
"Pompf!" Dieses Geräusch verursachen die Schwerter bei einem Treffer.
Die Regeln der Jugger
Was beim Fußball der Ball ist, ist beim Juggern der Jugg. Dieses Spielgerät ist ein aus Schaumstoff und Latex geformter Hundeschädel. Das Äußere ist aber nicht maßgeblich, solange er etwa 30 Zentimeter lang ist und einen Durchmesser von etwa zwölf Zentimetern hat.
Was Jugger sonst noch wissen müssen
Das „Tor“ heißt „Mal“ und ist ein Kegelstumpf mit 50 Zentimetern Durchmesser und einem Loch oben in der Mitte. Um einen Punkt zu erzielen, muss der Läufer den Jugg im Mal platzieren. Der Punkt ist gültig, wenn der Jugg im Mal stecken bleibt und keiner der beiden Läufer ihn mehr berührt.
Das Spielfeld entspricht einem Rechteck mit abgeschnittenen Ecken, 40 Meter lang, 20 Meter breit.
Eine Mannschaft besteht aus fünf Feldspielern und drei Auswechselspielern. Auf dem Feld muss je Team ein Läufer (auch Quick genannt) sein, maximal ein Kettenmann. Die restlichen Spieler sind Pompfer. Der Läufer ist der Einzige, der den Jugg berühren und platzieren darf. Die anderen versuchen, ihn mit ihren Waffen zu schützen.
Mit den Waffen darf der ganze Körper getroffen werden – von den Schultern abwärts mit Ausnahme der Hände. Kopf und Hals sind als Trefferzone tabu.

Der Jugg ist ein aus Schaumstoff und Latex geformter Hundeschädel.

Mit den Waffen darf der ganze Körper getroffen werden – nur Kopf und Hals sind tabu.
Sie schlagen mit Schwertern und Stäben aufeinander ein, attackieren ihre Gegner mit Kettenkeulen. Doch was auf den ersten Blick aussieht wie eine Mischung aus American Football und brutalem Gladiatorenkampf, ist eine inzwischen offiziell anerkannte Sportart: Jugger. Und zudem nicht gefährlicher als Fußball oder jeder andere Laufsport. Denn die martialisch wirkenden Waffen sind aus Kunststoff und dazu noch dick mit Schaumgummi gepolstert.
Dumpfe Trommelschläge weisen den Weg zur großen Wiese am nord-östlichen Zipfel des Volksparks Friedrichshain – dem Spielfeld der Jugger. Dreimal pro Woche treffen sie sich hier zum Training, zumindest solange es über fünf Grad warm ist. Nicht dass den „harten Kerlen“ Kälte etwas ausmachen würde, aber ihren Waffen bekommt sie nicht. „Das Klebeband hält dann nicht mehr richtig“, erzählt Lester Balz, Sprecher der Berliner Jugger und der Mann, der den Hundeschädel ins Rollen gebracht hat. Um eben diesen Schädel – natürlich auch aus Kunststoff – dreht sich alles beim Juggern. Den gilt es, in das „Mal“ – eine ebenfalls aus Kunststoff gefertigte Vorrichtung – im Feld des Gegners zu platzieren.
Es macht "pompf", wenn eine Waffe den Gegner trifft
Es war Anfang der 90er, als Grafik-Designer Lester Balz (33) mit Freunden den Film „Jugger – Kampf der Besten“ von Rutger Hauer auf Video sah. Die Handlung, ein australischer Mad-Max-Verschnitt, spielt im 23. Jahrhundert. Die Welt ist verödet, die Menschen müssen um alles kämpfen, um Nahrung, um Alkohol, um Sex. Wenn auch der Streifen nicht besonders gut gemacht ist: Die Kämpfe hatten es Lester angetan. Er suchte nach Möglichkeiten, den Schwertkampf zu üben, ohne sich zu verletzen – und baute seine erste „Pompfe“. „Der Name ist abgeleitet von dem Geräusch, das die Schwerter bei einem Treffer verursachen“, klärt Lester auf.
