Stadt & Szene

Lust auf Grün

Bild vergrößernGartenzwerg

Immer mehr junge Leute entdecken den Schrebergarten wieder. Was früher als spießig galt, ist heute hip. Die neuen Laubenpieper zwischen Gemüsezucht, Gummiplanschbecken und fliegenden Gartenzwergen.

Als junges Mädchen hätte sie nie gedacht, dass sie jemals wieder in einer Kleingartenkolonie Unkraut jäten und Saatgut verstreuen würde. Schon ihre Eltern und Verwandten hatten einen Garten. „Als Kind fand ich das ja noch ganz lustig, aber als Jugendliche wollte ich die Welt erobern und hatte keine Lust, meine Zeit im Grünen zu verplempern“, sagt die 39-jährige Britta Kreuschner. Doch als sie vor vier Jahren mit dem zweiten Kind schwanger war, wurden ihr die Kinder auf den Spielplätzen zu rabiat. „Und die Ratten beim gelegentlichen Picknicken im Tiergarten fand ich auch nicht so appetitlich.“ Deshalb beschlossen die Charlottenburgerin und ihr Mann, den Schritt zurück in die Welt der Kleingärten zu wagen, um abends in der Woche und natürlich am Wochenende im Grünen zu sein. Dort, am Spandauer Damm, sind sie heute ein bisschen die Exoten mit ihrer knallblau gestrichenen Laube, ihrer nicht immer ganz akkurat geschnittenen Hecke, ihren Calendula-Blumen und dem alljährlichen Angrillen im März, zu dem immer viele Freunde kommen.

Bild vergrößernIm Garten von Familie Kreuschner

Wohlfühl-Oase: der Garten von Familie Kreuschner.

Jetzt ziehen Jüngere nach

Schrebergärten sind seit kurzem wieder „in“. Vor allem bei jungen Familien, die sich das Eigenheim mit dem dazugehörigen Garten nicht leisten können oder wollen, keine Lust haben, in den Speckgürtel um Berlin zu ziehen oder sich unabhängig von der schicken Eigentumswohnung ein kleines grünes Reich wünschen. Rund 80.000 Kleingärten in etwa 800 Kolonien gibt es in Berlin. Die meisten Kleingartenbesitzer sind zwischen 55 und 65 Jahre alt, aber jetzt ziehen Jüngere nach, um in den Monaten März bis Oktober an der frischen Luft zu gärtnern.

 
Bild vergrößernBei Dombrowskis

Die Dombrowskis lieben ihr verwunschenes Grundstück.

Übernachten nur am Wochenende

Ursprünglich war die Kleingartenbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. In Leipzig hatte der Schuldirektor Ernst Innocenz Hausschild einen Verein gegründet, der Kindern von Fabrikarbeitern die Chance auf Erholung in der Natur bieten sollte. Er benannte sie nach seinem Schwiegervater, dem Leipziger Pädagogen und Arzt Daniel Gottlob Moritz Schreber, der sich für Grünflächen als Spielplätze für Kinder eingesetzt hatte. Basierend auf diesem sozialen und gesundheitlichen Gedanken sind Kleingärten über die Bezirksverbände für einen recht niedrigen Pachtzins zu erhalten. Man zahlt jährlich zwischen 800 und 1000 Euro für Pachtzins, Wasser, Strom und andere Nebenkosten. Allerdings ist die Pacht mit gewissen Auflagen verknüpft: Beispielsweise muss ein Drittel des Grundstücks mit Obst und Gemüse angebaut werden, der Kolonievorstand kontrolliert einmal im Jahr, ob diese Auflagen eingehalten werden. Außerdem ist erwünscht, sich an den Mitgliederversammlungen zu beteiligen. Und in der Regel – mit einigen Ausnahmen - darf man in den Lauben nur am Wochenende und in den Ferien übernachten.

Bild vergrößernKreuschners habe auch einen Gartenzwerg

Typisch? Kreuschners Superman-Gartenzwerg.

