Stadt & Szene

Schuhlos in Berlin

Auf nackten Sohlen durch die Stadt

Bild vergrößernJohannes Kathol, Barfußläufer

Johannes Kathol ist den letzten Winter ohne Schuhe durchgelaufen.

Barfuß-Links


Seite der Barfußinitiative Berlin-Brandenburg

Hobby? Barfuß! - Forum

Das Bundesgesundheitsministerium empfiehlt Barfußwandern

Ratgeber Gesunde Füße der ARD Gesundheits-Redaktion

Bild vergrößernHeike Lehmann, Barfußläuferin

Heike Lehmann hat ein Fußmikado entwickelt. Barfußlaufen ist für sie FKK für die Füße.

Bild vergrößernUlrich Conrad, Barfußläufer

Wer meint, Barfußlaufen sei unhygienisch, dem rät Ulrich Conrad abends mal an seinen Socken zu riechen.

Barfuß Auto fahren – ist das erlaubt?


Barfuß Auto fahren ist, genauso wie das Fahren mit Flip-Flops oder Sandalen, keine Ordnungswidrigkeit. Das hat das Oberlandesgericht Bamberg im Juni diesen Jahres entschieden.
Trotzdem ist Vorsicht geboten: Rutscht der Fahrer mit schwitzigen Füßen oder Flip-Flops vom Pedal ab und verursacht einen Unfall, drohen Geldbußen. Wer bei Dienstfahrten barfuß oder mit Sandalen unterwegs ist, riskiert zudem eine Strafe wegen Verstoßes gegen die Unfallverhütungsvorschriften.

Bild vergrößernUlrich Conrad, Barfußläufer

Ulrich Conrad lief 20 Jahre lang heimlich barfuß. Seit zweieinhalb Jahren macht er es nun "offen".

In der U-Bahn herrscht Schweigen, vier, fünf Minuten. Dann meldet sich eine Frau zu Wort: „Ist das nicht komisch. In Deutschland wird man sofort angestarrt, selbst wenn man nur einen gelben Hut trägt.“ Einen gelben Hut hat Johannes Kathol nicht auf. Eher hat er etwas nicht an - er trägt keine Schuhe. Und deshalb starren ihn die Leute in der U-Bahn so an.

Johannes Kathol läuft lieber barfuß. Und das nicht nur zu Hause oder im Garten, nein, auch auf der Straße, in der U-Bahn, im Wald – einfach immer. Nur wenn es sehr kalt ist, zieht er mal Schuhe an. Den letzten Winter aber ist er barfuß durchgelaufen, denn der „hat ja eigentlich gar nicht stattgefunden“, sagt er.

Im vergangenen Jahr ist er erfolgreich den Berlin Marathon mitgelaufen – natürlich barfuß – und dann doch an seine Grenzen gestoßen, denn danach hatte er Rückenprobleme. Der Durchschnitts-Europäer kann nicht von einem Tag auf den anderen so ein Rennen laufen, weiß er nun. Durch schlechtes Schuhwerk haben unsere Füße das richtige Laufen verlernt. Der Äthiopier Abebe Bikila, der bei den Olymischen Spielen 1960 barfuß Gold im Marathon holte, sei im Gegensatz zu ihm schon sein ganzes Leben barfuß gelaufen, berichtet Kathol.

Gesundheitsministerium empfiehlt Barfußwandern

Johannes Kathol ist ein Missionar. Wenn er barfuß durch die Stadt läuft, wird er wie alle Barfußläufer ständig angesprochen. Ob er seine Schuhe verloren habe. Ob ihm nicht kalt an den Füßen sei. Und ob das nicht gefährlich sei, fragen ihn viele Leute. Zu gerne klärt er dann auf. Zum Beispiel, dass das Bundesgesundheitsministerium barfuß wandern ab 10 Grad Außentemperatur empfiehlt; oder dass in Schuhen die Fußmuskulatur degeneriert; oder auch, dass Barfußläufer keinen Fußpilz bekommen, weil nur das feuchtwarme Klima in den Schuhen dem Pilz gefällt. Wenn er Interesse bemerkt, bekommen die Fragesteller einen Flyer der Barfußinitiative Berlin-Brandenburg in die Hand gedrückt. Die hat er von zwei Jahren mit Gleichgesinnten gegründet. Gemeinsam haben sie einen mobilen Barfußpfad entwickelt, betreiben eine Website und organisieren Barfußwanderungen und Beachvolleyballturniere.

Selbstversuch bei 5 Grad Celsius

In Johannes Kathols Initiative ist auch Heike Lehmann aktiv. Die Kulturmanagerin und Pädagogin hat verschiedene Fußspiele entwickelt, z.B. ein Fußmikado. Im Sand eines Spielplatzes hat sie es ausgebreitet.

Sie fordert den Reporter auf, seine Schuhe auszuziehen. Es ist ein kalter Morgen Ende November, schätzungsweise 5 Grad. Barfuß stehen Heike Lehmann und BerlinerAkzente-Redakteuer Christoph Schieder im kalten Sand und greifen mit den Füßen unterschiedlich große Stöcke aus ihrem Spiel – gar nicht so einfach, erst recht nicht mit kalten Füßen.

