Der Extremsport spielt auch in Marc Rensings Film "Parkour" eine zentrale Rolle: Den Trailer zum Film und was Hauptdarsteller Christoph Letkowski über die Dreharbeiten erzählt, sehen und lesen Sie hier.

Effektiv? Na ja, Parkour ist eben eine ganz besondere Kunst und Form der Fortbewegung.

Leute mit Parkour-Blick sehen „nicht mehr die Hindernisse, sondern nur noch die Möglichkeiten“...

Mit Mut und Power in den Armen...
Sie hechten mit elegantem Sprung über Bänke und Zäune, rollen unter Gittern hindurch, überwinden fast mühelos meterhohe Mauern, hangeln sich an Gerüsten entlang oder balancieren mit Leichtigkeit über schmale Geländer. Und während „Otto Normalbürger“ die Treppe Stufe für Stufe hinabsteigt, springen sie mit geschmeidigen Bewegungen von Absatz zu Absatz. Traceure, wie sich die Hindernisläufer nennen, wählen eben den effektivsten Weg von A nach B – und nicht den vorgegebenen. Das ist Parkour, ein Phänomen, das mit dem Begriff Sport nur unzureichend erklärt ist.
Parkour ist eine Kunst der Fortbewegung, ist urbanes Ganzkörpertraining. „Fast alle Sportarten haben mit Wettkampf zu tun, da geht es um Ranglistenplatzierung, darum, besser zu sein als der Andere. Genau dieses Konkurrenzdenken sollte man ausschalten, wenn man Parkour macht“, sagt Martin Gessinger (21), einer der Initiatoren der Berliner Parkour-Bewegung.
„Für mich ist es eine Art zu leben"
Bei seinem Schulfreund Ben Scheffler hatte er Videos von David Belle gesehen, dem Gründervater des Parkour. Die Jungen waren begeistert von den Fähigkeiten des Franzosen. Das war 2005, als sie zusammen mit Theo Hadrich und Maxim Jablonski das Team ADD ins Leben riefen. „Seither begleitet mich Parkour Tag für Tag“, erzählt Lehramtsstudent Martin. Für manche sei es Spaß, für andere Sport. „Für mich ist es eine Art zu leben. Parkour kann einem zeigen, wie man etwas hinbekommt, wenn man Strategien entwickelt.“
Zurück zu den menschlichen Wurzeln
Die wichtigste Strategie beim Parkour: seinen Weg durch den öffentlichen Raum selbst zu wählen. Deswegen hat Parkour für Martin auch nichts mit einem Trend zu tun. Es sei schlicht die Rückkehr zu den menschlichen Wurzeln. Die ursprünglichen Bewegungsformen seien verloren gegangen über die Jahrtausende. „Ein Neandertaler hätte sich auch nicht an einen festgelegten Weg gehalten bei der Flucht vor einem Mammut – dann gäbe es heute keine Menschen mehr“, ist Martin überzeugt. Dem Urmenschen sei es nur darum gegangen, sich schnell und mit minimalem Aufwand zu bewegen. Genau das ist die Philosophie von Parkour.
Power in den Armen ist Bedingung
Den Einwand, dass in einer Großstadt wie Berlin viele direkte Wege von A nach B verbaut seien, lässt Martin nicht gelten. Der direkte Weg müsse ja nicht eine gerade Linie sein, außerdem entwickele man irgendwann einen regelrechten Parkour-Blick. „Da siehst du nicht mehr die Hindernisse, sondern nur noch die Möglichkeiten.“ Wer aber nun denkt, die Traceure seien waghalsige Extremsportler, die gegen jede Mauer anrennen, irrt gewaltig. Sicher braucht es Mut, über einen Abgrund zu springen oder sich an einer Dachkante entlang zu hangeln. Und Kraft – Sprungkraft ebenso wie Power in den Armen, um sich an der steilen Wand hochzuziehen und mit einer Rolle auf die andere Seite zu kommen. „Die Grundvoraussetzung aber sind Respekt und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber“, betont Martin. „Denn was nützen mir Mut und Kraft, wenn ich Höhenangst habe. Dann ist dieser Weg für mich eben nicht geeignet.“
Gegen das Bild vom Adrenalin-Junkie
Klar geht es den Traceuren auch darum, ihre Fähigkeiten weiterzuentwickeln „Aber jeder muss für sich den Punkt finden, an dem er sagt: Hier kann ich noch ein Stück weitergehen“, unterstreicht Martin. Allerdings weiß er auch, dass nicht jeder Parkour-Fan so verantwortungsbewusst mit seinem Körper umgeht. Spätestens seit der atemberaubenden Einlagen im Bond-Streifen „Casino Royale“ und der immer stärkeren Kommerzialisierung von Parkour beobachten Martin und seine Freunde auch Auswüchse, die ihnen Sorgen bereiten.
Das Bild von durchgeknallten Adrenalin-Junkies, die den berauschenden Kick brauchen – davon distanzieren sich die jungen Leute vom Team ADD und der von Ben 2006 ins Leben gerufenen „Berlin Parkour Community“. Gegen diese Entwicklung ziehen sie auch aktiv zu Felde: mit einem regelmäßigen „Public Training“, bei dem sich Interessierte ein Bild von Parkour machen und selbst aktiv werden können.
Bis die Arme zittern
Bis zu 50 junge Leute, vornehmlich Jungen, kommen zu den Trainingseinheiten, die auf den Treppen vorm Velodrom abgehalten werden. Unter ihnen auch Robert (18) und Michael (17) aus Wandlitz. Sie wollen sich bei den Profis „was abgucken“, erhoffen sich Tipps für die richtige Sprungtechnik. „Denn ohne Technik springst du vor die Wand“, sagt Robert.
Aber bevor sie zu ihrem ersten Sprung ansetzen, kommen sie ganz schön ins Schwitzen: Theo hat Dehnübungen vorbereitet, Ben lässt den Parkour-Nachwuchs im Krebsgang die Treppe rückwärts und vorwärts rauf und runter laufen. Und Martin hat jedem Teilnehmer fünf Liegestütze verordnet – nacheinander, während die anderen im Liegestütz verharren. Das dauert bei 50 Leuten seine Zeit. Und so wundert es nicht, dass dem einen oder anderen schon jetzt heftig die Arme zittern.
Infos über Parkour in Berlin unter www.teamadd.de
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Autor:
Katrin Starke
Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010