Eigene Beete für die Jungs

Dieser Regelkanon und einige Dienste in der Gartenkolonie haben Britta Kreuschner jedoch nicht abgeschreckt. Und ihre einzige Reminiszenz an das typische Kleingartentum mit Jägerzaun, Buchsbaumhecke, weißem Pavillon und Gartenzwergen ist einer im Superman-Kostüm am Eingang über der Laube. Toll findet die vierfache Mutter, dass ihre Jungs eigene Beete haben, auf denen sie Salat, Mais, Erbsen und Kohlrabi anpflanzen. Selbst ihr Jüngster, gerade mal ein Jahr alt, wird bald eins haben. „Schön ist, dass sie Gemüse nicht mehr nur aus dem Supermarkt kennen, sondern ein Gefühl dafür bekommen, wie mühselig es ist, all dies anzupflanzen.“

 
Bild vergrößernFamilie Danuta

Gartenglück mit Bootssteg: Familie Danuta.

Gartenarbeit mit therapeutischer Wirkung

Babette Dombrowski indes schwört auf die „fast therapeutische Wirkung“ der Gartenarbeit, der sie in der Woche nachmittags und am Wochenende in ihrem Kleingarten, der ebenfalls am Spandauer Damm liegt, nachgeht. Ein Leben ohne ihr verwunschenes Grundstück kann sich die Wilmersdorferin nicht mehr vorstellen. Seit acht Jahren züchtet die 43-Jährige mit ihrem Mann auf ihrem rund 350 Quadratmeter großen eher verwilderten Grundstück beispielsweise Rosen und versucht sich in Gemüsezucht. Nur zehn Minuten braucht die dreifache Mutter von zu Hause, um in ihr grünes Reich zu gelangen, wo ihre drei Kinder - zwischen vier und zwölf Jahren - ungefährdet Skateboard und Fahrrad fahren oder sich im Sommer auf ihrem Grundstück im Gummiplanschbecken erfrischen können. „Statt für ein Reihenhaus mit handtuchgroßem Garten haben wir uns für eine Altbauwohnung mitten in der Stadt und diesen Garten entschieden, den man jederzeit wieder abgeben könnte. Und viele Freunde, die uns dort besuchen, überlegen, ob sie es uns gleichtun.“ In Sachen typischer Kleingartenattribute hält sie es wie Britta Kreuschner: Das höchste der Gefühle sind eine Putte, ein Engelchen und ein Löwe aus Terrakotta.

Bild vergrößernIn Familie Danutas Datscha

Familie Danutas Häuschen in der Anglersiedlung Neubrück.

Info


Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V.

Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V., Telefon: 030 - 30 09 32-0

Kleingärten-Website der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Telefon: 030 - 90 25 16 57

Spieloase in natürlicher Umgebung

Auch Danuta Schmidt gehört in Sachen Schrebergarten-Dekoration eher zur neueren Schule: Bei ihr wehen ein paar farbenfrohe Wimpel aus Stoff im Wind. Die 34-Jährige hat mit ihrem 37-jährigen Freund vor zwei Jahren in der Anglersiedlung Neubrück, südlich von Berlin bei Groß-Köris direkt am Hölzernen See, ein 100-Quadratmeter-Grundstück mit einem Gartenhäuschen aus den 30er Jahren gepachtet. Wie Britta Kreuschner und Babette Dombrowski wollte sie ihrer inzwischen über zweijährigen Tochter eine Spieloase in natürlicher Umgebung bieten.

Fließend Wasser aus der Pumpe

Richtig authentisch geht es hier zu, denn das fließende Wasser kommt aus der Pumpe. An der kleinen Badestelle kann man sich bei heißen Temperaturen abkühlen, und auch ein Bootssteg für ihr Ruderboot ist gleich vor Ort. Für ihre Kleine hat das Paar eine Sandkiste aufgestellt. Sie haben Apfelbäume gepflanzt und bestellen ihre Kräuter- und Gemüsebeete. Und da Danuta Schmidts Freund als Mitglied im dazugehörigen Anglerverein so manchen Fisch an die Angel kriegt, wollen die Beiden sich noch einen Ofen bauen, um den frischen Fang vor Ort zu räuchern.

60 Kilometer ins grüne Paradies

Dass sie zu ihrem grünen Paradies rund 60 Kilometer mit dem Auto zurücklegen müssen, hat beide nicht abgeschreckt, „denn wir sind hier mitten im Naturschutzgebiet“. An den Sommerfesten, Skatturnieren und Fischfangwettbewerben ihres Vereins beteiligen sie sich nicht. Aber das werde toleriert. Kommen Freunde zu Besuch, schwärmen sie von der Unberührtheit der Natur, sagt Danuta Schmidt. „Das spornt viele dazu an, ebenfalls einen Garten anzumieten. Denn in jedem von uns schlummert doch ein kleiner Gartenbesitzer.“