Zurück an den Herd
Wo genussvolles Kochen wie eine Party zelebriert wird.
Er ist der Pionier der Showküche: Hunderte von Prominenten haben mittlerweile gemeinsam mit Alfred Biolek in Töpfen und Pfannen gerührt, ihre Lieblingsrezepte in schmackhafte Speisen umgesetzt und bei einem Glas Wein netten Small Talk gepflegt. Während die Kreationen Bio so manches Mal zu einem mit vollem Mund verkündeten „mmmmmmmh, lecker“ hinreißen, läuft dem Zuschauer vor dem heimischen Fernseher das Wasser im Munde zusammen – und das längst nicht mehr nur bei Bio. TV-Kochshows boomen auf allen Kanälen. Die Lust am Kochen ist wieder erwacht. Dem Trend „Zurück an den Herd“ trägt auch eine neue Generation von Kochschulen Rechnung. Erlebniskochen ist angesagt. Natürlich werden hier auch die Basics vermittelt, lernt der Besucher, wie er Zwiebeln tränenfrei schneidet und wie er das Messer führen muss, um einen Fisch zu filetieren. Doch die neuen Kochstudios vermitteln eine weitere Botschaft: Kochen ist etwas, das miteinander Spaß macht, das zelebriert werden kann wie eine Party – gemeinsam entspannt kochen und dann genüsslich zusammen essen.
„Beim Kochen fallen die Barrikaden ganz schnell“
Nicht von ungefähr hat die Charlottenburger Kochschule Cookeria ihr Motto gewählt: „Mit Freunden kochen“. Was nicht unbedingt bedeutet, dass man mit Partner oder Freundin einen Kurs besucht. „Beim Kochen fallen die Barrikaden ganz schnell“, weiß Anke Meiswinkel, die die Cookeria im Februar 2002 gemeinsam mit Angela Giellert gegründet hat. „In unseren Kursen sind schon viele Freundschaften entstanden.“ Paare werden am Herd übrigens strikt getrennt. „Das hat sich bewährt“, sagt Anke Meiswinkel. Damit sich jemand, der allein zu einem Kochevent kommt, nicht ausgeschlossen fühlt. Das Programm der Cookeria ist breit gefächert – von Grundkursen über deftige Berliner Spezialitäten und handgemachte Pralinen sowie schnelle Küche bis hin zur Fitness-Küche. Zwar bevorzugen die beiden Gründerinnen die regionale Küche, laden aber auch zu „kulinarischen Weltreisen“ ein: durch Afghanistan und Persien oder in „Neptuns Reich“.
Der toskanische Schweinebraten ist eine sichere Bank
Worauf sie immer achten: dass die Rezepte zu Hause nachgekocht werden können. Wie der toskanische Schweinebraten. Der ist eine sichere Bank, wenn sich Besuch angesagt hat. „Relativ simpel, gelingt immer und schmeckt einfach lecker“, setzt Angela Giellert auf die Kombination von Schweinekamm mit frischem Basilikum und Rosmarin. „Es geht uns nicht darum, Exotisches zuzubereiten. Wir wollen zeigen, dass mit ganz normalen Mitteln etwas Leckeres gestaltet werden kann – mit Zutaten, die es im Supermarkt um die Ecke zu kaufen gibt“, benennt sie die Philosophie der Cookeria.
„Frivole Pflaumen“ machen Lust auf mehr
Dienten die Räumlichkeiten der Cookeria zuvor jahrzehntelang als Kiosk, so hat auch das Domizil von Frank Lüskes Kochstudio in Lichterfelde seine Geschichte. Im ehemaligen Kino „Der Spiegel“ eröffnete er 2004 das erste Bio-Kochstudio Deutschlands. Eigentlich hatte der Gartenbauingenieur „nur“ einen Standort für einen Bio-Supermarkt gesucht. „Doch dieses Gebäude bot nicht nur die Möglichkeit für eine weitere Nutzung, sondern geradezu die Notwendigkeit“, erzählt Lüske. Mit Liebe zum Detail ließ er das zuvor leer stehende Kino sanieren. Heute wird auf dem früheren Zuschauerrang in der Atmosphäre der Wirtschaftswunderjahre gekocht – mit Blick über den Supermarkt auf die ehemalige Leinwand, deren Fragmente erhalten und wieder als Projektionsfläche hergerichtet wurden.