Mit Q-Tipp und Kettenball
Inzwischen ist er mit seinen Mitkämpfern seit elf Jahren als Verein eingetragen, hat unzählige Pompfen gebaut. Was als unkoordiniertes Spiel unter Freunden begann, ist heute ein Sport mit festem Regelwerk. „Beim Spielen haben wir erst festgestellt, welche Regeln man braucht“, erzählt Lester. Denn die waren aus dem Endzeit-Science-Fiction nicht unbedingt abzuleiten. Zwei Mannschaften mit je fünf Spielern – einem Läufer, drei Schlägern und einem Kettenmann – treten gegeneinander an. Auf das Kommando „Drei, zwei, eins – Jugger!“ stürzen die Läufer los, um den Jugg an sich und durch die gegnerischen Reihen zu bringen, während ihnen die Mitspieler den Weg frei kämpfen. Mit Langschwert, Kurzpompfe oder Q-Tipp – einem Stab, der eher einem überdimensionierten Wattestäbchen als einer Waffe ähnelt – rennen sie aufeinander los, der Kettenball zischt ihnen um Hüften und Beine.
Der „Steinezähler“ sagt, was die Strafe geschlagen hat
Wird ein Spieler von einer Waffe getroffen, muss er pausieren. „Trifft ihn eine Pompfe, muss er sich für fünf Steine hinknien. Hat er die Kette abgekriegt, kniet er für acht Steine“, erklärt Lester. Ein Stein soll der Zeit entsprechen, die man braucht, um einen realen Stein aufzunehmen. Bei Juggern sind das anderthalb Sekunden – zumindest laut Reglement. Damit ein Spieler weiß, wie lange er am Boden zu knien hat, bedeutet ihm der Trommler, was die Zeitstrafe geschlagen hat. Der „Steinezähler“ ist es auch, der sagt, wann ein Kampf vorbei ist – nach zwei Halbzeiten zu je 100 Steinen.
Endzeit-Rugby für den ganzen Körper
„Am Anfang sah das Ganze für mich aus wie eine wilde Hau-drauf-Aktion“, erinnert sich Tobias (20) an seine erste Begegnung mit den Juggern. Nicht nur am Lichtenberger Georg-Foster-Gymnasium, das Tobias damals besuchte, bieten Lester und Co. Arbeitsgemeinschaften und Workshops an. „Wir gehen in die Schulen, um den Sport weiter zu verbreiten“, sagt Lester. Schöner Nebeneffekt: Im Winter stehen den Juggern so Turnhallen für ihr Training zur Verfügung. Und vielen Schülern geht es wie Tobias, der den Endzeitkämpfern erst mit einer ganzen Portion Skepsis begegnete: „Ich habe dann ziemlich schnell festgestellt, dass Jugger alle möglichen sportlichen Eigenschaften vereint und den ganzen Körper fordert.“
„Die beste Möglichkeit, sich zu erden“
„Dabei ist es nicht so anstrengend wie Fußball“, ergänzt Lester. Teamfähigkeit sei wichtig und Schnelligkeit für die Sprints. Für ihn ist es die beste Möglichkeit, um Alltagssorgen hinter sich zu lassen, sich „zu erden“. Für viele andere wohl auch, denn längst ist das Jugger-Fieber bundesweit ausgebrochen. Es gibt eine Jugger-Liga und eine deutsche Meisterschaft.
Eindeutige Warnung an den Gegner
Doch Lester möchte noch viel mehr Menschen für das Juggern begeistern. Dieser Wunsch und sein sportlicher Ehrgeiz waren Auslöser dafür, dass er 2003 eine Turniergruppe gründete: „Rigor mortis“ – was so viel wie Leichenstarre bedeutet. Eine Warnung an den Gegner. Und eine, die offensichtlich angekommen ist. Denn der Jugger e.V. aus Berlin ist Ligasieger und deutscher Meister.
Infos gibt's unter Tel.: 030 - 43 73 46 20 oder unter www.jugger.de
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Autor:
Katrin Starke
Zuletzt aktualisiert: 25.08.2010
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Fotos:
Katrin Starke (4)