Stadt & Szene

Unplugged im Wohnzimmer

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Wohnzimmer-Konzert mit dem schwedischen Pop-Musiker Elias Akesson in Neukölln. Häufig lauschen den Musikern nicht mehr als 35 Zuhörer. Foto: Gerald Riechmann

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Persönlicher Einsatz in Kassel: Elena Brückner begleitet den holländischen Musiker Rick Treffers bei einem Wohnzimmerkonzert während der "Documenta" auf dem Glockenspiel. Foto: Katja Rudolph

Intimer Kreis


Für nähere Informationen und Kartenbestellungen: Live in the Living: Elena Brückner, Welserstr. 3, 10777 Berlin, Eintritt: 11 Euro; www.liveintheliving.de

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"Es gibt praktisch keine Distanz zwischen Musiker und Publikum", sagt Veranstalterin Elena Brückner. Foto: Frank Fichna

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Ruhe nach dem Auftritt: Bei Hans Müller-Klug fand erst kürzlich ein von Elena Brückner organisiertes Konzert statt. Foto: Voigt

Wohnzimmer statt Großraumhalle. Private Gastgeber statt professionelle Veranstalter. Was in Holland längst musikalischer Alltag ist, hat die Berlinerin Elena Brückner nach Deutschland importiert. Ihre Wohnzimmerkonzerte erfreuen sich immer größerer Beliebtheit.

Immer wenn sich Elena Brückner (37) an ihr erstes Wohnzimmerkonzert erinnert, gerät sie ins Schwärmen. „Es gab praktisch keine Distanz zwischen Musiker und Publikum“, erzählt die Konzertveranstalterin. Die Berlinerin saß mit etwa vierzig anderen Zuhörern auf Klappstühlen in einem Wohnzimmer einer Amsterdamer Altbau-Wohnung. Unmittelbar vor ihnen – den Rücken einer großen, weißen Bücherwand zugewandt, gab der holländische Pop-Musiker Rick Treffers neben zwei weiteren Musikern ein eineinhalbstündiges Live-Konzert – „abseits von blinkenden Lightshows und dröhnenden Verstärkern und für jedermann zugänglich“, erinnert sich Elena Brückner: „Natürlich habe ich mir gleich die Frage gestellt, ob so etwas auch in Deutschland möglich wäre.“

Alle schätzen die Intimität

Es ist. Fast zweieinhalb Jahre nach ihrem Amsterdamer „Aha-Erlebnis“ hat Elena Brückner mehr als zwanzig sogenannte „huiskammer-concerte“ in Deutschland auf die Beine gestellt. Neben Berlin in Hamburg, Leipzig, Saarbrücken und zuletzt zur „Documenta“ in Kassel. „Es ist die Intimität, aber auch gleichzeitig die Authentizität die beide Seiten – Musiker und Publikum – dabei so sehr schätzen“, sagt Brückner. Häufig sind es nicht mehr als 35 Personen, die den Darbietungen der Musiker in den mindestens 25 Quadratmeter großen Privat-Wohnzimmern lauschen. „Dadurch entsteht ein vollkommen anderer Zugang zur Musik“, sagt Brückner. Zugleich sitzen die Zuschauer in Privaträumen, umgeben von persönlichen Dingen wie Fotos oder Büchern. Brückner: „Für viele Gäste ist allein das schon ein Grund, so ein Konzert mal zu besuchen.“ Ihr Konzept bezeichnet die Berlinerin als eine Art Gegenpol zu gängigen Konzerten in Clubs oder großen Konzerthallen: „Ein Feinkostladen mit Atmosphäre statt steril und unübersichtlich präsentierte Ware im Supermarkt.“

Drei Künstler geben sich beim Wohnzimmer-Gig die Ehre

Bei der Auswahl der Musiker gilt ihr Hauptaugenmerk weniger bekannten Interpreten aus der Pop- und Independentszene abseits des Mainstreams. Musiker wie Graham Langley (Sänger von Savoy Grand/UK) oder Spookey Ruben (produzierte den Jingle der WDR-Produktion "Zimmer frei"). Aber auch bekanntere Pop-Poeten wie der kürzlich in allen Musik-Postillen gerühmte Jens Friebe gaben sich bei ihren Wohnzimmer-Gigs schon die Ehre. Gleich drei Musiker bucht die umtriebige Schönebergerin für ihre Konzert-Abende. „Jeder Künstler spielt 15 Minuten. Dazwischen ist Pause“, erklärt Brückner, die jeden Künstler vor seinem Auftritt persönlich vorstellt.

Das Schlafzimmer dient als Backstage

Gastgeber Hans (59) und Elfie (55) Müller-Klug werden das Konzert, das im August in ihrem dreißig Quadratmeter großen Wohnzimmer stattfand, nicht so schnell vergessen. Rund fünfzig Besucher einschließlich der Musiker nahmen ihre Wohnung für ein paar Stunden fast vollständig in Beschlag. „Das Wohnzimmer war die Bühne, mein Schlaf- und Arbeitszimmer diente als Backstage für die Musiker, erinnert sich Hans Müller-Klug und lacht. Während in der Küche kleine Häppchen und Getränke gereicht wurden, half sein 19-jähriger Sohn Nikolai den Organisatoren beim Einlass der vollkommen fremden Gäste. „Es war einfach toll anzusehen, wie etwa der niederländische Musiker Jelle Paulusma total aus sich herausging und mit dem Publikum auf so engem Raum permanent flirtete“, erinnert sich der leidenschaftliche Hobby-Musiker.

Viel Spaß mit wildfremden Leuten

Er selbst leitete den Abend auf seiner Western-Gitarre mit dem Lee Hazlewood-Klassiker „Jackson“ ein. Bis Mitternacht hätten er und seine Frau Elfie nach dem Konzert noch mit wildfremden Leuten und den Musikern zusammen gesessen. „Dann ist der schöne Konzert-Abend langsam ausgeklungen“, erzählt Müller-Klug. Der Schöneberger hat mehr oder weniger durch Zufall von Brückners Wohnzimmerkonzerten erfahren. Eine Freundin nahm ihn im Frühjahr zu einem von Brückners Wohnzimmer-Gigs im Wedding mit. „Ich war gleich begeistert und habe mich nach dem Konzert in die Liste potenzieller Gastgeber eingetragen“, sagt der 59-Jährige.

Als plötzlich das Keyboard fehlte, war Improvisieren angesagt

Für Elena Brückner sind Gastgeber wie die Müller-Klugs keinesfalls selbstverständlich. „Für viele ist es ein großes Hemmnis, ihre Privaträume wildfremden Menschen zugänglich zu machen“, weiß die Konzertveranstalterin. Die Erfahrung zeige aber, „dass bis jetzt alle Gastgeber im nachhinein sehr zufrieden waren und ihre Entscheidung nicht bereut haben“. Immer wieder entstünden dabei auch ganz unvorhersehbare Momente. Nicht vergessen wird Elena Brückner zum Beispiel, wie eine Musikerin vor einem Konzert im Wedding plötzlich ohne Instrument anreiste: „Da erklärte sich die Gastgeberin kurzerhand bereit, das Keyboard mit der Künstlerin zusammen noch schnell abzuholen, um eine Verspätung des Konzerts zu vermeiden.“ Ihrem Konzept will Brückner auch deshalb unbedingt treu bleiben.

Kontakt zum Autor: Andreas Voigt


Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010