Sofort kommen Kinder angelaufen, gucken interessiert zu, stellen Fragen. Sie reagieren grundsätzlich vorurteilsfrei und offen, sagt Heike Lehmann. In der Barfußinitiative konzentriert sich ihr Engagement auf Kindern. Heute verzichtet sie darauf, die Kids zum Mitmachen zu bewegen. Diese wären zwar sicher sofort dabei, doch die Erzieherinnen und Eltern würden bei diesen Temperaturen eh nicht zustimmen, glaubt Heike Lehmann.

Der Redaktuer und Heike Lehmann gehen ein Stück. Beim Laufen werden die Füße des Journalisten wieder warm. Der Weg mit kleinen Steinchen erzeuge ein angenehmes Kribbeln unter seinen Füßen, meint er.

Heike Lehmann mag auch Schuhe

Barfußlaufen ist für Heike Lehmann "FKK für die Füße". Nacktheit und Barfüßigkeit gehören für sie zu einem natürlichen Körpergefühl. In einem FKK-Verein ist sie groß geworden und noch heute aktiv. Dort wundert sie sich manchmal über Mitglieder, die splitternackt, aber mit Schuhen herumlaufen.

Aber Heike Lehmann läuft nicht ausschließlich barfuß. Sie sei "kein Freak", sagt sie. In der Stadt würde sie doch lieber Schuhe tragen. An der Grenze von Reinickendorf zu Wedding ist sie groß geworden, einer Gegend mit vielen Glasscherben und Hundehaufen.

Barfuß-Coming-Out nach 20 Jahren

Die Frage nach Hundekot und Glasscherben kennt auch Ulrich Conrad. Er ist im Gegensatz zu Heike Lehmann jemand, der immer barfuß unterwegs ist. Scherben lägen meist flach auf dem Boden und verletzen einen nicht, sagt er. Und zum Beweis läuft er über ein paar Glasscherben, die zufällig grade am Boden liegen. Und in Hundekot sei er noch nie getreten. Er als Barfußläufer sei sensibilisiert und würde instinktiv die "Tretmienen umschiffen".

Sein Coming-Out als Barfußläufer hatte Conrad vor zweieinhalb Jahren, ermutigt durch das Hobby-Barfuß-Forum, in dem er erstmals Gleichgesinnte wie Johannes Kathol fand. Davor war er schon 20 Jahre lang immer heimlich, zum Beispiel im Wald, barfuß gelaufen. Den Anstoß gab damals eine Mitschülerin, die immer barfuß in die Schule kam. Das hätte ihn beeindruckt, sagt Conrad. Damals hatte er sich so etwas nicht getraut. Konvention und Erziehung taten ihre Wirkung. Entsprechend konservativ fiel auch die Reaktion seiner Mutter auf seine offene Barfüßigkeit aus. „Die Leute müssen ja denken, du kannst dir keine Schuhe leisten“, gab sie zu bedenken.

Barfüßigkeit war mal ein Zeichen von Armut

Tatsächlich war Barfüßigkeit bis Mitte des letzten Jahrhunderts ein übliches Mittel, um Geld zu sparen. In Deutschland war es zumindest bei der Landbevölkerung üblich, dass Kinder im Frühling, Sommer und Herbst barfuß gingen und sich eine Lederhaut entwickelte.

In vor- und frühindustrieller Zeit war die Benutzung von Schuhen wegen des hohen Herstellungsaufwands ein Privileg der Reichen und Amtsträger und ansonsten nur fürs Arbeiten und für Situationen vorbehalten, in denen sie entscheidende Vorteile boten.

Heute, wo sich jeder Schuhe leisten kann, hätten die Menschen auch mit ihren Füßen den Kontakt zur Natur und Umwelt verloren, meint Conrad. Dabei sei es ein wunderbares Gefühl, den Boden, kalten Schlamm, von der Sonne aufgewärmten Stein, feuchte Wiesen zu spüren.

Socken, Fußschweiß und Marmor

Ärgerlich findet er die Vorurteile vieler Menschen. Wer meine, Barfußlaufen sei unhygienisch, dem rät er abends mal an seinen Socken zu riechen. Und er fühle sich diskriminiert, sagt Conrad. Ein Busfahrer habe ihn mal nur nach längerer Diskussion mitfahren lassen. Im Alte Museum auf der Museumsinsel wurden Ulrich Conrad, Johannes Kathol und anderen Barfußgängern wegen mangelndem Schuhwerks schon der Einlass verwehrt. Die Aufsicht verwies auf die Hausordnung, die sie aber nicht zu Gesicht bekamen. Der in Barfuß-Belangen stets engangierte Johannes Kathol hatte darauf einen Termin mit dem Leiter Besucherdienste der Staatlichen Museen Berlin erwirkt. Der war über sein Ansinnen aber nur amüsiert und erklärte, die Salze im Fußschweiß griffen den Marmor an. Streusalz aber offenbar nicht, ärgert sich Ulrich Conrad.

Ins Berliner Völkerkundemuseum in Dahlem dürfen die Besucher übrigens barfuß gehen. Diese Erlaubnis genießen zahlreiche ostasiatische Touristen. Denn die gehen gerne barfuß. Und ostasiatische Touristen möchten die Museumsleiter nicht verprellen.

Kontakt zum Autor: Christoph Schieder ()


Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010