Stadt & Szene

Stadt der Zukunft

Bild vergrößernDer aerodynamische Park in Adlershof.

Boten aus der Zukunft? Der aerodynamische Park in Adlershof.

Hatten sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Adlershof technische Versuchsanstalten angesiedelt, entwickelt sich jetzt ein Standort für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien.

„Im Fluge sein. Mut wie Luft“ steht auf einem der 15 himbeerroten, ellipsenförmigen Objekte, die gerade aus der Zukunft in der Gegenwart zu landen scheinen. Oder starten sie in die Zukunft?

Tatsächlich sind sie 60 Zentimeter über dem Grasboden fest installiert und gehören seit Herbst 2006 zu dem Ensemble des Aerodynamischen Parks in Adlershof, der Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien. Wer sich den merkwürdig fremd und doch anziehend wirkenden Körpern auf etwa einen Meter nähert, hört Töne aus ihrem Inneren: Geräuschkompositionen aus historischen Aufnahmen, beispielsweise von Funkkontakten und Cockpit-Gesprächen oder von Doppeldeckern, die vom Flugfeld Johannisthal starteten.

Der ehemalige Flugplatz ist seit 2003 Naturschutzgebiet und bildet die grüne Mitte von Adlershof. In der Nähe des Flugfeldes siedelten schon kurz nach dessen Eröffnung 1909 technische Versuchsanstalten und Industrie an. Davon zeugen noch heute der Windkanal und der Trudelturm, in denen aerodynamische Experimente bei 200 km/h Windgeschwindigkeit durchgeführt wurden, sowie einige Produktions- und Lagerhallen, deren Backsteinfassaden unter Denkmalschutz stehen.

Bild vergrößernDas Zentrum für Photonik und Optische Technologien.

Das Zentrum für Photonik und Optische Technologien wurde mit mehreren Architekturpreisen ausgezeichnet.

Spannung zwischen Historie und Moderne

Diese alten, geschichtsträchtigen Gebäude bilden jetzt ein reizvolles Spannungsverhältnis zu den hochmodernen und teilweise spektakulären Forschungsinstituten und Technologiezentren, die in Adlershof seit Anfang der 90er Jahre errichtet wurden. Dazu gehört auch das Zentrum für Photonik und Optische Technologien, das mit mehreren Architekturpreisen ausgezeichnet wurde. Blau-violette und rot-orange Jalousetten aus Glas prägen die Fassaden der beiden Gebäude und erwecken den Eindruck eines fragilen Steins in der Brandung.

 
Bild vergrößernRainer Henkel im Adlershofer Requisiten- und Kostümfundus.

Hütet einen Schatz aus 40.000 Kostümteilen: Rainer Henkel im Adlershofer Requisiten- und Kostümfundus.

Ort für kluge Köpfe

Insgesamt sind auf der Fläche von 4,2 Quadratkilometern 700 Firmen mit rund 12.000 Mitarbeitern ansässig. Dazu kommen sechs naturwissenschaftliche Institute der Humboldt-Universität mit etwa 6.300 Studenten. Ein großer Teil der in Adlershof arbeitenden Menschen sucht nach neuen technischen Lösungen für heutige und für zukünftige Probleme. So stehen bei der Firma Rohde und Schwarz SIT die Entwicklung von Kryptoprodukten und -systemen im Mittelpunkt. Mit den Produkten schützen zahlreiche Regierungsstellen, die Bundeswehr sowie die Nato ihre Funk- und Festverbindungen vor unerwünschten Mithörern.

Nur einen Block weiter entwickelt das Ferdinand-Braun-Institut für Höchstfrequenztechnik Diodenlaser, die trotz ihrer Sandkorngröße etwa 5.000 mal mehr leisten als ein Laser im CD-Player. Sie werden unter anderem in Atomuhren und in der photodynamischen Krebstherapie eingesetzt. Die benachbarte Solon AG ging 1998 als erstes Solarunternehmen in Deutschland an die Börse. Die Firma produziert Solarmodule und ist führender Anbieter von Photovoltaiklösungen für Großprojekte in Europa. Ihre Produkte finden sich unter anderem im Bundespräsidialamt und im Paul-Löbe-Haus.

Gut zu wissen


Anfahrt zur Technologie- und Medienstadt Adlershof:
S-Bahnhof Adlershof oder über die Stadtautobahn Ausfahrt Adlershof, weiter über die Rudower Chaussee

Adlershof im Web:
www.adlershof.de

Clemens führt – Stadtführungen in Berlin
Clemens Samietz, Telefon: 0176 - 200 611 67, Dauer der Führungen: etwa zwei Stunden, Teilnehmerbeitrag: acht Euro
www.stadtfuehrungen-berlin.info

Adlershofer Requisiten- und Kostümfundus
Ernst-Augustin-Straße 7
Telefon: 030-670 442 22
www.fundus-berlin.de

Wo Angela Merkel früher forschte

Auch Angela Merkel hat in Adlershof, damals Akademie der Wissenschaften, geforscht. Mehr als 20 Jahre später kehrte sie nach Adlershof zurück. Nicht als Physikerin, sondern als Kanzlerkandidatin im TV-Duell gegen Gerhard Schröder, das in der Produktionshalle des Studio Berlin aufgenommen wurde. Das Studio liegt im Zentrum der Medienstadt Adlershof und ist Auftraggeber für viele Firmen, die sich auf dem Gelände des ehemaligen Fernsehens der DDR niedergelassen haben, unter anderem der Adlershofer Fundus. Seit 1966 hütet Rainer Henkel dort einen Schatz aus 40.000 Kostümteilen, die auch von Privatleuten ausgeliehen werden können. Neben Uniformen und Rokokokleidern gibt es auch Outfits der 50er bis 80er Jahre.

Zeitreise durchs Jahrhundert

Ein Gang durch Adlershof ist eine Zeitreise von Beginn des 20. Jahrhundert über die DDR bis weit in die Zukunft. Dabei kann man sich leiten lassen von Clemens Samietz, der in zweieinhalb Stunden durch den größten deutschen Wissenschafts- und Technologiepark führt. Oder die Besucher orientieren sich an den erklärenden Tafeln des „Gedanken-Gang“ und finden so eigene Routen durch das spannende Gefüge aus Wissenschaft, Technik, Kunst und Architektur.
Vielleicht steht am Ende ein Spaziergang auf dem erhöhten Promenadenweg über das Trockengras-Biotop des ehemaligen Flugfeldes. Damit die eigenen Gedanken Luft zum Fliegen bekommen.

Kontakt zum Autor: Anja Koehler


Zuletzt aktualisiert: 07.06.2011