. Fotos: Sarah Eick

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Wer lässt sich fotografieren? Worin liegt der Reiz der Fotomaschinen? Viele Fotos und die Geschichten dazu – in unserer großen Fotostrecke zum Durchklicken.

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Und dann "Bitte recht freundlich!"

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Am liebsten würde Nastasia (2) im Minutentakt Fotos herausziehen.

Hier stehen die Automaten


• Weinbergsweg / Rosenthaler Platz (Mitte)
• Kastanienallee (Prenzlauer Berg)
• Marienburgerstraße / Winsstraße (Prenzlauer Berg)
• Warschauer Straße (Friedrichshain)
• Zossener Straße (Bergmannkiez)

Blitzlichtgewitter für jedermann: Warum sechs Fotoautomaten zur Kultstätte avanciert sind und wer sich alles ablichten lässt. Berliner Akzente lüftet den Vorhang.

11:13 Uhr. Samstagmorgen. Prenzlauer Berg steht auf und geht frühstücken. In Stiefeln, langen Strickjacken oder Ringelshirts. An der Kastanienallee stehen zwei Fotoautomaten mit wehenden roten Gardinen. Davor wartet Jochen (30) aus München. Er ist nur zu Besuch, ein Wochenende.

Anziehungspunkt besonders für Teenager und Touristen

In den Automat reingehen will er nicht. „Das ist so’n Teenagerding. Aber irgendwie ist es auch alt und typisch Berlin.“ Fast zärtlich holt er stattdessen seine Polaroidkamera aus der Ledertasche raus, sucht ein paar Sekunden nach dem perfekten Winkel und schießt ein Foto. „Mehr nicht. Polaroid-Bilder sind so teuer.“

11:43 Uhr. Irgendwann zwischen zehn und zwölf gehen Line (32) und Stefan (32) samstags zum Frisör. Werfen vorher zwei Euro in den Automaten und zwei Euro nach dem Frisör auf dem Heimweg. „Zum Vergleich. Wir wollen sehen, wie wir uns verändert haben“, sagt Line. Einmal erst hätten sie den zweiten Automaten mit Farbbildern ausprobiert. „Aber der hat nicht so charmante Bilder gemacht. In schwarz-weiß sieht man einfach immer gut aus.“

Ein ganz besonderer Streifen

Heute ist für die beiden ein besonderer Tag: der letzte in Berlin und der letzte ihrer Fernbeziehung. „Morgen ziehe ich zu Stefan nach München“, sagt Line. Was zurückbleibt sind viele Erinnerungsstreifen aus Berlin. In schwarz-weiß versteht sich. Vom amerikanischen Chef bis zu den Schwiegereltern: Die beiden haben all ihre Besucher in die Kabine gezerrt.

14:23 Uhr. Darin sitzt nun auch Norma (21). Vor zehn Tagen zog sie aus Paris nach Berlin. Sie ist Opernsängerin und will in Berlin weiterstudieren. Fotoautomaten nimmt sie spätestens seit dem französischen Kultfilm „Amélie“ bewusster war. Aber erst in Berlin bekam sie Lust auf schwarz-weiß. Mit ihrem Freund Ludovic (21) gab’s den ersten Streifen, gleich zweimal. Einen für sie, einen für ihn und die Sehnsucht. „Alles ist soviel billiger als in Paris“ freut sich Norma. „Zwei Euro für vier Bilder? Geschenkt!“

Verabredung im Fotoautomaten

15:01 Uhr. Ein sonniger Nachmittag am Rosenthaler Platz. Zwischen „Feinkost Ali“ und „Streuselschnecken für ein Euro“ steht ein weiterer Fotoautomat. Hinter ihm blitzt Baustellen-Stacheldraht hervor. Tram und U-Bahn spucken immer wieder Menschenströme aus, die eiligen Schrittes mit Einkaufstüten vorbei hasten. Caroline (19) und Lisa (17) haben es endlich geschafft, sich zu verabreden. Zum Beweis geht es direkt in den Automaten.

Die eine mit Hut, die andere mit Sonnenbrille. Lässig für zwei Mädels, die sich vor Jahren im Kinderchor bei klassischem Gesang kennen lernten. „Ich wusste gar nicht, dass du solche Grimassen schneiden kannst“, sagt Caroline aus Hohenschönhausen. „Du wohnst definitiv zu weit weg“, antwortet Lisa aus Mitte.

Zwei Amerikaner sind ganz aus dem Häuschen

17:14 Uhr. „That’s so crazy“ tönt es von der anderen Straßenseite. Zwei kanadische Touristen sind ganz aus dem Häuschen. Matthew (23) und Danielle (22) wohnen direkt gegenüber im Hostel und sind seit einer Woche zu Besuch in Berlin. Tagsüber acht Stunden Sightseeing, abends Party im Postfuhramt.

„Alle sind hier so jung und verrückt in dieser Stadt. Alles ist historisch und das Nachtleben ist unglaublich“, sagt Danielle. Fotos in schwarz-weiß scheinen das Berlin-Bild des Künstlers und der Reisekauffrau perfekt abzurunden.

Ein Dreier-Trüppchen quetscht sich in die Kabine

20:55 Uhr. Warschauer Straße, Ecke Grünberger. Der Wind pfeift in Richtung Kreuzberg, Autos rasen vorbei. Neben einer Dönerbude steht ein Fotoautomat, dessen grelle Neonschrift das Partyvolk anzieht, wie Motten das Licht. André (21), Mario (22) und Caro (19) quetschen sich zu dritt auf den Schemel im Automaten.

Der Blitz erklingt leise fauchend dreimal, beim vierten Mal sind die drei schon raus. Ein Fluchen, denn die Bilder sind wichtig. „Jeder muss einen Streifen mitbringen, das ist die Eintrittskarte“ , erklärt André aus Falkensee. „Typisch TU-Studenten“, witzelt Caro.

Der Liebesbeweis auf Fotopapier

20:59 Uhr. „Bist du zufällig mit dem Auto da?“ Mario und André haben einen weiteren Partybesucher vor dem Automaten aufgetan. Markus (21) braucht aber etwas länger, denn ein Streifen ist für seine Freundin reserviert: Das Bier im Sixpack vom Kiosk nebenan wird kurz vorm Automaten abgestellt, während Markus schnell „L+M“ mit einem Herz auf ein Blatt Papier kritzelt. „Damit überrasche ich meine Freundin morgen früh“ grinst er.

„Das andere Bild kommt an den Türrahmen der WG. Die haben sich grad neu gegründet und wollen alle ihre Freunde zusammenkleben.“ Die Schlange am Automaten wird länger und länger. Lachend ziehen die ersten Partygänger ihre Bilder aus dem Automaten und verschwinden in Richtung Bahn. Für den Samstagabend sind die Aufnahmen in der Fotokabine ein perfekter Augenblick – und für die Zeit danach eine schöne Erinnerung.

Ein Tag am Automaten

Wer lässt sich fotografieren? Worin liegt der Reiz der Fotomaschinen? Viele Fotos und die Geschichten dazu – in unserer großen Fotostrecke. Klicken Sie sich durch.

Kontakt zum Autor: Wiebke Nieland

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Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010