Das Lieblingsmenü der Diva
Wenn hier ein Kochkurs mit dem Titel „100 % Bio“ überschrieben ist, bezieht sich das nicht nur auf die Zutaten. Dass die aus kontrolliert biologischer Landwirtschaft stammen, ist für Frank Lüske selbstverständlich. Nein, bei „100 % Bio“ geht es um die Biografien früherer Filmgrößen: Die Location verpflichtet, und Lüske bezieht das Thema Film vielfach in seine Angebote ein. „Kultur und Kulinarisches“ lautet sein Credo. Während Schauspielerin Tamara Stern aus den Biografien von Stars wie Marlene Dietrich liest, entsteht auf dem Herd das Lieblingsmenü der Diva, zu dessen Verzehr ein Ausschnitt aus „Der blaue Engel“ über die Leinwand flimmert. Auch mit aphrodisierenden Menüs wartet Lüske auf. „Frivole Pflaumen“ kommen dann auf den Teller oder auch Garnelen auf Safrannudeln. So gestärkt für ein Kapitel aus Isabel Allendes Roman „Aphrodite“, macht das wiederum Appetit auf die nächsten Gänge mit Risotto und blutigem Kalbsfilet mit Schokoladen-Balsamico-Sauce.
Gut nachgefragt wird bei Lüske das Eventkochen gerade von Firmen, die Mitarbeitern oder Kunden einmal etwas Besonderes bieten möchten. Für eine Casinonacht im Stil der zwanziger Jahre warten Lüske und sein Team dann nicht nur mit Austern und Champagner auf, sondern auch mit Spieltischen und Croupiers.
Wenn sich Chef und Azubi die Schürze umbinden
Firmenbelegschaften gehören auch im Kulinarischen Salon zur festen Kundschaft. Gemeinsam zu kochen sei als „teambildende Maßnahme“ viel geeigneter als essen zu gehen, ist Geschäftsführerin Nicole Ludwig überzeugt. „Allein schon deshalb, weil am Herd alle gleich aussehen.“ Da legt der Chef sein Jackett und seinen Schlips ab und bindet sich ebenso eine Schürze um wie der Sachbearbeiter oder der Azubi. Das mache die Atmosphäre per se schon viel entspannter als bei einer klassischen Betriebsfeier.
Ob bei den Kochabenden nun mediterrane Köstlichkeiten zubereitet werden, indische oder asiatische: Stets wird auf gesunde Ernährung Wert gelegt. „Ich möchte den Gästen nahebringen, auf bessere Nahrung zu achten, statt dreimal die Woche zur Tiefkühlpizza zu greifen“, sagt die gelernte Verlagskauffrau Nicole Ludwig. Doch nicht mit erhobenem Zeigefinger bringt sie ihre Message rüber. Sie tritt schlichtweg den Beweis an, dass Genuss kein Gegensatz zu gesundheitsfördernder Ernährung ist, dass vieles gesund und lecker zugleich ist und sich ganz leicht in den Alltag integrieren lässt. Als Beispiel aus der regionalen Küche wird dann eben mal ein Topinambur-Burger gezaubert. Wer die Knolle übrigens für etwas Exotisches hält, irrt: Ursprünglich aus Südamerika stammend, war sie bei den Franzosen schon im 19. Jahrhundert beliebt. Und mit den Hugenotten hielt sie auch in Brandenburg Einzug.
Oberste Maxime von Nicole Ludwig: vor nichts kapitulieren – auch dann nicht, wenn jemand den Thai-Kochkurs gebucht hat, der keinen Fisch isst, keinen Knoblauch und keine Milchprodukte. „Dann stellen wir uns eben darauf ein“, sagt sie gut gelaunt.
