„Hulljodüürüü“ - oder: Wir lernen jodeln in Berlin

Jodeln wie Gitti und Erika…

… im Titellied der Serie "Heidi".

"Jodeln, singen, fröhlich sein" ist auch das Motto der "Zillertaler Haderlumpen". Sieger des "Grand Prix der Volksmusik '07"
Alle tun es - die Sennerin und der Jäger, der Förster und der Almbauer. Sie verständigen sich in den Weiten der alpenländischen Bergwelt. Wie sie das schaffen, lässt sich auch in Berlin lernen, fernab von Bayern und seinen Bergen. Willkommen zum Jodelseminar in der Hauptstadt.
Unser Lehrer ist Josef Ecker aus dem Chiemgau. Er packt die Sache ernsthaft an. Versteht sich von selbst – er ist Musiklehrer. Und nach eigener Aussage bundesweit der Einzige fürs Jodeln, der auch systematisch in die Stimmbildung einführt und Atemübungen einsetzt. „Andere machen Jodelkurse eher als Gaudi oder Spaß auf Festen“, sagt er. Mit dabei bei allen Seminaren ist seine Partnerin Maria. Die traf den Josef einst bei einem Jodelseminar auf dem Feldberg und beschloss, ihn fortan bei seinen Seminar-Tourneen durch Deutschland zu begleiten. Selbst gestandene Manager und Firmenchefs buchen einen Jodelkurs bei ihm und fördern damit ihre Teambildung.
Auf dem Gipfel des Grunewaldturms
Weil es im Grunewald an Bergen mangelt, hat Josef Ecker für uns den Aufstieg auf den Grunewaldturm auserkoren. Die Aussichtsplattform muss als Berggipfel herhalten – und es zieht recht heftig. „Mit dem Gipfeljodler begrüßen die Bewohner der Berge den neuen Tag.“ Mit einer ausholenden Armbewegung holen wir tief Luft und strahlen den neuen Tag ein, entspannen unsere Atmung mit einem merklichen „ssss“-Laut. Dann bringt Josef Ecker die Schnaken ins Spiel: Die erste macht „Düüü“ die zweite „Rüüü“ und schließlich schließt sich ein Brummer mit „Hulljo“ dem Schnaken-Gesang an. Wir üben die Insekten-Stimmen und fertig ist unser erster Jodler „Hulljodüürüü“. Ecker: „Die Kunst beim Jodeln ist es, zwischen der Brust- und der Kopfstimme zu wechseln, das ist natürlich um so schwerer, je schneller der Jodler zu singen ist.
Die Burschen becircen die Sennerin
Der Sonnenaufgang auf dem imaginären Gipfel und die Schönheit der Natur, in diesem Fall der uns umgebende Grunewald, sind besungen. Nun geht es zwei Ebenen tiefer in den Turm – sozusagen auf die Alm. Es folgt die nächste jodlerische Begebenheit. Die Jägersburschen wollen die Sennerin becircen und müssen dafür mit klarer Stimme um Einlass in die Almhütte bitten. „Ein alter Förster mit zittriger Stimme hat da keine Chance“, schmunzelt der Jodellehrer aus Bergen. Seminarassistentin Maria quittiert unsere ersten „Lockjodler“ mit einem herzhaften „Juchhu hu hu“. Was noch öfter an diesem Tag geschieht. Unsere Anstrengungen scheinen Früchte zu tragen.
Gejodelt wird zu allen Anlässen - auch in der U-Bahn
Gesanglich erfahren wir so einiges aus dem Leben der Bergbewohner. Besingen das „Bibihendl“, ein Küken, das sein jähes Ende auf der heißen Herdplatte findet und für fünf Euro ersetzt werden muss, jodeln andächtig in der Gedenkhalle des Grunewaldturms vor dem marmornen Standbild Kaiser Wilhelms I. Denn gejodelt wird zu allen Anlässen. Auch ganz spontan. „Im Mai haben wir beim Karneval der Kulturen spontan gejodelt, auch in der U-Bahn“, erzählt Ecker. Deutsche sind dabei zuweilen noch gehemmt. „Dafür stimmen die Holländer gleich voll mit ein. Und die Japaner fotografieren am liebsten.“ Beliebt ist auch das Vollmondjodeln, was Josef Ecker regelmäßig in den Bergen anbietet. Wir Berliner Nachwuchs-Jodler bekommen inzwischen Gelegenheit, eigene „G’stanzl“ zu schreiben. Lustige Reime als Vierzeiler, die mit einem Jodler abgeschlossen werden. Wir wählen wieder den liebreizenden Gesang an die auserwählte Sennerin.
Bayerischer Volkstanz mit Kuhglocken
Doch alpenländische Volksmusik besteht aus mehr als dem Jodel-Gesang. So schultert Josef Ecker plötzlich einen mitgebrachten Besen, dessen Stiel schon so einiges mitgemacht zu haben scheint. Mit einem Kochlöffel schlägt er den Rhythmus auf dem Stiel vor und hinter dem Kopf. Danach ist mein Mitstreiter dran. Ich bekomme dafür zwei große Löffel in die Hand, die ich nun umgekehrt aneinander führe und klappern lasse. So wird klassisch in der Hütte musiziert. Nein, Monotonie kommt an diesem Tag wirklich nicht auf. Denn zwischendrin weist uns der Jodelseminar-Leiter noch in den bayerischen Volkstanz ein und lässt uns ein Stück mit Kuhglocken in verschiedenen Tonhöhen einüben.
Und zum Abschluss etwas Eigenes: das Jodeldiplom
Am späten Nachmittag wird der Wintergarten des Grunewaldturm-Restaurants zur Berghütte. Beim altbayrischen Hüttenabend bekommen unsere Gäste unsere fleißigen Jodel-Anstrengungen zu hören. Begeisterung in allen Gesichtern. Jeder bekommt Löffel in die Hand gedrückt, der Besen wird geschlagen und der Musiklehrer schultert das Akkordeon. Zum Abschluss erhalten wir dann noch etwas „Eigenes“. Das Jodeldiplom weist uns als firm in den Grundlagen des Jodelns ein, „mit Freude und Spaß zum Erfolg“. Basis für den Fortgeschrittenenkurs, an dessen Ende der „Königsjodler“ steht, sozusagen die Kür in der Jodelkunst.
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Autor:
Frank Müller
Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010