Ost meets West in Topf und Wok
Stefan Dadarski ist ein Tausendsassa. Heißt er mit bürgerlichem Namen eigentlich Dardas, wurde daraus im Laufe seiner Karriere bei der Rockband „Britannia Theatre“ Dadarski. Als sich der gelernte Hotelkoch entschied, in einem geräumigen Hinterhaus-Loft in Mitte eine Kochschule zu eröffnen, machte er den Namen zur Marke: „Dadarski’s Dinner“. Den Bass hat er allerdings inzwischen in die Ecke gestellt. „Köche sind Nachtarbeiter, da bleibt keine Zeit zum Musikmachen.“ Nicht nehmen lässt sich Dadarski aber die Zeit zum Reisen. In Marokko ist er häufig unterwegs, in Israel, Indien, den USA und immer wieder in Thailand. Speziell in Südthailand – zum Tauchen. Dort und in Bangkok sind ihm auch die Kochschulen aufgefallen. „Als Koch im Urlaub nimmt man ja immer etwas mit“, sagt Dadarski – und irgendwann war es die Idee zur eigenen Kochschule. Weil er auf seinen Reisen stets auch in die Töpfe der jeweiligen Landesküche schaut, wundert es nicht, dass es ihm die Fusion-Küche angetan hat. Doch nicht nur die aktuellen Trends der Kombination heimischer und östlicher Kochkunst vermittelt er in Topf und Wok: Er weiht ebenso in die Feinheiten der klassischen italienischen Küche ein.
Eine Prise Zucker für die Hefe
Servieren die Kursteilnehmer beim libanesischen Abend einander stolz den Fisch mit Minze und Granatapfelkernen, so sind es manchmal auch nur die kleinen Tipps und Tricks, die seine Gäste glücklich machen – wenn sie beim Brotbacken lernen, dass die Hefe eine Prise Zucker braucht, damit der Teig schön aufgeht.
Im Hinterzimmer geht's an den Herd
Und noch ein paar Tipps zum Schluss: Nicht jeder, der Marmelade kochen oder sein Saucen-Repertoire erweitern möchte und dazu den einen oder anderen Tipp benötigt, möchte dafür gleich einen Kochkurs besuchen. Nach wie vor hilfreich: der Blick ins Kochbuch. Eine enorme Auswahl an Kochhilfen, Rezeptsammlungen und attraktiven Bildbänden bietet die Buchhandlung „Kochlust“. Wen beim Stöbern in den kulinarischen Ratgebern dann doch die Lust packt, das Gelesene unter Anleitung in die Tat umzusetzen, der ist ebenfalls gleich an der richtigen Adresse. Denn die „Kochlust“ ist Kochbuchladen und Kochschule in einem. Die Idee hat Inhaberin Brit Lippold aus London mitgebracht.
Adressen
Hier können Sie kochen lernen:
Cookeria, Haeselerstraße 28, Charlottenburg, 30 10 70 11, www.cookeria.com
Biolüske, Drakestraße 50, Steglitz, 86 20 09 70, www.biolueske.de
Kulinarischer Salon, Danckelmannstraße 20, Charlottenburg, 34 09 51 03, www.kulinarischersalon.de
Dadarski’s Dinner, Ackerstraße 14/15, Mitte, 28 09 44 77, www.kochschule-mitte.de
Relexa Cooking, Anhalter Straße 7, Kreuzberg, 26 48 39 41, www.relexa-cooking.de
Kochlust, Alte Schönhauser Straße 36/37, Mitte, 24 63 88 83, www.kochlust-berlin.de
Asiatisches Kochstudio, Katzbachstraße 12, Kreuzberg, 7 89 54 88 76, www.asiakochstudio.de
Culiartis, Uhlandstraße 142, Wilmersdorf, 86 20 70 11, www.culiartis.de
Kitchen Club, Hasenheide 54, Kreuzberg, 69 81 49 10, www.kitchenclub.info
Esskultur, Richardplatz 25, Neukölln, 68 08 93 44, www.esskultur-berlin.de
Das Konzept des Ladens „Books for Cooks“ in Notting Hill beeindruckte sie. Und noch bevor die neue Kochlust Berlin so richtig erreicht hatte, eröffnete sie 2001 die „Kochlust“ an der Alten Schönhauser Straße. In dem kleinen Laden wird zwischen Buchdeckeln nach neuen Inspirationen gesucht – und im Hinterzimmer geht’s an den Herd.
Zuletzt aktualisiert: 07.06.2011
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